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Sylvia fand Mamd Walldorf auf ihrer Chaiselongue liegend, in Decken und Tücher gehüllt, nvch unfrisiert. Es mußte arg fein mit der Migräne, sie ließ sich sonst stets doch wenigstens ein zierliches Häubchen geben, um die verräterischen grauen Haare zu bergen. Bei Sylvias Eintritt wandte sie den Kops und streckte ihr die Hand entgegen. Sylvia sah, daß sie geweint hatte.
„Kind, Kind, ich habe es gestern schon gewußt und dir nichts sagen dürfen!" flüsterte sie, „Sv D er tot — und du hast ihn nie gesehen."
„Mama, liebe Mama, ich habe ja so wenig an ihn gedacht!" »Ja, ja — «ich, wie oft habe ich es mir heiß gewünscht, mit dir von ihm sprechen zu dürfen, es ging nicht — aber Cölestine, deine Mutter, hat dir doch, seit sie hier ist, gewiß viel von ihm gesprochen?"
„Nein, Mama, wenig — mitunter in ihren bunten Erzählungen —“
„Wie ist das möglich!" murmelte Frau Friederike, „Er ist einsam im fremden Lande gestorben," setzte sie hinzu.
(Fortsetzung folgt.)
Won der Kroßmntter des Kießerrer Anzeigers.
*o. Gießen, April 1907.
In einer ursprünglich im Gießener Anzeiger, Jahrgang 1900 Nr. 4—7, später auch als (heute noch in unserer Expedition zu habender- Broschüre erschienenen Abhandlung hat Bibliothekar Dr. Ebel in großen Umrissen die Geschichte unseres Blattes geschildert. In Nachfolgendem seien dagegen zusammenhanglos den verstaubten und vergilbten Blättern, die sich teils auf der Universitätsbibliothek, teils in unserem Archiv zu Jahresbänden vereinigt befinden, allerhand Blüten entnommen, die uns Leute von heute gar wundersam anmuten.
Vor hundert und mehr Jahren, zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, als der Großvater die Großmutter nahm, trug unsere Zeitung den altfränkisch schnurrigen Namen „Giesser Anzeigungs-Blättchen" und war „in der Schröderischen Buchdrukkerei gegen 45 Kreuzer Vorauszahlung, für den ganzen Jahrgang, zu haben". Die Großmutter des Gießener Anzeigers pellte sich allwöchentlich Samstags bei ihren Freunden ein all in ihrer Schmächtigkeit und Dürftigkeit. Vier Quartseiten umfaßte sie regelmäßig. Die Spitze ihres schlichten Gewandleins nahm regelmäßig die „Polizey-Taxe" ein. Man erfuhr daraus alle Samstag, was 1 Pfd. Ochsenfleisch (am 2. Jan. 1802 z. B. 10 Kr., am 25. Dez. desselben Jahres aber nur 8 Kr.!) und das „Maas Frucht-Brandtewein" (32 bezw. 44 Kr.) kostete, und ferner, daß von den Städten Darmstadt, Gießen, Marburg und „Wezlar" die unsere immer die höchsten „Getraide- preife", Darmstadt dagegen die niedrigsten hatte. Auch die Brottaxe, sowie die Marktpreise und die Bierpreise (es gab damals hier mindestens 20 „Brauherren") wurden regelmäßig bekannt gegeben, und jedes Bier bekam nach Geschmack und Klarheit eine öffentliche Zensur. Beim Natsschöff Vetzberger erhielt z. B. das Bier am 25. Dez. 1801 die Zensur „sehr gut", bei Friedrich Thomas dagegen „sehr mäßig". Sonst enthielt das Blättchen noch die in der Stadt- una in der Burgkirche Kopulierten, den Gottesdienst des nächsten Sonntags, die Angabe des einzigen, Sonntags „das Frischbacken" habenden „Beckermeisters", die „Ein- und Auspassierten" und allenfalls noch einmal eine „Ediktalverorduuug" des „Jürstl. Hess. Justiz-Oberamtes". Die meisten Nummern brachten aber obendrein auch noch eine längere, gewöhnlich durch mehrere Nummern laufende hauswirtschaftliche Abhandlung, wie z. B. „vom Essigmachen" oder über „Rumfordische Suppen" oder auch chronikartige historische Rückblicke auf frühere Zeitläufte. Dagegen erfuhr man aus dem „Anzeigungs-Blättchen" nichts aus den Gebieten des Lebens in Haus und Kommune, >vas die heutige Presse zumeist unter der Rubrik „Lokales" zusammenzufaffen pflegt, nichts von Politik und nichts von sonstigen Geschehnissen aus aller Welt. Auch die Reklame vermissen wir Kinder unserer Zeit und überaus bescheiden war auch das Annoncenmaterial damals.
Bei flüchtigem Durchblättern des Jahrganges 1802 fiel «ns in der Abhandlung „Einige Denkwürdigkeiten des 18.
Jahrhunderts, die nicht vergessen zu werden verdienen", dis sich über eine große Anzahl von Nummern ausdehnen, folgende grausliche Mitteilung aus dein Jahre 17 2 6 auf:
„Starke Banden von Zigeunern und Jaunern, setzen die ganze W e t t e r a u, durch Straßenraub, nächtliche Einbrüche und Mordthaten in Schrecken. Es gelingt dem von Gießen benachrichtigten Militair endlich, nach mehrmals vereitelten Angriffen, sie auizuheben. Den 14. und 15. Nov. wurden 28 h i n g e r i ch t e t: 5 gerädert, 9 gehangen, 11 gekörnt. Der schlimmste unter ihnen hieß Hemperla. Siehe D. Weissenbruchs ausführliche Relationen von der samöien Zigeuner- Diebs- Mord- nnd Räuber-Bande re. Frankfurt und Leipzig bei Krieger. 1727. Mit 4 Kupf.
Im gleichen Jahre 1726, so erlaubt sich der Verfasser zu melden, geschah die Anlegung der „Straße von Laubach nach Triest und St. Veit unter Carl VI." Von Laubach nach Triest? Seltsam, daß von dieser gewaltigen Straße durch ganz Süddeutschland und Oesterreich bis zu den blauen Ufern der Adria heute nichts mehr vorhanden ist, daß keines fahrenden Schülers Lied davon berichtet. Vielleicht gabs damals schon eine direkte Straße von Bruchenbrücken oder Stumpertenrod nach Hammerfest oder Jekalerinoslaw, und man weiß heute nichts mehr von so außerordentlicher, epochaler Kulturtat. Da sage man heute noch, erst wir lebten im Zeitalter des Verkehrs! — Oder sollte am Ende statt .Laubach" „Laibach" gemeint sein, die Hauptstadt von Kram? Dann aber wäre die Boshaftigkeit des Druckfehlerteufels als eine die Jahrhunderte überdauernde ehrwürdige Charaktereigentümlichkeit des Setzerkastengeistes sanktioniert.
Aus demselben mageren Bande des „Giesser Anzeigungs-Blättchen" erhalten wir auch die ersten Nachrichten von einem Th eater in Gießen.
Zwar hatten schon in den Siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts vorübergehend ein paar Theatergesellschasten sich hier aufgehalten, von denen die eine sogar unter der Leitung eines in der deutschen Theatergeschichte später zu Bedeutung gelangten Mannes stand: Abel Seyler, der Direktor dieser reisenden Gesellschaft, stammte aus Lessings Schule und hatte dem berühmten Hamburger Nationaltheater angehört. Doch läßt sich heute über dessen Gießener Vorstellungen leider nichts mehr ermitteln. Anzeigen im Wachenblättchen, ober, wie die Urgroßmutter des Gießener Anzeigers sich damals in altväterischer Weitschweifigkeit nannte, in den „Giesifchen wöchentlich-gemeinnützigen Anzeigen und Nachrichten" hat Seyler nicht veröffentlicht, und nur Privatpapiere aus jenen grauen Tagen melden kurz von dem vorübergehenden Gießener Aufenthalt der Seylerschen Theatergesellschaft, di« bald darauf in Weimar, kurz vor der Goetheschen Zeit, den dortigen kunstfrohen Hof erfreute, um dann mit dem berühmten Mimen Ekhof die Hoftheater in Gotha und Dresden in Flor zu bringen, und zuletzt dem Mannheimer Nationaltheater ihre fruchtbringenden Dienste zu leisten.
Im Winter 1802/3 aber, so erzählt uns der Inseratenteil vom Giesser Anzeigungsblättchen, führte hier ein Herr Friedr. Wilh. So hui eine Anzahl von Komödien auf. In seinem Repertoire spielte als Autor August v. Kotzebue die Hauptrolle. So kündigte S. z. B. für „Sonntag den 19. Dez. 1802 zum Vorletztenmal" an: „Die Sonneujung- fraii, ein Schauspiel in 5 Aufzügen, von Herrn Präsidenten v. Kotzebue", und am 23. Dez. annoncierte er bereits:
„Da Se. Hochiürstl. Durchlaucht, der regierende Herr Landgraf von Hessen-Darmstadt mir noch fernerioette Vorstellungen gnädigst erlaubt haben, so wird Sonntags den 2ten Januar das Theater mit M e n s ch e n b a ß und Rene wieder eröinet, vorher aber eine Rede gehalten werden."
Dieses Schauspiel „Menschenhaß und Reue", erschienen 1787, hatte Kotzebue seinen größten Erfolg gebracht. Es war Jahrzehntelang das Lieblmgsstück des gesamten deutschen Publikums, aber auch in London, Paris und Madrid wurde es mit Beifall ausgenommen. Ein Satz aus dieser „Dichtung" genügt zu ihrer Charakterisierung: „Ihr friedlichen Insulaner der Südsee", so ruft der Held mit Emphase ans, „zu euch will ich; ihr seid noch unverdorben, eure einzige Schwachheit ist Stehlen. Fort aus diesem kultivierten moralischen Lazarett" Rousseaus Gedanken verirrten sich also in jener Aufklärungszeit


