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berg Marburg, oder Lich Kloster Arnsburg, Münzenberg, Butzbach, Hausberg, Kleeberg, Langgöns, oder Biebertal, Königsberg, Alte- bergskopf durch das Vlasbacher Tal, Hermannstein, Wetzlar.
Mit Freuden gedenke ich auch einer Exkn eipe in dem herr-- licherr Walde links von der Licher Chaussee, zu der mir mit fliegenden Fahnen und den Trinkhörnern, im Train der Löwe- kopp mit einem mächtigen Faß Bier auf dem Handwagen, hinaus- gezogen.
Man muß nicht denken, daß bei allen diesen Zerstreuungen die Studien not gelitten hätten. Ich habe niemals fleißiger die Kollegien besucht, jals in dem ersten Semester, und das will viel heißen, wenn man bedenkt, daß sich unter diesen drei phila- fophische befanden: Einleitung in die Philosophie, Logik und Raturrechte. Mehr zu tun, konnte mir allerdings selbst mein Vater nicht zumuten.
Tas erste Semester schloß mit einem solennen Kommers auf der Bddenburg zur Feier des zweiten stiftungsfestes ab. Tiefer hervorragend schöne Platz Hat von Anfang an und noch auf eine Reihe von Jahren hinaus zur Abhaltung unserer Stiftungsfeste, beziehungsweise Kommerse gedient. Derjenige desSommev- semesters 1853 zeichnete sich besonders durch zahlreiche Teil- nahme, auch von Auswärtigen, namentlich Helvetier von Bonn, durch die Begeisterung und die große Einmütigkeit der Teilnehmer, nicht minder aber durch die große Gemütlichkeit aus. Ter musikalische Teil lag in der Hand einer sehr tüchtigen KUapp- fchaftskapelle, die bis spät in den Morgen hinein ihre Weisen ertönen ließ. Es Ivar der erste feierliche Landesvater, den ich mitmachte, er hat einen unauslöschlichen Eindruck bei mir hinterlassen, im Gegensatz zu dem durch die Markomannen gestörten.
Ich kneipte mit einigen Vcrbindungsgenossen durch (wie ich dies stets getan habe), darunter Freund B. Es gab auf der Badenburg keine andere Schlafgelegenheit als die sogenannte „Totenkammer" und der Heuboden. Sie war von vielen auch nur aufgesucht worden, um ein paar Stunden Schlaf zu finden. Es war eine herrliche Sommernacht und sie verging uns rascher als wir geglaubt. Am frühen Morgen nahmen wir ein erfrischendes Bad in der Lahn. Dann begaben wir uns daran, die Schlafenden zu wecken. Als Totenkammer diente ein großes Genrach im zweiten Stock. Freund B. mit der Schärpe um die Schulter und dem Kvmmersschläger in der Hund, zog voran, hinter ihm drein ein Bergknappe mit einer Posaune, dann kamen die wenigerr Ueberlebenden. So stiegen wir in die Dotenkammer hinauf. Tie Schläfer lagen kreuz und quer auf dem Stroh, über das Bettücher ausgebreitet waren.
Das Wecken wurde auf die Weife vollzogen, daß der Knappe jedem Einzelnen den Posaunenton ins Ohr erschallen ließ. Tie Wirkung war drastisch. Die Angeülasenen fuhren in die Höhe, rieben sich die Augen, wußten nicht wäs mit ihnen vorgiug und sanken dann wieder aufs Stroh zurück, bis ein zweiter Posauycu- schall sie vollständig ermunterte. Nachdem wir so den Weckruf hatten ertönen lassen, zogen wir in umgekehrter Ordnung die Treppe hirqab. Freund B. ging hinter mir her, hielt den Schläger gesenkt und plötzlich spürte ich, wie die Klinge mir ganz sacht durch die rechte Wade ging. So hatte ich meinen zweiten Kvmmersstich, diesmal aber an der unrechten Stelle und mit intensiverer Wirkung. Denn er verursachte zwei Löcher in der Wade und dann noch verschiedene in den Beinkleidern. Es war nicht so schlimm, wie es meinem Freund B. vorkam, dessen verblüfftes Gesicht mir mehr Spaß machte, als sbte Wunde Schmerz. Der dicke Qualster, der Mediziner zu segn behauptete, verband das Bein, und damit war für mich die Sache erledigt. Tas Katerfrühstück schmeckte mir ausgezeichnet. Dasselbe zog sich bis 'in den Nachmittag hinein. Als die Anderen heimgingen, merkte ich aber doch, daß es mit dem Gehen nicht gut gehen! wollte. Ich ersuchte daher den Täter, mir das „Karlche mit den Harsch" zu bestellen, das brachte mich denn auch heim, jedoch nicht ohne daß wir vorher noch einen guten Trunk zusammen getan hätten. Wir saßen am Rande des Eisenbahneinschnitts, und mir kdm es plötzlich vor, als ob die Erde bebte. Als ich jedoch als Tatsache zu behaupten wagte, fuhr mir das liebe Kürlche mit den Worten in die Parade: Ach, was Erdbebe, du bist besöffe. — Ich war es übrigens nicht.
(Fortsetzung folgt.), j
KoHrvattyauserr.
Es war etwas zweifelhaftes Wetter, als wir ausbrachen, den neubegründeten Luftkurort Hochwaldhausen im Vogelsberg kennen zu lernen. In HartmannsHain, ergoß denn auch der Himmel einen reckst eindringlichen Segen über uns, dessen Folgen wir noch lange über Herchenhäin hinaus, wo er aufhörte, zu spüren hatten. Unter den Folgen war aber auch manche gute. Zunächst hatten wir Humor genug — wir waren einige Herren und Damen — uns die Stimmung nicht verderben zu lassen. Und dann wurden wir auf der Herchenhainer Höhe auch durch einen wundervollen Anblick belohnt: Auf der einen Seite flutete blendendes goldenes Sonnenlicht über die Wauen Taunusberge. Nachher anderen Seite hin zog düstergrollend das Univetter ab, dessen einen ,
Ausläufer wir noch zu spüren bekommen hatten. Zwischen dem finsteren Osten und dem lichten Westen aber spannte sich weithin in leuchtender Farbenpracht ein doppelter Regenbogen. Ihn so ganz zu überschauen, von einem Fußpunkt bis zum andern und bis zum Gipfel seines schönen Halbkreises hinauf, das war ein seltener Genuß. Links schien er aus dem feuchtschimmernden Gras der Wiese herauszu- flammen, rechts erhob sich ernst gravitätisch eine einzelstehende hohe Tannengruppe von dem herrlichen Lichts ab. Und unter diesem geivaltigen Bogen breitete sich dann weithin die Bergwelt aus, die den Vogelsberg umlagert: Rhön, Spessart, Taunus! Wie schrumpften aber alle diese irdischen Großen zusammen vor der einen, unermeßlichen himmlischen! Der Eindruck war so großartig feierlich, daß man wohl begreifen konnte, wie schlichte Völker einer unwissenderen Zeit ein religiöses Symbol aus diesem Bilde machen konnten. Schließlich, ist es nicht auch ein Symbol für uns geblieben, die wir durch eine eindringlichere Kenntnis der Naturerscheinungen und ihrer Gesetze die unfaßbare unantastbare Erhabenheit der grenzenlosen Welt nur umso deutlicher empfinden müssen?
Allmählich erlosch der himmlische Glanz. Der Weg ging weiter durch die Bergwiesen, die in seltener Ueppigkeit prangten. Ein zahlloses Heer duftender Blumen war über sie hin zerstreut. Die leuchtendgelbe hohe Arnika montana nickte uns überall zu. Ihr besonders sind ja diese Höhen Heimat. Aus dem prachtvollen Hochwalde antwortete ein helles, deutliches Echo unserem Singen und Rufen. Der Rauch von Kohlenmeilern stieg an mehreren Stellen über dem sanft gewellten Laubmeere auf: ein Zeichen der Menschenherrschaft über die Naturgaben und -Kräfte auch in dieser grünen Einsamkeit. Allmählich wurde es Abend- Nun kamen wir an die Schwarzbach. Schäumend rauschte das geschwinde Wasser über die dunklen Basaltblöcke, geschäftig, als hätte es keine Zeit zu verlieren: Menschen und Tiere und die Mühlen im Tale warten auf dasselbe und die Flüsse auch, die Fulda und Werra, die seine Kraft brauchen, schwerbelastete Schiffe zu tragen. Hier auf der luftigeu Höhe aber ließen sich Moose und Farren üppig wuchernd, von seinen blitzenden Perlen besprühen und schlanke, hochragende Buchen streckten die durstigen Wurzeln nach ihm aus und rauschten ihm dankbar zu mit den hellgrünen freundlichen Blätterkronen. W!elch herrliche Plätzchen zum Sinnen und Träumen an heißen Sommertagen, wenn hier Glut und Glanz der Sonne zu wohligem Schatten gedämpft und zu erquickendem Duste abgekühlt wird!
Wir traten ins Freie. Da lag nun vor uns, von künstlerischem Geschmack errichtet, der Anfang des geplanten Kurortes: Das Haus des Begründers, Direktor Berlit, unb ein größeres, feinbehaglicbe^ Gasthaus. 3hn Laufe der Jahre soll sich nach wohldurchdachtem Plane die Reihe anderer Gebäude anschließen. Sanft neigt sich das Gelände, von kurzem harten Berggras bestanden, mit dunkeln, schweren Felsblöcken übersät, nach dem kaum ein Viertel- ftündchen entfernten Ilbeshausen. Ein Zeichen der fortgeschrittenen Technik, daß auch in diese Bergeshöhe hinein die bequeme Schiellenstraße führt, lieber die Wiese hin wurden eben die Rinder nach Hause getrieben: schwerfällig, weit zerstreut, ab und zu noch ein Gräslein rupfend oder einen Truilk aus der Schwarzbach nehmend, trabten sie abwärts.
Die Poesie des Abends Weitete sich dann über der Landschaft aus: In der Ferne das Rhöngebirge verschwamm mehr und mehr tut Blaugrau des Hummels. Im Dorf leuchteten die ersten Fenster von Lampenschein. Auch im Gasthause ging es zum Essen und in der einsamen Stille draußen hörte man nur noch das Rauschen und Plauschen des eilenden Bergbachs.
Altch wir mußten schließlich der materrellen Stärkung gedenken, um die am Tage verausgabten Kräfte zu ersetzen. Und es geschah mit nicht geringerem fröhlichen Verständnis, als die Aufitahme der ästhetischen Landschaftseindrucke zuvor. Die nassen Füße wurden in geliehenen Strümpfen und Pantoffeln rasch wieder warm und trocken, und so blteh von der bösen regnerischen Ueberraschung am Ende nichts, als die Erinnerung an die herrliche Berglandschaft unter dem Regenbogen.
Als wir botttt am späten Abend noch emmal vor das Haus traten, da blitzten uitd funkelten Wer uns die Sterne, auch sie in der köstlich reinen Atmosphäre hundertmal schöner und klarer, als man sie drunten durch die Stadtlust


