508
witwe. Und so machte sie sich nachts auf und ging in ein Cafe. Die elegante Dame siel allgemein auf. Sie setzte sich an einen Tisch und begann git kokettieren. Ihre Nivalinnen von Profession waren entrüstet. Und trinken konnte die sittsame Dame. Fürchterlich! Eierkognak, Bier und diverse Schnapse, das ging nur so hinter die Binde. Und dabei bezahlte sie alles selbst. Keinen Herrn ließ sie in ihre holde Nahe. Dann gings in ein anderes Nachtcafs. Dort wurde dieselbe Komödie fortgesetzt. Dann begann sie plötzlich zu singen und zu pfeifen. Auch eine Zigarette dainpfte sie. Eine freche Person! Das sollte der arme Ehemann wissen! Wer weiß, wo der weilt und sich abmüht. Und die lustige Strohwitwe bummelte weiter. Das dritte, das vierte Nachtcafs! In das fünfte trat sie schon im Cancanschritt. Ist das eine freche Person l Und eine solche rümpft über andere die Nase? Ins sechste Cafe trat sie schwer bezecht. Wie eine so elegante Dame sich nur so beschwipsen kann! Jetzt raucht sie gar Zigarren! Einen Ganzen trinkt sie auf einen Zug! Und die frechen Gebärden! Na, da kommt zum Glück ein Schutzmann. Jawohl, so eine Person gehört auf die Wache! Auf die Wache mit ihr! Und sie wird zur Wache gebracht. Die freche Person lacht noch! Dort hochnotpeinliches Verhör. Aber wer beschreibt das Erstaunen der Anwesenden? Es stellt sich heraus, daß die Strohwitwe gar kein Wesen weiblichen Geschlechts ist, sondern ein Kaufmann aus der Provinz. Auch kein nlklustiger Jüngling ist er, sondern ein würdiger Herr in den Fünfzigern. Er war von seinem Strohwitwerglück so berauscht, daß er sich einmal in Leipzig einen rechten Jux machen wollte. Auch wollte er einmal „von wegen der Schwiegermutter^ Rache am weiblichen Geschlecht nehmen. Nun, beides ist ihm auch im vollsten Maße gelungen. Einen Jux hat er sich gemacht und das weibliche Geschlecht hat er auch in Mißkredit gebracht. Aber der hinkende Bote in Gestalt eines Strafmandats wird sicher noch nachkommen.
* Sch au spielerische Individualität- Im zweiten Augustheft des „Knnstwart" schreibt Adolf Wnrds, ein bekannter Dresdener Darsteller, einige bemerkenswerte «-ätze über schauspielerische Individualität nieder- Es möge von diesen Sentenzen das Nachsolgende hier stehen: Was versteht man unter schauspielerischer Individualität? Denkt man dabei an den Menschen an sich oder au seine künstlerischen Eigenschaften? Meist das letztere, obwohl in genialen Begabungen beides sich vereinigt finden kann- Selten ist der eigenartige besondere Schauspieler auch ein sonderbarer eigenartiger Mensch, wie es auch Schriftsteller und andere Künstler oft nicht sind, die enttäuschen, wenn man sie persönlich kennen lernt- Beim Schauspieler, sollte man meinen, dessen künstlerisches Material die eigene Person ist, müßte sie auch iM Leben interessant sein, wenn sie's auf der Bühne ist- Und doch sind Schauspieler, die im Leben, im Gespräch einen starken Persönlichkeitszug aufweisen, auf der Bühne oft ohne Eigenleben, und andere, die uns „draußen" simpel erscheinen, überraschen' uns int, Theater durch starke individuelle Ausgestaltung- — Ter Schauspieler, dessen Inneres verwandlungsfähig bleiben und auf das Klingelzeichen zur Verfügung stehen soll, braucht mehr als jeder andere Künstler die leichtbewegliche Phantasie des Kindes und behauptet sich nur, so lange sie ihm erhalten bleibt- Somit bestünde ein Widerspruch? Es ist keiner, denn nicht die abgeschlossene, ausgeprägte Persönlichkeit ergibt die starke schauspielerische Individualität, sondern im Gegenteil die fluktuierende, die in Bewegung befindliche, die noch nicht zur Ruhe gekommene- Daher erleben wir es wohl, daß Schauspieler beim Aelter- werden einrosten und erstarren, nicht weil ihre Mittel versagten, sondern ihre Phantasie sich verflüchtigt und die Per- sknst^4-ir „sich setzt". Tas Talent ist beim Schauspieler unter allen Umständen die Hauptsache- Aber cs kann Vorkommen, daß ihm die Atmosphäre fehlt, wie es Vorkommen kann, daß dem Talent die geeignete Persönlichkeit fehlt- Tas Talent kann auf das Heroische gerichtet sein und steckt in einer unansehnlichen Figur, oder umgekehrt, es kann im Genre seine Stärke finden, und eine große, wenig bewegliche Gestalt steht überall int Wege; das gleiche gilt von der Stimme- Tas Talent kann lyrisch sein, und den Ausdruck von zarten Empfindungen beeinträchtigt eine rauhe, knarrende Stimme, oder es kann stark im Charak- teriftischen fein, und ein klangvolles, sonores Organ unterbindet die Mannigfaltigkeit. Ohne die Errungenschaften unserer Tage, die Harmonie des sorgsam abgetönten Zusammenspieles, die stimmungsvolle Durchdringung des szenischen Schauplatzes! gering zu werten — es wird aM Ende doch die Persönlichkeit des Schauspielers sein und bleiben, der Reiz, den eine starke Individualität ausübt, was uns an einer Vorstellung als solcher dauernd zu fesseln vermag. Denn sie ist das natürlichste und
wirsiamste Sprachrohr der Dichtung, das Medium, dessen sich diese bebtent- Daher wird eine kluge Spielleitung ihre Hauptaush gäbe tn der Pflege der Individualität erblicken, 'sie wird sie an» wegen suchen und wird 'sie nur iM wirklichen Notfall ein»' dummen, nur dann, wenn sie den Rahmen der Dichtung zu sprengen droht-
* Was Deutschland an H nur nadeln Verb rau Hw Tre Frisur unserer Frauen toitb bekanntl.'iH durch Haar-f nadelu der verschiedensten Form züsammengehalten- Je voller! das Haar oder je künstlicher der aufgetimnte ^Locken- und Flechten- aufban ist, der die mehr oder weniger schönen Köpfe schmückte desto größer ist natürlich der Bedarf an Nadeln, und desto größer die Metallast, die die Trägerin des Kopfschmuckes mit sich hernm- zuschleppen hat- Tie Menge Eisen, die dazu jährlich verbraucht wird, wird leicht uirterschätzt- Die „Zeitschrift für Volksgesimd- heitspslege" von Tr- Liebe Mit nun eine Berechnung des Eifenverbrauchs an: Rechnen wir, daß von den 31 Millionen Frauen Deutschlands nur 20 Millionen Haarnadeln gebrauchen, und rechnen wir durchschnittlich nur 20 Stück — int wahrsten Sinne des Mortes' — auf den Kopf (die Zahl schwankt natürlich zwischen 5 und 55), dann ergibt das 400 Millionen Haarnadeln- Tas! Gewicht der einzelnen Nadel kann man auf ein Gramm heran», schlagen, folglich das Gewicht aller auf 400 000 Kilogramm, d- h. 8000 Zentner. ,Da von diesen durchschnittlich die Halste jährlich in Verlust gerät, so sind mindestens jedes Jahr 4000 Zentner Haarnadeln neu herzustellen. Doch dürften diese Zahlest noch hinter der Wirklichkeit zurückbleiben-
— Wilhelm Belsches B u ch über E r n st Häckel, das nicht nur das Leben und die Weltanschannng des berühmten Jenenser Philosophen in populär fesselnder, feinsinniger Form schildert, sondern auch eine glänzend geschriebene Darstellung der Darwinschen Lehren lind der sogenannten monistischen Weltanschaung enthält, ist soeben in einer billigen Volksansgabe erschienen. Trotz des stattlichen Bandes und sehr aparter Ausstattung ist der Preis vom Verlag (Hermann Seemann Nachfolger, Berlin NW 87) erstaunlich niedrig angesetzt worden, nämlich mit nur M. 1.— und wir wünschen deut interessanten Buch in seinem neuen schmucken Gewand die verdiente weiteste Verbreitung.
Goldene Worte.
Das nenn' ich einen Weisen: Nie die Wahrheit zu verhehlen, für sie alles a/nss Spiel zu setzen, Leib und Leben, Gut und Blut. Lessing.
*
Der Weise fragt nicht, ob man ihn auch ehrt. Nur er allein bestimmt sich seinen Wert. Seume.
Ukeis-Kätsel.
Nach langer Pause unterbreiten wir unseren Abonnenten wieder einmal ein Preisrätsel, diesmal in Form eines Rösselsprunges.
Rösselsprung.
wird
gend
trug
re
Kro-
ter
mit
niß
ge
schwe-
sie
In-
Wiir-
daß
benS
Al-
auf
dient
Bür-
des
ist
ne
Zeug-
hält
seins
lau-
von
zum
er
de
nes
Le-
ver-
den
Da-
de
nur
des
recht
durch
wer
sein
Loh-
Leben
gibt
sei-
' ge-
schö-
rech-
sie
und
Haupt
Halt
dem
da-
auf-
, alt
ne
ten
der
nein
noch
ein
geben
Richtige Lösungen werden bis zum 4. September entgegen genommen. Die voir uns ausgeworsenen drei Preise werden später bekannt gegeben werden.
Auflösung des Bilderrätsels in Nummer 125: Junge Schlemmer, alte Bettler.
Dedakti'on r-P--Wi t MotaliWZdruÄ und..Berlag der Br.A. 8 loschen Unmersitüts-Biickl- und, Steindruckeretz R., Lange, Gießen.-'


