Ausgabe 
27.9.1907
 
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1907

Ar. 143

Ireitag den 27. §ep!emker

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Auf der cigenen Spur.

Kriminalroman von Otto H o c ck e r-, (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Schreckvolle Anteilnahme sprach aus den Zögest der' jungen Frau; sie schlug die Hände zusammen.Die gute Frau Rat ist lot!" rief sie erschüttert, Tränen in den Augen.

Hansemann vielte schmerzlich bewegt.Ja, wir haben sie vor etwas mehr als einem Jahre veriloren. Ihr Herz machte ihr ja immer zu schassen, doch das; es so schnell mit ihr zu Ende gehen würde, ließen wir uns nicht träumen. Ja, es war ein harter Schlag, , der besonders anch meine Hermiste schwer traf. Sie wissen ja, Frau Marie, welch anschmiegendes, goldenes! Herzchen sie hat. Erst machte sich die einzige Freundin nnsicht- bar, und dann ging mit meiner guten Fran ihr die letzte Ber- traute, welcher sie sich schrankenlos zu offenbaren vermochte. Sie wird vor Frertdr außer sich sein, berichte ich ihr unsere heu­tige Begegnung. Aber tote konnten Sie es nur über das Herz bringen, plötzlich und ohne ersichtlichen Anlaß alle und jede Verbindung zu lösen? Hermine war wie vor den Kopf ge­schlagen; auch meine Frau und ich wußten! nicht, was jvir davon halten sollten, zumal Briefe, die wir in Ihre Görlitzer Adresse richteten, als unbestellbar zurückkamen."

Sn den Zügen der jungen Frau trat ein gequälter Aus­druck immer offensichtlicher in Erscheinung.Es ging uns nicht gut, Herr Rat!" meinte sie ausweichend.

Das ist doch kein Grund, darum mit alten Freunden zu brechen!" ereiferte sich dieser.

Marie wich seinem Blick aus.Papas Verhältnisse gingen zurück", berichtete sie mit niedergeschlagenen Augen.Dann starb er. Unser Görlitzer Haus mußte verkauft werden. Auch meine gute Mutter, ging bald darauf schlafen und ich mußte mir mein Brot bei fremden Leuten suchen. Da blieb für Briefschreiben keine Zeit. Da kam ich hierher ins Haus zuerst als Wirt­schafterin"

Nun, da hätten Sie sich unserer doch erinnern sollen", warf Hansemann herzlich ein.

Die junge Frau wich seinem Blick noch immer aus.Es ging so vieles vor, das läßt sich in kurzen Worten nicht sagen", meinte sie leise. Befangen schaute sie auf ihren Gatten, der neben sie getreten war und nun, mit einem herzlichen Liebes­blick auf sie, ihre Hand suchte.

Marie wurde meine liebe, gute Frau der Sonnenschein meines getrübten Lebens", meinte er einfallend.Nun, das erzählt sie Ihrer Tochter wohl später einmal", lenkte er ab.Heute sind Sie in amtlicher Eigenschaft erschienen, Herr Rat, darauf dürfen wir nicht vergessen, so sehr mich Mariens wegen diese unver­hoffte Begegnung nach so langer Zeit auch freut."

Die Mienen Hansemanns wurden ernster.In der Tat, Herr Eilenburg, Sie haben Recht," versetzte er. Er wendete sich wieder an die junge Frau.Jedenfalls müssest Sie mir ver­sprechen, Hermiite recht bald einmal zu besuchest nicht wahr.

darauf dürfen wir zählen?" Er sprach mit soviel Herzlichkeit daß Marie zustimmend nickte und in die dargebotene Hand schwei-- gend einschlug.

Ihre Miene blieb nuterdessen zurückhaltend. Es schien, als wollte sie die senkrechte Unmutsfalte zwischen ihren dunklen, in der Wurzel zusammengewachsenen Brauen noch vertiefen. SiS ließ sich auf ihrem alten Platze wieder nieder und blätterte voll nervöser Zerstreutheit in dem osfen auf dem Pulte liegenden, Hauptbuch. Nur zuweilen streifte sie durch die gesenkten Wim'-«. Pern den Beamten und dessen Gefolge mit kurzem, verstohlenem, wie besorgt anmutendem Blicke.

Zur Sache also", begann Hansemann, der sich inzwischen dem Fuhrherrn gegenüber ebenfalls niedergelassen hat'te. Er zwang sich, unwillkürlich das Wort wieder an Marie richtend, zu einem flüchtigen Lächeln.Uns beschäftigt eine hochnotpein­liche Geschichte. Heute nacht ist in einer Droschke ein Mann ge­waltsam getötet worden. Diese Droschke nun, deren Nummer durch einen Zufall kurz zuvor von dem Schutzmann hier fest- gestellt wurde, gehört Ihrem Gatten. Wir haben sie bereits im Wagenschuppen draußen vorgefunden und festgestellt, daß sie identisch mit dem unseren Nachforschungen geltenden Miets­wagen ist. Nuit kommt die Verwickelung", meinte er, wieder zu Marie gerichtet, mit humoristischem Lächeln.Sie erinnern! sich wohl, so pflegt Hermine sich auszudrücken, gehe ich mit ihr einen mich besonders beschäftigenden Fall durch." Nun kehrte er sich erläuternd an Eilenburg.An meiner Tochter ist näm­lich ein Dctektivgcnie verloren gegangen. Das Mädel entwickelt zuweilen einen verblüsfendeit Scharfsinn. So jung sie ist, hat sie mir doch schon manchmal zur Lösung des bewußten gor­dischen Knotens verhalfest... na ja, Art läßt nicht von Art! Ewig schade, daß sie kein Junge ist!" Er lächelte behaglich. Nun kommt also die Verwickelung. Die Droschke haben wir, fehlt noch der Kutscher. Den glaubten wir gleichfalls schon zu haben. Dem Schutzmann hier gab sich der Wagenlenker heute nacht als der Besitzer der Droschke zu erkennen.

Nicht möglich!" warf die junge Frau unsicher ein, ohne den Blick zu erheben.Mein Mann fährt nie eine Droschke, Letzte Nacht gingen wir kurz vor Mitternacht zu Bett und standen heute früh gemeinsam auf."

Da hätten wir also schon den besten Mibibeweis", bemerkte der Rat leichthin.Die Droschke wurde gegen drei Uhr früh am Potsdamerplatz angehalten. Ihr Lenker sah übrigens ihrem Gatten in keiner Weise ähnlich. Es handelt sich vermutlich um einen jungen, bartlosen Burschen so ist es doch, Nokohl?"

Der Schutzmann tticktc eifrig.Keine Spur von Aebnlich- keit!" versicherte er.

Sehen Sie, Frau Marie, da stecken wir schon mitten1 in bet Verwickelung", fuhr Hansemann jovial fort.Der Ksttscher, der die Droschke eigentlich fährt, ist ein langjähriger Ange- stellter Ihres Mannes und zur Zeit bettlägerig krank",

Sie meinen den alten Graßnick, fiel Marie in noch steigender Befangenheit rasch ein.Er ist recht krank, der Aermste. Ich sah erst gestern abend noch nach ihm."

Meine Frau ist sone Art Schutzengel meister Angestellten",