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samkeit aus das Karnevalstreiben draußen. Die Karossen stauten sich — ein breiter, bunt bewimpelter und bekränzter Wagen mit Harlekinen, Faunen und Satyrn, dem lebhafte Zurufe und lautes Gelächter folgten, hatte den Wirrwarr veranlaßt. Es war ein festgeschlungener Knäuck geworden, der sich nicht ohne Unheil zu lösen schien. Die Kutscher auf dem Bocke fluchten, schwangen ihre Peitschen, knallten, rissen an den Zäumen, die Pferde bäumten fich, die Harlekine jauchzten und machten, unbekümmert um die etwaige Gefahr der Lage, ihre Sprünge, bei denen die ihnen anhaftenden Schellen den allgemeinen Lärni itm ein Beträchtliches vermehrten. Ein Regen von' kleinen, bunten — roten, blauen, silbernen und goldenen Papierschnitzeln wirbelte in der Luft gleich einer Wolke von winzigen, gaukelnden Schmetterlingen, welche sich hob und senkte; Blumensträuße flogen dazwischen von hüben nach drüben und aus tausend Kehlen erscholl Jubel oder Angstgeschrei — es war nicht mehr zu unterscheiden.
„Es ist zum Verwundern," sagte Paul, „daß nicht mehr Unglück geschieht. Aber sehen Sie nur, die Pierrots haben sich schon befreit, und allmählich eutlvirrt sich auch der andere Knäuel. Ich glaube, die Pferde sind hier klüger und besonnener als die Menschen."
Villatte blickte kopfschüttelnd und lächelnd aus das verworrene Bild, dann — als seine Augen weiter nmherglitten, blieben sie auf dem Balkon drüben haften. Es durchfuhr J£)n wie ein elektrischer Schlag. Seit er wußte, daß Sylvia in Rom sei, hatte ihn eine gewisse Erregung, die er beinahe Furcht hätte nennen mögen, nicht verlassen. Nun sah er sie da plötzlich vor sich, dasselbe Antlitz, das seine Sinne einst so vollständig berückte, das ihm auch jetzt noch — für einen Moment — alle Fibern erbeben machte. Sie war es — aber wie verändert!
(Fortsetzung folgt.)
Landwirtschaftliches Bauwesen. *)
Die immer mehr fortschreitende intensivere Betriebs- arr in der Landwirtschaft stellt naturgemäß auch an die Gebäulichkeiten größere Anforderungen. Die alten Gebäude genügen in den meisten Fällen sowohl in ihrer Ausdehnung als auch in ihrer Einrichtung nicht mehr. Umbauten, Vergrößerungen und Neubauten sind deshalb not- Ivendig. Nur wenigen bauenden Landwirten ist aber die Möglichkeit gegeben, praktische Einrichtungen landwirtschaftlicher Bauten kennen zu lernen. Zäh wird demnach vielfach am Althergebrachten festgehalten, Generationen hindurch bleibt dieselbe Bauart bestehen, mühevolle, unverständige Reparaturen erfolgen, ohne irgendeinen Bauplan werden Umbauten und kleine Neubauten zur Vergrößerung der bestehenden Räumlichkeiten ausgeführt. Wer Gelegenheit hatte, auf dem Lande gerade dem ländlichen Bauwesen besondere Aufmerksamkeit zu schenken, kann hier die sonderbarsten Zusammenstellungen und Ausführungeu kennen lernen, die sich in wirtschaftlicher und gesundheitlicher Beziehung als unpraktisch und unzureichend, den gesetzlichen Bestimmungen vielfach als zuwiderlaufend erweisen.
Eine Besserung des bäuerlichen Bauwesens erscheint heute fast ebenso notwendig zur Förderung des landwirt- sch östlichen Betriebes, wie die Benutzung mancherlei Maschinen. Besonders trifft dieses zu für die kleinbäuerlichen Betriebe. Es kann nun hier nrcht Aufgabe sein, über Technik des Baues ober über Baumaterial allerhand Ratschläge zu erteilen; nur einige allgemeine Bemerkungen seien hier angebracht!
Auf dem Lande wird nur wenig gebaut, und für den, der bauen muß, ist dies meistens eine schwierige Aufgabe. Eine Neuanlage soll Generationen dienen, deshalb heißt es, genau überlegen und beratschlagen! Das Üeberlegen beginnt zuerst mit der Prüfung des Geldbeutels. Papierne Fundamente, die dazu eine schwere Hypothek tragen sollen, machen das Wohnen ungemütlich. Die Gebäude sind ein totes Kapital, das immer neue. Nahrung verlangt. Einfach und klein, kber mein, ist immer noch mehr wert als ein großer, herrlicher Kasten, der anderen gehört. Aber nur wenige werden soviel Spargroschen besitzen, um davon ein neues Gebäude zu bezahlen. Dann beschafft man sich ein Baukapital, von dem alljährlich ein bestimrnter Prozentsatz getilgt werden muß. Solche Kapitalien geben die Laudes
*) Ans dem „Kvmpaß, völkstüml. Blätter für zeitgemäße Belehrung und Unterhaltung". Verlag von W. Kohlhammer m Stuttgart.
banken, Landschaften oder auch einige Lanbesvcrsicherungs- anstalten. Von letzteren erhalten aber für gewöhnlich nur Persouen Geld, welche Mitglieder sind. Die Gelder lverden von diesen Instituten zu einem niedrigen Zinsfüße ausgegeben, sind fast durchweg unkündbar und wegen der alljährlich notwendigen geringen Tilgung wird init der Zeit, erreicht, daß das Gebäude „frei" wird.
Oberster Grundsatz bei», Bauen ist: Baue sparsam! Das heißt aber nicht immer „billig". Denn unter „billig'" wird für gewöhnlich „minderwertig" verstanden. Ein Ge- bäude aus minderwertigem Material errichtet ist aber niemals billig, sondern wird mit der Zeit recht teuer infolge bald eintretender und häufiger Reparaturen. Mit einem, solch billigen Gebäude verhält es sich fast ebenso wie mit Gegenständen, die auf dem Jahrmarkt oder in einem Ramschbasar sür wenig Geld erstanden worden sind. Nicht billig, sondern am billigsten baut der, welcher sparsam, aber zweckmäßig und solide baut.
Wichtig ist die Auswahl des Baugrundes! .Er muß selbstverständlich gesund sein, d. h. der Grundwasserstandi muß möglichst niedrig, tief stehen. Je tiefer, um so besser in gesundheitlicher Beziehung. Feuchter, verunreinigter. Untergrund ist meistens die Ursache feuchter Wohnungeu. Trockener Untergrund ist zudem tragfähiger, und gerade, auch auf die Tragfähigkeit ist der Boden zu untersuchen. Besondere Beachtung soll man der Lage des Gebäudes! schenken. Die Wohngebäude sollen eine möglichst freie Lage haben. Zur Sommer- wie zur Winterzeit müssen die Sönnern- strahlen alle Teile des Gebäudes gut treffen können. Auch auf die Lage der einzelnen Räumlichkeiten muß Gewicht gelegt werbe». Den besten Platz verdienen die Zimmer, die dem regelmäßigen Aufeilthalte der Personen dienen. Luftig und geräumig sollen diese sein. Lieber weg mit dem sogenannten „guten Zimmer", wenn die Anlage desselben mit einer Verringerung des Raumes für Wohn- und Schlafzimmer verbunden ist.
Was die Anlage der Stallungen betrifft, so sollen diese so angelegt werden, daß sie sich vom Wohngebäude aus gut übersehen lassen, falls sie nicht dem Wohnhause direkt an- geschlossen werden können. Auch für diese ist genügend Luft und Licht ebenso notwendig wie für die Wohngebäude. Dumpfe, feuchte Stallungen sind die Ursachen häufiger Vieh-, krankheiten.
Für die Anlage und Einrichtung der einzelnen Räume können nur die jeweiligen Verhältnisse bestimmend sein. Die Verschiedenheit der landwirtschaftlichen Verhältnisse ist so groß, daß hier eine bestimmte Norm nicht angegeben' lverden kann. „Eines schickt sich nicht für alle", dieses Sprichwort gilt auch hier. Sehen, wie es andere gemacht haben, Fehler und Vorzüge fremder Anlagen kennen lernen und sich diese zunutze machen, das ist der beste Lehrmeister.
Wo aber den bauenden Landwirten recht oft die Möglichkeit fehlt, selbst alle praktischen Einrichtungen kennen zu lernen und daraus die Nutzanwendung zu ziehen, so wenden sich diese am besten an die einzelnen Bauvereine., Fast pckle Haven eigene Bauämter oder Baukommissionen, die gern mit Rat und Tat den Landwirten, die zu. bauen beabsichtigen, zur Seite stehen.
VermTschtss.
— Der versittlichte Löwe. Am Kriegerdenkmal auf dem Kaiserplatz in Biebrich am Rhein befindet sich ein Löwe, ein männlicher Löwe. Als solcher erkennbar. 30 Jahre lang hat der Löwe, so wie ihn der Künstler schuß an dein Denkmal seine zoologisch-dekorative Mission ausüben dürfen, ohne daß jemand au per naturalistischen Dar- stellung feiner Männlichkeit Anstoß genommen hätte. Jetzt endlich ist auf Grund des Betreibens von Leuten mit übertriebener Schamhaftigkeit an dem Löwen eine Operation vorgenommen worden, die man von den päpstlichen Knaben- sängern der sixtinischen Kapelle her kennt, und die auch bei Pferden und Ebern vorgenommen wird. In Bwbricy schüttelt man darüber, daß, wie mau sich dort ausdrückt, „die Natürlichkeit der Löweufigur einer Korrektur unterworfen" wurde, lebhaft den Kopf. Man fragt sich, welche Gründe für die nachträgliche Verstümmelung maßgebend gewesen sind. Nun, die Biebricher brauchen nach den Gründen nicht lange zu suchen Zugrunde liegt diesem Verfahren der Geist einer Schamhaftigkeit, der in neuerer Zeit schon so oft


