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warf Eilenburg ein. „Ja, habe dich nur nicht. Das kann man ruhig sagen, cs macht deinem guten Herzen nur Ehre. Das ganze Pcrscmal schwärmt für sie", schloß er, zu Hansemann gewendet.
Also noch immer das alte fürsorgliche Hausmütterchen!" Der Rat nickte der leicht Errötenden freundlich zu. „Ich glaube, Sie haben alle Ursache, sich zu ihrer Wahl zu gratulieren, Herr Eilenburg. Eine bessere Fran konnten Sie gar nicht bekommen."
„Will's meinen!" Der Fuhrhcrr schaute dabei zärtlich auf seine Frau, welche sich angelegentlich wieder mit dem Hauptbuche zu schassen machte. „In meinem Alter bleibt so ’ne Ehe immer ein Wagnis. Doch habe ich das große Los gezogen. Ich werde in meinem Glücke ordentlich wieder jung. Konnte cs auch gebrauchen, Herr Rat", setzte er voll treuherzigen Ernstes hinzu.
„Bis dahin war mein Leben freudenarm. Meine erste Fran mußte ihr junges Leben an die Geburt meines Sohnes daran geben. Auch ein trübes Kapitel. Die beste edelste Frau .— und ihr Junge ein unverbesserlicher Nichtsnutz, der — —"
„Richard!" Mit bleichgewordeuem Gesicht schaute Frau Eilenburg bittend zu ihrem Manne auf.
Eilenburg lachte gezwungen. „Sie kann's nicht hören, ziehe ich über den Bengel los. Das ist der einzige Schatten in unserer Ehe. Weiß der Deubel warum. Doch der Max ist nun einmal ihr Vorzug. Wäre es nicht ‘mein eigen Fleisch und Blut und wüßte ich nicht, was ich au meiner Iran habe — mau möchte auf den Kujon ordentlich eifersüchtig werden!" Er lachte wieder auf, wie um die Wirkung der ungeivollt ihm entfahrenen Worte wieder abzuschwächen.
Er konnte es indessen nicht verhindern, daß seine Frau sich erhob u nd mit umwölktem Gesicht, aus welchem der letzte Blutstropfen verschwunden war, sich zum Verlassen des Kontors anschickte. Wie er ihr den Weg vertrat, übersah sie seine ihr bittend eutgegengestreckte Hand.
„Aber Mariechen, mußt doch Scherz verstehen. Weißt doch, baß ich es nicht schlimm meine", versetzte er fast demütig.
Sie stand mit zuckender Lippe. „Es ist Unrecht von dir, so zu sprechen. Was sollen die Herren davon denken? Mit solchen Dingen treibt mau keinen Scherz!" verwies sie nicht unfreundlich, jedoch bestimmt.
„Aber Frau Marie"/ begütigt nun auch der Rat vom Pulte her. „Lassen Sie sich die Einmischung eines alten Freundes gefallen Das war ein harmloser Scherz von Ihrem Maime; es steckt sogar heimliche Anerkennung dahinter. So kommen Sie doch und . bleiben Sie gemütlich. Sie waren doch früher ganz und garnicht übelnehmerisch."
Dabei hatte er sich auch schon erhoben und drängte nun die junge Fran mit jovialer Ucberredung wieder zum Pult zurück. „Tun Sie's lieber meiner Hermine nach und beteiligen Sie sich an der Lösung des uns beschäftigenden Falles. Wer kann heute Nacht die Droschke heimlich aus dem Schuppen gezogen, daran den Ali gespannt haben... so heißt der Gaul wohl, Eilenburg ?"
Dieser nickte. „Die Droschke ist gebraucht worden, ebenso wird der Äii sie gezogen Haben. Wer Droschke und Pferd aber heimlich aus dem Hofraum entfernt und unbeobachtet wieder dorthin zurückgebracht haben kann, das auszufinden, geht über meinen Verstand. Ich habe einen ziemlich leisen Schlaf und wäre sicherlich wach geworden, hätten die Hunde Laut gegeben. . . Du hast heute nacht auch nichts Verdächtiges gehört?" wendete ,tr sich fragend an seine Gattin.
Diese verneinte stumm, ohne beit Fuhr Herrn dabei anzn- blicken; sie zürnte ihm anscheinend immer noch wegen seiner vorigen Bemerkung.
„Nach Ihrer festen Meinung würdcü die Hunde keinen Ihrer Leute auf den Hof lassen?"
„Ei wo! Zerreißen würden sie den Burschen. Noch nicht zeigen darf sich einer zur Nachtzeit, geschweige sich bemerkbar Wachen!"
„Bliebe immerhin die Annahme, daß der Wageü schon vorher entfernt worden sein muß."
Eilenburg geriet ordentlich in Eifer; er lachte ärgerlich. „Wofür halten Sie mich, lieber Herr? Lotterwirtschaft gibt es bei mir keine!, Wir führen genaue Kontrolle. Jeder ausfahrende Kutscher hat sich hier im Hofe zu melden. Die letzte Nachtschicht^ fährt um half Els aus, da ist entweder meine Frau oder ich hier int Kontor anwesend . . . hier ist das Buch, in das die Einträge gemacht werden. Er griff nach einem abgegriffenen Heft und schlug die letztbeschriebene Seite auf. „Da sehen Sie selbst. Gestern abend hatte meine Fran dujour. Hier sind ihre Einträge. Drei meiner Droschken wärest int Nachtdienstz
Die letzte fuhr 10 Uhr '46 aus dem Hof . .- . also von yeimlichest Fahrten kann keine Rede sein. Ich kam gestern abend mit meiner Frau herunter und brachte dest Hunden ihr Futter und kettete sie los. Das war gegen 10 Uhr. Da waren die Leute schon beim Anspannen. Dann blieb ich noch eine Weile hiev im Kvutor; vielleicht unt halb 11 ging ich hinauf, um iwch ein Stündchen zu lesen. Nummer 3683 stand gestern abend sauber im Stall, wie geleckt, ebenso der Mi. . . unbemerkt ’rausge- kommeu ist also keine Katze. . . Nun gar das Zurückbringen! Da stehe ich einfach vor einem Rätsel! Daß die Hunde nicht die ganze Nachbarschaft wach gebellt haben, läßt mich an Zauberei glauben. Ich glaube sie gäben sogar bei mir selbst Laut, versuchte ich den Zaun zu überklettern, um den Torriegel von innen zurückzuschieben. Das läßt sich nämlich nicht von außen bewerkstelligen. Na, den Höllenspektakel, den die Bande da vollführen würde."
(Fortsetzung folgt.)
Aus der Keschfchts der Ludoviciana.
Nachdruck verboten.
II. Die medizinische Fakultät.
Im Gegensatz zu heute pflegte die medizinische Fakultät an den Universitäten älterer Zeit die bescheidenste und an Zahl der Studenten und Lehrer weit hinter den anderen zurückstehende Fakultät zu sein. Nicht anders war es in unserem Gießen, wo die Fakultät mit einem Professor eröffnet wurde und noch mehrfach int 18. Jahrhunderts jahrelang nur ein Mitglied zählte (f. 1749—51; 1753 bis 1754). Längere Zeit wurden drei Professoren als genügend angesehen. Doch waren diese des öfteren nicht immer alle aktiv. Oft funktionierten sie zugleich als fürstliche Leibärzte und lebten deshalb meist am Hofe. Auch viele Jahre währende Krankheiten von Fakultätsmitgliedern ivurden hingenommen, ohne daß daran gedacht wurde, Ersatz zu schaffen. Wichtige Fächer blieben gelegentlich einfach unbesetzt, so z. B. von 1742—50 die Anatomie.
Wie es mitunter um die Studentenzahl aussah, illustriert ein Vorfall aus dem Jahre 1651. Auf die Anfrage von Hofe aus nämlich, warum überhaupt keine medizinischen Kollegien im laufenden Semester gehalten würden, erfolgte die Rechtfertigung, das fei unnötig; denn zurzeit gäbe es überhaupt nur 2 Studenten der Medizin, von denen der eine krank sei, nnd der andere bei einem der Professoren! wohne.
Im 17. Jahrhundert interessierten sich die Professoren zum Teil auch für andere Fächer und vielleicht mehr als gut war. — So war gleich der erste Professor der Medizin an der Hochschule überhaupt, Johann Münster aus Heilbronn, gekrönter Dichter. Jakob Müller (1625—37) versah zugleich die Professur der Mathematik, und welche von beiden ihm mehr am Herzen lag, zeigt wohl der Umstand/ daß er als Kriegsrat und Artilleriedirektor gestorben ist. Johann Tack (1650—76) bekleidete neben feiner medizini-, schen Professur jahrelang die der Physik und Beredsamkeit. IN letzterer Eigenschaft verfaßte er die ausführliche Beschreibung der Rückverlegung der Universität von Marburg nach Gießen. Ferner war es eilte sonderbare Bestimmung der Statuten, daß nicht nur der Einzelne ganz verschiedenartige Fächer vertreten mußte — ließ sich doch das bei der geringen Zahl von Dozenten nicht vermeiden —, sondern auch bei etwaigem Aufrücken in der Fakultät die Fächer wechselten, und so z. B. derselbe Mann erst Mineralogie und innere Medizin, dann aber Anatomie und Botanik lesen mußte. Das führt bereits auf eine andere Eigentümlichkeit, nämlich die, daß die Fächer Botanik, Zoologie, Mineralogie und Chemie, soweit dieser Ausdruck erlaubt ist, zur medizinischen Fakultät gehörten, Von der Botanik und Zoologie erst 1846, die beiden anderen Fächer zu Anfang des 19. Jahrhunderts abgetrennt wurden.
So ist denn auch die Gründung des botanischen Gartens 1609 unter den Auspizien der medizinischen Fakultät erfolgt. Tas chemische Institut, das bereits in den ersten Jahren der Universität existiert, aber merkwürdige Schicksale durchzumachen gehabt hat, ist eigentlich ein Laboratorium zum Brauen von Mixturen, in dem Horst 1650 verspricht, in 6 bis 7 Wochen die Chemie zu lehren. Erst unt 1750 kann man von eigentlicher Chemie sprechen. Auch ein Lokal für Anatomie gab es in der ältesten Zeit bereits, aber im Kollegienhause selbst. Benutzt wurde es allerdings selten, da großer Leichenmangel herrschte. Eine Anatomie war für


