Ausgabe 
28.1.1907
 
Einzelbild herunterladen

63

Berlin im Jahre 1930.

Aus des RegiennigSrats Rudolf Martin durch die Deutsche VerlagSanstalt in Stuttgart veröffentlichten Buche:Berlin- Bagdad^ drucken wir das Nachfolgende ab, in dem erzählt wird, wie man im Jahre 1930 in Berlin leben und verkehren wird:

Berlin hatte sich sehr schnell in die Rolle der Hauchstadt eines Weltreiches hineingefunden. Es zählte sechs Millionen Ein­wohner. Allerdings einschließlich der Vororte, die längst ein- verleibt waren. Aber trotz dieser furchtbaren Menfchenzahl war der Verkehr >üuf der Leipzigerstraße nicht ärger als 25 Jahre zu­vor. Berlin hatte nach allen Richtungen enorme Dimensionen anaeiicmmen. Das Luftschiff und die Flugmaschine hatten die Reichshauptstadt auseinandergezogen. Jnnner mehr hatte sich die Sitte eingebürgert, ganz weit draußen, möglichst im Freien zu wohnen. Im Innern der Stadt aber waren gewaltige Plätze errichtet mit großen Hallen für die Ankunft und Abfahrt der Flugmafchiuen und auch der Luftschiffe. Da man dem vernünf­tigen Grundsätze nachging, daß bei enter so wichtigen Stadt der Name und die Sache sich deckest nrüsse, so hatte man längst Königs- wnsterhansen, Bernau und Potsdaut einverleibt.

Wer eine Flugmaschiue oder ein Luftschiff öffentlich führen wollte, nmßte ein Examen abgelegt haben. Zehntausende hatten sich dieser Prüfung! unterzogen. Es gab im Jahre 1930 im Weichbild von Berlin mehr Flugmaschinen und Luftschiffe als im Jahre 1907 Automobile. Auf den Straßen sah man nicht mehr Automobile als 25 Jahre zuvor. In dem inneren geschlossenen Bezirk der Stadt war es streng verboten, mit Flugmaschinen über die Häuser zu fahren, daS war mir Luftschiffen erlaubt. Und diese mußtet! sich in einer Höhe vott mehr als 250 Metern halten.

Wer eine Bestimmung dieser Art verletzte, wurde sofort notiert. Die Notierung der fliegenden Polizei wurde durch Ausnahme einer Photographie, unterstützt, die die Nummer eines fliegenden Luftschiffes auch.aus eine Entfernung feststellte, wo dies mit un­bewaffnetem Auge unmöglich war. Aber immerhin gab es bis tief in das alte Berlin und vor allem in seine ehenraligen Vor­orte Eharlottenburg und Rixdorf hinein breite häuserfreie Bah­nen, über betten das Fahren mit Flugmaschinen erlaubt war. Tausende von Personen, die in Berlin beschäftigt waren, wohnten weit außerhalb des Weichbildes von Groß-Berlin, in Neuruppin, in Küstrin, in Bitterfeld oder gar in Mecklenburg oder Thüringen.

Wer vom Kreuzberge oder der Siegessäule aus Berlin über­blickte, dem mochte am meisten ein Luftschiff auffallen, das in einet Höhe von etwa 1000 Metern sich über der Mitte der Stadt hin und her bewegte. Es war ein Schlachtschiff mit militärischen polizeilichen Insassen. Daneben sielen dem Beobachter in der Ferne in allen vier Himmelsrichtungen je ein großer Turm, höher noch als der Eijetturm in Paris, auf. Der Turm im Osten von Berlin stand in der märkischen Schweiz bei Bukow. Diese Türme dienten als Funkenstationett, als meteorologtsche Stationen,, als polizeiliche sowie militärische Beobachtungsposten und ettoltd) nachts .a ls Leuchttürme. Auf allen vier Türmen, wurde fort­gesetzt und ohne Unterbrechung der gesamte Himmel photo­graphiert. Die militärischen wie polizeilichen Behörden waren bet Tag wie bei Nacht darüber unterriastet, ob und welche Lustschtste sich in der Nähe von Berlin befanden. Seit dem Bomoardement von Berlin iuttrbe die Haupt- und Residenzstadt mit ganz beson­derer Sorgfalt bewacht. Bor ein bis zwei Jahrhunderten waren in allen Städten die seit der Stüdtegründung eingebürgerten Wachen auf den Türmen und Toren abgeschafft worden. Mit dem Aufkommen des leukbarett Luftschiffes, besonders aber fett den Erfahrungen des Jahres 1916. führte man sie in Deut!ch- land wie anderwärts wieder ein. und in der Tat, selbst tn den Vereinigten Staaten von Amerika hatte sich die Notwendig«!'! städtischer Lustwachtschiffe herausgestellt. Wiederholt ivaren ameri­kanische Städte von einzelnen Luftpiraten bombardiert und ge- brandschatzt worden. Auch Anarchisten und sonstige flaaWfetnd- liche Elemente hatten sich in Amerika wiederholt dieses Mittels bedient, um ihrer Abneigung gegen die bestehend: Ordnung einen Ausdruck zu geben., , ,

Die Zahl der Millionäre hat sich in den letzten zwanzig Jahren verzehnfacht. Im Jahre 1910 betrug das größte Ver­mögen an Berlin 70 Millionen Mark. Derjenige, der auf der Stufe der Vermögen an zwanzigster Stelle stand, hatte ein Ver­mögen von 35 Millionen Mark. Zwanzig Jahre spater aber, im Jahre 1930, betrug das größte Vermögen in Berlin 300 Mil­lionen Mark, und derjenige, der an zwanzigster «teile stand, hatte ein Vermögen von 175 Millionen Mark. Die Bildung der großen Vermögen beruhte auf sehr verschiedenen Ursachen. Aretst warm die Ursachen die gleichen, die heute in Amerika die großen Ver­mögen herbeigesührt haben. Die größten Reichtümer stammten aus den nach Begründung des Staatenbundes neu «cschlopenen Petroleumquellen in Kleinasien und Obermesopotamien. Dann hat des Ausbringen der Eisenerz-, Bleierz-, Zinkerz-und Silber- erzgruben bei Kvnia in Kleinasien, im Taurusgebirge und ut Kurdisten den wesentlichsten Beitrag zu den großen Vermögen geliefert. Hunderte von einfachen und mehrfachen Millionären im früherer Deutschen Reiche wie in Oesterreich-Ungarn hat.en ihre Vermißen alier lediglich der Bodenspekulation M W? danken. ________

Das Kind und dasKapuimachsrr".

Bon Max Brettfeld.

Es gibt eine große Menge Spielzeug, das zuerst die Kinder besticht, gar bald aber tan Ansehen einbüßt und beiseite gelegt wird, weil es ihrem Spieltriebe, ihrem Geiste nicht genug zu tun gibt. Es erregt zunächst durch seinschönes" Aeußere wohl Staunen und Bewunderung, hat aber nur Reiz, solange es neu ist. Ist der Reiz der Neuheit verblaßt, haben sich die Kinder sattgesehen ian den paar Kunststückchen ihres Spielzeugs, so wen- den sie sich ab oder was am häufigsten Vorkommen wirdi sie befriedigen ihren Spiel- und Tätigkeitsbetrieb durch dasKaput- machen".

Es ist nur in selteneren Fällen Zerstörungswut, wenn das Kind etwas entzwei macht. Man merkt es ihm übrigens augen­blicklich an, ob es etwas kaput macht aus Lust am Zerstören oder aus Wißbegierde oder in Betätigung seines Spiel- Midi Tätigkeitstriebes. In den letzteren Fällen sitzt das Kind meist still da und probiert aufmerksam und bedächtig, bis sich die Teile des Spielzeuges lockern und lösen. Es ist erst daun be­friedigt, wenn das Zerstörungswerk gelungen ist.

Nicht selten tritt der Fall ein, daß das Kind mit den Trnnr- meril lieber spielt als mit dem Ganzen, weil es mit ihnen mehr ansangen kann, weil sie seinem Geiste mehr zu tun geben. Salr Broneli in Gottfried Kellers herrlicher Kinderszene aus Romeo und Julia auf dem Dorfe spielen draußen auf dem Felde mit der Puppe. Der wilde Sali benutzt sie aber aua), einmal als Wurfgeschoß und so nimmt sie Schaden am Knie ihres einzigen Beines. . ...

Durch ein kleines Lach sickert die Kleie. Diese wird sorg­fältig auf einem flachen Stein zu einem Häufchen gefammelt. Nm dem Ursprung der Kleie nachzuspüren, vergrößern me Kino er das Loch mit den Nägeln. Mäuschenstill, mit offenem Munde scheu sie da und zerlegen geineinsam den Marterleib der Puppe. Das einzige Feste ist noch der Kopf. Sie lösen ihn vom ansge- puetschten Leichnam und gucken erstaunt in das hohle Innere. Nun füllen sie die bedenkliche Höhlung mit der Kleie. Da fangt Sali plötzlich eine glänzende Summfliege. Schnell wird, der Kopf entleert und die Fliege hineingesperrt. Das Loch verstoMn sc-r mit Gras. Die Kinder halten den Kopf an die Ohren, sie setzen ihn seierlich <auf den Stein und lauschen eine Zeitlang dem Sum­men der Fliege. Endlich wird der Kopf samt der Fliege in ein. Erd loch begraben und über ihm ein stattliches Denkmal aus Feldsteinen errichtet. , , , c . t , , , .

Dieses Kaputmachen liegt tief in der Kindes natur begrunoet. Das Kind ist nicht bloß ein kleiner Künstler, sondern auch em kleiner Philosoph. Gerade so, Ivie der Gelehrte, der Forscher nicht eher ruht, bis er eine wissenschaftliche Frage gelöst hat, wie er oft fogar seinem Forschertriebe Leben und Gesundheit zum Opfer bringt, genau so ist das geistig regsame Kind von einem unwiderstehlichen Drange erfüllt, allen Dingen auf den Grund zu gehen. Das äußert sich schon in den vielen Kmder- sragen nach dem Warum? uud Wie? Was wollen nnsere Klemerr nicht alles wissen? Sie bringen mit ihren Fragen die Weisesten! in Verlegenheit. Und nicht eher sind sie befriedigt, bis man ihnen alles aufs allergründlichste erklärt und ausreichend be­gründet hat. . t ,

Genau so verhält sich das Kind gewißen Spielsachen gegen!- über. Schenken wir nnsern Jungen eine Taschenuhr, wie wir fie für wenig Geld in jedem Spielwarenladen bekommen. Ev kann nicht viel damit anfangen. Es ist hundert, gegen eins zu wetten, daß er nicht eher ruht, als bis er sie in alle ihrs Teile zerlegt hat. Er wäre sonst wenigstens ein recht merk­würdiger Junge. ,. .. _ ,

Daraus erwächst für uns Eltern zunächst die Forderung, kleinen Kindern nur derbe, feste Spielfachen zu kaufen,, mit denen, sie wirklich spielen, die sie derb angreifen können. Die etnfaaje, aber dauerhafte EichWdtsche Holzeisenbahn mit ihren auf- und zugehenden Wagendächern ist fürs Spiel viel mehr wert, als die kostbarste, naturgetreueste Metalleisenbahn mit all ihren vielen Rädchen, Häkchen, Schrauben, Kolben und Ventilen. Etwas ganz anderes ist's, toemt sie ein größerer Junge bekommt, der schon Interesse >u nd ein gewisses Verständnis für, das Technische hat.

Es ist vollkommen falsch, wenn die Eltern einen kleinen Kaputmacher ohne weiteres strafen. Oft tragen sie ja selbst einen Teil der Schuld, wenn sie den Kindern Dinge gekauft haben, mit denen nicht viel anzufangen ist, die nicht verändert werden können nnd beim Spiel keinen Wechsel gestatten, die die Phan- tasie nicht Meegen, der Illusion zu tvenig Anknüpfungspunkt« bieten.^ Erziehe straft, muß er erst untersuchen, hat das Kind das Spielzeug kaput gemacht aus Wrßbegrerde in JBetirtt* gung des Spieltriebes- oder aus bloßem Mutwillen. Nur ut letzterem! Falle ist Strafe, uud dann auch strenge Strafe am Platze, denn es gilt, einen bösen Trieb, zu beschneien. ,

Oskar Hecker erzählt in em em Briefe an Paul Vildebrana (bem Verfasser einer Monographie über Spielzeug P. Hilde­brand ist ein Verteidiger des naturalistischen und mechanischen! Spielzeugs) ein typisches Vorkommnis aus seiner, Kindheit: Einmal erhielt ich von einer Tante ein teures Spielgescyenk, eine Puppenschaukel, auf der zwei Clowns saßen. Man ko mit«