1907
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Aunken unter der Asche.
Roman von M. Proßnitz (M. Nörenberg).
Unbefugter Nachdruck wird gerichtlich verfolgt.
(Fortsetzung.)
Ungeduldig wartete Beltliugen dann auf den Bescheid. Er atmete auf, als Franz mit der Nachricht kam, daß der Professor in etwa zwei Stunden da sein würde. Sein sorgender Blick flog zu Dagmar hin. Sie lag noch immer wie tot da. Kaum merkbar hob und senkte sich ihre Brust unter den schwachen Atemzügen. „ . , . . ,
Der Klammer Herr litt Höllenqualen. Das nut ansehen zu müssen und nicht helfen zu können! Was nutzte es, baff er sich jetzt die heftigsten Vorwürfe ob seines Jähzornes) seiner Rücksichtslosigkeit machte? Damit brachte er Dagmar auch nicht wieder ins Bewußtsein zurück.
Ein leiser Seufzer zitterte plötzlich von ehren blassen Lippen. Langsam schlug sie die Augen auf. Sie sah ihn an, aber ohne ihn zu erkennen. Sorglich hielt Anna ihr ein Glas mit Wein an die Lippen. Mechanisch trank Dagmar davon, während ihre Augen noch immer fragenb, suchend umherglitten. Da fiel ihr Blick auf Veltlingeir. Wie leises Erinnern Wen es durch ihre Seele zu gleiten. Wiederum- sah sie ihn an, fragend, sinnend. Da wandte sie sich mit einer heftigen Bewegung zur Seite.
„Geh' hinaus."
Eine unaussprechliche Qual lag auf ihrem femgeschmttenen Antlitz. Sie hatte die Augen gesthlossen und doch perlten große Tränen unter den Lidern hervor.
Veltlingen bog sich langsam zu ihr nieder.
„Wie fühlst du dich, Dagmar?"
Statt aller Antwort wiederholte sie heftig:
„Geh fort! Ich will allein fein." Sie blinzelte zu ihm hm, ititb jals sie ihn Ängstlich und ratlos zögern sah, fuhr fte fort. „Anna kann ja bei mir bleiben."
Ta ging Veltlingen still aus der Tür. Auf dem Flur begegnete er der Lindstrom, die, von ihrer Kammerjungfer unterrichtet, mit anscheinender Teilnahme nach Dagmars Befinden fixtgte.
„Ich danke, Gräfin. Sie ist jetzt wieder bei Bewußtsein. Hoffentlich gibt der Arzt günstigen Bescheid. Aber verzeihen Sie gütigst, ich muß noch einmal ait ihn telephonieren."
Er eilte in sein Zimmer und schloß sich ein, aber an den Professor telephonierte er nicht. Schwerfällig setzte er sich in feinen Schreibtischstuhl und bann zog er den Unheilsbrief aus der Tasche und las ihn — langsam — Wort für Wort. —
Schon der Ort — Blanstädt — machte ihn stutzig, ebenso das Datum 8 8. (die Jahreszahl war vergessen), und je weiter er bann las, je klarer wurde ihm sein trauriger Irrtum, desto schwerer schlug sein Herz.
Als er geendet hatte, saß er lange Zeit ftnnenb da. Und bann legte er plötzlich beide Arme auf den Schreibtisch — schwer sank sein Kvps vorüber. War es bie schäm, bte den stolzen Nacken beugte, ober bange Sorge vor der Zukunft?
Wie lange Veltlingen so gesessen — er wußte es selber nicht. Als er sich endlich wieder emporrichtete, lag ein eigner Ausdruck auf seinem Gesicht, dessen welke Züge deutlich die Spuren heftiger seelischer Erregung trugen. Er wollte Frieden machen mit Dagmar — um jeden Preis. Der Wunsch war wirklich seinem Herzen, nicht seiner Furcht vor einem Skandal entsprungen. Mit diesem festen Entschluß kam ihm auch sein Selbstvertrauen wieder.
Er war grabe im Begriff, sich eine Beruhigungszigarre anzuzünden, als Franz anklopfte und den Professor meldete, bet vorerst den Herrn Baron allein zu sprechen wünsche.
Veltlingen empfing ihn kühl und höflich. Er wat wieder völlig der glatte Hofmann, der Mienen und Sprache gewandt beherrschte. Aber der Professor hatte eine verteufelt knappe Art, kurze, scharf pointierte Fragen zu stellen, und dabei sahen seine klugen grauen Augen den Gefragten fortwährend an. Dem Kammerherrn wurde ordentlich ungemütlich. Der Mensch sah einem ja durch und durch!
„Hm," meinte der Arzt überlegend, „also infolge eines geringfügigen Disputes wurde Ihre Fran Gemahlin ohnmächtig? Und der Zustand währte eine halbe Stunde?"
Veltlingen bejahte unruhig. Da stand der Professor auf.
„Kann ich die Kranke jetzt sehen?"
„Ich werde Sie hinführen, Herr Professor. < Ob meine Frau mich im Zimmer dulden wird, weiß ich allerdings nicht. Bei ihrer iiervösen Reizbarkeit . . ." Das sagte dem Menschenkenner genug. —
Fragend sah Dagmar nach der Tür, als der Prosestor heretn- trat. Als sie bemerkte, daß Veltlingen draußen blieb, atmete - sie erleichtert auf, was dem Arzt ebensowenig entging, wie bte heftige Erregung, die sie nur mühsam beherrschte. Trotzdem gab sie auf alle Fragen klar und verständig Auskunft, sodaß der Professor sehr bald zu der Ueberzeugmtg kam, daß von nervöser Ueberreizung keine Spur vorhanden sei.
Er verordnete Ruhe und Schonung. Für die nächsten acht Tage sehr wenig Gehen, viel frische Lust, wenn möglich em Draußenliegeii, und vor allem absolut keine gesellschaftlichen Anstrengungen. . , „, ,,
„Die Ohnmachtsanfälle würden bann schwerlich wiederkehreu, meinte er mit beruhigendem Lächeln.
Dagmar sah ihn sorgend an. . „
„Die Hoheiten wollten aber noch drei Sagt hter bletbeu „Das geht nicht," entschied der Professor kurz. „Ich werde das noch mit Ihrem Herrn Gemahl bereden." Er verbeugte sich abschiednehmend. _ , „ , „ . ,
Mit bitterem Lächeln sah die Kranke ihm nach. Wa» der Arzt nicht von ihrem Mann glaubte! Dem galt doch bte Huld der höchsten Herrschaften mehr, als die Gesundheit fetne^ Weibes.
Aber diesesmal irrte Dagmar. Veltlingen war viel zu stolz auf die, nach Aussage des Arztes, unzweifelhafte Ursache von Dagmars Befinden, um nicht Ihrer Hoheit nut strahlendem Gesicht den Grund dieser Schonungsbedürfigkeit atizudeuten. Geschmeichelt und selbstbewußt nahm er bie herzlichen Glückwünsche der Herzogin entgegen. Von einer sofortigen Abreise wollte er


