Samstag dm 27, Kprik
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Dem Irrlicht Aach.
Roman von Alexander Römer.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
„Tu wärest ohnehin nicht zum Reiten gekommen bei diesem schauderhaften Wetter," warf Erna ihr ein und zitterte in dem Gedanken, daß Sylvia ihre murmelnden Bemerkungen auch Vil- latte gegenüber nicht zurttckhalte und wie schmerzlich sie diesen berühren würden.
So verging der Muter. Der Februar brachte endlich sonnige Tage, Villatte überreichte seiner Braut die ersten Schneeglöckchen. Er war sehr glücklich, er sah strahlend aus heute morgen, seine seinen, geistvollen Züge warm vom sonnigsten Lächeln erhellt. Er hatte eine Ueberraschung für Sylt' die Ernennung zum Professor war da. Er hatte es vermiede,..'mit ihr über seine Aussichten und Hoffnungen zu sprechen, bis er Gewißheit hatte. Er wollte einer Beeinflussung von Frau Zernials Seite vorbeugen, denn diese war sicher mit einer Trennung von der Tochter nicht einverstanden. Jetzt, wenn er Sylvia allein die Nachricht mitteilte, kam ihr Empfinden dabei rein aus ihrem Innern heraus, und er hatte sich vorgenommen, bei dieser Gelegenheit eindringlich mit ihr über die Zukunft zu sprechen und bei ihr selbst beit Wunsch zu wecken, daß sie allein ihren Ehestand in fremdem Ort anfingen. Gr hoffte, daß ihre Liebe zu ihm ihr Eltern und Heimat ersetze.
Sylvia lächelte ihm freundlich zu, als er ihr die Schneeglöckchen reichte, und befestigte sie an ihrem Gürtel. „Du bist so gut und aufmerksam, Armand," sagte sie.
Armand Villatte, der so genau in den Geschichten der Völker aller Zeiten Bescheid wußte, verstand sich wenig auf Menschen-, vorzüglich Frauenherzen. Er nahm diese kühle, lieblick)e Freundlichkeit für Liebe und wähnte, die Jungfrau karge in spröder Scheu mit dem Ausdruck ihrer Gefühle.
„Ich bringe dir heute mehr als diese Frühlingskinder," fuhr er fort, „mein Herz ist voll Freude; sieh her — kennst du solch ein Dokument mit gewichtigem Siegel?" Er hielt ihr das Diplom von der Universität entgegen und erwartete, sie würde in Jubel ausbrechen.
Sie blickte anfangs gleichgültig auf das Pergament, dann machte der Ausdruck seines Gesichts sie ängstlich.
„Was bedeutet das?" fragte sie zagend.
„Es bedeutet, daß man deinem einfachen Armand den Lehrstuhl der Geschichte an der Universität Leipzig anvertraut, und daß unsere Einnahnie sich damit beträchtlich vergrößert."
Aber anstatt zu jubeln, ward sie bleich und trat einen Schritt zurück.
„In Leipzig?" wiederholte sie. „Wir werden also nicht hier bleiben?"
Es tat ihm lveh, daß die Erwägung der Trennung von ihren Lieben ihre erste Regung war, aber er verlangte wohl zu viel — es war im Grunde das Natürlichste.
„Ja, Geliebte!" sagte er ernster; „und glaube mir, es ist uns gut nach allen Serien, wenn wir von vornherein an frem
dem Ort uns einrichten. Mir sind da ganz auf uns allein angewiesen, das ist für ein junges Liebesglück das Schönste."
Sie schlug blitzschnell einen Moment die gesenkten Augen auf, er fuhr zusammen, es zuckte wie ein feindlicher Strahh darin.
„Sylvia, fürchtest du dich, mit mir allein zu sein?"
Sie schüttelte den Kopf und wendete ihn ab, sie drängte offenbar Tränen zurück.
„Ich habe nie daran gedacht, daß wiv anderswo leben könnte», als in Dresden," sagte sie gepreßt.
„Leipzig liegt nur drei Stunden mit der Bahn cntfernh du kannst da deine Pflegeeltern und Mama hier häufiger be- suchen."
„Mama? O, die wird sicher mit uns gehen!"
„Das wünsche ich nicht, Sylvia, und ich hoffe sehnlich, daß du mich recht verstehst. Du wirst gewiß das Verlangen haben, selbständig zu werden und frei. Wir wären beide nicht frei, wenn eine dritte stets als intime Vertraute neben, ja zwischen uns stände."
„Also du willst mich von all den Meinen losreißeu!" Den Ton aus ihrem Munde kannte er noch nicht.
„Sylvia, liebst du mich denn nicht?"
Sie warf sich in die Sofaecke und verhüllte das Gesicht.
„Laß mich — ich muß mich doch erst besinnen." Zum erstenmal wehrte sie ihn rauh ab, als er ihr die Hände vom Gesicht nehmen wollte. „Ich — es kommt doch zu plötzlich — und Mama liebt tnich so sehr — sie wird rasen, wenn sie es erfährt."
Rasen — ja, das war das richtige Wort, obgleich es sonderbar! genug klang aus dem Munde ihres Kindes.
Villatte stand mit finster gerunzelter Stirn und gekreuztes Armen an den Pfeilerschrank gelehnt und sagte in fremdartigem Ton: „Gut, so besinne dich!"
Sie sah scheu auf. Er war böse und tief verletzt. Sie hatte eigentlich gemeint, daß er nie böse werden könne, wie furchtbar strenge sah er jetzt aus. Es war ein schrecklicher Gedanke, allein in Leipzig zu sitzen, mit ihm allein — o Gott, das Leben wäre ja gar nicht zu ertragen. Und wenn sie Nein sagte, die Verlobung aufhöbe, alles hinwürfe — die Gedanken schossen wie Blitze durch ihren Kopf — das würde ein Hallo geben. Der Pflegevater sagte ihr in seinem Zorn gewiß, daß sie zur Mutter gehen solle, und bei Mama war es gräßlich — noch schrecklicher als in Leipzig, wo sic schließlich doch Herrin in ihrem Hause war.
„Sei nicht böse, Armand," begann sie kleinlaut, „ich konnte mich nicht gleich fassen."
„Tn hast mich heute irre an dir gemacht, Sylvia," entgegnete er traurig. „Ich wiederhole es dir noch einmal, besinne dich darüber und — gib mir volle Wahrheit. Ich kann alles verzeihen, aber keine Lüge."
Er war blaß geworden, der sonnige Ausdruck war völlig aus seinen Zügen gewichen, die wie aus Erz gegossen aussahen.
Sylvias kleine Seele erzitterte. Roderich hatte sie früher öfter augesahren, sie hatten sich nmnch liebesmal gezankt uüd er


