Ausgabe 
29.5.1907
 
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Mittwoch den 29 War

Wr. 77

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Dem Irrlicht nach.

Roman von Alexander Römer.

Nachdruck verboten. sFortletzung.)

lieber den Corso zieht man schon die Girlanden und kränzt die Balkone zum Karneval. Aus Piazza Colonna werden Tri­bünen anfgeschlagen.

Es wundert mich, daß Sie Interesse für das alte Rom haben," sagt Paul Hendrichs zu seiner Begleiterin;Sie be­wegten sich hier wohl bisher nur im modernen Leben."

Wir haben viele Kirchen besucht, und waren häufig im Vatikan," entgegnete Sylvia zögernd; sie ist sich bewußt, daß sie von dem, was Rom dem Gebildeten bietet, noch wenig kennt, und schämt sich ihrer Unwissenheit.Ter Co nie Boccaleone führte uns in einige Galerien."

Ter Conte Boccaleone" Pauls Ton, mit dem er den Namen wiederholt, macht Sylvia aufschauen.

Pauls Gesicht drückt Unmut und Abwehr aus.Ter Conte ist kein guter Begleiter für Sic," seht er hinzu.

Wissen Sie etwas über ihn?"

Biel doch nichts was für Ihr Ohr paßt."

Sylvia fröstelt.Er war für uns sehr freundlich," sagt sie leise,wir stehen hier sehr allein, überhaupt allein in der Welt," sie muß sich abwenden, weil Tränen ihre Augen füllen.

Er fragt sich, ob sie so unschuldig ist, daß sie sich bei diesen Aufmerksamkeiten des Italieners nichts gedacht hat, oder ergibt sie sich darein, den verlebten Wüstling zu nehmen? Tas würde freilich ihren Wen kennzeichnen.

Und doch ertappt er sich auf der Empfindung tiefen Mit­leids für sie. Er wundert sich über sich selbst. Er ist kein weich empfindender Mensch, er hat einen ernsten, verschlossenen Sinn und eine philosophische Lebensanschauung. Sein Jnteve;se gipfelt sich im allgemeinen auf die Gattung Menschheit, nicht auf das einzelne Individuum.

Er erklärt ihr jetzt auf dem Wege, was ihr neu und fremd ist.Wir haben den letzten ruhigen Morgen vor uns," meint er,von heut nachmittag an ist für die nächsten zwölf Tage an keinen Augenblick der Muße und Sammlung zu denken. Tas Ursprüngliche des römischen Karnevals, seine volkstüm­liche Origanilität sind längst geschwunden, auch die Beteiligung der Nobili, die ihm ein vornehmes Gepräge gab, es blieb für unsere Tage nur die tolle Farce zurück. Ihnen aber wird das bunte Treiben noch Vergnügen machen."

Sylvia schüttelt den Kopf.Ich fürchte mich vor dem Trubel und Lärm," meint sie. ,

Am Fuß des Kapitols steigen sie ans und entlassen den Wagen. Sie schreiten langsam die breite kapitolinische Treppe hinan. Es ist Sylvia, als ob heute zuerst der feierliche Ernst, der ewigen Roma auch an sie herantrete, sie steht ein paarmal still, und schaut mit einem unbeschreiblichen Gefühl um sich. Sie hat lange weder Schmerz noch Freude empfunden, nur dumpfe Oede und Leere, heute morgen hat der Sturm sie gerüttelt und eine tödliche Angst zurückgelassen. Ihr ist, als ob fte

weinen müsse, unaufhaltsam weinen über sich und den Jammer der Welt. Aber sie darf ja nicht weinen jetzt Stolz und Scham halten ihre Tränen zurück.

Sie biegen oben um die Ecke beim Kapitol und sehen daN Forum vor sich. Schweigend wandern sie die ehemalige Bia triumphalis hinunter. Ihr Begleiter redet daun von der ver­sunkenen Seit, den längst vergangenen Geschlechtern.

Welch ein scharf ausgeprägtes, geistvolles Gesicht hat er; Roderich suchte früher ost den Schulfreund zu verkleinern, er schilderte ihn ganz anders, als er ist. Roderich das Ge­denken an ihn führt sie wieder auf ihr armseliges Ich zurück. Sie muß diese unerwartete Gelegenheit benützen, ihn über Ro­derich auszuforschen, über sein Verhältnis zu der Russin. Wie fängt sie das nur geschickt an, daß es unverfänglich klingt.

Paul scheint in Gedanken versunken zu sein, er hört ihre wenigen eingestreuten Bemerkungen kaum. Er führt sie jetzt zum palatinischen Hügel hinauf, znuächst nach den Bauten des Caligula. Hu! welche Trümmer, welch kahles Gestein, iver ver­mag sich da zu orientieren, zu ergänzen, im Geiste die alte Pracht wieder aufzubauen. Ihr Begleiter kann es. Er macht keine große Ansprüche an ihr Verständnis, sein Zweck ist nicht, ihr Roms Geschichte als eine ihr fremde Weisheit einzupstopf-n, er läßt sich vom Impuls treiben, er wünscht dies Alleinsein, mit ihr zur Vervollständigung seiner Beobachtung anszunützen. Er möchte einen Blick in ihre Seele tun.

Paul und Sylvia schreiten am Abhang des Hügels hin, der wunderherrliche Aussichten bietet. Tie Natur wirkt doch auf jedes Gemüt, aber ihre Augen schweifen unstät und ober­flächlich auch über das großartige Gemälde. Er zeigt ihr, wie hier ehemals die Brücke, deren Ansatzpfeiler noch vorhand-n sind, sich über das Forum nach dem Kapitol hinüber gewölbt hat, welche Caligula schlagen ließ, um mit dem kapitolinischen Jupiter, für dessen Abbild auf Erden er sich ausgab, bequemer plaudern zu können.

Jetzt sieht Sylvia staunend in die Luft, der Gedanke dieser Selbstvergötterung packt sie, sie bietet ihr Anklänge an Erlebtes, Auch die Schulzeit wacht ihr wieder auf, als diese Namen: Caligula, Tiber, Nero ihrem flatterhaften Kopfe Not machten, und mit der Schulzeit die Heimat Dresden, die Pflegeeltern, Erna, all die Liebe, welche sie damals umgab.

Und wieder drängt es sie zu Fragen, ober sie, die früher so rasch mit der Zunge war, heut ringt sie um das passende Wort, um die passende Form. Endlich da bricht es heraus und nun ganz unvermittelt.

Sie sehen Roderich öfter, in welchem Verhältnis steht er zn dieser Russin?"

Paul Hendrichs lächelt, ihn überrascht diese Frage, mitten zwischen seinen Erklärungen, gar nicht. Er ahnt recht viel von ihrem Gemütszustand. Er schweigt noch eine kleine Weile und sieht es, wie ihre Hände, die den Sonnenschirm halten, zittern, In welchem Verhältnis das ist schwer zu sagen," bemerkt er dann zögernd;ich glaube, Roderich denkt an eine Heirat." Roderich?" Sylvias Atem geht kurz.Warum hat er sie dann nicht längst geheiratet."