Ausgabe 
29.7.1907
 
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jedoch durchaus nichts toiffen. So wurde die Abreise erst für den Nachmittag des andern Tages festgesetzt.

Sehr zufrieden schritt der Kammerherr aus der Tür, er wollte nach Dagmar sehen. Aber je näher er dem gemeinsamen Schlaf­zimmer kam, desto langsamer wurde sein Schritt.

Ruhe, unbedingte Ruhe, hatte der Arzt für Dagmar verlangt, vor allen Dingen gar keine Erregungen. Veltlingen hob energisch den Kopf. Bah, freudige Erregungen würden ihr schwerlich schaden. Und sie würde sich doch freuen?

Mit weit geöffneten Augen lag Dagmar im Bett. Langsam strich fie sich von Zeit zu Zeit mit der Hand über die Stirn, als ob sie dadurch die Gedanken verscheuchen wollte, die unauf­haltsam auf sie einstürmten. Wieder und immer wieder über­legte sie sich Wort für Wort der Unterredung mit Magnus, und jedesmal bäumte sich ihr Stolz von neuem auf, wenn sie der Aeußerungen gedachte.

Sie kam sich unsagbar erniedrigt vor, denn das, was Veltlingen ihr gesagt hatte, war nicht ein Ausfluß seines Jäh­zorns, nein, das war einfach seine Ueberzeugung gewesen. Und an der Seite dieses Mannes, der sie in der rohesten Weise ver­dächtigt beschimpft hatte, sollte sie noch ferner leben? Sie preßte die Hände zusanimen. Nein, das war unmöglich, das tvürde sie nie und nimmer tun. Je mehr sie darüber nach­sann und je ernstlicher sie sich prüfte, desto fester wurde ihr Vorsatz, sich von ihreiu Gatten zu trennen.

Ein Zug eiserner Entschlossenheit lag plötzlich auf ihren sonst so weichen Zügen. Da trat der, dem ihre Gedanken galten, zögernd in die Tür.

Darf ich herein, Dagmar?"

Sie sah ihn an, gleichgültig, kalt. Mochte er kommen. Je eher sie ifyn, ihren festen, unweigerlichen Entschluß kund- gab, je besser. Sie winkte Anna, sich zu entfernen.

Mit ungewissen Schritten näherte Veltlingen sich ihrem Bett.

Ist dir jetzt besser, Dagmar?"

Sie sah ihn verwundert an. Hatte er wirklich die Szene von vorhin völlig vergessen, oder bedeutete sein zufriedener, ruhi­ger Gesichtsausdruck etwas anderes? Glaubte er vielleicht, weil sein Zorn verraucht war, sollte ihre Empörung auch vorüber sein? Da hatte er sich verrechnet! Sie sah ihn feindlich an, als er ihr leicht über das Haar streichelnd mit leiser Stimme bat:

Dagmar, laß meine Worte von vorhin vergessen sein. Sie tun mir jetzt selber leid."

Auf wie lange?" frug sie schneidend. Ihre Augen blitzten ihn zornig an.

Für immer. Ich wollte, ich könnte sie ungesprochen machen." Und die Unterredung mit der Lindström auch?"

Die erst recht."

Das klang so «ernst und aufrichtig, daß Dagmar erstaunt zu ihm aufsah. Aber da kam von neuem die Empörung über sie. Und mit der Erinnerung an seine brutalen Worte stieg auch wieder die Verachtung in ihr empor. Diese Verachtung, die in dem gleichen Augenblick, wo sie entstanden war, die Achtung vor Veltlingen und damit auch die Liebe zu ihm getötet hatte. Ein Zittern ging durch ihren Körper.

Gib dir keine Mühe," murmelte sie mit halb erstickter Stin'.me, nnch überzeugst du doch nicht. Ich glaube dir nicht mehr. Und als Veltlingen erschrocken schwieg, fuhr sie hastig fort,und nun laß mich dir auch gleich noch eins sagen. Es ist das mein fester, wohl überlegter Entschluß, Magnus. Wir werden uns trennen."

Unwillkürlich hob Veltlingen abwehrend die Hand.

Ja, trennen," wiederholte Dagmar erregt.

Große, rote Flecke brannten plötzlich auf ihren eben noch so blassen Wangen. Erschrocken dachte Veltlingen an die War­nungen des Arztes.

Beruhige dich, Dagmar," bat er ängstlich,du darfst dich nccht so unnötigerweise erregen."

Unnötigerweise nennst du das," wiederholte sie bitter.Ich halte es aber für durchaus angebracht, Klarheit in unser gegen- seitrges Verhältnis zu bringen. Und darum bitte ich dich noch einmal gib mich frei."

Ter Kammerherr sah sie überzeugend an. Ihr jetzt den Aus­spruch des Professors mitzuteilcn, schien ihm gewagt.

So ernste Sachen darf man nicht kurzer Hand entscheiden, Dagmar. Wenn du jedoch in acht Tagen noch aus deinem Wunsch bestehst. . ."

Willigst du ein?" fragte sie gespannt.

, "Sv werde ich mich vielleicht überzeugen lassen." Sie atmete wre erlöst auf.Und jetzt versuche zu schlafen, mein Herz, je kräftiger du dich fühlst, je ruhiger werden wir alles überlegen, «^ch werde Anna noch die Verordnungen des Arztes mitteilen." .&r ging.

Sinnend sah Dagmar ihm nach. Was hatte er nur? Glaubte er nicht an den Ernst ihrer Worte? Davon würde sie ihn au überzeugen wissen.--

*

Anna hatte recht gehabt. Die Sonne schien hell und warm es war wirklich das denkbar schönste Wetter. Weich und sanft strich der linde Südwind durch die Zweige der hohen alten Ulmen und Eichen. Es war eine außerordentlich milde Luft

Dagmar lag, vorsorglich in Decken gehüllt, auf einem be­quemen Licgestuhl draußen im Park, an einer besonders ge­schützten Stelle. Mit tiefem Behagen atmete sie den zarten Flieder­duft ein, den der weiche Süd ihr schmeichelnd entgegen trieb Schön war die Welt doch!. Träumend sah >die Ruhende in die grünen Wipfel. Wie still und friedlich es hier war. Ein grenzenloses Sehnen nach Liebe, nach warmen, schützenden Armen quoll auf einmal in ihr empor. Ohne daß sie cs merkte, rollten plötzlich große Tränen über ihre Wangen. Nie meinte sie sich verlassener gefühlt zu haben, wie jetzt, wo die Erinnerung an Veltlingens Worte sie von neuem überkam, und mit ihr das Gefühl der Verachtung, eisiger Verachtung für ihn, auf dessen vornehme Gesinnung sie geschworen hätte.

Mit leisem Austveinen schlug Dagmar die Hände vors Ge­sicht. Aber es waren keine milden, erlösenden Tränen, die da aus ihren brennenden Augen perlten, es waren Tränen bitter heißen Zornes.

Verstört ließ sie plötzlich die Hände sinken und sah sich angstvoll um. War wirklich niemand in der Nähe? Sie glaubte doch eben ganz deutlich die Stimme des Pastors Müller zu hören, die da ernst und eindringlich sprach:Die Liebe höret nimmer auf."

Sie schüttelte traurig den Kopf. Nein, dem war nicht so. Bei ihr nicht. Ihre Liebe war tot . . . tot für jetzt und immer­dar. Da half kein Sinnen und Grübeln.

Wie weggewischt erschien ihr plötzlich jede freundliche Emp­findung, die sie ehemals für Veltlingen gehegt hatte. Sie be­griff auf einmal gar nicht, wie fie sich so hatte von ihm täuschen lassen, daß ihr nicht schon viel eher seine jämmerliche Selbst­sucht, sein grenzenloser Ehrgeiz seinen wahren Charakter ent­hüllten !

Ihre Gedanken schweiften zurück zu jenem Teeabend, an dem Uchdorf ihr so ernst und eindringlich von denechten" Perlen sprach, die er begehre! . . . Ohne eigentlich zu sehen, starrten ihre traurigen Augen auf den schmalen Weg, der sich zwischen dichten Büschen bis zum Teich hinzog.

Echte Perlen", wiederholten ihre bebenden Lippen. Ein bitte­res Lächeln flog über ihr Gesicht. Jetzt, da es zu spät war, sah sie es ein sie hatte ihre Hand nach Wertlosem ansgestreckt--

Sie faltete plötzlich mit beinah schmerzhaftem Druck die schmalen Hände. Ein Gedanke stieg in ihr auf ein Gedanke ' Wenn Veltlingen sie frei gegeben hatte dann . . . Ihre Brust hob und senkte sich in immer schnelleren Atemzügen. Frei . . . ein weicher, sehnsüchtiger Zug trat dabei in ihre Augen Ja, frei . . . frei . . .

(Fortset-ung folgt.)

Aus der StudenLenzeik.

Er nnerungeu eines aiten Gießeners.

(Fortsetzung.)

Das verwundete Bein war, dank der raschen Qualsterschen Hülfe bald geheilt und ich konnte mit meinem Vatereine Ferien- tur nach Thüringen antreten. Das Ziel war Schmalkalden, wohin in Ssachen des Wo l f f von T o d t e n w a r t h' s ch e n Fiä m i l i e n st i p e n d i u m s ein Familientag einberufen wor­den wjar. Tie StifterinIuliane Wölfin von Todten- wiarth",verheiratet mit dem Kaiserlichen Rat Brömer, errich­tete 1575 mit ihrem Ehemann ein Testament, in welchem jenes Stipendium gestiftet wurde. Nachdem der Ersteren Nach- haß die Feuerprobe eines 'beinahe achtzigjährigen Pro­zesses iam Reichskammergericht mit den Erben ihres Mannes be-- standen hatte, sind heute mehrere tausend Familien an dem^Sti- pendium interessiert, an deren bedürftige Mitglieder fünfSti- pendien für Studierende verteilt werden. (Nebenbei bemerkt existiert in Gießen auch eine Todtenwarthsche Stiftung.)

Mein Vater vertrat auf dem Familientag den ziemlich zahl­reichen hessischen Teil der Familie.

Wir fuhren mit der Main-Weser-Bahn nach Treisa und' gingen von dsa quer durchs Hessenland über Oberaula nach Hersfeld, von dsa andern Tags ins Werratal nach Vacha und Sülzungen. Unser Stipendinmsvetter, Landrat Wolff von TvdtenwMth in Salzungen, mit welchem mein Baier befreundet war, nahm uns gastlich auf. Er hatte! .zwölf Kinder, das Geschlecht wär überhaupt sehr ksirderreich, ein Vorfahre von ihnk ans dem 14, Jahrhundert hatte inhaltlich des von rniv bei