Ausgabe 
28.3.1907
 
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1807

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Dem Irrlicht nach.

Rom.au do« Alexander RSmsr.

Nachdruck vtzrösleÄ (Fortsetzung.)

Während dieses kleinen, neckischen Geplänkels zwischen Vater ttnb Tochter schaute Doktor Villatte angelegentlich auf seinen Teller, und beachtete sogar Sylvias Manöver, welche seine Auf­merksamkeit fesseln sollten, nicht. Als er dann endlich aufblickte, trafen seine Augen gerade m Sie Ernas, und sie erschraken beide und wendeten die Blicke rasch wieder voneinander ab. Syl­via bemerkte es und s ah ganz verblüfft drein. Trieb Erna Ko­ketterien mit dem Doktor? Sie hatte eigentlich gemeint, Villatte, der so hübsch lustig sein konnte, wenn sie sich mit ihm neckte, und der auf alle ihre Torheiten und Einfälle einzugehen pflegte, lang­weile sich bei seinen ernsthaften, gelehrten Gesprächen mit Erna. Er nahm nur Rücksichten auf die Tochter des Hauses. Dieser Abend brachte ihr viele Rätsel.

2. Kapitel.

Unterdessen bewegte sich Roderich unter einer Hochflut wechseln­der Empfindungen anderer Art, nichts ahnend von den neuesten Ereignissen im Elternhause, im Salon der Frau Klovp-Wengstern. Es ging dort heute abend besonders lebhaft zu. Die Dame deS Hauses, zu deren Günstlingen sich Roderich zählen durfte, )atte ihnr gleich bei seinem Eintritt vertraut, daß die Gräfin Wolfer- ding, Gemahlin eines schlesischen Magnaten, ihr ihren Besuch zugesagt. Sic hatte versprochen, nach dem Diner beim Grasen Luckner, ehe sie sich zum Tee nach Pillnitz, wo der Hof jetzt residierte, begab, ein Stündchen vorznsprechen.

Frau Klopp-Weugstern schwärmte für die Gräfin Wolkerding, welche sie in einem Bade kennen gelernt, und der sie seitdem in ihrem Teil allerlei Ausmcrksamkeiten und Liebesbeweise hatte zukommen lassen. Sie hatte ihr erst kürzlich eine bedeutende Summe geschickt zur Gründung eines Siechenhauses aus ihren Gütern, begleitet von einem Band ihrer Gedichte, und die vor­nehme Dame nahm das mit einer so bezaubernden Liebenswürdig­keit an.

Sie sollen sie kennen lernen, Walldorf, Sie vor allen werde ich ihr vorstellen. Sie, mein Heißsporn, mein junger, feuriger Aar", sagte die erregte Dame und drückte vertraulich seine Hände. Die mit Perlenschnüren umwundene Sammettoque ein male­rischer, altmodischer Kopfputz, aber Frau Klopp-Wengstern liebte das Altertümliche wackelte auf ihrem schwarzen, glatt geschei­telten Haar, die Perlenquasten bewegten sich stürmisch. Ein Schal aus persischem Stoff legte sich ihr quer über Schultern und Brust, gleich einer Adjutantenschärpe, und bildete den Schmuck für das einfache, aber schwere schwarze Seidenkleid.

Roderich behielt seine kühle, überlegene Miene bei, das war bei ihm Prinzipsache, sie kleidete ihn und wirkte.

Sie sind heute so persisch, meine Gnädige", sagte er lächelnd, »,immer apart, aber immer genial, immer schön."

St.! St." machte die Dame und hob mit gezierter Bewegung ben Zeigefinger,dem Dichter der Myrza-Schaffylieder zu Ehren auch er kommt heute."

Ja, es wurde eine erlauchte Versammlung.

Und dann erwarte ich noch einen, den Sie auch kennen.. ' Walldorf, einen Schulfreuno von Ihnen, unfern Pariser Be» rclytrrftarter, Herrn Paul Hendricks."

Rodercchs Stirn zog sich zusammen, als ob er erst Nachdenken müsse, und der Name ihm nicht erinnerlich sei.Paul Hen- drichs", widerholte er gedehnt,ach so! Ja der Sohn des jüdischen Bankiers."

Ja, er ist von jüdischer Abkunft, aber schon seine Eltern ließen sich iaufun", beeilte die Dame sich zu versichern,und, mein Gott! Sie müssen rhn doch kennen, er verkehrte ja in Ihrem Hause, hatte, wenn ich nicht irre, einmal ein großes tendre für Ihre kleine Pflegeschwester Sylvia, das süße Geschöpf. Ach! ich sehe ihn noch auf einem Kinderball bei Ihnen mit ihr herumwirbeln sie tanzte wie eine Elfe, das entzückende, kleine Ding."

Run ftcilick kenne ich ihn", gab Roderich zu,man vergißt nur die Menschen, tvenn sie einem lange Jahre nicht vor die Augen kommen."

Aber Sie haben doch seine Pariser Briefe gelesen, in der Nationalzeitung, mitunter auch in unseren Blättern. Robert Waldmüller sagt mir, sie seien über die Maßen geistvoll und pikant."

Roderich zuckte die Achseln.Man kann nicht alles lesens meinte er.

Hendrichs kommt direkt von Paris, geht auch dahin zurück" plauderte die Dame weiter,er lebt da in sehr exflusiven Kreisen, mitten unter bedeutenden Geistern. Turgenjew ist sein Freund, seine musikalischen Kenntnisse haben ihn mit Goldmark, Saint-Saöns in Beziehungen gebracht, seine Musikkritiken werden anerkannt und gerühmt. Hatten Sie nicht auch die Absicht, nach Paris zu gehen?"

Freilich, ich denke in nächster Zeit den Plan zur Ans- führung zu bringen."

Roderichs Mienen waren nachdenklich geworden. Die Er­wähnung des jüdischen Schulfreundes hatte ihn zu Anfang wenig angemutet, die Persönlichkeit desselben war ihm keinen Augen­blick aus dem Gedächtnis entschwunden. Eigentlich hatte er sich immer über dendreisten Judenjimgen" so nannte er ihn damals geärgert. Auf der Schulbank überflügelte er alle, sein blitzschnelles Erfassen, sein enormes Gedächtnis, sein durch­dringender Verstand gaben ihm eine Neberlegenheit in der Klasse, die Roderichs Neid von jeher aufstachelte. Auch seiner Schwärmerei für Sylvia erinnerte er sich noch bah! Das hatte nicht lange gedauert und öic Kleine hatte nie Notiz davon genommen. Aber wenn der Paul jetzt in Paris so fest int Sattel saß, gerade in den Kreisen, wo er auch Terrain gewinnen mußte, bann lohnte sich's wohl, daß man Notiz von ihm nahm.

Der Salon füllte sich jetzt. Lauter bekannte Gesichter, der enge Kreis den treu Verschworenen. Da war Wolfgang Kirsch, der ungeschlachte Hüne mit dem roten Gesicht und dem stroh­gelben Haar und Bart, Roderichs eiftigster Anhänger.

Er war ein armer Schlucker und lag in beständiger Fehde mit den Leitern verschiedener Taaesblätter, welche entweder sei»