Ausgabe 
28.8.1907
 
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Milder waltet als der dieser Maske sich bedienende Traum-, gott.

So mochte ich wenigstens glauben. Es hat in meinem Leben Zeiten gegeben, wo Ereignisse und Stimmungen das innere Auge an den letzten Grenzpfahl bannten. In diesen Zeiten habe ich während des Schlafes mehrfach den Tod erlitten. Nicht nur den körperlichen, sondern wenig­stens einmal auch den geistigen. Hiervon spreche ich zuerst. Mir träumte, ich sähe mich in meinem Schlaf­zimmer um und bemerkte Möbel, die ich vordem noch nie wahrgenommeu hatte. Schon das machte mich stutzig. Außerdem waren diese Möbel in einer eigentümlich schatten­haften Weise da: sie zeigten keine festen Umrisse und ver­schwanden zeitweise völlig. Da kam das geschah im Traum meine Frau herein. Als sie mich anschaute, wurde sie blaß, verzog das Gesicht wie zum Weinen und sagte: Wie siehst du denn aus? Was ist denn mit dir? Ich antwortete: Erschrick nicht ich glaube, ich bin wahn­sinnig geworden. Darauf zeigte ich ihr, was ich erblickte, und sie erklärte mir, was sich in Wirklichkeit an den Orten befand, d. h. in der geträumten Wirklichkeit. Bald bemerkte ich auch kleine, menschenähnliche, schwarze Wesen, von denen meute Frau nichts entdecken konnte. Eins davon sprang auf mich zu und biß mich in die linke Hand; der Schmerz war sehr heftig, und nur mit Mühe konnte ich das kleine Ungetüm abschütteln. Die Ueberlegung war keinen Augen­blick getrübt: ich dachte an die Ratten, die dem vom De­lirium tremens Befallenen erscheinen; ich beobachtete, daß die Hand unversehrt geblieben war, und schloß daraus, daß es sich um eine Halluzination handelte. Da mir trotzdem recht ängstlich zumute wurde, so eilte ich aus dem Zimmer. Aber ich kam nun nicht auf unfern Korridor, sondern auf einen sehr hohen und weiten Wandelgang. Sonderbare Menschen mit zum Teil ekelhaft entstellten Gesichtern gingen dort herum. Sie riefen mir zu, ich müßte die eine Hälfte der Tür zumachen und nur den anderen Flügel offen lassen, denn sonst würden die Teuselchen mir folgen. Wiederum bewährte sich die scheinbar nicht an­getastete .Vernunft: die Unsinnigkeit des Verlangens be­stimmte mich zur Weigerung, obwohl der Schwarm sich jetzt auf den Gang zu ergießen begann. Doch sogleich sagte ich zur Traumgestalt meiner Frau: Wenn ich diese Quälerei nicht mehr aushalten kann, so gib mir Gift; laß mich nur nicht in eine Anstalt bringen, die Wärter sind so roh. Dann endlich verschwand der Traum.

Als ich erwachte, schrieb ich sogleich den Inhalt des Traumes nieder, fast wörtlich so, wie er hier erzählt wurde. Es wurde mir klar, daß nur in einem Uebergangszustand solche Gespenster aufflattern worüber theoretische Er­örterungen an anderer Stelle stattfinden sollen, aber es gelang mir nicht, irgend einen Anlaß für diese beson­deren Gebilde herauszufinden. Bei den Träumen vom körperlichen Tod dagegen ist das Motiv in einem äußeren Reiz unschwer zu erkennen. Ich schildere diese Art von Träumen an drei Beispielen.

Mir war, als hätte ich mich, angewidert vom Leben und über alle Maßen ermüdet, in die Fluten gestürzt. Mit großer Geschwindigkeit sank ich, und ich fühlte, wie das Wasser dröhnend sich um mich schloß. 9htn ging der Traum manchmal in der Richtung fort, daß eine peinigende Atem­not eintrat und zum Erwachen führte, andere Male jedoch folgte das schöne, das erlösende Bewußtsein: jetzt sei es zu Ende, und zwar in Wahrheit, nicht bloß im Traum. Es liegt auf der Hand, daß derselbe körperliche Reiz in verschiedener Stärke die abweichende Gestaltung der Bilder hervorrief.

Vor Jahren hat sich mir öfter der folgende Traum wiederholt: Jemand stellt mir nach. Ich versuche ihm zu entfliehen. Doch allmählich entsagen die Füße den Dienst, immer matter iverden die eigenen Bewegungen, und immer schneller naht der Mörder. Jetzt hat er mich erreicht. Alle meine Glieder sind gelähmt. Nun zieht er einen Dolch und bohrt ihn mir in die linke Seite. Der

Schmerz kann schwer beschrieben werden. Er gleicht kaum' dem Schmerz bei einer wirklichen Schnittwunde: da über-, wiegt das Gefühl einer rauhen Oberfläche, die das knir-, schende Fleisch auseinanderreißt dieser Schmerz war vielmehr fein, spitz, gewissermaßen mit einem faulig-süß­lichen Beigeschmack, aber vor allen Dingen so stark, so. unerträglich, daß ich schließlich mein Bewußtsein verlor und glaubte, ich ginge zugrunde.

Eine Zeitlang träumte mir häufig, daß die Decke des Zimmers oder eine andere schwere Masse sich auf mich senkte und mit dem Zermalmen bedrohte. Die Qual be-- gann stets damit, daß ich zu erwachen vermeinte und nun hilflos mit den Händen die dunkle Last wegzustoßen mich mühte. Aber sie überwältigt mich; ich bemerke, wie ich ihr erliege und wie mir die Sinne schwinden. Da endlich erwache ich in Wahrheit. Meine Hände sind krampfhaft gegen die Wand gestemmt. Noch weiß ich nicht, daß es eine ungefährliche Wand ist, weiß nicht, wo ich mich be­finde; erst sehr allmählich komme ich zur Klarheit. Merk-, würdigerweise ist mir dieses Sterben immer nur in meinem eigenen Zimmer zuteil geworden.

lieber diese Traumerfahrungen spreche ich sehr ruhig, weil sie einige Jahre zurückliegen und inzwischen völlig ausgeblieben sind. Nichtsdestoweniger schließen sich auch heute noch mir beim Zurückdenken einige Betrachtungen an, denen ich damals nachhing. Warum, so fragte und frage ich, nimmt der Traumgott die einen so gütig auf, führt sie auf lachende Gefilde, zu lieben Freunden, durch fröhlich spannende Abenteuer hindurch, und warunt peinigt er die anderen? Ich selber darf über die verhältnis­mäßig wenigen Todesträume in einer kurzen Zeit der Ueberarbeitung keine Klage führen. Aber ich habe Kinder und Erwachsene kennen gelernt, die an solchen Träumen tropfenweise verblutet sind, deren geistige und leibliche Gesundheit mit immer erneuter und verschärfter Grausam-, keit so zerstört worden ist. Wehe den Unglücklichen, dis selbst im Schlaf von des Schicksals Hand getroffen werden!

Und wie ist es mit dem wirklichen Tod? Gute, edle Menschen müssen langsam dahinsterben, mit voller Ein-, sicht in die Unabwendbarkeit ihres Geschickes, mit ge-, steigerten: Bewußtsein aller gegenwärtigen und kommenden Qualen, während andere plötzlich fortgerissen werden ohne Krankheit, Schmerz und Sorge. Warum sind die Lose nicht anders verteilt? Weshalb kann nicht wenigstens in .Bor-, bereitung und Vollzug des Todes eine gewisse Gerechtig-i keit (ich sage nicht Gleichheit) herrschen? Wir schaudern, wenn wir von dem Erstickungstod einiger Unglücklichen bei Feuersbrünsten lesen; bedenken wir, daß viele Herzkranke diese Marter oft, recht oft erleiden. Was ist das ärgste einmalige Ende gegen den ungezählte Male sich wieder­holenden Halbtod? Der zum Tode verurteilte Verbrecher weiß, daß, falls ihm nicht bis zu einer bestimmten Stunde die Mitteilung wurde, eine Galgenfrist von vierundzwanzig Stunden ihm unter allen Umständen sicher ist der Schwerkranke jedoch wird immerfort, unaufhörlich vom Schwert des Todes bedroht.

Trotzdem scheint es mir, als ob das eigentliche Sterben uns keine Furcht einzuflößeu braucht. Schlimmer als das Sterben im Traum vermag es wohl nicht zu sein, und ein klareres Bewußtsein wird in den endgültig letzten Augen-, blicken des Lebens schwerlich vorhanden sein. Wer solche Träume gehabt hat, darf sich sagen: Ich weiß, was Sterben heißt; so scheue ich den Tod nicht mehr. Doch er wird innerlich hinzufügen: Möge das Ende kurz und gnädig sein. Nicht einem plötzlichen, unvorhergesehenen Tode will ich das Wort reden, denn es ist roh und sinnlos, ohne jede Ahnung des Geschehenden das Diesseits zu verlassen; nur gegen die Qualen des Kampfes richtet sich der Wunsch.

VermißeHSes.

Abenteuer einer Strohwitwe. Sie wollte sich auch einmal einen Jux leisten, die lustige Leipziger Stroh-