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lieber Sott, wie kalt Ihre Hand sich anfühlt. Sie müssen sich fleissig bewegen, mehr in bfe frische Luft gehen. Das liebe Gesichtchen ist ja schrecklich bleich. Früher glanzten Sie wie so'n Borsdorse. Tüpfelchen. Na, die roten Backen kommen' schon wieder also schön Wort halten!"
Auch mit dem Fnhrherrn tauschte er einen Händedruck.
„Sie wollen mich also nicht als verdächtig einlochen?" erkundigte sich Eilenburg, ihm durch den Hausgang das Geleite bis auf die Straße hinaus gebend.
„Wenigstens vorläufig noch nicht", ging Hansemann auf den scherzenden Ton ein. „Man weis, freilich nicht, was noch werden mag. Jedenfalls dürfte die Auffindung des Kutschers uns eine harte Knacknuss zum Raten aufgeben. Ein Gutes hat mein Besuch immer doch gezeigt. Meine Tochter wird sich herzlich freuen, bringe ich ihr unvermutet Kunde von der schmerzlich entbehrten Jugendfreundin."
Er winkte den Detektiv h-ran. „Ueberzcugen Sie sich gleich einmal von dem Befinden des alten Grajsnick. Herr Eilenburg 'wird Ihnen.die Wohnung zeigen lassen. Ich habe andere Geschäfte — Nokohl geht mit mir. Die Droschke im Schuppen hinten darf nicht außer Acht gelassen werden. Lassen Sie sich einen Schuhmann vom nächsten Revier komiuen."
Damit schritt er nach dem harrenden WageN. „Nach dem Leichenschauhause!" befahl er während des Einsijeigens dem Kutscher.
Schon an der nächsten Strassenecke änderte Hanscmann das Fahrziel indessen wieder und ließ sich nach der nächsten Reviev- wache fahren, nm von dem dortigen Polizeileutnant nähere Auskunft über Eilenburg einzuziehen. Sein bisher so jovial anmutendes Mienenspiel hatte dabei einem nachdenklichen Ernst Raum gegeben. Es mochten unerquickliche Gedanken gewesen sein, die sich eben hinter seiner hohen Stirn kreuzten. Fast blickte er besorgt, wie einer, der, wider Willen tief in ein sorglich gehütetes Geheimnis geblickt hat, das zum Licht zu bringen ihm nun unerfreuliche Pflicht geworden ist. „Ich wollte, ich hätte die junge Frau lieber gar nicht wieder getroffen — wenigstens so nicht!" brummte er endlich halblaut vor sich hin, indem er sich tiefer in die Wagenecke zurücklehnte „Sie gefällt mir nicht, die kleine Marie. . . sie ist nicht mehr, was sie war. . .was mag die Schuld daran tragen? . . ."
6. Kapitel.
Eilfertigen Schrittes war Detektiv Walden Nach Verlassen des Leichenschauhauses der düsteren Mauer entlang gefolgt, welche bis zum Neuen Tor führte. Dort kreuzte die Siraßeubahir- linie, deren Wagen ihn.direkt bis zum Hause 128 in der Turmstraße brachten. Walden hatte sich indessen in der Zwischenzeit augenscheinlich anders besonnen; er warf einen flüchtigen Orientierungsblick rückwärts, wie um sich davon zu überzeugen, daß feine Bewegungen auch nicht beobachtet würden. Dann, erleichtert aufatmend, schritt er behende auf den vordersten der in der Reihe harrenden Taxameterwagen zu und rannte dem eilfertig sich zur Abfahrt rüstenden Kutscher den Namen eines bekannten hiesigen Bankgeschäfts zu. Als sich dann das Fuhrwerk rasselnd in Bewegung setzte, lehnte sich Walden bequem in die Wagenkissen zurück, entzündete sich eine Zigarre, und blickte gleichgültig um sich auf das vielgestaltig/ Getriebe in. den Straßen.
Wer ihn näher beobachtet hätte, wäre wohl auf die Vermutung gekommen, daß die zur Schau getragene Blasiertheit nur äußerlich war, während das Hirn des Detektivs über irgend einem schwierigen Problem, dessen Lösung ihm nicht gelingen wollte, brütete.
Der. Aufenthalt im Banllokal loar Dort keiner langen Dau-w und beschränkte sich aus die Erhebung von 1000 Mark durch Walden.
„Damit ist Ihr Kvnto so ziemlich erschöpft," meinte der Bankkassier lächelnd, als er ihm den braunen Schein behändigte. >,Es stehen rund noch 200 Mark. Sie haben in letzter Zeit viel .abgehoben, Herr Walden."
Dieser nickte nur mit anscheinendem Gleichmut; draußen wies ser den Kutscher an. Nach einem nahegelegenen Passagier- und Fahrkartengeschäst zu fahren. Dort angelangt, hieß er den Kutscher wieder warten, während er sich in das Innere des geräumigen Ladens begab. Denk sich nach seinen Wünschen erkundigenden Angestellten eröffnete er die Absicht, Kajütenfahrkarten nach Newhork für eine Dame und deren beiden Kinder zu erstehen. „Wann geht der nächste Dampfer?" erfnnbigte er sich.
„Sag kommt au, die Linie an. Bremen expediert morgen, da sticht der große Kaiser in See."
„Und Hamburg?"
Der Verkäufer sah die Liste nach. „Nicht vor Donnerstag. Gestern abend 6 Uhr fuhr die „Columbia" ab."
„Dann also Bremen," entschied Walden. „Die Kinder sinh beide unter zehn Jahren."
„Also zwei Fahrkarten im Ganzen?" „Die Dame hat natürlich ihre Papiere in Ordnung?" erkundigte er sich. „Ausweise werden in allen deutschen Häfen verlangt."
Der Detektiv hatte schon mit dem Ausfällen des Fragebogens begonnen. Nun schaute er unangenehm überrascht auf. „Nein/ die Dame hat faunt Papiere zur Hand," meinte er gedehnt. „Sie muß Hals über Kopf reijen, da sie durch Kabel von der schweren Erkrankung ihres drüben weilenden Ehemannes benachrichtigt worden ist."
„Dann soll sie doch lieber über Rotterdam fahren. Die Holländer nehmen cs nicht so genau . . . und drüben braucht sie ohnehin keinen Ausweis. Sie muß nur etwa 60 bis 80 Dollars Bargeld mit sich sichren."
„Also Holland-Linie," entschied Walden. „Wann geht der Dampfer?"
„Auch morgen," antwortete der Gehilfe, nachdem er die Fahrpläne besehen hatte. „Da müßte sich die Dame freilich beeilen. Benützt sie den Mittagsschnellzug über Köln, so ist sie morgen gegen mittag in Rotterdam und hat bequem Anschluß an den Dampfer."
„Sie müßte also in drei Stunden abfahren," meinte Walden mit einem Blick auf die Taschenuhr. „Gut, wird gemacht."
(Fortset-ung folgt.)
Ans der Geschichte der Ludov'tciarra.
Nachdruck verboten.
IT. Tie medizinische Fakultät.
(Schluß.)
Einen weiteren wesentlichen Fortschritt bedeutete es, als 1811 der Fakultät jährlich 750 Gulden behufs Anlegung von Sammlungen überwiesen wurden. Zuerst wurden nach einem Umbau der Anatomie 1813 die Sammlungen für pathologische und vergleichende Anatomie vermehrt und neu geordnet. 1114 gelang es, die Lobsteinsche Sammlung chirurgischer und geburtshilflicher Instrumente und Bandageri zu erwerben, 1836 wurde das reichhaltige anatomische Mn- seum des, Geheimrates v. Sommerung in Frankfurt (bes. pathologische Präparate) airgekauft, 1847 kam die Troriepsche Sammlung, für Anatomie dazu. 1833 wurde an die Aerzte und Wundärzte des Landxs die st ittc um Ueberlassung geeigneter Objekte für die pathowg'che Sammlung gedichtet, die einen recht guten Erfolg hatte und deshalb im September 1811 wiederholt wurde.
Ganz modern mutet es uns an, daß bereits am 9. September 1815 Frau Regina Josepha v. Siebold zum Doktor der Geburtshilfe promoviert wurde. Ihr folgte unter Verteidigung vor: Thesen am 26. Mürz 1817 Frl. Charlotte Heiland und am 25. Mai 1847 Frau Therese Frei. Am 14. Oktober 1831 wurde Caroline Zimmermann aus Darmstadt für Arzneirunde und Geburtshilfe immatrikuliert. Ter modernen Frauenbewegung hat sich die Fakultät erst spät erschlossen. Ain 1. März 1900 wurden Hospitantinnen zuge- lassen, nnb erst vor wenig Wochen hat wieder als erste eine Taine hier promoviert.
Im Winter 1818 kündigte Nebel an: Grunbzüge der Psychologie mit Hinsicht auf Entstehung und Heilung von Krankheiten. Tas ist der Anfang der Psychiatrie an unserer Hochschule, die dann an Ritgen einen Pfleger fand, der seit 1841 über „Persönlichkeitskrankheiten" las. Schon im November 1838 fanden leider ergebnislose Verhau Zungen im Landtag über Errichtung eines psychiatrischen Hospitals ist Gießen statt, immer und immer kam man auf diese Forderung zurück, bis endlich 1895 eine Professur für Psychiatrie begründet wurde, und am 25. Februar 1896 die psychiatrische Klinik (seit 21. August 1905 umgetauft in Klinik für psychische und nervöse Krankheiten) eröffnet werden konnte.
Am 3. Februar 1835 erfolgte die erste Anstellung eines Assistenzarztes und zwar bei der chirurgischen Klinik. Anr 21. Februar 1837 wurden die bisher vereinigten Professuren der Chirurgie und Geburtshilfe getrennt, ebenso — allerdings erst am 1. April 1891 — Anatomie und Physiologie. 1843 wurde ein physiologisches, 1844 das pharmakologische Institut gegründet. 1872 wurde der erste selbständige Professor für pathologische Anatomie, 1877 der erste Ophthalmolog als Ordinarius berufen.
Ter Bau einer neuen Anatomie war 1845 begönnert worden, im Oktober 1849 erfolgte der Einzug in das neue Gebäude, in dem sie jetzt noch untergebracht ist. Tas war der


