Ausgabe 
28.12.1907
 
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des Jahres ertönte sie, wenn dein alten Hanse Heil wider- sahren."

Die Gräfin schwieg und stumm saßeir auch die Kinder und Enkelkinder da.

Da nahnr die Frau üoit Altenstein, die Schwieger­tochter der alten Gräfin, das Wort und sagte:

Sankt Sylvester hat wahr gesprochen, denn zum letzten Male ertönte die Glocke, als bu dich mit Papa in der Syl- vesternacht verlobtest, Großmama . . . das war ein glück­liches Ereignis, das wir alle jetzt noch segnen."

Der Bann war gebrochen, und jubelnd umringten die Jungen die Großmutter.

Zur Erinnerung an dieses frohe Sylvesterereignis wollen wir unsere Gläser leeren," rief Graf Erich.Ja, aber" fuhr er erstaunt fort,die Bowle ist ja noch leer? Wollte Heinrika nicht dafür sorgen, da'tz sie wieder gefüllt würde? Wo ist Heinrika?" . . .

Und wo ist der Rittmeister?" rief des Grafen jüngstes Töchterlein, ein Backfischehen mit blonden Zöpfen.

Da lächelte die Großmama ihr geheimnisvolles Lächeln und sagte:Vielleicht wird es euch die Sylvesterglocke melden, wo die beiden stecken." ...

Aber das Wort verstarb ihr ans den Lippen und ihre Wangen erblaßten, als ein leiser, metallischer Ton die Luft durchschwirrte und durchsummte, der sich immer mehr ver­stärkte, immer mehr anschwoll bis zum herrlichen, vollen, ruhigen Geläute einer großen Glocke.

Die Sylvesterglocke!"

So kam es fragend, zweifelnd, furchtsam über aller Lippen und alle sahen sich mit erstaunten Augen an und die Wangen der jungen Danken und Kinder erbleichten bei dem Klang der gespenstischen Glocke.

Gebe Gott, daß ihr Geläute nur Glück und Heil, Freude und Friede für dieses Haus verkündige", sprach die alte Gräfin feierlich und faltete die Hände, nut geneigtem Haupte dasitzend und den vollen Glockentönen lauschend.

Wer hat sich diesen Scherz erlaubt?" fragte der Graf streng die erregt in den Saal tretenden Diener.

Hast du nicht den Befehl gegeben, die alte Glocke zu läuten, Erich?" fragte des Grafen Gemahlin erstaunt.

Nein ich habe an die Glocke überhaupt nicht gedacht . . . Miiller," wandte er sich an den alten Diener,wissen Sie klicht, wer sich diesen Scherz gemacht hat?"

Nein, Herr Graf . . . die Tür, welche vom Korridor in den turnt führt, ist festgeschlossen, wie ich mich überzeugt habe" . . .

Aber vorhin stand sie offen!" rief daS Kamntermüdchen. Als ich vorüberging, hörte ich ein Flüstern hinter der Tür Und sah eine weiße Gestalt. Ich blieb erschreckt stehen da schlug die Tür plötzlich mit lautem Krach Pt und ich lief »asch davon, denn ntir wurde angst" . . .

Dummes Zeug!" schalt der Graf.Wir wollen uns einmal überzeugen, iver sich diesen Spaß erlaubt hat. Wer kommt mit?"

Ich ich auch wir alle!"

lind hinter den! Grafen drängte sich jung und alt, ängst­liche Spannung auf den Gesichtern. Auch die Diener und Dienerinnen folgten und nur die alte Gräfin blieb in ihrem Lehnstuhl am Kantin sitzet!, schweigend lauschend dem Ge­läut, das noch immer machtvoll ertönte, daß es toeit hin über den Hof des Schlosses hinausscholl bi die Neujahrs­nacht.

Die Kutscher, Knechte, Mäade und Arbeitsleute sam­melten sich auf dem Hof und blickten erstaunt und erschreckt zu dem Mockenstuhl des Turmes empor, in dem sich die große Slocke langsam und feierlich hin- und herbewegte und ihre eherne Stimme erschallen ließ.

(Schluß folgt.)

Wie die Lönrgin ß rola von Sachseir französische Kaiserm wersen sollte.

Erst seit der Veröffentlichung der Lebenserinnerungen des Generals Grafen Fleury, des Adjutanten und Freun­des Napoleons III., ist es bekannt geworden, daß die Köni­gin Carola von Sachsen, die jetzt als der letzte Sproß des Hauses Wasa ins Grab gesunken ist, einst Kaiserin der Franzosen werden sollte. Fleury erzählt sehr anschau- ttch und lebendig, wie er dem Prinz-Präsidenten Louis Napoleon nach dem Staatsstreiche eines Tages vorstellte.

er müsse mit Rücksicht auf die bevorstehende Wiederauf- richtung des Kaiserreiches rechtzeitig Umschau nach einer Lebensgefährtin halten und dürfe diese Lebensgefährtin, zur.Befestigung seines Thrones, nur unter den heirats­fähigen Prinzessinnen der regierenden Familien Europas suchen. Napoleon hörte Fleury aufmerksam zu und ant- ioortete ihm durch die Mitteilung: er habe bereits Ver­handlungen mit seiner Tante, der Großherzogin-Witwe Stephanie von Baden (geborenen Beanharnais) wegen ihrer Enkelin der Prinzessin Caroline Wasa angeknüpft. Die Großherzogin Stephanie hatte aus ihrer Ehe mit dem Großherzog Karl von Baden drei Töchter, deren älteste 1830 den Prinzen Gustav Wasa, den Sohn des entthronten Königs Gustav IV. von Schweden, geheiratet hatte. Der Prinz Gustav Wasa stand in österreichischen Militärdiensten. Als weiteren Vermittler für diesen H e i r a t s - plan wählte Napoleon den Grvßherzog Lud­wig III. von Hessen, und als der Prinz-Präsident sich im Juni nach Straßburg und Baden begab, erhielt Fleury den Auftrag, nach Darmstadt zu reisen, wo er den Prinzen Wasa treffen würde. Als äußerer Borwand für diese, selbstverständlich streng geheim gehaltene Mission wurde die Neberbriugung des Großkrenzes der Ehrenlegion an den Großherzog gewählt.

Mit einem einführenden Briefe von der Großherzogin Stephanie traf Fleury nun in Darmstadt ein und fand beim Groß Herzog und beim Prinzen Wasa die freund­lichste Aufnahme. Er schildert nicht ohne Humor die Schwierigkeiten, die er hatte, um sich einen Mietwagen zu besorgen, der ihn nach dem Schlosse bringen sollte, und dann im Schlosse selbst jemanden zu finden, dem er seinen Auftrag verständlich machen konnte. Er sagt:Man hätte sich im Palaste des schlafenden Dornröschen glauben können. Schweigen und merkwürdige Ruhe herrschten in der grvßherzvgl. Residenz." Endlich erschien der Ober- Hofmeister, führte ihn zum Großherzog, Fleury übergab den Orden, dessen Band sich der Großherzog sofort umhing, und um 4 Uhr (eiue Stunde, die Fleury zu einem Aus- rufungszeichen des Entsetzens veranlaßt) ging es zur Hof­tafel. Das Tiner verlief höchst angenehm und der Groß­herzog überraschte den französischen Spezialgesandten durch seine genaue Kenntnis der französischen Armee, ihrer Einrichtungen, ihrer Kämpfe in Afrika. Um 6 Uhr übergab der Großherzog Fleury seine Antwort auf den Brief der Großherzogin Stephanie, nachdem er sich inzwischen mit dem Prinzen Wasa beraten hatte. Mündlich fügte er hin­zu:Danken Sie dem Präsidenten der Republik für die Ehre, die er mir durch die Verleihung seines Ordens er­wiesen hat, und sprechen Sie ihm mein ganzes Bedauern darüber aus, daß sein Vorhaben, dessen Verwirklichung ich lebhaft gewünscht hätte, nicht zur Erfüllung gelangen kann. Man hat sich damit zu spät beschäftigt." Daun blickte der Großherzog den Prinzen Wasa an, der zustiinmend mit dem Kopfe nickte, und fügte hinzu:Es bestehen be­reits fast bindende Abmachungen mit dem Kronprinzen vor! Sachsen, die sich nicht rückgängig mache» lassen."

Um Mitternacht desselben Tages war Fleury in Baden- Baden zurück und erstattete Napoleon Bericht von dem ergebnislosen Verlauf seiner Sendung. Napoleon zeigte nicht die mindeste Enttäuschung. Er machte eher bett Ein­druck eines Mannes, der sich seinem Gewissen gegenüber erleichtert fühlt, weil er eine unangenehme Pflicht erfüllt har. Fleury meint:Vielleicht hatte er sich auf die Ver­handlungen mit sekuer Tante schon von vornherein mit einem Hintergedanken eingelassen. Melleicht lockte auch den künftigen Kaiser die Aussicht nur wenig, gerade den Prinzen Wasa zum Schwiegervater zu erhalten, der in Bezug auf seine Mäßigkeit (sc. int Trinken) in einem sehr anfechtbaren Rufe stand."

Beides mag der Fall gewesen sein. Immerhin er­innern diese Schlußfolgerungen ein wenig an die Fabel vom Fuchs mit den zu sauren Trauben. Kombinations-