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Er wies ihr einen Sessel in einer förmlichen Manier, als fei sie eine fremde Dame. Dann schritt er ein paarmal unruhig im Zimmer auf und ab, als suche er nach den richtigen Worten.
,,Ja, das hilft nicht," begann er endlich, „Umschweife und weitläufige Einleitungen zu machen verstehe ich nicht, und da du ihn gar nicht gekannt hast, wird es dich auch nicht umwerfen. Dein Vater, Herr Zernial, ist tot!" ,
Sylvia sprang vo ihrem Si.-> empor.
„Mein — mein Vater? Wußte nmtt denn, wo er war?" „Nein, das wußte man nicht. Deine Mutter, die eS ja allein hätte wissen sollen, hatte keine Kunde von seinem Aufenthalt, wir also erst recht nicht. Jetzt ist die Nachricht vom deutschen Konsulat aus Mexiko gekommen, wo dein Vater in eineni kleinem Ort im Staate Sinaloah, in Rosario, gelebt hat. Er ist dort einsam gestorben. Ein Fremder, ein dort angesessener Kaufmann, der zugleich die Konsulatsgeschäfte im Städtchen besorgt, hat ihm in seinen letzten Strrnden beigestanden und seinen Nachlaß geordnet."
iForlsetzung folgt.)
Die falsche Braut.
Man schreibt aus Schanghai:
Das arme chinesische Schneiderlein! Er schwelgte in allen Wonnen und war so überglücklich über den Besitz seiner reizenden, kleinen Braut! Endlich war der Tag gekommen, an dem das entzückende Wesen als Herrin und Gebieterin in das Heim des liebetrunkenen Schneiders cinzichen sollte. Man Ah-Wo hatte (eine gesamte Verwandtschaft, alle seine Freunde und Bekannte zu- ammengetrommelt. Jeder sollte Zeuge seines grenzenlosen Glückes ein, und die Hochzeitstafel brach fast zusammen unter der Last der chönen Haifischflossen, Taubenclcr, Vogelnester, Taschenkrebse und 'ei anderen unzähligen, chinesischen Delikatessen, die der Bräutigam seinen Gälten a-uftischte.
Man Ah-Wo schwelgte also in allen Wonnen. Aber heute ist Man Ah-Wo aus allen Himmeln gestürzt und hat den Glauben au sämtliche zehntausend chinesische Götter verloren, denn die liebreizende Braut hat sich plötzlich als ein — Mannesbild entpuppt, als ein veritabler, echter männlicher Mann.
Auf welche Weise das arme, bezopfte Schneiderlein die Metamorphose während des Hochzeitsschmauses entdeckte, ist nicht aufgeklärt worden. Aber kurz und gut. Man Ah-Wo sprang auf einmal wie besessen von der Tafel auf, stürtzte aus dem Zimmer kund eilte zem Stadtrichter. Diesen ersuchte er, sofort die Braut zu verhaften. Der Richter glaubte zuerst, dem aufgeregten Zopfträger sei der „Samshu" (Reisbranntwein) in ben Kopf gestiegen, oder er sei vor Glück übergeschnappt. Als Man- Ah-Wo jedoch der gestrengen chinesischen Obrigkert etwas ins Ohr flüsterte, ging ein verständnisvolles Lächeln über die richterlichen Züge, und gleich darauf schlugen die Häscher die Holde in Bande. Und richtig, das Bräutlein erwies sich als — Mann.
Die Geschichte mag etwas unglaubhaft klingen, aber sie ist buchstäblich wahr und bildet zurzeit das Tagesgespräch in Schanghai. Sie kann als Pendant zu der Affäre des Breslauer Lehrers betrachtet werden, über die in diesem Blatte s. Z. berichtet worden ift.
Während aber die Breslauer Affäre mit dem Selbstmord der „Braut" endete, fand die hiesige einen echt chinesischen Abschluß. Bei einem solchen geht es natürlich nicht ohne behördliche Prügel ab, und so erhielt die „junge Braut" kurz nach der Verhaftung eine Abschlagszahlung von zweihundert wohlgezählten und wohlapplizierten Bambushieben, der nach der gestrigen Verhandlung ein weiteres Konto von — fünfhundert Schlügen folgte. Dann sollte die „Braut" als warnendes Beispiel durch die Straßen geführt werden. Aber von diesem Vorhaben mußte abgesehen werden, da das Ereignis die gesamte chinesische Bevölkerung auf die Beine gebracht hatte und ein geradezu lebensgefährliches Gedränge entstand.
Man begnügte sich daher, die falsche Braut an den eirlzelnen Stadttoren nur öffentlich auszusteilen. Ich nahm sie am nörd- lichen Tor in Augenschein. Aber, wie sah „der, die, das Aermste" aus! Die siebenhundert „aus der Armenkasse" spiegelten sich auf den schmerzverzerrten Zügen der entlarvten Braut wieder. Rühren konnte sich der arme Kerl nicht. Denn der Kopf steckte in dem sogenannten „Strafbrett", auf dem das Vergehen des Delinquenten vermerkt ist und das eine Bewegung unmöglich macht. Auch befand sich „die Braut" immer noch im hochzeitlichen, wenn auch stark derangierten Kleide, Das Gewand war zerrißen, die Schminke im Gesicht in alle Richtungen zerflossen und die kunstvolle Frisur arg zerzaust.
Aber trotzdem konnte man den Reinfall des chinesischeit Schneiderleins verstehen, denn die falsche Braut wies tatsächlich in jeder Beziehung weibische Züge auf. Besonders fielen die zierlichen Hände und kleinen Füße in die Augen. Die „Kleine" sah akkurat so aus, wie eins der angemalten Gesangsdämchen aus der Foochow Road.
Aus dem Geständnis der so arg verprügelten „Braut" ging hervor, daß sie den Betrüg ans Anraten eines Freundes aus-, geführt Hut. Der richtige Name des chinesischen Doppelweseus
ist Hsu-Ah-Mei. Der jetzt im 23. Lebensjahre stehende Jüngling ist früher Schncidergeselle gewesen. Diese Beschäftigung wurde ihm aber bald zu eintönig, und er sattelte daher zum öffentlichen Geschichtenerzähler und Balladensänger um. Auf der Wanderschaft machte er die Bekanntschaft eines Barbiers, der ihn überredete, Frauenkleider anzuziehen. Bald hatte sich Hsu-M)-Mei vollkommeii in ein Mädchen verwandelt.
Da das Gewerbe aber nur wenig Verdienst wbwarf, so wurde verabredet, daß Hsu-Ah-Mei — heiraten und ihren Mann nach der Hochzeit sofort berauben sollte. Nach chinesischer Sitte wurde nun schnell «in Wann gesucht und in dem Schneider Man- Ah-Wo gefunden.
Das Schicksal hat es jedoch gewollt, daß dieser den Betrug noch in der letzten Minute merkte und auf diese Weise wenigstens sein Eigentum retten konnte.
Tie Dumme in der Angelegenheit ist natürlich die falsche Braut geblieben; denn da sich ihre Spießgesellen rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten — die Provision für die Vermittlung der Ehe hatten sie bereits in der Tasche — so mußte der arme Hsu-Ah-Mei die Prügel allein auskosten.
Der Vorfall beweist aber, daß man auch im Reich der Mitte in allen Gaunerkniffen gut zu Hause ist, und daß in mancher Hinsicht die „Zivilisation" der Chinesen also überraschende Fortschritte gemacht hat.
Felix 93 a n m a n n.
Die Jrreiipflege von heute.
Mit unendlicher Mühe hat sich die Psychiatrie aus einem! ungeheuren Wust 'von Aberglauben und Vorurteil herausarbciten müssen, um — wie die anderen Spezialfächer der Medizin —, zu einem Zweige der exakten Wissenschaft zu werden. Wenn sie nun auch bis zur Vollendung dieser Entwickelung noch Jahrzehnte brauchen lvird, so zeigen sich in der Jrreupcaxis doch heute schon die Erfolge der neuzeitlichen, von Grund ans ge- wandelteu Anschauungen.
Wir sperren unsere Geisteskranken heute nicht mehr hinter vergitterte Fenster, die den Häusern das Aussehen von Käfigen geben, wir verschmähen die Zwangsjacke, wie überhaupt jede Anwendung brutaler Gewalt, und kommen sogar immer mehr davon ab, durch Verabreichung großer Schlafmitteldosen eine vorübergehende Beruhigung zu erzielen, die den Kranken ost stärker erschöpst, als selbst das wildeste Toben.
Arzneilose Behandlung wird allseitig angestrebt, und wenn wir einen unruhigen, wild lärmenden Kranken ein paar Stunden ins warme Bad setzen, so pflegt die gewünschte Beruhigung in einer ganz natürlichen und ungezwungenen Weise einzutreten.
Auch der Jfolierraum, die „Zelle", das Schreckgespenst früherer Zeit, verliert ihre Schrecken mehr und mehr. Nur im äußersten Notfälle nimmt sie auch jetzt noch den einen oder anderen Kranken vorübergehend auf, vielfach nur auf Stunden; denn die Wirkung der Isolierung ist frappant. In vielen Anstalten läßt man daher nur wenige „Zellen" weiter bestehen und wandelt die Mehrzahl zn Räumen anderer Bestimmung, zu Badezimmern, Kleiderkammern oder Arbeitsstätten um. Denn gearbeitet, das muß gesagt werden, wird in den modernen Anstaltsbetrieben ganz gewaltig!
Man hat «Mich eingesehen, daß wir in der Arbeit eines der wirksamsten Heilmittel besitzen. Ja, für Zustände von Neurasthenie, Hypochondrie und bergt, ist s e überhaupt das emsige. Wie viele Existenzen gehen zugrunde, weil fle nicht geregelte Lebensarbeit fanden! Wie viele mittelmäßig Begabte quälen sich aus falschem Ehrgeiz mit Dingen ab, die ihr Fassungsvermögen übersteigen. Hier liegt eine starke Quelle geistiger Erkrankungen auslöseuder Momente.
Dem Einfachen eine einfache, dem Komplizierten eine kompliziertere Arbeit zu geben, ist daher eine der wichtigsten tzeil- maßnahmen geworden; und auch ganz Arbeitsunfähige sucht man irgendwie zu beschäftigen, sei «s durch Spiele, sei es durch festliche Veranstaltungen, tvelche oft genug auch in die düsterste Seele noch einen Abglanz von Freude werfen.
Nicht alles zwar können Rücksichtnahme und strenge Individualisierung wieder gut machen, was ein unzweckmäßiges oder rücksichtswses Leben verdorben hat, aber sie können doch viele Gefallene ausrichten und stützen und das Gefühl des Menschlichen oft auch in solchen Elementen wieder wecken, welche der Lebensi- kamps antisozial, gemeinschädlich gemacht hatte.
Es ist eine christliche Charitas der Tat, die in den großen Anstalten geübt wird. Eine Clmr-tas, die zweifellos über der des Wortes steht. Besondere Triumphe hat in den letzten Jahren die sogenannte „Familienpflege" gefeiert. Ruhige, geordnete Kranke werden gegen einen geringen Pflegesatz zu einfacheren Familien in Pflege gegeben. Ein Verfahren, das zwei große Vorzüge hat. Erstens erwachsen der Kommune durch diese Unter« bringungsart nicht so bedeutende Kosten wie durch den Anstalts- aufenthalt, und zweitens gewinnen die Kranken wieder Frühling mit dem Leben inmitten der VolMemeinschast. Besond-rs auf dem Lande, >vo sich der Pflegling durch Teilnahme an allen möglichen kleinen wirtschaftlichen Arbeiten dankbar erlvcifen kann, ist oft eine so große Nachfr>.ge nach geeigneten Kranken — denn


