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anderer Gelegenheit emgesehenen Familienbuchs 2 2 Söhne. Unter den Zwölfen befanden sich zwei hübsche Blondinen in meinem Alter. In deren Begleitung fuhren wir andern Tags in der landrätlichen Karosse zuerst nach der Todtenwarth, dem J-amilienstammsitze über der Werra bei Wernshausen, von da nach Schmalkalden. Während sich die beiderseitigen Väter mit den Vettern beim Familientag Herumbissen, amüsierte ich mich mit meinen liebenswürdigen Cousinen, denen ich mit meiner jungen Studentenherrlichkeit zu imponieren suchte, und mit denen ich mich bald gut verstand, aufs Trefflichste. Ich Hütte sehr gerne ihrer Einladung entsprochen, die Reise mit ihnen nach Wasungen fortzusetzeu. Mein Vater ließ mir auch die Wahl, aber er fügte bei: Wenn du mich allein nach Hause gehen lassen willst! Ms konnte ich doch nicht übers Herz bringen. So ließ ich denn wehmütig die Cousinen ziehen, und ging abends noch allein (mein Vater mußte wegen der Familienangelegenheiten zurückbkeiben) "über Liebenstein auf den Inselsberg. Bei herrlichem Mondschein kam ich an. Es war so hell, daß man Gotha liegen sehen tonnte. In weiter Ferne brannte ein Torf (das soll man bei dem großen Gesichtskreis dort öfter wahrnehmen können). Andern morgens war ich sehr enttäuscht, als ich mich im dicksten Nebel befand. Ich konnte meiner Instruktion eutsprechend nicht länger chleibeu, und traf pünktlich wie verabredet mit meinem Vater in Waltershausen zusammen, nicht ohne vorher, als ich aus der Nebelschicht herauskam, noch einen herrlichen Blick in die nördliche Ebene genossen zu haben. Mit der neuere au tat Eisenbahn fuhren wir nach Eisenach. Mein Vater hatte dort eine Zusammenkunft mit den drei Brüdern Freiherren von Gleichern-Rucswurm (einer derselben war der Gatte von Schillers Tochter Charlotte, der andere hatte eine Cousine von meiner Mutter zur Frau). ES handelte sich um den Rat meines Vaters in einer wichtigen Familienangelegenheit. , Wir nahmen im Rautenkranz ein oppulentes Mittagsmahl, ein, bei welchem Meine kredenzt wurden, wie ich als armer Studio sie nie gekostet, und wohl auch später kaum in ähnlicher Qualität über die Lippen bekomuten hätte, wenn ich nicht zufällig zehn Jahre danach als Accessist die Verwaltung eines Weingutes! erster Güte in Rüdesheim zu übernehmen Gelegenheit gehabt Hütte.
Nach der Mahlzeit wurde ich fortgeschickt. Ich erhielt eine Empfehlungskarte an den Kommandanten der Wartburg, die mir dort alle Türen öffnete. Tie Wiederherstellung war noch nicht vollendet, aber doch schon weit vorgeschritten. Schwind war noch an der Arbeit. Ter Kommandant, Herr von Z., führte mich selbst scherall herum und stellte mich Professor v o ti R i t g e n vor, welchen ich als Gießener zuerst persönlich keimen lernte. Es war mir natürlich sehr interessant, ein Werk im Werden zu sehen, das nach seiner Vollendung mich durch seine harmonische Ausgestaltung und die herrliche Umgebung noch oft entzückt hat.
Abends fuhren wir mit der Post nach Butlar, Betraten von dort die Vetternstraße, auf welcher wir in zwei Tagen über Geisa, Fulda und den Vogelsberg wieder in die Heimat gelangten. Es war eine Wegstrecke von beinahe 15Q Kilometer, die wir in diesen beiden Tagen und zwar 110 Kilometer zu Fuß zu- rücklegten. Tas kann man heutzutage in viel kürzerer Zeit und bequemer abmachen. Aber wieviel größer war der Genuß, die Gegenden zu durchwandern, an denen man heute beinahe gleichgültig vorüber führt. Tie auf jener Reise gewonnenen Eindrücke heften so getreu in meinem Gedächtnisse, daß ich beispielsweise nach 45 Jahren alle die gewandelten Pfade ohne Karten oder sonstige Hülfsmittel wieder finden würde. Die Pfade -sind geblieben, aber von allen Personen, mit denen ich damals in Berührung gekommen, lebt nur noch die eine von den beiden liebenswürdigen Cousinen und deren prächtiges blondes Haar, das dereinst wie ein Mantel sie umwogte, ist licht uitb weiß wie der Schnee.
Tas Wintersemester 1853/54 brachte uns unter Anderen einen besonders lieben Gesellen. Er studierte Landwirtschaft und war nur kurz auf der Hochschule. Wir hatten ihn bald alle liebgewonnen, nicht nur wegen seiner geselligen Talente, sondern auch wegen seines tüchtigen Wesens und der treuen Anhänglichkeit an die Burschenschaft. Er hatte den Küeipuamen Strudel, der auch seinem lebhaften Wesen entsprach, der aber von einer besonderen Pisce Her rührte, welche er meisterhaft auf "der Guitarre vortrug und der die, Bezeichnung Naturstrudel beigelegt war. Ich habe, nie Jemanden kennen gelernt, der den Frauenherzen so gefährlich gewesen wäre wie dieser wenig ansehnliche und nicht eben schöne Brensch, dem nur der ausdrucksvolle Kvpf etwas Besonderes verlieh.
Ich erwähne hier seiner vor Anderen, weil er unseren späteren Semestern die Rabenau erschloß, wo er das Hofgut des Freiherrn von Nordeck zu Rabenau verwaltete.
Wir Jüngere haben dort viele frohe Stunden verlebt. Ich komme unten hierauf noch einmal zurück.
.Tas Wintersemester schloß die Burschenschaft noch enger zusammen. Tie mannigfachen Angriffe von Außen, die Jso- liernng unserer Bestrebungen, die auch von unseren Lehrern wenig Unterstützung fanden, und die Beseittgung einiger störenden Elemente trugen hierzu bei.
Bon Professoren sahen wir nur manchmal den Heinen Otto, die Quietsche, wie et vom Gymnasium her benamt war.
Nach ' seiner Pensionierung hatte er sich an der Universität habilbi tiert. Er war die Karikatur eines Mannes, gelehrt und witzig. Auf der Kneipe aber war er die Zielscheibe des Spottes der wenig rücksichtsvollen Körona. Er trug selbst 'bie Schuld. Wenn ich berichte, daß er sich eines Abends unter der Vorspiegelung! eines Rendezvous mit der wenig lieblichen Tienstmagd in bett Hühnerstall locken ließ und dort für einige Zeit eingesperrt wurde, so wird man daraus entnehmen, weß Geisteskind er war.
Trotz dieses Streiches ist er wiedergekommen. Tas freie Bier zog ihn (an. Er kam durch den Trunk immer mehr herunter und ist eines Tages in dem Chausseegraben zwischen Wieseck und Gießen erfroren pusgefunden worden.
Für mein Studium war das Wintersemester 1853/54 grundlegend. Es drehte sich damals zunächst 'fast alles um das römische Recht, das in Deutschland Gemeingültigkeit erlangt hatte, und in einem Teile Deutschlands, wozu auch Hessen gehörte, noch volle Geltung hatte, soweit nicht einige deutschrechtliche Institute sich bett Flutwellen des römischen Rechts gegenüber burch ihre Eigenart unb innige Berbinbnng mit dem deutschen Volke und Rechtsbewußtsein siegreich behauptet hasten. Deshalb mußte der deutsche Jünger der Themis vor Allem das römische Recht kennen lernen. Es gab damals auf 'deutschen Hochschulen keinen geistvolleren Interpreten desselben, als den berühmten Rudolph Jhering (später in Oesterreich geadelt). Die Ludoviciaua konnte sich glücklich schätzen, den schon berühmten Verfasser des Geist des ,rö- m ischeuRechts für eine Reihe von Jahren an sich zu fesseln. Tie hessische Regierung hatte auch das ihrige dazu getan, um diese erste Kraft zu gewinnen, indem sie Jhering g a n z e 3 4 0 0 Gulden als Gehalt bewilligte. Jhering war gern in Gießen und hatte sich auch durch den Erwerb bet Eugelbachscheu (letzt Paskoescheu) Besitzung baselbst seßhaft gemacht. Wer , konnte es ihm aber verargen, baß er 1868 einem Ruf an Die Universität Wien folgte, wo er bei "einem Gehalt von 12 000 Gulden statt 50 bis 60 Zuhörer bereit Hunderte hatte. Dennoch ist er später bekanntlich wieder nach, Deutschland , zurückgekehrt. Jhering nun führte uns im Sommersemester 1853 in seiner Vorlesung über bie Institutionen in den Geist des römischen Rechts ein unb zeigte uns denn in meisterhafter Weise in seiner Pan- dektenvorlesung bie Bedeutung des römischen Rechts für oas
deutsche Rechtsleben. ,
Ich muß mich leider mit diesen wenigen Worten über bie Bedeutung IHerings als Lehrer begnügen. Ans "seine Bedeutung für Gießen puf anderen Gebieten komme ich später noch einmal zurück. ' . „
Mancher Leser wird vielleicht nicht ganz mit Unrecht denken, der Verfasser hätte besser getan, über geringfügige Dinge nicht so viel Worte zu machen und seine Darstellung mehr ernsteren unb interessanteren Dingen zu widmen. Er möge aber gütigst bedenken, daß es nicht leicht ist, individuelle Erlebnisse in knapper und formvoller Sprache zu schildern und dabei den Weizen von der Spreu zu sondern. Dazu gehört mehr Zeit unb Talent, als ich besitze. Ich selbst habe beim Nicberschreiven unb gar oeim Lesen dieser Erinnerungen öfter die Empfindung gehabt: „O si tacuisses, philvsophus mausisses!" Ich bin auch gar , nicht gern in bie Oefsentlichkeit gegangen, allein ich glauote schließlich den motivierten Gesuchen der verehelichen Redaktion bs. Bl. mein Scherflein zu dem bevorstehenden Feste beizutragen mich nicht entziehen zu dürfen. m
Dieses pro domo mit der Bitte um gütige Nachucyi!
Ich hörte im Wintersemester zu den Pandekten Jhrermgs,' das davon ausgeschlossene E r b r e ch t bei P r o f e s s o r N e u n e r. Ich habe diese Abweichung von der systematischen Reihenfolge der Vorlesungen nicht bereut. Neuner war noch außerordentlicher Professor, war aber ein sehr tüchtiger Dozent. Bon seinem Buche, der Neves genannt, behandelte er den spröden «tost tu anziehender und anregender Weise unb machte uns durch fein liebenswürdiges und humorvolles Wesen die Vorlesung lieb.
§s war seine letzte in Gießen. Er folgte tm nächsten mefter einem Rufe als ordentlicher Professor, ich meine nach Kiel, es könnte auch Rostock gewesen sein.
Wir gönnten dem verehrten Lehrer den errungenen Erwig, noch mehr beinahe den bei der lange unb still verehrten Dame seines Herzens, die ihm -als Gattin nach der nördlichen Universität folgte. — ,
T!as Sommersemester brachte uns sechs tüchtige Mitglieder, die falle bei der Fahne geblieben sind, drei davon bis zu ihrem Tode. Ich war vorher in bie innere Verbindung ausgenommen worden. Ter Aufnahme ging eine Prüfung seitens des Sprechers, auf meine politische Gesinnung vorauf Das war die Fvlgd einer kleinen Bosheit seitens meiner Semeflergenossen, meiner guten Freunde, die mich iaufS genaueste kannten, die es aber ärgerte, baß ich mit zwei quasiverwandten unb leit ^aoicn b^ freunbeten Wingolsiten verkehrte. Ich leßte Glanbensbekamitnis ab, das von dem des Priifeuben fehl oei^ schieben war. Tenn er war ein starrer Republi aner, wahrend ich bie Einigung Deutschlands unter , einem Kaiser Mit einem Volksparlament nach englischem Muster erstrebte. Das mutzte nach unseren Prinzipien für die Aufnahme in die innere Verbindung genügen. Ich habe die kleine Genugtuung gehabt, bah, während itf) meinen Anschauungen im Wechsel der Zeiten treu ge-


