Ausgabe 
27.5.1907
 
Einzelbild herunterladen

iTTpTil M4M

Jem Irrlicht nach.

Roman von Alexander Römer.

Nachdruck verbotet.

(Fortsetzung.)

Sylvia beteiligt sich lässig bei dem Aufräumeakt, sie weiß aus Erfahrung, daß es bei der Mutter Gewohnheiten so ziemlich Danaidenarbeit ist, und sie antwortet auch wenig auf F-ilvmenas Geplauder, obgleich sie das Mädchen sonst gerne hat. Der Mutter wiederholte Reden über ihre Geldmittel liegen ihr doch im Sinn. Sie hoben allerdings seit längerer Zeit schon ein Sparsystem eingeführt, was früher nie in der Mutter Wünschen lag.

Als die Kleine endlich Ordnung geschafft hat und gegangen ist, fängt Sylvia noch einmal von der Sache an.

Ich möchte doch Klarheit darüber haben, Mama, sind unsere Finanzen verringert? Wir müssen doch dieselben Jahreseinkünste behalten."

Tie Mutter sieht sie einen Augenblick beinahe spöttisch an, und schlägt dann ein lautes Gelachter auf.Du kleine Unschuld! Na, es wird ja, gottlob, an dich nie herantreten, aber du bist wirklich naiver, als ich dachte. Was meinst du denn wohl, was unser Berliner Aufenthalt in den ersten Jahren, was deine Aus­bildung, alles, was wir für dein« Zukunft tun mußten, gekostet hat? Summen über Summen, da reichten doch die Zinsen lange nicht aus. Und dann später unsere Reisen; wer konnte denken, daß alles so kommen würde?"

Sylvia steht mit ängstlichem, gespanntem Gesicht vor der Mutter, sie ist aus ihrer Apathie aufgerüttelt.So willst du sagen, daß das Kapital aufgezehrt ist?" fragt sie bebend.

Närrchen, mache doch kein solch entsetztes Gesicht, was ficht es dich an! Mich könnte es höchstens treffen. Aber der Conte ist ein so liebenswürdiger, durchaus nobler Kavalier, der mich nie darben lassen wird."

Sylvia springt auf, die gleichgültige Ruhe ist verschwunden, sie ist leichenblaß und ihre Augen sprühen.Der Conte! was willst du dauttt sagen?" rüst sie und ihr Atem stockt fast.

Still! still! Kind, wie du dich nun wieder geberdest. Als ob du es' nicht lange wüßtest, wie treu und ausdauernd er um dich wirbt. Wie zart müht er sich, dich ganz zu sich herüber zu ziehen, dich auch zu seiner Kirche zu führen. Sieh, der Abbate Lucci, er ist doch auch feilt Abgesandter, wie würden sich sonst diese höheren Prälaten um uns unscheinbare Fremde kümmern. Sylvia! Sylvia! mein Goldkind!" Ohne das wachsende Entsetzen auf den Zügen der Tochter zu bemerken, schließt Frau Cölestin: ihr Kind in die Arme und erstickt durch ihren Wortschwall jede Erwiderung. , . L . ,

Ah! wir haben ja Unglück gehabt, mein Kleinod, viel Un­glück. Es sollte ja anders sein. In welchem Glanz, auf welchen Höhen sah dich schon mein liebendes Auge, aber das Leben ist rauh, und Gott führt uns ost andere Wege, als wir menten.

Sie läßt Sylvia, die sich etwas unsanft zu befreien strebt, fahren und streckt mit pathetischer Geberde die Arme gen Himmel.

Gott wollte uns in den Schoß seiner allein seltgmachenden Kirche führen, damit unsere Seelen Frieden finden sollten. Ach.

auch du mein Kind erfährst schon den Zauber dieses Kultes!, den segnenden Hauch in diesen Kirchen, den Trost, den ihr« Priester spenden."

Sylvia steht da und faßt mit beiden Händen an ihre Schläfen. Ist die Mutter wahnsinnig geworden? Dieses hohle Pathos ist ihr freilich recht vertrant und seine Wirkung auf sie abgestumpft^ aber der Sinn, der in deut ganzen Gerede liegt. Ihr schwindelt, ihr ist als ob die Stube sich drehe und der Mutter Antlitz eine grinsende Maske sei. Der Conte! Die Mutter denkt, sie soll ihn heiraten und katholisch werden.

Als ob plötzlich ein Schleier fortgezogen würde, so kommt ihr in dieser Stunde erst ihre Lage zum Bewußtsein, die ganz! Wucht der verwirrten Verhältnisse, in denen sie steckt. Der Conte, dieser galante Italiener, ist ihr zu Anfang widerwärtig erschienen, sie hat sich abgestoßen gefühlt durch seine feurigen Huldi­gungen. Dann, als ob er diese Abneigung bemerkt hätte, ist seine Art zurückhaltender' geworden, er hat sich durch unzählige kleine Aufmerksamkeiten nützlich, ja unentbehrlich gemacht: sie stehen hier ja so sehr allein im fremden Lande. Allmählich hat sie ihn als unvermeidliche Zugabe betrachtet aber daß die Mutter gedacht, sie könne ihn heiraten entsetzlich! Sie schaudert.

Mutter! das hieße ja, mich verkaufen!" schreit sie auf.

Sylvia, was für ein Wort! Du bist immer so gewaltsam und rücksichtslos, denken hast du noch nicht gÄernt. Gerade wie damals, als ich so unüberlegt rasch mit dir aus Dresden! und von Walldorfs fort mußte. Gott weiß, was ich nur damit ausbürdete."

Sylvia starrte die Mutter an, als spreche sie hebräisch. Ihr armer Kopf ist so verwirrt. Aber richtig, den Vorwurf hat sie auch schon öfter gehört, daß sie damals durchaus fortgewollt und die Mutter aus ihrem Rnhasyl getrieben habe. War es so? sie weiß es selbst nicht mehr. Sie hat sich treiben und schleppen lassen in den letzten Jahren und sich wirllich gemüht, so wenig Ivie möglich zu denken. Wie lange schon ist sie hoffnungst- und ziellos, ein treibend Wrack auf hoher See. Dies rüttelt und packt sie. Der Lebenstrieb erwacht in ihr, der Trieb zur Not-; wehr gegen solche. furchtbare Zumutung. Und nun weiß sie es auch, daß das Leben mit der Mutter, so wie sie es jetzt fiHM. auf die Dauer unerträglich wird.

Ihre Lippen sind fest geschlossen, ihre Augen glühen, ratlos irrt ihr Geist umher, nirgends eine Heimat, nirgends ein Ausweg. Ja, die Kirchen sind ihr mitunter wie ein Friedensasyl erschienen und die ernste, feierliche Pracht darin erhebt ihre Sinn« aus dein dumpfen Elend, in dem j e versunken ist, der Weihrauchduft, die Musik, der Gesang lullen sie ein. Sie hat die eifrigen Büße­rinnen und Beterinnen zuweilen beneidet, wenn sie au den Beicht- stühlen knieten. Sie hatten eine Stätte, wo sie ihr Herz ent-, lasten konnten. c

Die Mutter redet weiter, von dem glänzenden Leben, das sie führen werde an des Conte Seite, ein Palazzo in der Stadt, eine terra im Gebirge, eine Loge im Theater, Eqnipage, Toiletten, und einen gefügigen, sie anbetenden Gemahl.O! diese Italiener sind anders, als unsere deutschen Bären!" ruft