Ausgabe 
28.8.1907
 
Einzelbild herunterladen

^\AVV

WM

Kfroi.0 gl

^sssaiÄÄfiK:

<1

n

V! A

U

vf b

rl r-x;.

9

ll'l kL-..--#;

Steuermann Worringer.

Novelle von Luise Schulze-Brück.

(Nachdnick verboten.)

(Fortsetzung.)

Ein schreiendes Weinen weckte ihn aus seinent Brüten- Dem traurigen Zug entgegen Jom Gretas Mutter Vie Gasse hinunter mit stolpernden Schritten die Hände gerungen:Mei Kind, mei Greta, mei lieb Bubche!" Sie siel an der Trage nieder, deren Träger einen Augenblick innehielten.

Greta s Greta! Bischte ins Wasser gange, weil ich dich ßvrtgetriwwe hawwe? Greta, mach dei Aage uff! Komm bei mich, un wann mer alle drei verhungern misse! Ich stump dich uet meh fort, ich nannte dich uff, ich dhu der alles, wasde willst!"

Ein paar mitleidige Seelen hoben sie auf, trösteten sie: Es is jo net bot! Es war jo schon bei sich! Un 's- Kind, so Gott will, aach! To, der Worringer Hot se jo er ausgeholt! Alle drei!" Die Frau sah ihn mit den verschwollenen Augen scheu an:Der! Des is sei verfluchte Schuldigkeit! Ae hätt liewer solle sorge, daß es uet ins Wasser hätt gehe wolle-"

Awwer was redd ihr dann fier narrig Zeig! Es is jo gar net ins Wasser gange! Es hoi ja mit 'm Nache cniwwer fahre wolle nach Rüdesem! Da Georg hvt's jo eniwwer gefahre! Und do Hot sich der Rache leck geschlage!"

Ret ins Wasser gangen!" Die Frau sah erstaunt um sich

Tann hot's wolle bei sei Schwester nach Schierstein, weil ich's fortgetriwwe hawwe! Ich bin schuld, ich un da do!"

Verwunderte scheue Blicke trafen den Mann und die Frau- Dann gings weiter, die Tür des Hospitals stand schon offen, die Verunglückten wurden hin ein gebracht- Als Worringer ilmen nachgehen wollte, wehrte maus ihm- Nein, mit herein könne er nicht- Er müsse im Wartezimmer bleiben. Aber erst trockene Kleider anziehen. Jemand kam schon mit frisch gewaschenen Anstaltskleidern, trotz seines Sträubens wurde er frottiert, ge­rieben, umgekleidet, mußte Wein trinken- Und dann kant das Warten- O, diese Stunden, diese unendliche, unmeßbare Zeit, die jetzt hinschlich. Gretas Mutter saß in der anderen Ecke, so weit als möglich von ihm entfernt, jammernd, weittend, ihn und sich anklagend. Er fand nicht einmal die Kraft, sie schweigen zu heißen- Er dachte immer nur das gleiche, das eine. Schreckliche, gar nicht Auszudenkende. Und sah immer wieder das gleiche Bild, das sich feinen Sinnen förmlich einge­brannt hatte, den sinkenden Kahn mit den dreien betritt auf dem weiten Wasser- ,

Eine barmherzige Schwester öffnete die Tür des Zimmers- Die Frau stürzte iHv entgegen, sich schreiend an sie klammernd- .Steuermann Worringer stand bebend auf. Sie lächelte.

>,Der Kleine ist bei Besinnung," sagte sie froh

Und mei Fraa! Mei Fraa?"

Er stammelte es, keuchte es-

-Ihre Frau ist schon ganz bei sich gewesen! Aber sttzt ist fte wieder ohnmächtig., Dei Todesangst vorher!, der Schreck,

das alles hat sie sehr angegriffen- Aber das ist weiter nicht bedenklich"

Und der der Georg Hessemer?"

Mit trockener Kehle sagte er's-

Tie Nonne zuckten die Achseln:Die beiden Aerzte sind bei ihm- Aber verzweifeln Sie nicht. Es wird alles gut werden- Gott wird helfen. Beten Sie zu ihm. Gott wird Ihre" wackere Tat nicht unbelohnt lassen."

Steuermann Worringer sank aus den Stuhl zurück- Seine wackere Tat- Und Gott sollte sein Gebet hören! Er hatte freilich unfern Herrgott nicht zu oft belästigt mit Gebet- Sonn­tags in der Kirche, und wenn er in großer Not gewesen wav-

Seine Schwiegermutter war in der Zimmerecke niedergekniet, wo vor dem Muttergottesbild ein Lämpchen brannte, und betete halblaut:Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, o heilige Mutter Maria, verschmähe nicht unser Gebet in un­seren Nöten, sondern erlöse uns jederzeit aus aller Gefahr"

Er hätte gern mitgebetet, er faltete die Hände- Aber wie durfte er beten, er, der das auf dem Gewissen hatte!

Sein Bub war gerettet, ja! Aber das war keine Erleich­terung der Bergeslast auf seiner Seele- Wenn der Bub groß wurde und Verstand bekam und wüßte, was sein Vater getan hatte, dann würde er ihn hassen und verachten - . , Und seine Frau!

Die 9tonne öffnete wieder die Tür-

Wenn Sie jetzt kommen wollten, liebe Frau-"

Und ich," stammelte der Mann,ich?"

Tie 9ionne lächelte ein wenig verlegen-

Wenn Sie noch etwas warten wollten! Ihre Frau ist so­sehr erregt! Sie sie wünscht nur ihre Mutter- Nachher> sicherlich"

Ter Mann setzte sich stumm auf seinen Stuhl- Sie wollte ihn nicht sehen- Tie Strafe fing schon an! Alle wendeten sich von ihm- Jetzt schon, da noch niemand sein Verbrechen kannte- Aber wenn der Hessemer wieder zu sich kam, wenn er argwöhnisch wurde, wenn er überlegte, wie das nur kommen konnte, wie das Boot so schnell und schwer leck werden konnte, wenn der Verdacht auf ihn fiel

Er wischte sich den kalten Schweiß ab- Nein, er konnte nichts gemerkt haben- Als das' Wasser einzudringen Begann, da hatte er sicherlich keine Zeit gehabt, zu untersuchen, wie das nur geschehen konnte- Da hatte er nur verzweifelt ver­sucht, das Leck zu stopfen- Nein, keiner wußte etwas, er brauchte nichts zu fürchten-

Nichts als das eigene Gewissen, das jetzt schon so laut schrie und nie mehr schweigen würde- Nichts als das Schuldgefühl und den Abscheu vor sich selbst und das Bewußtsein, ein Mörder zu fein- Nein, kein Mörder, kein Mörder! Der Georg Hessemer mußte leben, mußte, mußte!

Eiu kräftiger Schritt kant über den Gang, die,Tür ging auf. Da stand der Dokwr ganz blaß, ganz erschöpft, aber zu­frieden nickend.

Na, Worringer, ein schweres Stück wars, aber!vir habens geschafft."