1907
W
W
7- ।
UKW
Menschenleben, die lugen.
Roman von H. E h vH a r d t, Verfasserin von „Mitiellose Mädchen"
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Sie schrieb ihr alles, ihre Bestürzung über den uner- warieten Antrag, die eigenmächtige Absage ihrer Eltern, ihr eignes Schwanken und Zweifeln — sie sprach auch von ihrer glühenden Sehnsucht, ihr trostloses, einsames Dasein gegen ein heiteres, ruhiges, behagliches Leben einzutauschen und daß sie bestimmt glaube, wenn sie Ernst Kronau auch nicht mit leidenschaftlicher Schwärmerei liebe, ihm doch von Herzen gut sein zu können und ihm eine treue Frau zu werden. Und das; sie es nicht ertrage, ihn so schroff abgewiesen zu sehen, schrieb sie auch, Hanna solle ihr doch raten» was sie tun könne, es Ernst Kronau wissen zu lassen, daß ihre Eltern sie gar nicht gefragt hatten, ob sie ihn wolle oder nicht. Ob er wohl sehr traurig sei, wollte sie auch wissen und ob er sie denn wirklich so sehr lieb habe. Sie weinte, als sie endlich die dicht beschriebenen Bogen mit ihrem konfusen, verzweifelten Gestammel in das Kuvert steckte. Die Tränen erleichterten ihr schweres Herz. Sie war viel ruhiger geworden.
XII.
Hanna bekam den Brief, da sie eben im Begriff stand, ihr Boudoir zu verlassen, um sich zu einem der täglichen Spazierritte umzukleiden. Nachdem sie die Zeilen überlesen hatle, lächelte sie etwas spöttisch vor sich hin:
„Armer Onkel I" dachte sie, „in deinem Alter sich noch auf solche Kämpfe und Konflikte einlassen zu müssen, ist hart. Aber hast du dir die Suppe eingebrockt, magst du sie auch arisessen.^
Und sie trat an ihren Schreibtisch, schob die eben erhaltenen Briefbogen in ein Kuvert und setzte mit großen, flotten Schriftzügen die Adresse darauf: Herrn Rittergutsbesitzer Kronau aiif Valldorf. Dann klingelte sie und übergab dem eintretenden Diener den Brief zur Besorgiing.
Im selben Moment klang draußen eine helle, fröhliche Männerstimme:
„Die Herrschaften erwarten mich ja, gar nicht nötig, mich zu melden."
Und im Reitanzug erschien Walter von Poseck auf der Schivelle. Die junge Frau hieß ihn mit bestrickender Liebenswürdigkeit ivillkommen.
„Wir sind ganz unpünktlich heut, bester Herr von Poseck, mein Mann hat wieder mal was hochwichtiges mit irgend einem Baurat aus Berlin zu bereiten, und ich selbst bin eben jetzt noch durch einen Brief von Marga von Tressenberg vom Wechseln meines Anzugs abgehalten worden. Run soll
es aber blitzschnell gehen", sie war schon an der Tür, „in zehn Minuten bin ich wieder da."
Es dauerte wirklich nur so lange, bis sie in vollem Reitdreß wieder vor dem jungen Offizier stand.
Sie war ganz schwarz gekleidet, nur der weiße Spitzen- schlcier, den sie um den kleinen runden Filzhut geschiungeu hatte, hob das Düstere ihrer Erscheinung, das einen wohl berechneten Effekt zu dem hellen, rötlichen Gold ihres Haares gab. —
„Wir waren also so weit!" meinte sie lächelnd, die schivarzen, dänischen Handschuhe über die Finger streifend. Wie auf ein Stichwort erschien auf diese Bemerkung hin Franz und meldete, Herr Landrat bäte die Herrschaften, ohne ihn auszureiten, da die Konferenz ivohl noch eine Weile dauern würbe.
Hanna schmollte ein wenig, aber als der junge Offizier sie unten in den Sattel hob, strahlte ihr Gesicht bereits wieder int hellsten Sonnenschein.
Während sie nebeneinander die Straße entlang ritten, fragte Walter, an die Bemerkung der jungen Frau anknüpfend:
„Wie geht es der Baronesse? Doch gut?"
Hanna warf ihm einen scharf musternden Blick zu.
„Nun, eigentlich nicht!" sagte sie nach kurzem Besinnen, „eS ist eine diskrete Sache, wegen der sie sich heute an mich wandte, ober Sie sind ein so guter Freund unseres Hauses, daß ich keine Bedenken trage, cs Ihnen anzuvertrauen."
Und sie erzählte ihm ihres Onkels späte Heiratsabsichten, sowie ziemlich wortgetreu Mcirgas Brief, dabei ganz unbefangen doch einzelne Stellen desselben besonders betonend, die ein ungünstiges Licht auf den Charakter des jungen Mädchens werfen mußten. Die Absicht, welche sie damit verfolgte, verfehlte nicht ihre Wirkung. Walters ehrliches Gesicht, das schwer etwas zu verbergen verstand, zeigte einen Ausdruck leichter Verstimmung.
„Ich hätte Baronesse Marga gar nicht für so berechnend gehalten. Wie kann ein junges Mädchen sich um reiner Äeußerlichkeiten willen einem Manne verkaufen?"
Sein Empfinden war wirklich verletzt; das schlichte, anmutige, blonde Geschöpf, dessen herbe Mädchenhaftigkeit er stets mit stolzer Freude beobachtet hatte, war ihm unbemerkt ans Herz gewachsen. Nun begann Hanna die Freundin zu entschuldigen, sehr gut wissend, daß sie damit nur Del ins Feuer goß, anstatt den ausglimmenden Funken seines Mißtrauens zu ersticken.
Sie hatte mit wachsendem Unbehagen das Wohlgefallen Posecks an der jungen Freundin bemerkt. Sie hatte absolut kein wärmeres Interesse mehr an dem kleinen blonden Offizier, aber sein Herz beanspruchte sie doch für sich allein.


