Ausgabe 
29.5.1907
 
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-Weil sie vielleicht nicht batten denkt."

.Sylvias KvPf fährt herum, sie starrt ihn verständnislos an. Sie? So liebt sie ihn nicht, wie er sie liebt?"

Sv weit ich Roderich Walldorf kenne, liebt auch er nur sich selbst."

Sie sprechen in Rätseln, Roderich" sie stockt, I?at sie es denn nicht auch erfahren, das; er nur sich allein liebt?Seine Eltern werden nnglücklich fein, das; er jahrelang mit einer fremden Abenteurerin hernmreist, und ihnen immer fern bleibt," setzte sie hinzu.

Vera Petruschka ist keine Abenteurerin. Sic ist ein sehr bedeutendes, zielbewußtes Weib."

Sylvia sieht ihn wieder ungläubig an, seine Reden geben ihr keine Aufklärung.

Paul lenkt ab.Haben Sie kürzlich Nachrichten aus dem Walldorfschen Hause erhalten?" fragt er sie.

Sylvia stottert, errötet. Wie soll fte es erklären, daß gar keine Verbindung mehr besteht zwischen ihr und denen, dir ihr so viel Liebe erwiesen. Nie hat ihre Schuld sie so gedrückt, Ivie in diesem Augenblick.

Paul erkennt, wie die Dinge liegen und hilft ihr über ihre drückende Verlegenheit hinweg.Meine Eltern schreiben mir, daß Fräulein Erna Walldorf sich bald verloben werde," be­richtet er.

Erna? Mit wem?" Vor Sylvias Ohren braust es, sie vergißt, daß sic. sich durch die hastige Frage verrät, und ihre völlige Unkenntnis der dortigen Verhältnisse offenbart, sie er­wartet Villattes Namen zu hören und ihr Herz wird sich befreit fühlen, wenn dem so ist.

Mit einem höheren Offizier, einem Aristokraten, eine brillante Partie allem Anschein nach," entgegnet Paul.

Sylvia steigt das Blut bis in die Stirn.Also nicht Billatte? Trauert der noch ihr nach? Hat sie sein Leben vergällt? Und was hat sie denn eingetauscht für das, was sie undankbar ver­warf? Roderich! Roderich! Die unglückselige Liebe zu dem einstigen Pslegebrnder hat ihr Unglück verschuldet, das ihre nud das anderer. Mer jetzt ist das heiße Herz doch stumpf geworden, die Flammen sind ausgebrannt, drinnen ist nichts mehr als Asche. Und Roderich seufzt zu den Füßen einer fremden Siretie, die ihn nidjt liebt.

Sie erhebt sich jählings von der Bank unter den Zypressen beim Gärtnerhänschen der Billa Mills, wo sie gesessen.

Ich bin recht müde," meint sie, wollen Sic mich nach Hause führen. Sie waren so freundlich, ich hätte Ihnen eine einsichtsvollere Begleiterin gewünscht."

rv .. war es eine Freude, dieser Austausch mit Jhiten, Fräulein Sylvia," entgegnet er wärmer, als sonst seine Art ist,und falls Sie einmal eines Freundes und Beschützers hier in der Stadt bedürfen sollten, so erinnern Sic sich an den Paul Hendrichs. Er wird Ihnen allezeit zu Diensten sein."

Ich danke Ihnen, v! ich danke Ihnen." Sie reicht ihm bte Hand, ein Beben fliegt um den kleinen Mund.

tote gehen langsam abwärts, plötzlich zuckt sie zusammen, und klammert sich instinktiv an den Arm ihres Begleiters, ^st das eine Halluzination, welche ihre Gedanken heraufbeschwor. Diese Gestalt dort, mit beut Buch in der Hand, welche über ihnen auf bem Platze steht, den sie vorhin schon durchschritten und den Paul als die Paläste des Septimus Severns bezeichnete, tst das nicht . . Nein, es ist keine Täuschung, das fein gezeichnete fycbt sich deutlich <rb in bcni heilen Sonnen-- Win Die Züge sind hagerer und schmaler, als sic sic gekannt, aber sre fütb es Armand Billatte, ihr ehemaliger Verlobter

Paul folgt ihrem verstörten Blick, und versteht dann die Ursache ihrer Erregung. Ihn überrascht der Anblick nicht, er weiß es, daß Professor Billatte in Rom ist.

Ter Gegenstand ihrer Beobachtungen gewahrt sic nicht er steht da oben, ben weichen Reisefilzhut in die Stirn gedrückt' ganz in sein Stadium der Ruinen vertieft. Jhnr sagt kein schnellerer Herzschlag, daß bie, welche er einst so heiß geliebt hat, in feiner unmittelbaren Nähe weilt und Sylvia zieht, voti Furcht gejagt, ihren Begleiter mit sich fort. Sic ist totenbleich geworden.

Sie Sie erkannten ihn atlch," flüstert sie fassungslos zu Paul,und und wissen Sie, daß ich mich einst an diesem Manne schwer versündigte?"

Pfch.l faßt ihren Arm fester und nickt bejahend.Ich hatte toie vorbcreiten. Ihnen sagen kömicn, daß Billatte in Rom ist, über kurz oder lang mußten sie ihm doch einmal bc- öegnen. Fassen Sie sich jetzt, beruhigen Sie sich." z-jt* Ecke, wo sie dem oben Stehenden außer

svicht "!,b; 'toytOta lehnt halb ohnmächtig an der ©teinmaucr.

Ob er uns gesehen mich erkannt hat?" haucht sie Ich glaube nicht. Fräulein Sylvia, was bewog Sic diesem Manne Ihr Wort zu brechen?"

Ich ich liebte ihn nicht ach! Sie wissen ja nicht, und nremand weiß es, was mich zu der Verlobung trieb und dann später lockte mich die Kunst meine jämmerliche Brust wenn ich stärker gewesen wäre aber auch die Be­geisterung mein Ziel ging mir verloren" Sic hält inne, sie vollendet nicht, bie bunklen Schatten. unter ihren Augen vertiefen sich; sie sieht ihn mit einem so hilflosen Blick an, es geht ihm büret) bie Seele.

Er fürchtet, daß sie ihm wirklich ohnmächtig wird. Er stützt sic mit einem Arm und beugt sich zu ihr herab in Mitleid und Besorgnis. Sie ist solch ein kleines, verirrtes, haltloses Ding, es ist doch schade, wenn sie deut Wüstling, diesem Contc Bocca- Iernte geopfert wird. Wie nur ist es anzusangen, das zu ver­hindern? Roderich könnte es Paul ahnt, was es gewesen, das sie einem ungeliebten Mann in die Arme getrieben hat.

Sie rafft sich auf, ihr matter Blick begegnet dem seinen, der Mann ist ihr Freund sie klammert sich an seinen Arin, denn ihre Füße beben.

Ha, zwölf Uhr! Der Kanonenschlag dröhnt über die Stadt hin, und mit ihm zugleich beginnt die große Glocke des Kapitols in mächtigen! Klang ihr Geläute. Geschrei von unten be­gleitet dasselbe. Eeco! il earnevsale!

Sylvia ist zusammengefahren.

Tie Kontraste im Leben: Fräulein Sylvia, der Karneval hält seinen Einzug. Die große Glocke des Kapitols läutet ihn ein, und nach zwölf Tagen wird er mit den Maceoli ausgeblasen und 'auf der Piazza del Povolo dem Flammentod überliefert. Asche! Asche! am Aschermittwoch bleibt nichts als Asche zurück."'

Sylvia schreitet jetzt eilig weiter.Asche!" murmelte sie nach.

Unten beim Kapitol ist das Geloühl schon gewaltig, Paul winkt einem Fiaker herbei und sie fahren langsam durch die aufgeregten Menschenhaufen. Ecco! il carnevale!

16. Kapitel.

Es war zwei Tage später. Auf dem Corso standen die Menschenmassen wie eine Mauer, die abenteuerlichsten Masken unter die gaffenden Zuschauer gemischt. Die bunten Pierrots mit den gemalten Gesichtern brauchten ihre Freiheit in ausgedehntem Maße, alles lachte, amüsierte sich, stieß und drängte einander, aber mit Manier. Der Südländer behält seine gute Laune unter allen Umständen.

Tie mit Teppichen und Kränzen gezierten Balkone waren dicht mit schönen Damen in Hellen, farbigen Toiletten besetzt, lang­sam, in dichten Reihen fuhren die Karossen mit den geschmückten Pferden, ben Kutschern nnd Dienern in Galalivrcc und beit ele­ganten Insassen die endlose Straße hinauf und hinab, und schier ein Wunder war es, wenn bei bem Gcwirre der Wagen und Fußgänger und der bekannten Sorglosigkeit der Wagenlenker kein Unglück geschah.

Im Caso Colonna, das, an der Ecke der Piazza gleichen Namens belegen, einen sehr günstigen Ueberblick bot, saß Paul Hendrichs auf seinem Stammplatz am linken Fenster. Er schaute mit überlegenem Lächeln in das wimmelnde Gewühl und, rauchte seine Zigarette dazu. Hin und wieder tauschte er in fließe!!dein Italienisch eine Bemerkung mit den Herren, welche um ihn her saßen ober standen, denn das Lokal war heute dicht gefüllt.

Paul kannte die meisten der jungen italienischen Herren/ und sie hatten alle densympatico Tedesco" gern. Pauls Auge wendete sich häufiger nach dem dem Cafs schräg gegen-, überliegenden Balkon. Dort saßen in der vorderen Reihe Sylvia und ihre Mutter. Fran Zemial hatte heute große Toilette gemacht nach ihrem Geschmack. Sie trug einen Dolman von carmoisinrotem Sammet mit unechter Hermelinverbrämung, und ein sonderbares Käppchen dazu, welches die Form einer Bischofs- mütze hatte. Sylvia war ganz in Weiß gekleidet und hielt schort eine Menge Blumen im Schoß. Eine hektische Röte lagerte auf ihren Wangen, ihre Augen glänzten unnatürlich, sie sah auf-, fallend schön aus. Die trügerischen Farben ließen sie blühend erscheinen.

Auf Pauls Schulter legte sich eine Hand, und als er sich' nmwandte, stand Professor Billatte hinter ihm und begrüßte! ihn warm. Paul versuchte, dm neuen Ankömmling noch einen Platz zu schaffen, die Aufgabe war schwierig, aber einige italici uische Freunde gaben bereitwillig Raum, sobald sie erfuhren, der Fremde sei ein Landsmann des Signor Hendrichs und ioimne aus seiner Heimat. So saß-m sie denn bald in regem Aus-! tausch, ein erhöhtes Schreien und Jubeln lenkte ihre Ausmerk-.