1907
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Steuerwann Worrmger.
Novelle von Luise Schulze-Brück.
(Nachdruck verboten.)
" (Fortsetzung.)
Endlich, endlich war er zu Hause- — Mit zitternden Hunden schloß er die Haustür auf- — Achs, die hatte er versperrt heute morgen beim Fortgehen! Wie lange das Her war, wie lange!
Er warf sich anss Bett, er biß in die Kissen-
„Ein Ehrenmann," hotte d r Bürgermeister gesagt- Ja, er war einer gewesen, jahrelang- Und er war stolz darauf gewesen, einer zu feilt- Stolz, so stolz auf seinen guten Namen, — sein Renommee als der beste Steuerinann — seine Familienehre ! Und nun war alles vorbei! Er hatte eine gemeine, hinterlistige, ehrlose Tat begangen, viel ehrloser noch als die, die er hatte rächen wollen- Ein Meib zu verführen — pah, es ist freilich nichts Schönes — aber wenn einer heißes Blut hat und einen leichten Sinn, dann — Er dachte an die eigene Jugend- Freilich, eines anderen Weib hatte er nicht genommen, aber eines andern Schah! — Hatte es ihn nicht ordentlich gekitzelt, die Mädchen ihren Schützen abwendig zu machen? —
Er warf sich hin und wieder, daß die Bettstelle ächzte- Nicht in einer Blutwallung hatte er gehandelt, mit vollem Besinnen, in wilder, ungebändigter Wut freilich, aber doch mit vollem Bewußtsein. — Eine ganze Nacht hatte zwischen dem Anbohren des Kahnes und dem Unglück gelegen, mit klarent Kopf hatte er am Morgen das Schiff gesteuert, immer nur mit dem einen Wunsch, daß jetzt, jetzt das geschehen möge, was er vorbereitet hatte- — Er sprang auf, er formte nicht liegen. — Er konnte auch nicht allein sein in dem öden, stillen Hause- Da — pochte es nicht äm die Haustür? Ach, da kamen sie schon, ihn zu holen, war schon —
Er öffnete die Tür- Seine Schwiegermutter stand da, scheu, tzedrückt-
„Jch wollt nvr ä paar Sache vum Greta hole und vum Kind! — Un dann, w-ääste, Worringen 's is doch besser, wann'sl Greta emvl ä paar Tag bei mir is! Mit 'm Kind! L>e is doch vxg schwach, un da kann ich's besser pflege-"
„Warum will sie dann net herkomme?" fragte Worrmger finster.
„Weil — weil — no jo, wisse mußte 's doch!. — 's Greta hot so ä Aengscht vor dir! Es schreit und sägt, es ging net hääm, das wär ihr Tot! Und de Doktor sägt, mer mißt em de Wille losse- Des wäre Jet Nerve, die wäre aagegriffe. Un toege dem, was ich heit morgen in mei'm Schrecke erausgebruddelt hawwe — Worrmger, des vergeß un trag mer's net nach- — Ich hawwe es in der Aengscht gedahn und dann aach, weil des Greta grad dervor eso gejammert Hot, du wärscht eso schroo gege es gewese, wo es doch nix gedohn Hot- — Ae bißche uff der Kerb gewese, des is doch auch kää Staatsverbreche! T-adervor is es jung un dumm-" m
Der Mann schwieg. — Die Frau kramte em Bündel zu- samMen- — Tann ging sie, ihm gute. Nacht wünschend.
Er wollte hinaus. Aber wohin? Ans Rbeinufer, wo jetzt
das Geschehnis das allgemeine Gespräch war? Ins Wirtshaus, wo er auch würde erzählen müssen, wo man ihn peinigen imirbe bis aufs Blut?
Nein, er konnte nicht- Et verschloß sorgfältig die Fenster-, laden- Tann holte er sich aus dem Keller einen Krug Wein. Trr erwärmte ihn wenigstens- Aber er erheiterte ihn nicht. Er machte nur das Blut in seinen Mern noch toller jagen-
Als es dunkel geworden war, schlich er nach dem Rhein- Es zog ihn dahin wie mit Stricken- Am Kran stand er, wo der Nachen gelegen hatte- Und wenn er aufs Wasser hinaussah, dann sah er immer das gleiche, das gleiche- Und zuletzt mußte er doch wieder nach Haus, in das leere Haus, wo es so still war, so öd-
Am andern Tage war es noch schlimmer- — Auf dem Schiff wußte es natürlich sowohl der Kapitän wie-alle Passagiere- — Ein Flüstern ging durch die Leute, als er kam- Hundert Augen richteteM sich auf ihn, ein ein enthusiastischer Mainzer verfolte ihn mit begeisterter Lobrede, der Kapitän fragte ihn aus- Und' als er zurückkam, war's auf dem Weg vom Bahnhof nach Haus das gleiche-
Und kaum war er zu Haus, da kam der Pfarrer-
Ten mußte er einlassen. Er war bei Greta gewesen. — Und während er ihn lobte und seine mutige Aufopferung pries, deutete er vorsichtig an, daß die junge Frau doch sehr erschöpft sei — ja sehr — und so aufgeregt, daß sie Ruhe haben müsse. — Daß er vielleicht doch — hm — ein wenig — nun ja, ein wenig zu streng gegen sie gewesen sei- Gewiß sei sie ein Welt- kind, die Margareta — aber im Grunde doch eine brave Fran — und es sei wohl das beste, wenn sie einige Zeit — hm' — bei ihrer Mutter bleibe- Gewiß, dann würde alles wieder gut werden, und er, der Pfarrer, werde seinen ganzen Einfluß nach dieser Richtung aufbieten, damit alles wieder ins rechte Gleis komme und — hm — keine Trübung der Ehe —
Worringer ließ ihn nicht ausreden- Ihm toar_ alles recht. Sie möge nur dort bleiben, sie und das Kind- So lange sie wolle- — Und natürlich, seine Schwiegermutter habe ja selbst nicht viel zu beißen und zu brechen, ob der Pfarrer nicht von ihm —■
Aber der wehrte ab- „Nein, nein, lieber Worringer, das machen Sie mit Ihrer Schwiegermutter ab- — Und verzagen Sie nicht- Kranke Frauen haben seltsame Launen. Es wird schon alles gut werden- Alles gut. Ich hoffe es zuversichtlich."
Er ging- — Steuermann Worrntger sah ihm durchs Fenster nach. — Alles gut werden! Nein, es würde nie mehr gut werden- Er hatte seine Frau verloren für immer.
Wenn sie wirklich wieder zu ihm kam, zurückgezwungen, zu ihm) was war das für ein Leben- Sollte er wieder mit den Brocken vorlieb nehmen, die abfielen für ihn, bis jetzt abgefallen waren von ihrer Gleichgültigkeit? — Jetzt fürchtete sie ihn, haßte ihn- — Und er! Er stöhnte und riß sich in Verzweiflung das Haar- Er wollte mehr! Hatte immer mehr gewollt! Ihre Liebe hatte er gewollt, jetzt wußte er's! — Jetzt wußte er, was in ihm gebohrt hatte und gewühlt und ihn verrückt gemacht-
Nun war kaum ein Tag vorüber seit dem Geschehnis- Ihnt


