Ausgabe 
27.11.1907
 
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Madel . . and da soll totoit sich kasteien, weil der Geldsack Vicht will. Da fomimt man auf mordsverrückte Gedanken."

In solcher Stimmung wendeten Sie sich an Ihren ehemaligen Zimmerherrn?"

So muß cs wohl gewesen sein. DaS ist schon einige Monate zurück und damals konnte ich den Schuhmacher gut lei­den. Wissen Sic, der Kerl hat eine Suade gehabt, dem- hat man nur immer znhören mögen. Erzählen hat er können, das muß man ihm lassen, ungeheuer interessant ansschneidcn freilich auch und ein miserabler Tropf ist er auch gewesen, doch dahinter bin scherst später gekommen. Damals dachte ich mir in meiner mitteilsamen Natur nichts Schlimmes dabei, von meinem Wcrhältnis zu plaudern... das habe ich ja auch mit dem Fräulein Tochter nicht anders gehalten; wem das Herz voll ist> dem geht der Mnnd leicht über. Na, da habe ich's auch mit den Nachschlüsseln so hingeschwatzt, weil Schuhmacher doch ein sehr geschickter Kunstschlosser Ivar. Ich habe ihn selbst nach Wachsabdrücken Schlüssel anfertigen sehen, das ging wie spie­lend und waren doch die schwierigsten! Kombinationsschlösser. Hinterher sind mir freilich Bedenken' aufgestiegcu, wozu der Mann die .Schlüssel wohl gebraucht haben mag."

Brachten Sie ihm einen Wachsabdruck der beiden Schlösser?" Nicht daran zu denken, Herr Rat. Es handelte sich ja nur um eine Caprize meiner Brant und ich habe ihr die Sache bald genug ausgeredet."

Nun gewahrten Sie Schuhmacher neulich als Lohndiener im Selkenbach'schen Hause beschäftigt?"

Ich erschrak nicht wenig, wie ich den Mann erblickte, zu- nml er einen falschen Schnurrbart trug, wie um nicht erkannt zu werden. Das war gewiß auffällig."

Nahmen Sie denn an den Selkenbachschen Festlichkeiten nicht regelmäßig teil? Schuhmacher war an jenem Abend bereits zum drittenmal tut Hause als Lohnkellner beschäftigt."

Leicht möglich, Herr Rat. Es war gar viel Dienerschaft im Hanse, nun gar bei einer Veranstaltung. Zudem hatte ich ja immer mit Aufführungen und dergleichen zu tun, da kam ich in der Regel erst zu später Stunde in die eigentlichen Festsäle. Neu­lich abends sah ich ihn; er war offenbar schon angetrunken."

Sie wiesen ihn zurecht?"

Angehaucht habe ich ihn. Die Geschichte mit dem Schnurr­bart gefiel mir nicht. Er meinte freilich, den hätte er nur vor­gesteckt, um nicht erkannt zn werden. Also so 'ne Art von Künstlerstolz!" Er lachte knrz dazu.

Der Mann war im Frackanzug?'

Wie die Selkenbachschen Diener alle. Er trug auch weiße Wae ss."

Ta ist Ihnen Wohl ausgefallen, daß er Ihren' Frack auf dem Leibe trug?"

Offen gestanden, Nein. An so 'ne Gemeinheit dachte ich Nicht. Schließlich sieht ein Frack wie der andere aus."

Bemerkten Sie an Schuhmachers Auftreten int Selken;- bachschen Hanse sonst etwas Auffälliges?"

Allerdings. Es war vielleicht halb drei und alles im Auf­bruch begriffen. Ich stand gerade bei einer Gruppe, und zwar dergestalt, daß ich durch die offene Flügeltür über die Freitreppe bis nach dem obersten Stockwerk schauen konnte. Da hatte ich die Empfindung, als sähe ich droben schattengleich einen Mann Nus der behutsam geöffneten Tür zum Arbeitszimmer des Ge- Deimrats kommen, die Tür wieder schließen... ich war so tu Anspruch genommen! von den Herrschaften, daß ich nur ganz mechanisch sah und mir nichts dabei dachte, plötzlich seh ich Schuhmacher, wie er die Obertreppe heruntergetaumelt kommt . knallvoll, Herr Rat, es war direkt widerwärtig. Nun rempelt er einige Damen an^-wird auch noch grob, schreit und benimmt sich flegekhaft. Es-war die reine Panik. Die um mich stehenden Damen flüchteten entsetzt beiseite. Ich mußte beistehen, sie beruhigen, während die Dienerschaft den Flegel packte und die Treppe herunter schleifte. Erst als ich meine Damen los geworden, kam ich überhaupt dazu, uachzudenken und es mir klar zu machen, daß ich Schuhmacher gesehen, wie er sich aus des Ge­heimrats Arbeitskabinett getastet. Das gab mir einen Riesen- schreck. Sofort schoß mir's durch den Kopf, daß er sich meine vertrauensseligen Plaudereien zn Nutze gemacht und es auf einen Diebstahl abgesehen Haben könnte. Ich also hinunter, um den Burschen anzuhalten. Drunten im Vestibül erfuhr ich von dem Hausmeister, daß der Filou schon seit fünf Minuten hinausge- wvrfen worden sei. In der Hoffnung, ihn noch zu treffen, flitzte ich ans dem Hanse. Unterwegs wurde ich ruhiger."

Nun stolperten Sie aber doch über den Menschen an der Ecke der Hildebmndstraße .... Da müssen Sie doch gewußt haben, wen Wie vor sich hatten? Wie reimt sich das mit Ihrem späteren.

Ausruf an der Droschke:Sic siud's Sie?" zusammen?" An den Menschen, den Schuhmacher, dachte ich wirklich nicht mehr. Der Wohnt doch beim Stadtbahnhvf Bellevue und mußte die Hofjäger-Allee einschlagen, wollte er nach Hanse kom­men. Er konnte ja auch die Straßenbahn benutzen, die dort kreuzt. Ich bin ja auch die Allee hinanfgemnnt, bis ich außer Atem war. Wie ich dann die Tiergartenstraße wieder zurück- schritt, iha dachte ich nicht mehr an den Burschen. Mit deut Betrunkenen, den ich da aushvb, wußte ich freilich auch nicht, was anfangen. Es war zu dunkel, um ihm in das Gesicht sehen zu können. Was er dabei vor sich hinlallte, ließ auf keinen Lohnkellner schließen er tat sehr vertraut, nannte mich un­ausgesetzt lieber August und erklärte, eine Million in der Tasche zu tragen. Ich gestehe, als ich am Potsdamer Platz in meinem Schützling den sinnlos berauschten Schuhmacher erkannte, da! war ich einfach baff. Der Ekel überwältigte mich und ich machte, daß ich fortkam. Nach einer kurzen Weile kam mir freilich wieder besserer Rat. Ich hatte mir unterdessen das scheinbar? sinnlose Geschwätz des Trunkenen zusainmengereimt. Dazu kamen die von mir selbst gemachten Wahrnehmungen. Doch auf fcent Potsdamer Platz war von einer Droschke weit und breit nichts mehr zu sehen. Ich beschloß deshalb, Selkenbachs von meinen Wahrnehmungen alsbald zu unterrichten. War wirklich etwas gestohlen, so kannte ich den Dieb und dessen Wohnadresse."

Sie begaben sich also nicht direkt nach Hanse, sondern machten einen weiten Umweg über die erst von Ihnen verlassene Selkcnbachsche Villa, betraten deren Garten vielleicht um drei­viertel Vier und verließen ihn wieder um etwa sechs Uhr."

Wer sagt Ihnen denn das?" versetzte der Maler ganz verblüfft.

Hansemann hatte, voir dem anderen unbemerkt, Kommissar Thommen schon vor einer Weile einen heimlichen Auftrag er­teilt, der diesen aus dem Zimmer entfernt gehabt; jetzt, als sich die Tür öffnete und Thommen in Begleitung einer weiblichen Gestalt anstauchte, deutete der Rat nach der letzteren:Dort steht Ihre Alibizeugin. Bedanken Sie sich bei ihr, denn halten Ihre Angaben die Nachprüfung aus, so sind Sie noch vor heute abend ein freier Mann."

(Fortsetzung folgt.)

Auf der Aahrt nach AeutsÄ-Süd-Weji-Zfrika?)

Von Stadtbaumeister Br a n. b a ch.

II.

Sonntag an Bord. Abends hatte ich mich kaum zur Koje biegeben, da schallte mir der RufHermes, Her­aus" ins Ohr. Mein Reisegefährte weckte mich, damit ich den Anblick der Einfahrt itt den Hafen von Las! Palmas, einer der kanarischen Inseln, nicht versäume.- Nnd in der Tat, herrlich war es. Längere Zeit fuhren wir an den Bergen der Fusel entlang. Aus den an den Abhängen erbauten Dörfchen und einzelnen Häusern blick­ten uns freundlich Tausende von Lichtern entgegen. Roch in den ersten Morgenstnnden warfen wir im Hafen Anker. Kaum war es Tag; ich eilte an Deck und war überwältigt von dem Anblick, der sich mir bot. Eingeschlossen von hohen Bergen, die mich in ihrer kahlen Nacktheit an die Pappdeckelberge der Ausstellnngspanoramen erinnerten, lag der Hafen im Glanze der Morgcnsoune. Und lebhaft ging es um uns herum zu. Hunderte von Händlerbooten um­schwärmten uns, alles Mögliche feilbietend. Da gab es herrliche Früchte, Nüsse, prächtige Decken, Papageien, Schnitzwaren usw. Dabei ein unendliches Geschrei. , Im Hafen lagen viele Schiffe, darunter das SchulschiffGroß­herzogin Elisabeth". Flott war es, wie die deutschen Jungen im schmucken Boot den Hafen durchkreuzten und! auch bei uns anlegten. Nicht weit von uns lag ein großer italienischer Dampfer, der eine Unmenge Auswanderer nach' Südamerika an Bord hatte. Doch unsere Sorge galt der Frage: können wir an Land und uns die Herrlichkeit in' der Nähe ansehen? Bald Ivar die Frage in bejahendem! Sinne entschieden und nun hieß es, die drei Stunden! auszunntzen. Hier zeigte sich unser liebenswürdiger Schiffs­arzt auf der Höhe. Nach längerer Debatte mit einem sonn­verbrannten spanischen Führer brachte der Doktor einen Ausflug zustande, der den Teilnehmern lauge im Gedächtnis haften wird. Um 8y2 Uhr wurden wir mit einer Dampf- barkasse an Land gebracht; auf bereitstehenden Wagen ging es in schlankem Trab nach der etwa 6 Kilometer ent­fernten Stadt Las Palmas, vorbei an niederen HäuseM

*) Der erste Artikel erschien in unserer Nr. 270, I. Blatt,