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zerlesens, halb zerrissene Bücher beleckten den Tisch davor; in der Ecke brannte ein Petroleumofen, auf i>em ein Hühnchen schmorte. Der Dust der bereiteten Speise mischte sich mit Seifen, Moschus und sonstigen Parfümdüsten und betäubte förmlich den Eintretenden.

Da Frau Zernial häufig über Rheumatismus klagte, hatte sie grosse Angst vor Zuglust unb überhaupt jeder frischen Luft, und so blieb die Atmosphäre in ihren Räumen stets eine sehr bedenkliche.

Sylvia saß beklommen, und jetzt energisch ein Fenster auf­stoßend, da und versuchte, sich zu sammeln und klare Gedanken zu fassen. Sie hätte erst allein überlegen sollen, ehe sie hierher ging zuweilen brachen die anerzogenen besseren Regungen bei ihr durch, ihr Gewissen sagte ihr dann die Wahrheit aber sie war nicht imstande, allein Entschlüsse zu fassen. Und in ihren: Fall, bei den geheimen Wünschen ihres Herzens, konnte sie weder bei Villatte noch bei den Pflegeeltern, noch bei Erna Rat suchen.

Ja, Mama, jetzt haben wir Geld," sagte sie, tief atmend, aber was nun?"

Was nun? Ha, kein Bedenken, kein Zweifel, auch nicht einen Augenblick lang kann uns noch beirren! Wir gehen fort wir schütteln hier den Staub von unseren Füßen. Wir reisen vorerst du siehst die Welt wir sind frei!"

Frau Cölestine warf die Arme über den Kopf enipor in ihrer Ekstase.

Aber Hillatte die Aussteuer, die Hochzeit, die Pflege- eltern, Erna"

Ja freilich, wenn du die alle berücksichtigen und um Rat fragen willst, kleines Närrchen, da kämen wir nicht weit. Dir find über Nacht Flügel gewachsen, wie durch ein Wunder; bleibt ein Bogel, der fliegen kann, sitzen auf dem Neste?"

Es muß aber doch eine Form gesunden werden, Mama; ich weiß nicht"

Es lautete draußen an der Flurglocke. Die Mutter rief:

Jetzt ein Besuch der käme gelegen. ich bin nicht zu Hause!"

Sylvia ging, nachzusehen. Es war der Diener des Wall- dorsschen Hauses. Ob Fräulein Sylvia hier sei, sollte er fragen, die Herrschaften warteten mit dem Essen. Der Herr Doktor Villatte sei auch da.

Sylvia erschrak. Sie hatte wahrhaftig die Tischstunde ganz Vergessen, sie war fortgestürmt; ohne an irgend etwas zu denken.

Ich komme, ich komme gleich, Fritz!"

Frau Cölestine hatte drinnen schon gehört, worum es sich handelte.

Ja, du mußt hinübergehen," sagte sie,und dich recht be­herrschen. Daß du zu mir zuerst geeilt bist, wird jeder begreifen. Ich gehe heute nicht, ick> will mir alles erst allein überlegen, das nur steht fest, wir sind frei!"

Es sind auch noch Briefe und Papiere aus des Vaters Nachlaß da," sagte Sylvia hastig, indem sie ihren Hut festknüpste.

Nun, die haben Zeit. Apropos, Walldors wird diese über­seeischen Geschäfte natürlich besorgen, er ist ja durchaus der ge­eignete Mann dazu. Sylvia, wir müssen das Geld erst sicher in den Händen habe::, bis dahin mußt du dich beherrschen und deine Rolle geschickt spielen; ich verlasse mich auf dich, Kind meiner Seele!"

Die heiße Flut in Sylvias Adern wallte zurück, es über» schlich sie plötzlich eine Todeskälte. Sie sollte weiter lügen und sich verstellen, und sie tvar zur Wahrheit erzogen worden.

Sie war auch srüher immer wahr gewesen, sie hatte erst gelogen seit ja, seit Roderich sie zurückgestoßen.

Papa Walldorf sah sie streng und kalt an, als sie erhitzt und verstört eintrat, währeuo alle schon bei Tische saßen, nur die Kommerzienrätin fehlte, ihre Migräne hatte sich nicht gebessert.

Von den übrigen schien iwch niemand die große Neuigkeit zu kennen, der Kommerzienrat war der Meinung gewesen, Sylvia solle es selbst zuerst ihrem Verlobten mitteilen.

So faßte sie sich denn gewaltsam, sah einen Moment ängstlich und scheu zum Pflegevater hinüber und schmiegte sich dann an Villattes Schulter.

Armand, hat Papa dir noch nichts gesagt? Ich komme eben Von meiner Mutter ich ich war so sehr aufgeregt"

Villatte sah sie verständnislos an, ihm flogen ganz andere Gedanken durch treu Sinn, er meinte, es handle sich noch um seine gestrige Mitteilung, und sein Herz schlug heftig was hatte sie mit der Mutter beraten beschlossen?

Der Kommerzienrat sah schweigend auf seinen Teller. Er ärgerte sich über das oberflächliche Ding, wie er Sylvia in diesem .Augenblick wieder nannte. Eben hatte er sie ermahnt, sich allein

über das Unerwartete zu besinnen, ihr verständlich an gedeutet, daß es eine heilige Pflicht gegen einen Dahingeschiedenen sei, hier ohne der Mutter Einwirkung dem Kindesherzen einige Rechnung zu tragen, und in der nächsten Minute lies sie

hinüber.

Villatte hatte seinen Arm um die Braut geschlungen und sah ihr gespannt in die Augen. Sie hatte sich noch nie so innig an ihn gwschmiegt und so leidenschaftlich geäußert.

Sprich, meine Sylvia, was soll ich erfahren?" fragte en zärtlich.

Ach, etwas so Ungeheures! Ich habe eine Erbschaft erhalten bitte, laß Papa es erzählen, ich verstehe vieles davon nicht, aber ich habe fortan sechstausend Mark jährlicher Einkünfte."

Villatte sah ungläubig und ganz verdutzt zum Kommerzien­rat hinüber, und Erna, welche ebenfalls gespannt und verwirrt über die sonderbare Art Sylvias dagesessen, zuckte zusammen. Sie konnte sich später nie Rechenschaft darüber geben, welches ihre Empfindung gewesen, aber es war wie eine Art Hellsehen. Sie ahnte kommendes Unheil.

Was was ist das?" sagte Villatte beklommen; er glaubte wirklich, Sylvia phantasiere.

Aber der Kommerzienrat nickte und bestätigte ganz vergnügt: Ja, es ist so, lieber Freund. Wenn das Gute kommt, kommt es mit Haufen. Jetzt heiraten Sie auch noch eine ganz vermögende Frau."

Villattes Züge trugen kaum dm Ausdruck der Freude. Ihm galt Uebersluß nichts, und er meinte, seine Einnahme genüge zum Leben. Im übrigen konnte er sich die wunderbare Tatsache nicht erklären, bis der Kommerzienrat in geschäftsmäßiger Kürze ihm endlich den Sachverhalt mitteilte.

So ist dein Vater tot," sagte er dann in warmem Ton und beugte sich teilnehmend an Sylvia,und du durftest ihn nie kennen lernen."

Nein," entgegnete Sylvia hastig und strich sich die Locke« aus der Stirn,ich wusste ja gar nichts von seiner Existenz. Es ist nur gut, daß er sich meiner noch vor seinem Tode er­innert hat." ,,

Villatte zog unwillkürlich feinen Arm zurück, mit dem er sie umfangen. Es lag ja Wahrheit in dern, was sie sagte, aber es klang so kalt und hart aus ihrem jungen Munde.

Also du freust dich zu der Erbschaft?" bemerkte er fimteiüx, Wir hatten aber auch ohne dieselbe genug."

Sylvia sah ihn mit einem Blick heller Verwunderung an.

Wie sollte ich mich denn nicht darüber freuen I" sagte sie in einem bitteren Ton, den man noch nie von ihr gehört hatte. Du verstehst es gar nicht, wie schrecklich es ist, arm zu fein wie eine Kirchenmaus. Ich vergesse es nie, wie mir zu Mut war, als Papa mir das sagte." ,

Villatte sandte einen tadelnden Blick zum Kommerzienrat hinüber, der nur ärgerlich den Kopf schüttelte. Was butte der gutmütige alte Polterer, ohne es zu tvollcn, für bittere Saat m diese junge Seele gesät!

Tie Frauenzimmer können absolut kerne nüchterne Wahrhert ertragen," brummte der Kommerzienrat.

Durch Villattes Kopf zogen unerquickliche Gedanken, welche er zu verscheuchen strebte. . r

Mir war es ein schönes Vorrecht, für dich ganz allem sorgen zu dürfen," sagte er leise zu Sylvia.

Sylvia schwieg. Die tiefe Kluft zwischen sich und ihm kam ihr zun, Bewußtsein, sie durfte nichts von ihrem wahren Denken gegen ihn verraten. .

Tie Stimmung war nicht io fröhlich, wie der Kommerzienrat, der sentimentalen, in diesem Fall jedenfalls ganz überflüssige« Regungen keinen großen Platz einräumte, erwartet hatte.

Nach Tisch rief er Sylvia beiseite.

Geh auf ein Viertelstündchen zur Mama Hinern, sagte er,, ich denke, ihr ist es ein Trost, dich zu sehen."

Sylvia sah ihn einen Moment verwundert an, daun besann sie sich. Die Mama war ja ihres Vaters erste Braut gewesen. Ob sie fto noch um seinen Tod grämte? Weil bei der Gattin ihres Vaters sich gar keine Bewegung solcher Art kuudgegeoen, war ihr von anderen Dingen voll erfüllter Sinn gar Nicht a i solche Verrnutung gekommen. . .,

Gewiß, ich will gleich zu ihr gehen," erwiderte fte freundlich;

Villatte und Erna blieben allein im Salon zurück, ^re sas» schweigsam nebeneinander, ihre Seelen waren voll von Dmga welche sie nicht aussprachen, und das wenige, was sie reoen klang ihnen selbst hohl und wertlos Erna verstand wieder jede Regung in ihm, und auch er ward sich besten bewußt. . von ihr führte das Leben ihn fort, und die er sich erwählt er versuchte, heute feinen Gedanken zu entfliehen.