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jungen Herrscher gewann, eine neue furchtbare Waffe gegen den „Feind der Zivilisation und Europas" schmiedete. Auch geächtet und arm blieb „le nomms Stein" noch eine geistige Macht, der Mittelpunkt aller patriotischen Ideale, wie er in seinem kurzen einjährigen Wirken als leitender Minister alle Keime einer glücklichen Wiedergeburt mit segnender Hand ausgestreut hatte.
Widerwillig hatte einst Friedrich Wilhelm III. die Dienste des alten Ueberlegenen, ungestüm Auftretenden mit den Worten angenommen: „Ich gab nach;" nun konnte ein Freund und Mitarbeiter Steins die Stimmung am Hofe bald in den Satz zusammenfassen: „Stein ist das Orakel". Seine Reformarbeit griff entscheidend in alle Teile der Regierung ein. Volkstümliche und nationale Gedanken waren es, von denen all seine Erlasse getragen wurden. Die Befreiung des Landvolkes, die er nun durchführte, die einheitliche Gliederung des Kerwaltungswesens, vor allem die geniale Städteordnung, die so ganz von seinen persönlichen Anschauungen, seinen Jugendeindrücken der alten Rheinstädte durchdrungen ist, endlich sein Plan einer Verfassung, die eine andere verantwortlichere Stellung der Minister dem König gegenüber forderte und die Teilnahme von Volksvertretern an der Gesetzgebung vorschlug, das sind die wichtigsten Punkte dieses großzügigen Entwurfes, „des Größten und Kühnsten, was der politische Idealismus der Deutschen je gedacht hatte". Ein neues Staatsideal der Freiheit und engsten Bindung zugleich, großer allgemeiner Ideen und subjektiver Selbständigkeit, wie es Wilhelm von Humboldt theoretisch verfochten, war hier praktisch mit genialem Blick erfaßt. Steins plötzlicher Sturz zerstörte den ruhigen Ausbau dieser grandiosen Grundlagen. Lamprecht hat darum mit Recht den Freiherrn mit einem jener großen mittelalterlichen Bauherren verglichen, die den Grundriß eines Riesendomes entwarfen, aber nur einen kleinen Teil aufbauen konnten. Andere bauten nach ihm weiter und ein anderer vollendete das Werk...
Tie Größe Steins hat sich beinahe noch deutlicher als in seiner kürzen Ministerzeit später offenbart, als er in äußerlich bescheidener Stellung in Petersburg lebte. Zar Alexander war in den Bann seiner Ideen geraten, Und sein Geist, seine mächtige Persönlichkeit machten ihn zum Mittelpunkt der ganzen Gesellschaft. Der Untergang der großen Armee in Rußlands Wüsteneien bestätigte des Freiherrn Glauben an das letzte Heil tnt Osten, das die Macht Napoleons zerschellen müsse. Während man allgemein mit dem immer noch fruchtbaren, noch unbesiegten Kaiser verhandeln wollte, mahnte er eifrig zur Fortsetzung des Krieges und gewann mit der kräftigen, überzeugenden Sprache den Zaren für sein Programm, übernahm im Auftrage Alexanders die Verwaltung der Provinz Preußen, bestärkte York in seiner feindlichen Haltung gegen die Franzosen. Seine Anschauungen lebten in dem Aufruf des russischen Oberbefehlshabers Kotusvw an die Deutschen und feine Stimme klang überhaupt durch all die Begeisterung der Freiheitskriege, die er so hell entflammt hatte. Damit war Steins große Rolle als des treibenden Genius bei der Wiedergeburt Preußens ausgespielt. Der feine Diplomat Hardenberg stand nun im Vordergrund und voll Bitterkeit und Resignation sah Stein seinen Zaren Alexander sich schwärmerisch romantischen Neigungen hingeben, und überall die Reaktion, die Enge und Bureaukratie wieder zur Macht gelangen. Aus der schlimmen Gegenwart suchte er Zuflucht im Studium der Vergangenheit, förderte die deutsche historische Forschung und blieb int sanften Wend- glanze seines Lebens der ehrenfeste, fromme, biedere Ritter, öls der er immerdar seinem Wolke voranleuchtet.
———— ' Dr. P. L.
Vermischtes.
* Vorn scheußlichen Ohrwurm. Der Ohrwurm (warum nennt man das Wesen eigentlich „Wurm"?) hatte in unserer Gegend damals ein gedeihliches Jahr: wo man ging.
stand, lag ober saß, da „wimmelte" er. Nachts im Bett ordentlich ein Nieseln. Alle Kämpfe dagegen fruchtlos, als wäre jedes in wildem Morden ausgesäte Ohrwurmbein ein Trachenzahn, aus dem neue Unholde aufsprossen. Es blieb nichts übrig, als sich zu ergeben. Ich tat das, tnbent ich beschloß, mich für meinen Feind zu interessieren. Was ich über ihn zu lesen bekommen konnte, las ich. Ein eigentümlicher Herr wars schon, mit seiner Brutpflege und mit seinem sonderbaren Brauch, daß die so liebevoll ausgezogenen Kinder schließlich die Eltern aufaßen, die ihrerseits nichts dagegen hatten. Durch das Interesse war mein anerzogener Ekel paralysiert, ich sah mir das Vieh einmal genauer an. Wie, das war der scheußliche Ohrwurm? Lupe her! Das war ja erstens mal ein höchst sauberes, zweitens aber auch ein feines Tier. Genauer hingesehn! Glieder so zierlich, wie Miniatitrinstrumente aus Schildpatt. Und welche Fornten! Das raffinierteste moderne Kunsthandwerk war ja Stümperei gegen diese vollendet schöne Modellierung aller Teile/ die geradezu wie Ideal-Illustrationen zu unfern höchsten An- sprüchen an Zweckmäßigkeit und Linienreiz erschienen. So dumm/ so albern geradezu es mir selber klang, ich mußte mich fragen: hast du denn überhaupt schon einmal ein als Ganzes und in seinen Teilen edler gebildetes, ein schöneres Tier gesehen? Seitdem habe ich zwar immer noch die „Ohrwürmer" weggeschnellt oder getötet, wenn sie meines Schlummers Frieden störten. Aber der Ekel an ihnen war der Freude an ihrer Schönheit gewichen. Wie vieles gibt cs in der Natur, das uns aus einem Abscheu zu einer Freudenguelle werden könnte —i wenn wirs nur einmal genauer art sehen wolltet:!
Dr. h. c, Ferd. Av en ar ins.
Kunst.
— Im Kunstverlag von Nud. Schuster in Berlin erschien ein Bildnis Sr. K. H., des G r o ß h e r z v g s E r n st L u d w i g, nach einem Gemälde von Adolf Beyer, Direktor der Kunstschule in Darmstadt. Die Darstellung sucht das bleibend Charakteristische, die geistige Individualität wiederzuspiegeln und verzichtet I aufa lles äußerlich Repräsentative.
Tas Kunstwerk erfreute sich schon im Entstehen des lebhaften Anteils Sr. König!. Hoheit und fand in seiner Vollendung deren vollen Beifall.
Mit diesem Blatte wird ein Werk moderner Bildniskunst geboten, das sowohl einen vornehmen Wandschmuck bilden, als auch der Mappe des Sammlers zur Zierde gereichen wird. Tie technisch vorzügliche Kupferätzung mit dem facsimilierten Namenszuge nach der eigenhändigen Unterschrift hat eine Bild- dröße von 52,5:38 Centim. Ter Preis ist Mark 10.
Goldene Worte.
Wer die Bettdecke von der schluutmernden Wahrheit wegzieht, den nennt man einen Ruhestörer. Börne.
Ach, welch ein Unterschied ist es, ob man sich oder andere beurteilt. s Goethe.
Nie zeichnet der Mensch seinen eigenen Charakter schärfer, als in seiner Manier, einen Fremden zu zeichnen. Jeai: Paul.
Lern' dich selbst erlernten an andrer Fehler und eignen;
Doch noch mehr an dem, wie du anderer Fehler beurteilst! ------------ Lavaler.
' Rätsel.
Das Erste zeigt in kleinen Lande Dir einen Kurort wohl bekannt, Und pranget er im Leuzgewaude, So wird feilt Name oft genannt.
Tas Zweite ist beliebt bei allen, Beim Wilden und beim Kinde schon, Ein jeder möchte gern gefallen In Hütten und auf stolzem Thron.
Tas Dritte weilt au keinem Orte
Und führt bald hier bald dort dich hin;
Es ist ein Feind den: stillen Horte
Und strebt nach Wechsel und Gewinn.
Tas Ganze gibt uns schöne ©lunbeit Und macht die Seele iroh und tveit, Ob tvir in treuer Schar verbunden, Ob nur allein, in Einsamkeit.
Ich nenne meinen Freund das Ganze
Und folge willig seiner Spur;
Er führt aus der Geschicke Tanze
Zur Trösterin ntich, der Natur. v > f
■ 1" n ’■ Auflösung in nächster Nummer. 4 Ä
Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer;
Ernst ist das Leben.
Redaktion: V. Wittko. — Rotationsdruck und Berlag der Brübl'fchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.


