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Artikel nicht nahmen, oder nicht vollgültig bezahlten, und die rr dann in grimmem Haß mit seiner Feder bekämpfte.
„Ha! Roderich! Bruder in Apoll, guten Abend! Sieh da — da brennt's mir am Herzen, Wonne und Zagen ob deines Opns, das du uns heut vortragen willst. Großartig ist's natürlich, großartig wie du selbst bist vom Wirbel bis zur Zehe, aber — aber — na, du weißt es, man zittert ja doch ob des Erfolges in einer so dummen, so albernen, von Hohlköpfen bevölkerten Welt, wie die unsere."
Der Hüne schüttelte Roderich die Hände, daß die Gelenke krachten, verbeugte sich dann linkisch vor der Wirtin, mtb zog sich mit seiner struppigen Mähne einstweilen in einen Winkel zurück, beit er dann später verließ, um rechtzeitig zu klatschen oder zu brüllen, je nach Bedarf.
Man gruppierte sich — auf die Gräfin Wolferding konnte mau nicht warten, sie hatte sich das entschieden verbeten, da sie, ihren Besuch zwischen zlvei Hoffeste einschiebend, ihre Zeit nicht bestiinmt feststellen konnte, Paul Hendrichs war auch ein unpräziser Gast, und Badenstedt — ja, mit Gewißheit war auf den nie zu rechnen. Also, es würde beschlossen, zu beginnen.
Zuerst wünschte die Dame des Hauses eine Ode vorzutragen, eine alttcstamentliche Ode von „den Tränenweiden an den Wassern Babylons".
Es !var ein Pult für sie und Roderich — die beiden beute abend Vortragenden — hergericktet, auf einer erhöhten Estrade, eine mit Rosaschirm versehene Lampe verbreitete dort magisches Licht. Elisabeth Spies, eine Nichte der Hausfrau, bediente die angebetete Tante, reichte ihr die große, aus einem türkischen Schal gefertigte Tasche, welche in unverfänglicher Umhüllung die teuren Manuskripte enthielt.
Diese allen näheren Freunden wohlbekannte Schaltasche begleitete die Dame überall hin, verriet nichts durch ihr harmloses Ausfeheu asts nützliches Kleidungsstück und befähigte doch ihre Trägerin, von ihren Gaben mrtzuteilen, wo Bitten sich dafür erhoben.
Elisabeth mischte die Limonade und ihre Hände zitterten.
„Ach! Tantchen, es ist so rührend, so ergreifend schön, id; empfinde schon im Voraus die Schauer des Erhabenen." In der Nichte Augen glänzten Tränen.
„Du kleines, junges, bewegliches Ding!" Frau Klopp-Weng- stern tätschelte die Wange des Mädchens, „ja — bei der Jugend, bei der Jugend, die noch ihre Ideale hat, finden wir uns am besten verstanden."
Die Jugend und die Ideale Fräulein Elisabeths ließen sich von einem nüchternen Standpunkt aus vielleicht anfechteu, die dreißig waren sicher überschritten, und in den Augen flackerte mitunter so etwas Unruhiges und Unstätes, als ob die Ideale am Verglimmen seien.
Jetzt aber räusperte sich die Dichterin und begann; sie war nicht Sächsin, sondern Ostpreußin und hatte die breite Aussprache ihrer Provinz, die paßte nicht zu dem Pathos des rragischen Stoffes. Ja, da sie den Dialekt in ausgeprägtem Maße sprach, so fiel der ganze Vortrag etwas ins Komische, mochte man von dem Gedankeninhalt und rhythmischen Schwünge des Versmaßes halten, was man wollte.
Feierliche Stille herrschte einen Augenblick, nachdem sie geendet, dann brach >u>nemgedümmte Beifallsfalve los.
(Fortsetzung folgt.)
Kus der Jugendzeit
Erinnerungen eines alten Gießeners.
Aus der Gymnasial- und Studentenzeit.
I.
Ich bin in Gießen 1835 geboren. Mein Vater war damals Nat am dortigen Hofgericht und blieb es 35 Jahre (weil er als alter Burschenschafter ein steifes Rückgrat behalten harte). Ich selbst
*) Die bevorstehende Jubelfeier der Hess. Landes- Universitär und des Gießener Gymnasiums veranlaßten uns, einen alten Gieße nerBurschenschafter, der zuvor das Hi.sge Gymnasium besuchte, aufzuford'rn, s ine Erinnerungen aus der Schul- und Universitätszeit für die „Gieß. Fam.-Bl." nieoer- Kuschreiben. Wir hatten die Freude, daß unserer Aufforderung freundliche Folge geleistet wurde, und so sind wir denn in der Lage, eine Serie von Artikeln unseren Lesern darzubieten, die einen schätzbaren Beitrag liefern zur jüngsten Geschichte nicht nur unserer beiden obersten Bildungsanstalten, sondern auch unserer Stadt. Sie werden, davon sind wir überzeugt, weit über Gießen hinaus, in ganz Oberhesfen, ja im gesamten Großherzogtnm Beachtung finden. — Aehnliche Beiträge von kürzerer Fassung würden Nns ebenso willkommen sein.
D. Red. des „Gieß. Anz."
war 67 Jahre in Gießen. Dies ist meine Legitimation als alter Gießener. Als ich mit sieben Jahren als Schüler der zweiten Vorbereitungsklasse des Gymnasiums eintrat, befand sich das letztere in dem später Burkhardtschen Hause, Ecke Sonnen- st r a ß e und Neuen Baue.. Die Schulräume waren niedrig und düster, auch nicht sehr geräumig. Es wurde daher ein neues G y m n asialgebäudeam Brand errichtet, das jetzige, neuerdings umgebante Kreis amt. Die Einweihung fand im Herbst 1842 statt. Am Nachmittag der Einweihungsfeier zog das ganze Gymnasium aus den Schiffenberg, wo es recht fröhlich hergegangen sein soll.
Noch in die Zeit des alten Gymnasiums fiel der große Brand in Steinbach. Mein Vater hatte mich dorthin mitgenommen. Wir kamen spät nach Hause und ich träumte ein halbes Jahr lang jede Nacht von Brand und Brand!
Wir hatten in der Vvrbereitungsklasse zwei sehr liebe Lehrer, die Kandidaten Diehl und Koch (der leider früh starb). Ich lernte sehr eifrig und erhielt zu Ostern 1843 ein Prämium, Hauffs Märchen, hellgrün eingebunden, tote alle Prämien, das mir von meinem Großvater einen Kronentaler (2 fl. 42 Er.) eintrug.
Natürlich strebte ich itach einer gleichen Würdigung meiner Verdienste in der ersten Vorbereituttgsklasse, erwartete solche ganz bestimmt, und meine Tränen flössen reichlich, als trotz sehr guter Zensur das Prämium und folgeweise auch der Kroneutaler ausblieb.
Dieser Fehlschlag meiner Hoffnungen übte einen recht schlimmen Einfluß auf meine Weiterentwickelung aus. Mit dem Wegfall des (pädagogisch unrichtigen und deshalb auch später verworfenen) Antriebes verminderten sich Fleiß und Eifer. Dazu war die Persönlichkeit des Klassenführers der Sexta, Herrn Dr. H., in keiner Weise danach angetan, bei den Schülern Lust und Liebe zur Arbeit zu erwecken und zu steigern. Au die Stelle der Güte und des Wohlwollens der Lehrer bet Vorbereitungsklassen trat Spott und Härte, manchmal eine geradezu grausame körperliche Züchtigung bei verhältnismäßig geringfügigett Vergehen. Ich habe niemals ein ansmuuterndes, wohlwollendes Wort von ihm gehört. Er war infolgedessen bei den Schülern gründlich unbeliebt. Wie weit dies ging, ist daraus zu entnehmen, daß Dr. H. mehrfach von Schülern zur Feier ihres Abgangs aus dem Gymnasium die Fenster eingeworfen bekam.
Ich für meine Person war seht froh, als ich den Herrn durch meiste Versetzung nach Quinta zunächst los wurde. Er meinte zwar bei meiner Versetzung: „Na, schwarze Seele, es wäre besser für dich, wenn du noch ein Jahr bei mir bliebest." Obwohl sich der Klassenführer, Dr. Heinrich Rumpf, alle Mühe mit mir gab, obwohl er mich, wie alle seine Schüler, mit wohltuender Freundlichkeit behandelte, (andererseits auch keinen Unfug duldete), kam ich nicht vorwärts. Mein Vater hatte auch keine Zeit, sich viel um mich zu bekümmern. Er stand damals mitten in der deutsch- katholischen Bewegung, wie sie durch Rouge hervorgerufen. Seine freie Zeit war der Veröffentlichung verschiedener Streitschriften y eroibmet Ich mußte daher der Quinta ein zweites Jahr widmen.
Ich wurde zwar zu Ostern 1847 nach Quarta versetzt. In der Person des neuen Klassenführers, eines Dr. L., verlor ich den Halt, den ick in dem Wohlwollen des Herrn Dr. • Rumpf und an dem Respekt vor ihm gehabt hatte.
Dr. L. war ein sehr unsympathischer Mensch und Lehrer, wenn auch in anderer Weise wie Dr. H. Er hatte ein unangenehmes Aeußere; lang und dürr mit verlebtem Gesicht, eingefallener Schläfe, dünnem Haare, spitzer Nase, erschien er wie die Ruine eines Menschen. Es war kein Blut in ihm und es ekelte mir, wenn er mir mit feinen langen knöchernen Fingern auf hackte, was er mit Vorliebe tat. Ekelhast war auch der unangenehme Dust, der von ihm ausging und der ihm einen sehr wenig parlamentarischen Spitznamen verschaffte. Dazu eine dünne, unklare Stimme, die nicht aus der Kehle zu ivollen schien und eine Sprachfarbe, die alle a- und o-Laute nach dem- u klingen ließen. „Nu, du hust ju wieder dea Cusur nicht präparirt, du gehst zwui Stunden in den Kutzer." Nun hatten wir außer Latein auch Deutsch Bei ihm. Ich sollte ein Gedicht lernen, mußte es erst vorlesen, und da ihm das nicht gefiel, las er es selbst als Muster vor.
Hurch Muatter drußen pucht es, geh luß ben Munn Hern in, es wuird ein müder Pilger, der sich verirrte suin. Grüß Gutt du schmucker Krieger, nimm Plutz an unserem Tisch, der Trunk ist klur und Helle, das Brod ist wuiß und frisch. (Langsam mit erhobener Stimme:) Es ist nicht Trunk nuch Spuise, wonach es Not mir tut, duch su ihr suid Huns lliler, so will' ich ui er Blut. 1
Bei den letzten Worten, die er heraus schrie, schnappte ihm die Stimme über. Nun mußte ich schon während des Lesens das Lachen verbeißen, und meinen Nachbarn ging es gerade so. Wie ihm aber die ohnehin dünne Ssimme in die Fistel ging, da war kein Halten mehr. Ich platzte heraus und die ganze Quarta fiel mit harmonischem Gelächter ein. Dr. L. hatte sonst keinen Blutstropfen im Gesicht. Da bekam er aber doch enteil roten Kopf. Als sich die Klasse ein wenig beruhigt hatte, schrie er wütend: „K. du gühst vier Stunden in den Kutzer und die ■ 1 M-rzc Klnsie,zwui.!/


