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luftigen Gemütern mag es Vorbehalten jein, sich auszudenken, welchen Laus die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts wohl genommen Hütte, wäre das hier geschil- derte Heiratsprojekt zur Ausführung gelangt, und wäre statt Eilgenie von Montijo, Caroline Wasa Kaisernr der Franzosen geworden. N. Bad. Ldsztg.
Sibirisches RachiidM.
Ein eignes Lied von der Müllerin wissen drei Auto- mobilfahrer zu singen, die inr vergangenen Sommer aus Anlaß der Wettfahrt „Peking-Paris inr Automobil" die ungeheure Strecke von 16 000 Kilometer in sechzig Tagen zrrrücklegten, die Mongolei und ganz Sibirien durchquerten und auf dieser raseuderr Flucht mit den Wüsten-, Steppen- und Waldbewohnern, besonders den sibirischen Muschiks, nianch aufregendes Abenteuer zu bestehen Hatter!. Schon diesseits der Wolga, hatten sie sich eines Tmss verspätet, die Nacht überraschte sie in der Einöde und völlig unkundig des Geländes waren sie mit dem Automobil au einer sumpfigen Stelle eingesunken. Der Besitzer des Wagens, Fürst Scipione Borghese, machte sich mit seinem Begleiter, dem Journalisten Barzini, auf die Suche nach Hilfe und entdeckte auch bald eine kleine Mühle, deren Bewohner, nach Nebernvindung des ersten Schreckens iiber die unheimlichen Gäste, für einige Rubel gern bereit waren, das Automobil aus dem Schlamm zu graben und als es darüber spät geworden, den Fremden Nachtquartier anboten, das auch dankbar angenommen wurde. Der unvernmtete Geivinn einiger Rubelstücke mußte natürlich sofort festlich vertan werden. Bald war aus dem nächsten Dorf eine ungeheure Flasche Wodka zur Stelle, ohne den es keine Lebensfreude für den Muschik gibt, und so entwickelte sich in der Mühle ein nächtliches Idyll, das Barzini mit töst- lichem Humor beschreibt: „Die blonden Männer tranken auf unser Wohl; sie stürzten das schreckliche Getränk gläser- weise hinunter, nachdem sie, das Mas in der .Hand, dreimal das Zeichen des Kreuzes gemacht und ein kurzes Gebet gesprochen hatten: ein heiliges Trankopfer. Me Franen saßen abseits und sahen schwermütig und schweigend zu. Schmutzige Kinder spielten in einer Ecke. Eine ewige Lampe brannte vor dem Bilde des Erlösers, das an der Wand der Jsba hing. Richt lange, so begann der Wodka seine Wirkung zu tun. Der Müller 'würbe sich bewußt, daß er uns liebe! Er betrachtete uns zärtlich, seine blauen Augen füllten sich mit Tränen der Rührung. Wie er uns liebte! Er fühlte das Bedürfnis, beständig zu wiederholen: „Ich liebe sie! Ich liebe sie!" Dabei umarmte er uns einen nach dem anderen und küßte uns zärtlich auf die Stirn. Seine Leute äußerten ihre Zustimmung; es sei recht und billig, uns zu lieben, man müsse uns lieben! Ihre tiefgefühlte Sympathie erstreckte sich auch auf unser Vaterland. Warum seien sie in ihrem Leben nie Italienern begegnet? Ein Volk Mun Anbetcu! Alle Segnungen des Himmels Würbest auf uns herabgerufen. Die junge Frau mit beit ernsten, beinahe schmerzlichen Zügen benutzte die zärtliche Rührung chres Mannes, um die Wodkaflasche fort- zunehmeu, ohne daß er es merkte, und sie in einer Ecke unter alten Lumpen zu verstecken.
Als wir erklärten, daß wir uns schlafen legen wollten, verließen alle das Zimmer. Die Manner blieben aber noch lange vor der Tür der Jsba und wir hörten sie stundenlang schwermütige slawische Lieder singen, die wie Gebete klangen. Als ihr Rausch unter dem Einfluß der Nachtkälte verflogen war, kehrten sie in die Mühle zurück, die bald ihr Geklapper wieder begann. Wir hatten uns auf den Fußboden ausgeftreckt. Ich konnte nicht schlafen; große Ratten liefen im Zimmer umher. Mit einem Male fühlte ich einen frischen Luftzug: die Tür öffnete sich ganz leise. Ich erhob mich auf dem Ellenbogen und strengte die Augen im Dunkel an. Durch die Türöffnung drang ein Lichtschein, in dem ich die Person erkennen oder doch erraten konnte, die sich so heimlich in unser Zimmer schlich: es war die junge Müllerin. Ich iah den Schimnter ihres langen weißen Hemdes. Horchend blieb sie auf der Schwelle stehen. Was wollte sie? Ich beobachtete sie mit gespannter Neugier. Als sie sich iiberzeugt hatte, daß alles still blieb, trat sie ein, barfuß und ohne das mindeste Geräusch; sie glich einem Schatten. Sicheren Schrittes ging sie auf einen Winkel 511 und beugte sich suchend vor. Es war die Stelle, an der sie — den Wodka versteckt hatte. An
dem leisen Klingen des Glases hörte ich, daß sie dis Flasche ergriff; ich sah, wie sie sie in die Höhe hob. Einen Augenblick später vernahm ich ein leises, langes, von Seufzern unterbrochenes Gurgeln — die brave Frau trank!" ___________
VevmrscHts«.
* Die kostbarsten Kleider der Welt. Die „T. R." schreibt über die glücklichen Besitzerinnen kostbarer Gewänder: An der Spitze steht die Königin von Siam mit ihrem Staatsmantel, den sie nur einmal im Jahre anlegr. Dieses seidene Kleidungsstück ist über und über reich mit Diamanten, Smaragden, Rubinen und Saphiren besetzt, der Wert der Edelsteine läßt sich mir ungefähr schätzen, übersteigt aber sicher 20 Mill. Mark. Eine der beiden Schwestern des Zaren, die Gattin des Großfürsten Alexander Michailowitsch, steht der siamesischen Herrscherin nicht viel nach, denn sie besitzt ein wundervolles Kleid in russischer Nationaltracht, das ebenfalls ganz mit Edelsteinen besetzt ist. Das Mieder und die dreispitzartige, niedliche Mütze bestehen eigentlich nur aus Kleinodien und sind daher so schwer, daß sie nur selten angelegt werden können. Hinter den Herrscherinnen wollen die amerikanischen Millionärinnen nicht znrück- stehen. Sie haben zwar ein nicht so kostbares Kleid, aber dafür viele, die sehr teuer sind. Ein Kleid der Fran Mackie z. B. kostet 200 000 SRI, denn die Dame, deren Gatte durch einen ausgedehnten Schweinehandel ungeheure Reichtümer gesanimelt hat, geht nicht anders als in den schönsten Brüsseler Spitzen und in echter Perlenstickerei. Zwei Brüsseler Schals, die sie als Aeberhang ans einem. Kleide verarbeitet hat, sind allein 100 000 Mark wert ober mehr als 200 mal ihr Gewicht in Gold. Eine russische Millionärin besitzt einen laugen Mantel aus Silberfuchs, dessen Wert nicht abzuschätzen ist; der Halskragen allein hat 12 000 Mk. gekostet. Einen einzigartigen Reichtum an Pelzen besitzt auch die Witwe des chinesischen Staatsmannes Li Hung Ehang, in deren Garderobe 500 Pelzroben der allerkostbarsten Art sich befinden. Den Millionärinnen suchen die Bühnensterne an ausgewählten Gewändern nicht nachzustehen. Die Schauspielerin Frau Langtrh trägt Anzüge, die aus Edelsteinen, Spitzen und Seide so verschwenderisch erfunben sind, daß sie nicht selten an Wert 200 000 Mk. übersteigen, und sie bringt es fertig, ihre Kleidung an einem Abend — sechsmal zu wechseln. Auch die Sängerin Melba trägt Schmuck an ihren Kleidern, deren Wert sich sogar bis ans eine Million beläuft. Von französischen Schauspielerinnen sind die „göttliche Sarah" und die Rtzjane ihrer kostspieligen Kleiderlannen wegen berühmt, wenngleich ihre Gewänder selten mehr als 20 000 Mk. kosten.
* E > u e c i g e n a rt i g « H e i r a t s a un 0 n r e. Im panuov. Cour, stndet sich nachstehendes Inserat: „Sehr vermögender Herr, vollständig unabhängig, in mittlerem Lebensalter, sucht LebenS- sährlin, Vermögen Nebensache. Suchender ist sein gebildet und ihin schweb! als Ideal für die zukünftige Gattin eine Frau, die in ihren üaupicharakterzügen der Komtesse Rixa des Fr. K.scheu Romans „Mutterschaft" ähuelk, vor. Solche Damen, die glauben, in ihrem Wesen genannter Figur zu ähneln, werden gebeten, aus'ührliche Schreiben unter . . . an . . . zu richten." Handelt cS sich hier um einen Scherz oder um eine raffinierte Reklame für den Roman oder um einen Genügsamen, der die Eigenschaft einer Romanheldin als hinreichend st'ir eine Lebensgefährtin ansieht? Für solche, die das Beifviel nachahmen wollen, können wir als geeignete .Figuren" die „Goldetie" oder die törichten Jungsranen" oder „die toste Komteß" ti!w. nennen. Auf dein Gebiete der Lustspiestiteratur ist die Auswahl noch größer.
* Ein Paradies für heiratslustige Mädchen scheint bas russische Dorf Pawlowo zu sein. In dem Stadtteil Orel erschienen nämlich zwei Bauern ans dem Dorfe Pawlowo im Gouvernement Woronesch mit ber Bitte, ihnen mitzuteilen ober auzugeben, wo man Mäbchen finden könnte, die geneigt wären, mit ihnen ins Dorf zurück- zukehren und bortjelvst zu heiraten. Nach ihrer Aussage ist int Dorfe Pawlowo ein solcher Mangel an Frauen, dasi aus etwa 25 Männer erst eine Frau kommt. Dieser Mangel an Hausfrauen macht sich empfindlich fühlbar. Die Leute zeigten als Beweis Schriftstücke vor, die von der Verwaltung bestätigt waren. Sie erzählten, daß man bereits einmal eine Anzahl Mädchen gebeten hatte, ins Dorf zu kommen; kaum waren sie angelangt, so waren sie auch schon vergriffen; sehen, lieben, werben, sich versprechen, zum Geistlichen gehen und dann nach Hause eilen — das alles war das Werk einer halben Stunde. Sie seien jetzt, erzählten die Leute treuherzig weiter, nach Orel gekommen, weil in ihrem Dorfe eine Bekanntmachung sei (wahrscheinlich statistische Daten über die Bevölkerung nach der letzten Volkszählung), daß es im Orelschen Gouvernement mehr Weiber als Männer gebe. Man wies die Leute aus dem Dorfe in die Strelezkoje Wolostverwattung.


