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Tvar nicht allemal zart und rücksichtsvoll, aber sie hatte sich nie vor ihm gefürchtet. Hier trat ihr ein ihrer innersten Natur fremdes Element entgegen und machte sie erbeben.
Armand Billatte nahm langsam seinen Hut, in ihm zuckte ein wilder Schmerz auf, er hatte in anderer Stimmung von hier zu scheiden geglaubt.
Sylvia ließ ihn fortgehen. Sie hatte nicht den Mut, ihn Noch einmal anznreden — er aber legte es ihr als Trotz aus, sie erschien ihin heute i n einem neuen Licht, aber richtig verstand er ihre Natur auch jetzt nicht.
Als er durch den Salon schritt, kam ihnr Erna entgegen. Sie kannte jede Falte seines Gesichts und wußte sofort, daß ihm etwas geschehen war.
„Billatte," sagte sie fragend, „was ist Ihnen?",
Er sah ihr in die treuen Äugen, welche Sorge wiederspiegrlten.
,,O, es ist nichts," erwiderte et; es widerstrebte ihm, von diesem ersten Zerwürfnis mit Sylvia etwas zu verraten. „Ich habe die Professur erhalten, gestern kam die Ernennung.,"
Ernas Gesicht leuchtete auf.
„Ich gratuliere!" rief sie warm. „Mir sind alle sehr stolz auf Sie," setzte sie hinzu.
Er schwieg, die Falten auf seiner Stirn glätteten sich nicht.
„Aber da ist doch einzig Grund zur Freude," mehlte sie befremdet.
Er atmete tief und lächelte.
„Freilich, ich bin iln Grunde auch der Meinung. Sylvia liegt aber die damit verbundene Trennung von hier schwer im Sinn. Gute Erna, Ihnen kann man ja nichts verhehlen, wir hatten den ersten kleinen Zank miteinander." Er versuchte es, sich zu einer leichten Tonart zu zwingen. Er in seinem Herzen Wußte, daß es kein „kleiner Zank" geivesen war.
Erna erschrak. Sylvia hatte sich nicht über seine Beförderung gefreut, sie hatte ihm zuerst ihren Mangel an Liebe verraten.
Nahm er es wirklich noch leicht? Ließ er sich noch täuschen? „Sylvia ist mitunter albern," sagte sie kurz.
„Sie wird sich besinnen," entgegnete er lakonisch. „Bitte, wollen Sie ihr sagen, daß sie mich heute nicht mehr erwarten solle, ich habe vieles zu erledigen."
„Ich werde es ausrichten. Biel Glück auf den neuen Weg, Billatte!"
Sie drückten einander die Hände und er ging. Ja, sie verstand ihn immer, begriff sein Streben und erfaßte das Wichtigste. Ihr wurden die anderen Erwägungen iwst in zweiter Reihe gekommen sein. Sie war eine völlig andere Natur als Sylvia.
Die Begegnung mit Erna hatte Billatte aufgcrichtet, in ihrem Wesen lag etwas Sänfrigendes, Ausgleichendes.
An diesem Abmd saß Sylvia mit ihrer Mutter in eifriger Beratung auf ihrem Zimmer. Sylvia hatte ihre Seele erleichtern Müssen und niemand sonst dafür gehabt als ihre Mutter.
Frau Zernial war in großer Erregung. Das war ja ein ganz perfides, hinterlistiges Benehmen. Natürlich hatte er das lange voraus gewußt, vom Himmel ganz unerwartet fiel solche Ernennung nicht, und seiner Brant und ihr hatte er nichts davon verraten. _ Ihrer also wollte man sich entledigen, das !var ja recht hübsch —, .und rund heraus hatte er das gesagt, zu ihr, der Tochter? Wirklich unerhört, unglaublich!
Sylvia stand am Fenster und blickte in den grauen Februar- abeud hinaus. Die Sonnenblicke des Morgens hatten nicht lange gedauert, jetzt mar der Himmel trübe, die halb geschmolzene Schneedecke sah schmutzig aus und die kahlen Sträucher im Garten hoben sich schwarz ab von dem lichten Horizont. Die ganze Welt war grau in Grau. Sylvia suhlte sich sehr unglücklich. Sie hörte nur halb der Mutter Gerede, das sich wie gewöhnlich kraus durcheinander fkicht. Die Vorwürfe über ihre Uebereilung, als sie sich damals nach Roderichs Abreise sogleich Mit Billatte Verlobte, hatte sie schon genug gehört — es wäre vielleicht besser gewesen, fte hätte gewartet, aber was blieb ihr denn für eine Wahl? ,
„Tu könntest dir mit deinem Talent, mit deiner Stimme allein eine Zukunft erobern," sagte die Mutter. „Ja, wenn wir nur etwas Geld hätten, da wüßte ich, was wir täten. Wir gingen sofort nach Berlin, ich ließe deine Stimme ausbilden und dir wäre eine glänzende Laufbahn gewiß. Das würde Roderich elektrisieren, du berühmt, gefeiert, umworben, du die vollendetste Interpretin seines Werkes, du mit der Macht ausgerüstet, seine Oper zu lancieren — ha, er würde sich ärgern — ärgern zum Bersten, dich nicht besser erkannt-, nicht für sich gesichert zu haben!"
Nodsrichs Name goß Feuer durch Sylvias Adern. Das Bild, was die Mutter heraufbeschwvr, ließ alles in ihr erbeben. Sie
auf der Höhe, sie Künstlerin, 'begehrt, gefeiert, er vor ihr als Bittender! Aber das waren ja Seifenblasen. Erstens hatten sie kein Geld, und dann — den weiten Weg vom ersten Versuch, ihre Stimme anszubilden bis zu dieser Staffel höchster Triumphe, erwog auch Sylvia nicht, es wogte nur ein heftiges Begehren und der Truck der Fesseln, die sie sich selbst geschmiedet, in ihr.
„Geld, ja hatten wir Geld!"
Die Mutter war schon wieder bei anderen Gegenständen, Sie malte jetzt die künftigen ehelichen Szenen, sie kannte die Männer; v, ob sie sie kannte! Selbst ihr Zernial — was nun folgte, stimmte durchaus nicht mit den Erzählungen von dem süßen Turteltaubenverhältnis zwischen ihr und dem Gatten.
Sylvia überlies es eiskalt bei den Schilderungen rauher Zerwürfnisse, roher Härte; die Mutter mußte ja furchtbar gelitten haben. Waren das die Freuden der Ehe, selbst da, wo ein Paar in heißer Liebe sich vereint hatte? O, mein Gott, wie mochte ihr Los werden! Sie preßte die Stirn gegen dis kalten Scheiben und rang die Hände in stummer Qual. Verzweifelte Gedanken flogen durch ihren Kopf — wenn sie sort- laufeu könnte, weit fort, allein hinaus in die weite Welt, wo sie Billottes Augen nie wieder begegnete. Sie konnte nicht länger so weiter lügen und heucheln und die Sanfte spielen, während es in ihr lud;te.
„Ich könnte alles verzeihen, nur keine Lüge!" Die Worte tönten ihr noch in den Ohren und brachten das Gefühl der Furcht in ihr zurück. Auch Ernr hatte ihr damals gesagt, ehe sie ihm ihr Jawort gab: „Du darfst nicht lügen und betrügen!" Das hatte sie damals nicht gewollt, nicht gemeint zu tim, aber jetzt — ach, es kam über sie, welch ein Betrug, welch eine tägliche Lüge dieser ganze Brautstand gewesen war.
Die Mutter gab ihr eine Menge Verhaltungsmaßregeln sür den komnienden Tag, was sie zu ihrem Verlobten sagen, wie sie sich benehmen solle. Es schwirrte ihr alles durcheinander, sie hatte kein Vertrauen zu der Mutter Ratschlägen, sie hatte ihre eigene Seele, ihre eigenen Gedanken, nur einzelne Funken aus deren Reden zündeten bei ihr.
9. Kupitel.
Am anderen Morgen war es ungewöhnlich still im Hause. Der Kommerzienrat war früher als sonst in die Stadt gefahren, Fran Friederike hatte ihre Migräne und Erna schrieb Briese auf ihrem Zimmer.
Frau Zernial ließ sich nicht sehen. Sie hatte es sich überlegt, daß es geratener sei, Sylvia erst allein operieren zu lassen. Billatte war noch bis über die Ohren verliebt, Sylvia würde es schon verstehen, chn zahm zu machen. Natürlich mußte sie, wenn die Heirat nicht zu umgehen war, mit nach Leipzig übersiedeln und bei ihrem Kinde bleiben. Der Schwiegersohn nahm da dann in den Gelehrtenkreisen jedenfalls eine hübsche Stellung ein, das junge Paar würde viel Verkehr haben — sie fand da wohl Abwechslung und Behaglichkeit — das Heben bot ihr nun einmal nicht mehr.
Sylvia stand unterdes vor dem Spiegel und probierte einige Kostüme, sie wählte zuletzt das kleidsamste für den heutigen Tag, wenn es auch für den häuslichen Zirkel reichlich elegant Ivar. Aber sie mußte Armand ja besonders bezaubern und für die Zukunft ihre Bedingungen stellen. Sie horchte auf jeden Tritt, sie hatte nicht geglaubt, da'ß er nach ihrem ersten Zerwürfnis so lauge fortzubleiben vermöchte. Er kam wirklich den ganzen Vormittag nicht.
Ta kam Papa Walldorf angefahren. Er kehrte früher als sonst aus der Stadt zurück, sie war hinuntergegangeii, um nach ihrem Verlobten auszuschanen, und lief ihm gerade in den Weg.
„Ei, ei, erwartetest wohl einen andern?" sagte der Kommerzienrat und klopfte ihr die Wangen. „Bist ein bißchen schmal geworden in der letzten Zeit, ja — ja — Liebe zehrt. Ist deins Mutcer auch du?"
„9?ein, sie kam heute morgen gar nicht, und ich habe auch nicht Zeit gehabt, zu ihr hinüberzugehen."
„So — so — na, ist ja auch nicht nMg, daß ihr immer zusammenhockt. Komme du übrigens gleich einmal mit in mein Zimmer, es hat sich allerlei für dich recht Wichtiges begeben."
Sylvia zitterte. Die Erinnerung an die Stunde vor einigen Monaten, als der Vater sie ebenfalls zitierte, damit sie Billottes Bewerbung erfahre, überkam sie mit greifet Deutlichkeit. Was war es denn heute? Daß Armand ihr seine (Ernennung $unt Professor mitgeteilt hatte, wußte der Vater.
„Hast du Armand gespwchcn?" ftngte sie.
„Nein, heute nicht; ich habe ihm auch noch nichts mitgeletlt von dem, was ich bereits feit gestern wußte. Ich Wolfes erst allerlei informierende Schritte tun, ehe ich sprach, und dmn hist du die Nächste, es zu erfahren."


