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dem man die jüdische Abkunst schwerlich ansah. Die Gesichtszüge trugen fteilich etwas orientalischen Typus, man hätte eher einen Südländer in ihm verinutet. Die Augen blickten noch genau so Äug und scharf wie ehedem, und auch noch eben so kühl und überlegen. Es war ost Roderichs Qual gewesen, daß der Mensch nie in Harnisch zu bringen war. In diesem Moment glänzte wieder ein so deutlicher Sarkasmus in diesen klugen Augen, daß Roderich unwillkürlich die Fäuste ballte. War der etwa nur gekommen, um seine Glossen, seine scharfen, zersetzenden Satiren loszulassen über den ihm fremden Kreis.
Wer die Gräfin hatte jetzt Paul Hendrichs erblickt und trat rasch und lebhaft auf ihn zu. Er hatte sich so im Hintergrund gehalten, daß er selbst von der — freilich durch ihren gräflichen Gast vollauf in Anspruch genommenen Wirtin noch nicht bemerkt worden war.
Die Gräfin streckte ihm, wie einem alten Bekannten, beide Hände entgegen.
„Sie hier, Hendrichs, mais, mon Dien, quelle surprise! Wissen Sie, wo wir mis zuletzt sahen? Im Elysse, beim braven Bürger Gravy."
Paul Hendrichs küßte lächelnd ruhig der Danie Hand.
„Wer könnte das vergessen, meine Gnädige. Heute hoffte ich hier freilich nicht auf solches Glück."
„Das glaube ich Ihnen wohl", die Frau Gräfin lachte, ein kleines, malitiöses, vieldeutiges Lachen, „und Sie? Sie gehen doch natürlich zurück nach Paris, ah! Wer einmal dort war, und in dem Kreis hervorragender Geister, in dem Sie dort leben, der trennt sich schwer von dort. Gottlob, unter den Männern der Wissenschaft und schönen Künste schweigt der Haß der Nationen."
Paul bestätigte ihr, daß er nur zum Besuch der Eltern hier weile, daß die Pariser Lust auch ihm gefalle, wenn er sie auch nicht gerade der der Heimat vorziehe.
„Ich nütze meinem Lande vielleicht durch mein Dortsein, das hält mich", sagte er.
„Ja, ja, natürlich. Na — Ihre Pariser Briefe find köstlich, amüsant, scharf gepfeffert mitunter, ha, ha, ha!"
Sie vertieften sich in ihre gemeinsamen Erinnerungen, Namen, die Roderichs ehrgeizige Seele elektrisierten, schwirrten an sein Ohr. Die kleine Gräfin flüsterte zuweilen mit einer freien Manier einige heimliche Witze und pikante Erinnerungen, nur für Pauls Ohr bestimmt, und lachte dann hell auf dazu.
Er ließ es sich ruhig läcrjelnd gefallen. Sein dunkel gefärbtes, kühn geschnittenes Gesicht mit dem dunklen Vollbart belebte sich um keinen Schein höher, seine kühlen Augen sahen zuweilen belustigt aus, nie erwärmt. Roderich beobachtete ihn mit gemischte» Gefühlen. So unsympathisch ihm der Mensch auch war, vielleicht mußte er doch mit ihm rechnen.
Die Wirtin stand in einer atemlosen Erregung mit gespannten Mienen in geringer Entfernung von den beiden Plaudernden, sie wagte beileibe nicht zu stören, nicht zu unterbrechen, wenn ihr vornehmer Gast sich so gut unterhielt, aber die kostbare Zeit verstrich und -die Gräfin erfuhr und sah im übrigen so wenig von dem, was sie alles sehen und bemerken sollte. Außer Roderich waren doch auch noch ein paar gut Hiitgen.be Namen da, die sie vorstellen konnte. O, daß Bodenstedt sie heut im Stich ließ! Und ob sie mit dem jungen Walldorf den richtigen Bogel abgeschossen, erschien ihr plötzlich zweifelhaft. Die Gräfin — oder vielmehr ihr Gemahl — kannte den Vater, den derben Bankier, der führte des Grafen Geldgeschäfte und war ihnen gesellschaftlich jedenfalls nicht genehm.
Während Frau Klopp-Weugstern noch so in Zweifeln, in Hangen und Bangen vielerlei erwog, hatte die Gräfin ihre Zwiesprache mit Herrn Hendrichs beendet und verabschiedete sich plötzlich ohne Gnade und Erbarmen. Sie hatte es ja vorher gesagt, diese Zwischenstunde war leider sehr knapp, sie hatte ihren Wagen unten warten lassen, o, sie bedauerte es ganz unendlich, nicht länger in diesem interessanten Kreise weilen zu können, wo ihr Uun die Mehrzahl unbekannt blieb. Aber die Berufspflichten waren erbarmungslos.
Wie ein kleiner, störender Wirbelwind war das Rokoko- figürchen aufgetaucht und verschwunden, von der stark gehobenen Stimmung ein gut Teil mit sich entführend. Die Wirtin blieb zerstreut und unruhig. Der Besuch hatte ihr nicht ganz das gebracht, was sie davon erhofft, aber immerhin —
Roderich war auf Paul Hendrichs zugetreten und hatte ihn Durchaus warm begrüßt.
„Ei, Roderich Walldorf!" sagte dieser lächelnd, „du hast <flso auch den Pegasus bestiegen — was sagt denn dein Alter &03U?"
Es war die unliebsamste Anrede für Roderich. Er fühlte sich
als geborenes Genie, als Künstler von Gottes Gnaden, und des Schulgefährten Rede klang, als spräche er zu einem Dilettanten, einem Knaben, der des Vaters Rute fürchtet. Die Galle stieg ihm herauf, und seine Antwort war so hochfahrend und präzis im Ausdruck wie möglich. Er erzielte aber keinerlei Wirkung damit. An Paul Hendrichs ftoifci>ler Ruhe prallten solche Empfindlichkeiten ab.
Roderich lenkte dann rascy das Gespräch auf Paris und erklärte, wie es sein Wunsch und Streben sei, sich sobald als möglich hier frei zu macheit.mnb auf Reisen zu gehen. Paris sollte sein nächstes Reiseziel sein. Also Goldmark war da — seine Königin von Saba ging über die Bretter — der Beneidenswerte! Und Hendrichs glaubte an den Erfolg — er schrieb die Kritiken — hm — Goldmark war sein Freund —
„Ich habe gar keine Freunde", sagte Hendrichs mit einem unnachahmlichen Gesichtsausdruck, „Freunde sind Ballast auf meiner Lebensstraße, aber ich habe eine Menge gute Bekannte."
Roderich sah ihn verdutzt an. Die Tonart dieses Menschen war schier unleidlich — bah, er wollte sich wohl gegen eine beeinflußte Kritik verwahren, natürlich — aber man wußte, wie es damit zuging. Ein Kritiker mußte geschmiert -werden, geködert so ober so. Er mußte auch einen Köder finden für diesen — mit Geld war in diesem Fall nichts auszurichten, Hendrichs war selbst ein reicher Mensch — aber Eitelkeiten, Liebhabereien, irgendwo eine Achillesferse würde er haben, und die galt es zu suchen.
Roderich war sehr liebenswürdig und schlug den Ton des alten, vertrauten Schulkameraden an.
Hendrichs fragte jetzt nach Sylvia, die natürlich erwachsen/ und wohl eine Schönheit geworden sei.
Roderich maß ihn mit raschem Blick. Steckte die Kleine ihm noch im Sinn? Da hieß es aber: Hand davon! Nun, Sylvia würde sich auch schwerlich sür den jüdischen Jüngling begeistern. Roderich gab oberfläcglich, ausweichend Antwort.
Der «andere fixierte ihn umb lächelte. Dieses Lächeln war prickelnd, Roderich wurde feuerrot und geriet darüber in eine gelinde Wut. Was brachte, was sah, was wußte denn dieser: Mensch?
Als Roderich spät am Abend nach Hause fuhr, behielt er eine allgemeine ärgerliche Empfindung ohne greifbare Basis, Seine „Nihilisten" hatten ja offenbar gezündet und gewirkt, er hatte die Auszeichnung genoßen, fast als einziger der Gräfin Wolserding vorgestellt zu werden, Paul Hendrichs war eine nutzbringende Persönlichkeit, ob nun sympathisch ober nicht war im Grunde gleichgültig, also —
Roderich zündete seine Zigarre an, blies den Dampf durch das Wagenfenster, und lehnte sich behaglich in die Kissen der eleganten väterlichen Equipage.
3. Kapitel.
Die Frühstücksstunde im Walldorffchen Hause, war eine unregelmäßige. Der Hausherr und Erna pflegten die ersten zu fein/ sür den Vater bereitete Erna schon um sieben Uhr den Kaffee und nahm ihn in seiner Gesellschaft ein. Es war ihnen beiden eine liebe, ungestörte Stunde. Erna empfing dann die Befehle des Vaters für den Tag, erledigte Rechnungsangelegenheiten und hatte für alle ihre Wünsche fein Ohr. Sie führte schott seit zwei Jahren die Haushaltungsbücher, obgleich sie erst einundzwanzig zählte, und der Vater besprach wohl hie und da mit ihr seine eigenen Angelegenheiten. Sie stimmte besser zu ihm als fein Sohn, den er so gern zu seinem Nachfolger im Geschäft herangebildet hätte. Zwischen Vater und Sohn aber gab es, wenn sie allein beisammen toaren#- nur Aerger, obgleich jeder, der den Kommerzienrat kannte, lvußte, wie eitel und stolz er im Grund auch auf ben begabten Sohn war.
Jetzt saßen Roderich und Sylvia, sonst allezeit die letzten, am Frühstückstisch, aber heute stand neben dem ihren noch ein Couvert unberührt. Der Gast des Hauses, die Tante Eölestine/ war noch nicht erschienen.
Sylvia berichtete von den Ereignissen des gestrigen Abends/ von denen Roderich ja noch nichts wußte. Sie tat es in ihrer lebhaften Weise, malte die Szene anschaulich genug, während sie sich vor Lachen schüttelte, und sah allerliebst dabei aus.
„Sag mir um alles in der Welt", meinte sie, „was für eine Bewandtnis hat es mit dieser Tante Eölestine, von der vorher niemand gesprochen. Der Vater nennt sie ,Stine', was ganz köstlich klingt, und sie fährt dann zusammen, als habe eine Nadel sie gestochen. Erna, die ich quetschen mußte, ehe sie sagte, was ihr bekannt war, kam schließlich damit heraus, daß man sie für tot gehalten, weil sie so lange nicht geschrieben habe, und daß sie nach der letzten Nachricht mit ihrem Manne nach Kalifornien gegangen sei, wo sie hätten Gold suchen wollen.


