808
Zeugnis abgelegt hat von dem Vorhandensein jener krankhaft-schmutzigen Phantasie, die auch in dem Natürlichsten, bei dem sich kein anständiger, normaler Mensch etwas denkt, etwas „Unanständiges" sieht. Hosen hat man dem Löwen offenbar nicht machen lassen wollen, und so „korrigierte" man ihn in der geschilderten Weise. Es ist nötig> daß im Reichstag ein schleuniges Notgesetz eingebracht werde, wonach öffentliche Kunstwerke vor derartigen Attentaten durch Androhung angemessener Strafen für die Vorüber solcher Denkmalsschändungen oder durch Inaussichtstellung der Ueberweisung derartiger Attentäter in eine Heilanstalt zu schützen seren.
Wom SirpermLeudenLerl Palmer.
Unser Gießen ist von jeher reich an Originalen gewesen. Eine der markantesten Persönlichkeiten war in den ersten Dezennien des vorigen Jahrhunderts der Superintendent Palmer. Er wohnte am Kirchenplatz in dem Hause des Schuhmachers Harnisch, das jetzt der Stadt gehört. Karl Vogt beschreibt ihn als ein kleines, kugelrundes Männchen mit gepudertem Haupte, kurzen Hosen, dicken, in schwarze Strümpfe gehüllten Waden und unverhältnismäßig großen Füßen, die in plumpen Schuhen mit ungeheuren silbernen Schnallen steckten. Es hieß, es sei bei seiner Berufung eine Verwechslung vorgegangen — das Dekret sei für einen Namensvetter bestimmt gewesen, aber infolge mangelhafter Bezeichnung dem Unrechten zugestellt worden. Jedenfalls sind über den Superintendenten Palmer zahllose Anekdoten im Umlauf gewesen, und es wäre schade, wenn sie der Vergessenheit anheimfielen. Ein Teil davon ist zwar schon literarisch fixiert, aber es besteht die Vermutung, daß es deren noch viel mehr gibt, die sich in hessischen Beamten- und Gelehrtenfamilien durch Tradition erhalten haben. Wir erlauben uns deshalb, an alle Freunde des „Gießener Anzeigers'" die freundliche Aufforderung zu richren, solche Anekdotenüber den Superrntendenten Palmer, die in dem nachfolgenden Verzeichnis fehlen, uns gütigst mitteilen zu wollen.
Gedruckt sind bis jetzt:
1. In den Akadem. Monatsheften VI und in der Geschichte des Kvrps Hassia: Wie P. einer Studentendeputation das Geleite gibt und dabei die Treppe herunterfällt „Tut nichts, meine Herren, ich hätte Sie ohnedem bis hierher geleitet." 2. Bei Karl Bogt „Aus meinem Leben", S. 28: Ter berühmte Gänscdiebstahl. S. 36: Palmers Aeußeres. S. 37: „Die schönsten Passagen ausgelassen." — „Wer lacht über Griechenland?" — „Was tun die Fürsten von Reuß?" — „Wann wurde Christus geboren?" — „Was war Christus?" — Palmers Antwort gegenüber dem armen Schulmeister, der mit dem Verhungernmüssen droht — Die stehenden Witze in P.'s Vorlesungen. S. 38: Als der Arzt bei P. einen gewissen Mangel an Fassungskraft beobachtet haben will, die beruhigende Bemerkung seiner Gattin, „so sei er immer gewesen".
Literarisches.
'— Charlotte Knoeckel, Die Schwester Gertrud. Roman. (S Fischer, Verlag, Berlin.) Geh. 2.50 Mk. Charlotte Knoeckel behandelt einen Konflikt, der, so kühn er als Problem erscheint, unserer Zeit mit wachsender Häufigkeit und Dringlichkeit zu schaffen macht: ist es, nicht sowohl ein Recht, sondern sogar eine Pflicht, den unheilbar und schwer Leidenden durch den Tod zu erlösen? In dem Buch der jungen Dichterin wird eine Krankenhausschwester vor eine derartige Prüfung gestellt, und sie entscheidet sich für die Forderung dieses neu sich bildenden Gewissens. Aber da die Frau, der sie den Liebesdienst erweist, die Gattin des Mannes war, den sie selbst liebt, regt sich das alte Gewissen in ihr, und sie wird von heftigsten Zweifeln erschüttert und heimgesucht, ob nicht unter ihrer Güte und Liebe andere, grundböse, selbstsüchtige Motive versteckt gewesen wären. Durch diese Anfechtung kämpft sie sich zur freudigen, lebensbereiten Sicherheit durch. — Der psychologische Prozeß ist von der jungen Verfasserin mit bemerkenswerter Klarheit, Knappheit und Eindringlichkeit geschildert. Charlotte Knoeckel darf zu den stärksten Hoffnungen der erzählenden realistischen Literatur gezählt werden.
— Otto vonLeixner, Fußnoten zuTexten des Tages. 1.—5. Tausend, 314 'S. Verlag von Emil Felber, Berlrn W. 30.— Ein Buch für die Heranwachsende Jugend beiderlei Geschlechts, für Männer und Frauen, aus dem Leben und für das Leben geschrieben, ohne aufdringliche geistliche Beredsam-
™ und doch aus Ernst geboren, aus Sorge für
das Wohl des deutschen Volkes, national im besten Sinne des
Wortes. Der verstorbene Otto v. Leixner war einer jener deutschen Schriftsteller, die, wenn sie etwas schreiben, immer auch etwas zu sagen haben, ein kluger Kopf mit weitem Blick, nie geistreichelnd und doch 'nicht ohne Geist, von unerbittlicher Strenge sittlicher Forderungen, ein Mahner des deutschen Gewissens und ein Wecker aller guten Kräfte. Er weiß seine Forderungen aus der Tiefe zu begründen, er treibt nie fruchtlose Polemik, so scharf er sein kann, sondern er baut auf. Tas gilt auch von seinem letzten Buche. Er behandelt darin allerhand bedenkliche Zeiterscheinungen, insbesondere die Strömungen, unter betten das häusliche Leben, die leibliche und seelische Gesundheit von Mann, Frau und Kindern leidet; er erörtert wichtige Erziehungsfragen, redet vom Luxus und seinem Einfluß, beleuchtet die neue Moral usw. Wir rechnen Leixners letztes' Werk zu den „Büchern der Gesund-: heit", an denen das deutsche Volk sich erlaben kann.
Reifen.
— Verkehrsbuch des Rhöngebirges mit neuer Wegekarte des Rhöngebirges. Wenn der Verlag Hofbuchdruckerei Eisenach H. Kahle es unternommen hat, neben der Höhenschichtenkarte der Rhön von Prof. C. Hoßfeld noch eine neue Karte herauszugeben, so ist er damit einem Wunsche entgegengekommen, eine Karte zu besitzen, auf der die einzelnen Routen und Wege genau nach bereit verschiedenfarbiger Bezeichnung in der Natur zum Ausdruck gebracht sind.
„KansmarrnsdeuLfch V*
(Ein Mahnwort an den deutschen Kaufmann,)
Ich acceptiere die Offertenpreifc, Tie du, o Lieferant, mir hoch normiert. Du sagst, die Preise seien kalkuliert Auf Grund der 9)iartt-Tendenz, die Hausse heiße, — Nun bitt' ich dich, laß auch einmal im Werte steigen Und statt zur Baisse mehr zu Hausse neigen:
Das deutsche Wort 1
Ich bin für 30 Mille dein Debitors, Tu hältst mich für solvent, das ist coulant, — Toch weißt du nicht, daß Freylag deinen Stand Mit „Soll & Haben" ehrt, Herr Creditore ?
Laß doch das Tentsch aut seine Nechnnng kommen. Du hast zu sehr schon den Credit genommen!
Dem deutschen Wort l
Und deine Brie!' — pardon, Correspondenzen I — Glaubst du, der Englishman, erhält er sie, Beurteilt sie al§ „Made in Gennany ?“
Sie sind fürs Teutschtnm schlechte Referenzen, Tu mußt mit Deutsch dieselben compiettieren Unb den Artikel etwas mehr forcieren:
Tas deutsche Wort!
Du ziehst die Fäden deiner Connexionen In jedes fremde Land, und dein Export Deckt den Consum des Auslands. Tu jagst fort Tie Concnrrenz der welschen Rationen: Wie kommts, daß du tu betner Sprache leidest Tes Fremdworts Concnrrenz und dafür meidest:
Das deutsche Wort?
Warum mußt du das schöne Deutsch so schänden? Warum bedienst du dich der Sprache nicht. Die deinem ehrenwerten Stand entspricht?
O detitscher Kaufmann, da in demen Händen Die Wertbemessung aller Güter ruht, Halt hoch und teurer unser bestes Gut: Das deutsche Wort.
(Der „Jugend" entnommen.)
Wexier-Rätsel.
Ich weiß eine russische Festungsstadt, Alan schreibt sie m wenigen Zeichen; Wer Lithauen's Wälder durchwandert bat, Wird bald jene Stadt auch erreichen.
Drin werdet ihr finden ein echtdeutsches Paar, Einen Strom, der als heilig gepriesen, Ihr seht einen Türken und endlich sogar Des Meeres gewaltigsten Riesen. W.
Auflösung in nächster Nummer.
Austösung des Rösselsprungs aus voriger Nummerr Uni> steigen auch in der Jahre Lauf, Wenn der Tag des Lebens vollbracht ist, Erinnerungen gleich Sternen auf, Sie zeigen nur, daß es Nacht ist. Godenstedt.
Redaktion: P. Wittko. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jchen Universitäts-Buch- und Steindrnckerei, R. Lange, Gießen.


