Ausgabe 
27.11.1907
 
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mit meistens geschlossenen Fensterläden, entgegen tarnen uns Steinkarren, Wagen hochbeladen mit Früchten, Esels­retter risw. Die Straße >var in entsetzlichem Zustande, und unser Wagen, den zwei feurige Pferdchen zogen, machte die gewagtesteir Sprünge. Mit Wehmut gedachte ich der so oft und nicht zu Unrecht geschmähten Gießener Straßen, auf denen es sich doch noch zehnmal besser fährt. Von dem Hafen fährt arrch eine Dampfstraßenbahn nach der Stadt, doch verzichteten wir auf die Benutzung dieses schmutzigen Beförderungsmittels. Prächtig waren die Ba­nanen- und Palmengärten, an denen wir vorübereilten. Die Hauptstadt der in spanischem Besitze befindlichen Insel zieht sich reizend an den Berghängen hoch. Unser erstes Ziel war die hochgelegene schöne Kathedrale. Dann be­sichtigten wir die Markthallen und kauften uns unglaub­lich billiges Obst. Nachdem wir im Hotel Continentale einen Rotwein El Tinto, der auch iuie Tinte schmeckte, versucht hatten, war es Zeit an die Heimfahrt zu denken. Schon während der. Hinfahrt waren den Wagen kleine dunkeläugige Burschen erstaunlich weite Strecken nachge- lanfen und baten um einenGroschen". Warf man ihnen .ein kleines Geldstück. zu, so schlugen sie Rad und riefen Viva la Germania"; nur mit Mühe wurden wir diese zähen Burschen los. Auffallend gut hat mir das spa­nische Militär in seinen sauberen blau und weiß gestreiften Anzügen gefallen. Auf. der Rückfahrt hörten wir bereits die weithin schallende Dampfpfeife unseres Dampfers, der die Ausflügler an Bord rief. Am Hafen besuchten wir noch einen Basar, in dem verschiedene Ein­käufe gemacht wurden, und dann brachte uns die Dampf­barkasse tvieder an Bord. Um das Schiff herum war es noch lebhafter wie am frühen Morgen. Außer den Händ­lern ivaren auch Boote mit kleinen nackten Jungen da. Die kleinen Kerle tauchten nach ins Meer geworfenen Geld­stücken und brachten diese mit fabelhafter Geschicklichkeit ans Tageslicht. Bald erreichte der Handel und das Feil- schen mit den Händlern seinen Höhepunkt. Kurz vor unserer Abfahrt sanken die Preise gewaltig, ja es wurde noch gekauft, als unser Schiff sich schon langsam bewegte. Irr kleinen Körben wurde an einem dünnen Strick das Geld zu den Händlerbooten hinabgelassen und dann mit den gleichen Körben die erstandene Ware an Bord geholt. Kurz vor uns hatte der italienische Dampfer den Hafen verlassen und kam dicht vor uns vorüber. Ein Zurufen und Tücherschwenken; mögen die Auswanderer im fernen Süden ein glückliches Los finden. Gegen zwölf verließen wir das schöne Las Palmas; noch einige Stunden ging es aic beit Bergen entlang, aus der Ferne grüßten der Pick von Teneriffa unb bann gewannen wir bie hohe See.

Das nächste Laub, bas ivir sehen werden, wird deutsche .Erde sein, denn vor Swakopmund legen ivir nicht mehr an. Bis Swakopmund aber" sind es noch 14 volle Tage. Um bas Leben möglichst abwechselnb zu gestalten, hat sich ans beit Reisenben ein Vergnügungsausschuß gebilbet. Balb zeigte sich besten Tätigkeit, beim am schwarzen Brett war ein Anschlag, baß demnächst ein Ball au Bord statt­finden werde. Das Promenadendeck ivar prachtvoll init Fahnen lind Lampions geschinückt. Aus der Druckerei an Bord war eine geschmackvolle Tanzkarte hervorgegangen; somit alles aufs Beste vorbereitet. Der Ball selbst ist trotz der großen Hitze wundervoll verlaufen.

Der Dampfer besitzt zioei Maschinen von je 2500 Pferde­stärken; verfeuert werden in einem Tage 72 000 Kilo­gramm Kohlen. Als Heizer fungieren lauter Araber, die jeweils an der Ostküste Afrikas angeworben werden.

Wieder kam ein Sonntag heran, diesmal fand am Vormittag evangelischer Gottesdienst statt, den ein Missio­nar abhielt. Aut Abend passierten wir den Aequator. EineAequatortaufe" sand nicht statt, doch wurde das Ereignis bei einem Faß Bier gefeiert. Man sollte glauben, wir würden durch die Hitze belästigt, doch ist die Tem­peratur durch den ständig herrschenden Wind erträglich.

Dieser Tage wurden von der Vergnügungskommission Sportspiele an Deck veranstaltet; es wurde mit Gummiplatten nach 'Nummerbrettern geworfen; sogen. Hahneukämpfe sowie Stangenkäinpfc zwischen den Herren vergnügten die Zuschauer sehr. Die Damen versuchten sich im Schweinsauge zeichnen, im Nadel einfädeln und anderem mehr. Die Spiele trugen viel zur Unterhaltung Und Belustigung der Passagiere bei. Heute ist Geburtstag dep Kaiserin und wir fahren in vollem Flaggenschmuck.

Langsam rückt nun die Zeit heran, in der man cm das Packen der Koffer denken muß; auch heißt es, alle Briefschaften fertig stellen, damit sie noch vor Swakopmund abgegeben werden können. So gibt es noch viel zu tun und wenn ich diese Zeilen dem ans Deck hängenden mit dem Reichsadler gezierten Briefkasten einverleibe, trennt uns nur noch eine kurze Zeit von dem Anlaufen in Swakop- ntund. Dort verläßt der größte Teil der Passagiere den Feldmarschall", um ihr Glück in unserer Kolonie zu suchen. Mein Reisegefährte und ich haben dann noch einen Reise­tag bis Lüderitzbucht, dann heißt es auch für uns, der See Lebewohl zu sagen und unfern Weg ins Innere zu suchen. __

Reue tzhxzenLrizitäten der Mode.

Man mag unserer Mode auch noch so wenige Vorzüge lasten, den der Vielseitigkeit wird man ihr nicht bestreiten können. Aus allen Stilen und allen Jahrhunderten sucht sich der kapriziöse Sinn der inoderneu Frau exotische Wmt- der heraus, und deshalb wird auch die neueste merk­würdige Zusammenstellung nicht überraschen: Heiligen- schein und Antike. .Daß unsere schönen Magdalenen ihres frommen Wandels wegen von einer Aureole um­flossen werden, wird man deswegen nicht anzunehmen brauchen. DerHeiligenschein" ist nur eine besondere Form des Haarschmucks, die in Paris zuerst aufgetaucht ist und nun in Amerika besondere Verbreitung findet. Der fashionableHeiligenschein" ist nur eilt schmaler Reif von Gold oder Filigransilber, mit Edelsteinen und Brillan­ten besetzt, der sich über einem Nackenkamm erhebt. Mr. Kamm wird in das hochaufgenommene Haar gesteckt und nun leuchtet der große Reif, der über dem Kopfe schwebt, mit seinem hellen Leuchten und funkelndem Blitzen über die gewellten Lockenmasseu hin und webt einen anmutigen Heiligenschein um das Gesicht der schönen Trägerin. ©» ist derHeiligenschein" eigentlich eine ganz einfache, wenn auch recht kostspielige Sache; eilt mit Perlen, Diamanten oder Türkisen besetzter prachtvoll gearbeiteter Kamm, an dessen Spitze ein großer Goldreif befestigt ist. Aber wenn er über der Frisur thront, macht er einen geheimnisvollen und fast mystischen Eindruck. Mit dieser Mode, die einen mittelalterlichen feierlichen Glanz erwecken möchte, tritt zu gleicher Zeit eine antiquisierende Strömung auf, die ihr Ideal in den athenischen Jungfrauen des Parthenon- Frieses erblickt. Bekanntlich haben bei der Aufführung der OperAphrodite" die griechischen Kostüme großes Aufsehens erregt und von der Bühne aus ist dann diese malerische ideale Tracht auch in die Salons gedrnngen. Die bekannte Sängerin Mary Garden hat dann Peplum und Sandalen nach Amerika gebracht und manche Töchter der neuen Welt tragen heute, wenn sie in allerneuesten Chick bril­lieren wollen, zu dem Heiligenschein ans ihrem Haupt über einem mattleuchtenden Unterkleide ein kühn drapier­tes Spitzengewebe und zeigen ihre nicht zu kleinen Füße in freier Bewegung in schön gebundenen Sandalen. Eine andere Neuerung im Schmuck, die von Amerika ausgeht, ist dasB l u in e n a r in bau b". Es besteht aus einem schwar­zen Banb, das um bas Gelenk gelegt wird und an dem eine wirkliche Rose oder eine andere Blume, in grüne Blätter eingebettet, befestigt ist. Diese Neuheit ist wohl die anmutigste unter den wunderlichen Blüten, die mo­derne Exzentrizität in diesem Jahre wieder treibt; jeden­falls wirken diese dein Arm angeschntiegten Bluuien schöner als die kostbaren Blütenzweige, Blätter und Buketts auA Juwelen, die man ebenfalls häufig am Handgelenk be­festigt sieht.

Vermischtes.

* Von seltsamen Kostbarkeiten erzählt eine cngh Zeitschrift. Der wertvollste Violinbogen der Welt ist wohl der> den Paganini bei seinem Abschiedskonzert führte und der später in Verdis Besii? kam. Paganini hatte den Bogen als em Ge­schenk von seinem Lieblingsschüler, dem Grafen bi Eessolc, er­halten. Schon mehrfach sind Riesensummen umsonst für die Reliquie geboten worden; man schätzt ihren Wert auf 600 0UU Mark. Für ein goldenes Hundehalsband wurden am Anfang des