Ausgabe 
29.4.1907
 
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1907

Montag den 29. April

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Dem Irrlicht nach.

Roman von Alexander Römer.

Nachdruck verboten. (Fortsetzung.)

Sylvia stand mit brennenden Wangen und großen, fragenden Augen vor dem Berichterstatter, sie sagte kein Wort. Es gärte in ihr so wild durcheinander.

Auch der Kommerzienrat schwieg noch ein paar Minuten.

Sylvia jütte sich eigentlich in der letzten Zeit sehr verändert, wie gespannr sie ihn ansah. Große Gefühlsbewegung eures Kindes, das den Tod seines Vaters erfährt, spiegelte sich gerade nicht in ihren Mienen.

Tein Vater hat ein Testament hinterlassen, das dich zu seiner einzigen Erbin einsetzt," sagte er dann.

Jetzt stieß Sylvia einen lauten Ausruf aus.

Hat er Geld hinterlassen, Papa?"

Der alte Herr sah das junge Mädchen ganz verwundert an. Der Don, in dem sie das WortGeld" ausfprach, klang fast dämonisch aus ihrem Munde. Also der Götze hatte schon Macht über sie, eine weitere Regung empfand sie nicht bei dieser Nachricht.

Ja er hat etwas Geld hinterlassen," bestätigte der Kom­merzienrat,mehr sogar, als deine Mutter vermutet haben loird. Nach ihren Schilderungen war er ja ganz mittellos im fremden Lande zurückgeblieben."

Der alte Herr hatte es oft zu seiner Frau ausgesprochen, daß er eshundsgemein" von ihrer Schwester fände, wenn sie den Mann, den sie einst au» heißer Liebe einer andere» abwendig gemacht hatte, im fremden Weltteil verließ, als er nichts mehr besaß und wohl schon krank und gebrochen war.

Daher hatte es ihn jetzt selbst überrascht, daß sich noch eine Erbschaft für Sylvia herausstellte. Zernial mochte ja auch seine Ehehälfte richtig beurteilt und ihr einige seiner Hülfs- quellen verschwiegen haben.

Wie sich aus dem Bericht des Testamentsvollstreckers drüben ergab, hatte der Verstorbene mit einigen Kapitalien in Minen spekuliert und dort glückliche Chancen gehabt. Das ursprüng­liche Kapital hatte sich mindestens verdoppelt, und wenn die Erbin sich entschloß, etwas davon in dem Unternehmen zu lassen,. so warf das eine hohe Rente ab. Alles in allem war es eine hübsche Zubuße zu Villattes Einkommen, was der Kommer­zienrat diesem von Herzen gönnte. Es war nur ein rechtes Glück, daß Sylvia in diesem Zeitpunkt verlobt und bald unter der Obhut eines verständigen Gatten war, sonst wäre große Gefahr gewesen, daß Frau Stine Zernial das Geld in ihre Hände be­kam und es rasch in alle Winde streute.

Seiner Gattin hatte Zernial in dem Testament gar nicht Erwähnung getan, der Abschrift desselben, welche eingeschickt worden, waren aber die Briese und Papiere beigeschlossen, welche sich in des Verstorbenen Nachlaß befunden. Der junge Kauf­mann, welcher die Bestattung besorgt und alles drüben geordnet hatte, schrieb, daß Herr Zernial als Einsiedler und menschen­scheuer Hypochonder gelebt, fest er in Rosario ansässig gewesen, und in sehr erbitterter Gemütsstimmung gestorben sei.

Nur in seinen letzten Stunden habe er, wahrscheinlich schon in den Phantasien, welche dem Ende vvrangingen, viel Sehn­sucht nach seiner Tochter ausgesprochen und häufig Sylvias Namen gerufen.

Ter Kommerzienrat las Sylvia jetzt diesen Brief, die Schil­derung der letzten Momente ihres Vaters, vor. Sie hörte augen­scheinlich wenig daraus, sie sah fieberhaft erregt aus und er­faßte ihres Pflegevaters Arm, noch ehe er ganz geendet hatte.

Wie viel beträgt meine Erbschaft, Papa?"

Hm also das Geld ist dir die Hauptsache ich glaubte, wenn man so jung wäre wie du, hätte man noch ein paar senti­mentale Gefühle. Nun so weit cs sich übersehen läßt und wenn alles richtig ausgezahlt wird, ohne Abzüge wie man es sich da aus diesen südländischen Staaten mitunter zu ver­sehen hat und wenn du etwas Kapital drüben gegen hohe Rente stehen läßt wozu ich dir raten würde so kommen vielleicht sechstauiend Mark jährlicher Einkünfte heraus."

Sylvia atmete fast nicht mehr. Der Papa war so unsäglich schwerfällig und umständlich in feinen Auseinandersetzungen. Jetzt sank sie in ihren Stuhl, das Blut kreiste wild sechs­tausend Mark jährlicher EinkünfteGeld, Geld! Was sie gestern so brennend ersehnt hatte. Wie konnte jemand von ihr ver­langen, daß sie daneben noch einen anderen Gedanken fassen sollte!

Es schwirrte ihr nur so vor den Ohren, als der Vater sagte:

Du mußt die Briefe und Papiere aus dem väterlichen Nachlaß in Ruhe und mit Sammlung lesen, Sylvia, und allein. Es sind, glaube ich, auch Briefe der Mutter an den Vater darunter, dir hat er steroestd da» alles überwiesen, dir allein, da» mußt du achten. Er hat gewollt, daß du über sein Leben und seine inneren Gedanken etwas erfahren solltest, um dir selbst ein Urteil daraus zu bilden. Darum lies die Schrift­stücke allein. Selbst dein Verlobter, dein anderes Ich, wird wünschen, daß du des Sterbenden Wünsche buchstäblich erfüllst."

Sylvia nickte. Sie wußte nicht ganz genau, was der Vater gesagt hatce, aber sie empfand dunkel, daß sie das nicht inerten lassen dürfe.

Der Kommerzienrat sah ihr aber doch kopfschüttelnd nach, als sie das Zimmer verließ, und murmelte:

Sollte man es glauben, daß das Gerd solche Macht hat? Die denkt auch an nichts, als an ihre sechstausend Mark Einkünfte."

Sylvia ging wie eine Träumende in ihr Zimmer hinauf, setzte daun aber ihren Hut auf und lief zur Mutter, die einige Häuser entfernt wohnte. Das Paket Briefe, welche der Vater ihr eingehändigt hatte, warf sie achtlos auf ihren Toilettentisch.

Was würde die Mutter sagen was würde sie raten?

Frau Cölestine weinte und lachte in einem Atem. Welch eine wunderbare, große unerwartete Mär! Es sah kunterbunt aus bei ihr, verschiedene Schiebladen waren ausgekramt, reine und schmutzige Wäsche lag durcheinander auf den Stühlen und aus dem Fußboden, Decken, Kissen und Plaids auf der Chaise­longue verrieten die Gewohnheit der Bewohnerin, viel zu ruhen.