1907
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Ire 5 y veffer-Klocke. Neujahrs-Novelle von O. Elster.
(Nachdruck verboten.)
„Ja, Kinder, weshalb die große Glocke iit dem alten Turin unseres Schlosses die Sylvesterqlocke Heißt, will ich euch wohl erzählen, wenn ihr einmal' zehn Minuten still sein könnt," sagte die Grästir Heinrika Altenstein und blickte sich lächelnd in dem Kreis der Kinder und Enkel um, der sich zur Neujahrsseier um das älteste Mitglied der Familie Altenstein versammelt hatte.
„Ach ja, Großmama, bitte, bitte, erzählen, erzählen! Wir wollen auch mäuschenstill sein!"
So klang es von einem Dutzend frischer Lippen und man drängte sich näher um Lie alte Dame, die in einem hohen Lehnstuhl neben dem .Kamin saß und üt ihrem silberweißen Haar, dem schwarzen Spitzenmützchen, deren schwarze Bänder das Greisinnengesicht umrahmten, lvie die Verkörperung der Sagen und Märchen aus läugstverschollener Zeit aussah.
„Insbesondere bitte ich, meine liebe, kleine Heinrika, wohl acht zu geben," meinte sie mit einem kleinen, schelmischen Lächeln, „und auch unserem lieben Gast, dem Herrn Rittmeister von Melden — inan kann aus meiner kleinen Geschichte manches lernen."
Heinrika, die achtzehnjährige Enkelin der Gräfin, errötete nitb wandte sich eiligst von dem Rittmeister ab, mit dem sie m einem eifrigen Gespräch begriffen war.
„Ehe du deine Erzählung anfängst, Mama," sagte Graf Altenstein, der Vater Heinrikens, „müssen wir die Bowle noch einmal füllen."
Heinrika sprang auf. „Ich werde es besorge», Papa," rief sie und war verschwunden.
Draußen herrschte Neujahrswetter. Schnee bedeckte Wald und Feld itaib Schloß Altenstein mit seinem viel- hunbertjährigen Turm unb seinen Erkern unb Zinnen, mit seinen hellerleuchteten Fensterm, erhob sich wie ein Zauberschloß aus der winterlichen Pracht. Ein wolkenloser Him- inel wölbte sich über ifjin; blitzend und funkelnd leuchteten die Sterne und dimnten im Tal erglänzten die Lichter des kleinen Städtchens am Fuße des Schloßberges. Ein scharfer Ostwind umsauste hier oben das Schloß uild den alten Turm, fing sich in den Ecken und Winkeln unb heulte iit den Kaminen, um dann seufzend die langen Korridore und engen Treppen des Schlosses entlang zu schleichen.
Die richtige Sylvesternacht! Die richtige Nacht, um geniütlich um den Kamin zu sitzen bei einer dampfenden Bowle; die richtige Nacht, um alten Schauergeschichten, Sagen mib Märchen mit geheimem Gruseln zu lauschen und sich enger im Kreis um bas lodernde K'aminfeuev z u sa m m e nzuschli eß en.
„Ihr wißt," Hub die Gräfin an, „daß die große Glocke in dein fast tausendjährigen Turm die Sankt Sylvester- *
glocke heißt und schon lange, lauge Jahre nicht mehr geläutet wird. Oder hat einer von euch schon den Ton der Glocke gehört?"
„Nein, Großmama!" scholl es einmütig zurück.
„Ja, selbst die ältesten Leute eriuuern sich nicht mehr, ihren Ton gehört 51t haben. Nur ich, die ich nun schon achtzig Jahre alt bin, habe die Glocke gehört — aber das ist lange, lange her, Und diejenigen, die sie mit mir hörten, sind längst zur Ruhe eingegangen. Auch euer Großvater ist heintgegangeu, er hat die Glocke mich läuten hören, denn zum letzten Male läutete sie an dem Sylvester-Abend, an dem ich inich mit eurem Großvater verlobte."
„Ei, wie romantisch!"
„Ja, das sagt ihr wohl. Aber uns berührte' der Ton der Glocke doch sehr eigentümlich, denn wir kannten seine Bedeutung. —' Es war vor vielen, vielen Jahrhunderten, als ein Graf von Altenstein den Turm auf diesen Felsen baute. Er wollte den Bau bis zum Schluß des Jahres vollenden, aber der Winter setzte früh und hart ein und die Arbeitsleute konnten die schweren Steine den Berg nicht hinäufbringen. Da verschwor sich der Graf, er wollte den Turnr volletldeit und wenn er die Hülfe des Teufels anrufen sollte. Und in der Nacht erschien dem Grafen der Teufel tmd versprach ihm, den Turm fertigzustellen, wenn der Graf keine Glocke, bereit heiliger Ton dem Teufel verhaßt Ivar, auf deut Turm errichten lassen wollte. Der Graf verschwor sich, baß niemals auf dem Turm eine Glocke läuten sollte. Der Turm war fertig, aber als in der Sylvesternacht die Glocken der Kirchen unb Kapellen ringsum im Laube ihr frommes Geläut erschallen ließen, da 'fiel es dein Grafen schwer aufs .Herz, baß auf seinem Turin keine Glocke hing. Iit der Neujahrsnacht erschien ihm Sankt Sylvester im Traitm unb beutete mit vorwurfsvoller Miene zum schweigenden Turm hinauf. Da bereute der Graf sein dem Teufel gegebenes Versprechen und ließ einen Glockenstuhl und eilte Glocke auf dem Turm errichten, und als die Sylvesternacht wieder kam, da wollte er die Glocke zum ersten Male läuten lassen, doch wie die Diener auch an dein Strange zogen, kein Laut erschallte, die Glocke war stumm. Und wie der Graf selbst zum Turm hinaufstieg, da erschien ihm unter Blitz und Donner der Teufel und schrie ihm entgegen: „Die Glocke ivtrb nicht läuten, cs sei denn, daß dich ein Unglück trifft!" — In -liebel und Ranch verschwand der Böse, aber der Graf ergriff das Seil der Glocke und betete inbrünstig zu Sankt Sylvester, und mit einem Male erklang die Glocke in weihevollen Tönen, aber der Graf selbst sank sterbend nieder. Sankt Sylvester streckte segnend die Hand über ihm aus: Du hast deine Schuld gebüßt — die Glocke wird schweigen, damit dein Schwur erfüllt wird) sie wird nur reden in der letzten Stunde des Jahres, um ein glückliches Ereignis für dein Haus anznkündigen. Das sei deine Strafe und dein Lohn zugleich! — Der Heilige verschwand und die Glocke: tönte fort, bis der Graf verschieden war. — Seitdem hat die. Glocke geschwiegen, und nur in der letzten Stunde


