Ausgabe 
28.1.1907
 
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Ich mag keine anderen Götter neben mit/ Indem sie es dachte, wandte sie ihr schönes, kindliches Gesicht ihrem nach­denklich blickenden Begleiter zu und fragte neckisch:

Nanu, Herr Hauptmann, ich habe wohl eine empfind­liche Stelle in Ihrem Herzen berührt, womöglich einem Rivalen meines Onkels Wünsche und Aussichten anvertraut? Hat Marga Ihnen auch so sehr gut gefallen?"

Er zögerte sekundenlang, dann flog ein schönes Lächeln über sein treuherziges Gesicht.

Offenheit gegen Offenheit, Frau Hanna!" sagte er warm,erst im Moment mürbe mirs klar, daß Baroneß Tressenberg mir so gut gefallen hat, wie mir eben überhaupt noch eine zweite Frau gefallen kann."

Hannas Hand am Zügel zuckte leicht, ihr ctivas empsind- liches Pferd begann unruhig zu tänzeln und verfiel dann in leichten Trab. Sie hatten soeben die letzten Häuser der Stadt hinter sich gelassen und sahen an deni Mauthause der Chaussee bereits die übrige Gesellschast auf sie warten.

Erzählen Sie mir doch noch schnell, wer denil die Erste war, die Ihnen den Geschmack an allen anderen Frauen ver­dorben hat?" forschte die junge, Frau, ihr Pferd dem seinen näherdrängend.

Jeder andere hätte aus der Situation seinen Vorteil gezogen, Walter v. Poseck aber erschrak schon allein über die Worte, welche erregt über seine Lippen kamen:Erlassen Sie mir lieber die Antivort, verehrte Frau HannaI" in dem Ge­danken, damit das Kindergemüt der ahnungslosen Frau be­unruhigt zu haben.

Hanna hatte die Wimpern gesenkt, nicht um ihre Ver­legenheit, sondern um das triumphierende Aufblitzen ihrer Augen zu verschleiern. Er hielt den Ausdruck ihres Gesichts für liebliche Befangenheit und sein Herz quoll über vor Zärt­lichkeit. Er hing ja an ihr mit der vergötternden Liebe, die mancher Bruder für seine schöne junge Schwester hegt. Und gleich einer solchen hütete er sie. Er kannte ja gut genug die verwerfliche Moral seiner Kreise. Er wußte, wie viele darauf rechneten, daß die schöne Landrätin sich nicht genügen lassen würde am Alltagsglück der Ehe, sondern den Tag schon sahen, an dem sie nicht mehr so standhaft alle Huldigungen, jedes heiße Begehren abwehrte.

Den dicken Eppen, der ihnen als erster begrüßend ent­gegenritt, fürchtete er für Hanna am meisten. Seine Unter­haltung strotzte meist von gewagten Anzüglichkeiten, die von der jungen Frau geschickt pariert wurden. Waren dritte dabei, so behielt sie ihre vornehme Reserve, die besonders auf Walter von Poseck stets so beruhigend wirkte, daß er leichten Herzens sein Hüteramt für eine Weile im Stich ließ. In Wahrheit kokettierte sie rasend mit dein dicken Ritt­meister.

Er wußte nie, woran er mit ihr war. Manchmal ging sie bereitwillig auf den freiesten Unterhaltungston ein, sah ihn an, daß ihm ganz schwül wurde unter dem Attila dann wieder heuchelte sie größte Gleichgiltigkeit, verstand nichts oder wollte nichts verstehen und hatte einen Blick in den grünen Augen, den verschleierten Blick des Kindes, das noch nichts vom Leben ahnt. Dann stand er völlig entwaffnet da. Oft schon hatte er es aufgegeben, das schöne Rätsel zu lösen, aber wenn beim nächsten Wiedersehen unter den langen dunklen Wimpern das faszinierende Licht der großen Pupillen so verheißungsvoll zu ihm hinflimmerte, war er ihrem Bannkreis von neuem verfallen.

Hanna hatte viel Spaß mit ihm. Sie fand ihn im Grunde genommen scheußlich, aber seine brutal zur Schau getragene Leidenschaft reizte sie. So verdorben war sie be­reits. Sie stachelte sein Begehren durch ihre Koketterien bis zur Raserei, und sing er von seiner Leidenschaft zu sprechen an, so lachte sie ihn aus.

Sie machte sich überhaupt immer lustig über ihn. Und so reizend tat sie's, daß er selbst mitlachen mußte über irgend eine seiner Schwächen. Man mußte ihr eben alles ver­zeihen, es war gar nicht anders möglich ihr Liebreiz unterjochte alles.

Auch Joachim v. Tressenberg gestand sich das wieder,

als er sie an Posecks Seite herankommen sah. Sie ritt eine Rappstute von ungewöhnlich zierlichem Bau, wie geschaffen für ihre zarte, geschmeidige Gestalt, die in dem schwarzen Reitkleide beinahe etwas zu schmal aussah. Aber das diente nur dazu, das Kindliche ihrer Erscheinung noch mehr zu er­höhen. Frau v. Klast sah trotz ihrer ebenfalls schlanken Figur und des nur geringen Altersunterschiedes sehr gereift und frauenhaft neben ihr aus.

In heiterem Geplauder ritt die Gesellschaft nun die Chaussee entlang einem nahen Ausflugsorte zu. Dort wurde eine kurze Rast gehalten, im schattigen Wirtschaftsgarten eine kleine Stärkung eingenommen und dann der Heimweg angetreten.

Joachinr hatte mit Hanna noch kein Wort gewechselt. Ein paarmal hatten sie sich angesehen, et möglichst kalt, sie sehr unbefangen. Sie strahlte vor Heiterkeit, er wurde immer gleichgültiger. Im Garten hatte man von dem ersten Rennen in Carlshorst gesprochen, überhaupt eine richtige Tursunter- haltung geführt, aber er hatte sich nicht daran beteiligt, ob­gleich er mit einem Pferde des kleinen Grafen einen ziveiten Preis eingeheimst hatte.

Eine lähmende Mahnung knüpfte sich für ihn an dieses Rennen, an den Abend, der ihm folgte. Wie es gekommen, mußte er selbst nicht mehr. Sie hatten ivohl viel getrunken und er war mitgegangeii, wohin ihn die Kameraden ge­führt. Gewußt hatte er's recht gut, daß man spielte dort. Er hatte mir nicht eingestehen wollen, daß ihm die Mittel dazu fehlten und er war auch so müde gewesen zum Wider­stand. Dann hatte ihn der Dämon des klingenden Goldes gefaßt er hatte gewonnen, mehr, immer mehr aber zurückziehen, ehe der verlierende Teil nicht den Anstoß dazu gab, war nicht fair und so verlor er eben alles wieder und noch eine beträchtliche Summe darüber.

Für den steinreichen, jungen Fabrikherrii, einen Reserve­offizier seines Regiments, an den er verloren, bedeuteten die 2000 Mark ivohl eine Lappalie, für ihn war ihre Herbei- schaffung fast eine Existenzfrage. Er hatte keinen Freund, der ihm in der Not hilfreich beigesprungen iväre. Seine letzte Hoffnung war gewesen, eins seiner drei Pferde zu ver­kaufen, er hatte ja an zweien genug, aber all seine Versuche waren gescheitert man ahnte woyl seine Notlage und die Händler drückten den Preis so, daß er die nötige Summe nicht erreicht hätte.

Und übermorgen war der fällige Tag kein Auf­schub möglich. Er wunderte sich selbst darüber, daß er heute so ruhig zum Vergnügen ritt, wie alle Tage, während doch die Schlinge um seinen Hals sich immer fester zusammenzog. Er fühlte ordentlich körperlich, wie seine Kehle sich zusammen- preßte. Das Lachen und Scherzen der anderen verklang un- gehört an seinen Ohren. Sie waren so mit sich beschäftigt, daß sein allmähliches Zurückbleiben kaum bemerkt wurde. Er fuhr erst aus seiner Versunkenheit mif, als die lustige Gesellschaft vor ihm plötzlich anfing zu galoppieren, es galt wohl eine Wette, denn die beiden Damen hatten mit Eppen, der immer für die Bequemlichkeit war, wenn ihm die Wahl frei stand, ihr altes Tempo beibehalten.

Und plötzlich kam Hanna an Tresfenbergs Seite. Der Rittmeister sah ein wenig chokiert zurück, doch gebot ihm die Höflichkeit, neben Frau von Klast zu bleiben, deren ganze Aufmerksamkeit dem improvisierten Wettrennen ge­widmet war.

So beachtete sie Hannas Entfernung nicht. Warum sollte sie sich in ihrer bekannten Liebenswürdigkeit nicht auch des vereinsamten Freiherrn etwas annehmen?

Der sah allerdings nicht aus, als wiffe er die Gunst der schönen Landrätin zu schätzen, sein Gesicht hellte sich nicht auf, als sie ihm nahe kam, nein, es verdüsterte sich noch, als sie in seltsamer Hast fragte:

Was ist Ihnen, Baron? Sie drückt etwas. Ich sehe es Ihnen ja an. Können Sie mirs nicht aimertraitf«? Sie iviffen doch, daß ich Sie verstehe."

(Fortsetzung folgt.)