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Nun, das scheinen sie da dann wohl nicht gefunden zu haben", bemerkte Roderich, der heute morgen, nach Sylvias Meinung, auch wunderlich ernsthast, wortkarg und zerstreut war. Er sah sie mitunter so sonderbar an, als pb er etwas lagen oder fragen wolle und sich daun eines andern besänne. Sylvia ward ganz verstört und ärgerlich darüber. n
.Erinnerst du dich dieser Tante? Ist sie nett? Warum bist du so langweilig schweigsam?" fragte sie ihn ungeduldrg.
„Wer kann alle deine Fragen beantworten!" meinte er unwirsch. „Ich war auch noch ein Knabe, als ich diese Tante zuletzt gesehen; erinnere mich ihrer gar nicht mehr; laß dir von den anderen berichten. Es ist überhaupt an und für sich gräßlich, wenn man den Kopf von ganz anderen Gedanken erfüllt hat und in seiner idealen Welt bleiben nröchte, und solche unbe- gueme Störungen Platzen Dazwischen. Ich kanl gestern abend sehr angeregt nach Hause — du hast noch nicht einmal gefragt nach dem Urteil, das mein erster Akt der ,Nihilisten' erfahren."
(Fortsetzung folgt.)
Aus
Einige wendet, es
und der Wahrheit. ,„ ,,
Die Anregung, die ich dadurch empfing, lehrte mich über mich selbst und mein Verhältnis zum Guten und Bösen nach- zudenken. Das war im Gymnasium ganz anders gewesen. Unser Religionslehrer war ein guter Mann, aber gleichgültig und trag. Er tat nur was er mußte, sein Unterricht war so trocken, daß man absolut nichts von der Wärme merkte, die von der Person des Lehrenden bei solchem Stoffe auf den Schüler übergehen muß. S. war in allem das Gegenteil und ich wurde unter seiner liebevollen Einwirkung ein ganz anderer Mensch. Ich war zwar kaum dreizehn Jahre alt, allein ich,war in korperlicyer und geistiger Entwicklung ziemlich vorgeschritten, sodaß ich den giiten Einfluß des Lehrers wohl zu würdigen verstand. Er gewann mich mich herzlich lieb und ich erwiderte diese Zuneigung cvenw
Kus der Jugendzeit, Erinnerungen eines alten Gießeners.
II.
der Gymnasial- und Studentenzeit.
(Fortsetzung.)
Tage, ilachdem ich dem Gymnasium den Rücken ge- war um Pfingsten 1847, erschien in unserem Hause ein kleiner dürrer, blasser Mensch, in verwachsenen Kleidern, mit einer Nase, die mir furchtbar groß vorkam, und wurde mir als der von einem Verwandten empfohlene Hauslehrer vor- geflellt. Er >var Studiosus der Theologie im ersten Semester aus Rimbach im Odenwald, wo sein Vater Schullehrer war. ^ch Ivar sehr groß für mein Alter unb einen halben Kopf großer wie er. Es wurde mir seitens meines Vaters absoluter Gehorsam bei Meldung strengster Strafe anbefohlen. Ich aber dachte in meinem Sinn: „Du sollst mein Herr und Meister sein? Du wirst mit mir noch lange nicht fertig." Ich, habe ihn auch, glaube ich, mit sehr wenig ehrerbietigem Blicke ange;chaut. Nur Ernes imponierte mir an ihm, er. trug das Fraukonenband, schwarz-blau- gold. Nun schwärmte ich für die F r a n k o n e n. Zwei ihrer Hauptleute hatten öfters in unserem Hause verkehrt, von denen namentlich der eine, Gustav Schlosser, geradezu das ^deal von einem Studenten war: ein stattlicher Bursche mit blond wallendem Lockenhaar und energischen Zügen. Er war Erster seiner Verbindung und stand mit Anderen an der Spitze des im Jahre vorher stattgehabten Auszugs der gesamten Studeiuen- schaft auf den Gleiberg. Der Polizeirat Zulehn er hatte, aus welchem Anlaß weiß ich nicht mehr, mit den Worten: „Keßler, ziehen Sie blank", den geiiannten Polizeidiener veranlaßt, einen Studenten am Kopf zu verwunden. Die Studentenschaft machte die Sache des Verwundeten zu der ihrigen. Sie verlangte Genugtuung, und als diese verweigert wurde, zogen die Studenten im Wichs, mit Fahnen und klingendem Spiel auf den Gleiberg und blieben dort drei Tage. Dies interessierte uns, Quintaner ungeheuer und wir waren empört, als dann schließlich die Anführer, mit ihnen Gustav Schlosser, relegiert wurden. Das erhöhte aber natürlich in meinen Augen den Nimbus, der dessen Person umgab, und den Ruhm der Frankonia.
Und nun trug dieser kleine, iunge Mensch (er war iioch nicht 17 Jahre) das Frankoiieuband. Da mußte nach meiner Meinung doch etwas in ihm stecken. _
Anderen Tags nach der Vorstellung nahm Herr <s. Wohnung in unserem Hause in einem kleinen, aber wohnlichen Zimmer. Er hatte die Kost an unserem Tische und mußte mir täglich zwei bis drei Stunden Unterricht erteilen, Auch meist Vater jiberuahm einen Teil des Unterrichts.
Herr S. erwies sich als ein guter unb lieber Junge, er war sehr kenutnisvoll und unterrichtete mit großem Geschick. Er hing sein fchwarz-blau-goldenes Band an die Wand und widmete seine freie Zeit ganz uns Kindern. Es dauerte nicht lange, so hatten wir ihn von Herzen lieb und er wurde als zur Familie gehörig betrachtet. Ein guter Mensch wirkt an und für sich veredelnd auf ein Kindergenlüt und sein Haupterziehungsmittel war die Liebe und nicht die Strafe. Er lehrte die Religion der Liebe
von ganzem Herzen. Er war mir wie ein älterer Bruder, wir waren im Alter ja auch kaum mehr als vier Jahre auseinander.
In den Herbstserien durfte ich Herrn S. in feine Heimat Rimbach im Weschiiitztal begleiten. Das war eine Freude. Wir fuhren mit der „Blamage" nach Frankfurt. Eisenbahn gabs noch keine unb die Post, die vierspännig in vier Stunden nach Frankfurt gelangte, war zu teuer. Die „Blamage" war ein rapplicher Omnibus, der mit zwei Pferden bespannt uns in sechs bis sieb en Stunden nach Frankfurt lieferte. In Butzbach, Friedberg und Vilbel wurde gehalten.
Bon Frankfurt giugs mit der Eisenbahn, die im Jahre vorher eröffnet worden war, nach Heppenheim. , Die Eisenbahnwagen waren noch sehr primitiv. Die dritte Klasse hatte keine Fenster, sondern war ganz offen. Gegen die Unbill der Witterung gewährten lediglich verschiebbare Vorhänge Schutz.
Von Heppenheini zogen wir über die herrlich bewaldeten Berge ins Weschnitztal. In Rimbach wurde ich im alten Schulhause gastlich ausgenommen. Ich muß es mir leider versagen, die Reize der herrlichen Gegend und meine Erlebnisse in diesen und den nächsten Ferien, die ich dort zubringen durste, zu schildern.
Als Herr S. und ich bei unserem Einzug die Brücke pastler- ten, lag „Pfarrers Luise", die neunjährige, mit dem Leib.auf dem Brückeiigeländer und angelte. Sie hatte ein äußerst primitives Ding von einer Angel in der Hand, aber sie fing damit Forellen. Man angelte nach englischer Art, d. h. ohne stopfen. Ich hatte noch nie so etwas gesehen, aber als ich aus den ersten Ferien kam, konnte ich mindestens so gut angeln wie Pfarrers Luise, und zwei Jahre später war ich ein perfekter Angler. Die Liebhaberei an diesem Sport hat mich auch mein ganzes Leben begleitet. „ , ... . .
Als wir wieder heimkehrten, wollte mir zuerst die geordnete Arbeit gar nicht schmecken. Bald aber war wieder alles int Geleise. Ich lernte tüchtig weiter und als ich zu Ostern 1848 mich wieder zum Eintritt meldete, war ich vollständig iür die öc= kimda vorbereitet. Gleichwohl wurde ich nur in die -Lerna anf- genommen, und habe da ein ganzes Jahr von den niige.miunelten Kenntnissen gelebt. Das Jahr wäre für mich ein verlorenes gewesen, wenn es nicht soviel Jnteressailtes unb Anregende» außerhalb der Schule gebracht hätte. (Fortsetzung folgt.)
Meöerreste attgermamschcn Keiderttums in unseren Meröräuch n.
Kulturgeschichtliche Skizze von Ludwig Epstein. Nachdruck verboten.
Nun ist mit dem Frühling das Osterfest gekommen, ustdi von allen Kirchtürmen jubeln die Glocken die frohe Wotlchasl hinaus in die Lande: „Christ ist erstanden!"
Bei allen Völkern, außer den Deutschen, Polen und Rußen, hat das Fest, das wir zur Erinnerung an die Auferstehung! des Heilands feiern, feinen Nomen von dem jüdischen Pascha! (Passa Pesach). Es heißt z. B. in Italien Pasqua, in Spanien Pascuas, in Frankreich Pasques, in Portugal Pasqno, in Dänemark Baaske, in Schweden Pask unb in Holland Paaschen. Diese Bezeichnung gründet sich auf die im 12. Kapitel des zweiten! Buches Mosis erwähnte Tatsache, daß die Kinder Israel zum! Andenken daran, daß der Würgengel an ihren Häusern vorüber- giug, als er die egyptische Erstgeburt schlug, alljährlich ein! Fest des Borübergaugs feierten. „Dieses jüdische Paschafest war das Vorbild des christlichen, die Rettung vom physischen Tode ein Typus der Rettung vom ewigen durch Christus, das Schlachten! des alten Paschalamms ein Typus des Opfers des göttlichen Lammes und die Befreiung aus Egypten ein Typus der Befreiung aus der Gewalt Satans durch Christus. So ging das Paschafest in erhöhter Bedeutung von Anfang aii in die christliche Kirche über, und mit dem Feste auch fein Name." .
Die abweichende Bezeichnuilg Ostern leitet Honoriils von Antuii (12. Jabrhimdert) von Osten her, wahrend der angelsächsische Mönch Beda Venerabilis, geb. 672, sie in Verbindung bringt mit dem Feste der von den Angelsachseil verehrten Göttin Evstre (richtig ELstre). Dieses Fest saiid zur Zeit des Frühlingsanfangs statt, und die Angelsachfeii nannten nach der Gottm Eüstre den Monat „Eastermonath", welche Benennung fte auch nach ihrer Bekehrung zum Christentum beibehielten.
Was laber den Angelsachsen ihre Eastre, das war den Deutschen ihre Ostarsi, „die Gottheit des strahleiiden Morgens, des aussteigenden Lichts", wie I. Grimm in ferner Deutschen Mythologie sagt, „eine freudige, heilbringende Erscheinung, deren Begriff für das Anferstehnngsfest des christlichen Gottes verwandt werden tbunte. ein höheres Wesen des Heidentums, besten Dienst so feste Wurzeln geschlagen hatte, daß die Bekehrer dm« Namen duldeten uud auf eins der höchsten christlichen Jahres!- feste anwandten". Darum heißt bei Einhart auch der April vsternwuath, und schon in den frühesten althochdeutschen Sprachdenkmälern trügt das Paschafest, wie Hesele in seinen Beiträgen zur Kircheiigeschichte, Archäologie und Liturgik berichtet, den Namen ' ''Gegen diese, so einfache Ableitung des Wortes Ostern haben manche Germanisten aus philologischen Gründen Einspruch erhoben. So sagt z. B. Weinhold: „oftara selbst ist unmöglich nach


