Ausgabe 
26.7.1907
 
Einzelbild herunterladen

435

Aus der Studentenzeit.

Er nnerungen eines alten Gießeners.

kFortsetzung.)

Cine stete Quelle unfreiwilliger Komik hatten wir an un­seremStiefelfuchs", der auf der Kneipe bediente und den Leuten die Kleider und Stiefel reinigte. Er war in ganz Gießen bekannt unter dem NamenL ö w e k o p p" ; int gewöhnlichen Leben hieß er Tensfelder. Er war mit seiner gelben struppigen Mähne und seinem grotesken Gesicht das Urbild aller von Benedix, Mosental und Anderen int Sinne gesetzten Stie­fel ch s e.Co u le urd ie n er" gab es damals noch nichts

WennLöwekopp" mit Würde verkündigte:Meine Herrn das Fäßche hat sich geneigt", oder wenn er auf den Stuhl ge­stellt wurde und eine Rede auf die Germania hielt, so war dies von einer grotesken Kvmik, deren zwerchfellerschütternder Wirkung sich ttiemand entziehen konnte. Beinahe noch ko­mischer war es, wenn Freund E., genannt Toni, zur Abwechslung denLöwekopp" mit seinem blühenden Unsinn kopierte.

Leider war die Zeit der Fidelität nur sehr knapp bemessen. Um Eilf Uhr war Polizeistunde, bald nach deren Eintritt er­schien die Polizei und gebotFeierabend", und wenn es der Erdmann und der Bogel waren, die den Tienst hatten, dann gab es bei ihrer Wiederkehr kein entrinnen. Diese beiden Hüter der öffentlichen Sicherheit machten uns viel zu schaffen, sie waren so schlimm, daß wir die beiden hinteren Seitenkegel, die beimKumm sch er en" am Schwersten zu holen" waren, Erdmann und Bogel nannten.

Ihnen verdankten wir auch den damals berühmten Gar- tentüren-Prozeß, in welchen ich nur zufällig persönlich nicht verwickelt war. Einige von unseren Leuten hatten in der Bierlaune eines Nachts, als 7ie nach der Kneipe noch einen Bummel nm die Schoor machten, alle Gartentüren zwischen dem Walltor und dem Neuwegertor ausgehoben und in den Schoor- graben geworfen. Ohne Erdmann und Bogel wäre es nie herausgekommen, daß gerade unseren Leuten diese schreckliche Tat zur Last fiel. Der Gambrinns brachte damals in famoier Silhouette die beiden, wie sie die Täter verfolgen mit dem Zusatz: Wir heften uns ian ihre Sohlen, das finstere Geschlecht der N a ch t".

Früher wurden derartige Eingriffe in die Integrität fremden Eigentums vor dem Univerf-tsisgericht rektifiziert, später gab es Polizeistrpfen, die nicht .. streng bemessen waren. Zum erstemnale wurde ein derartiger Studentenstreich kriminell be­handelt. . . _ .,, .

Tie Missetäter kamen vor das Provinzialstrafgericht, das damals im Busch'schen Garten tagte, und da es erschwerende Umstände gab, wie Sachbeschädigung in Bereinigung Mehrerer, fortgesetztes Vergehen, Verstocktheit und Mangel an Reue, so wurde bet Sündenbock zu vier Wochen Gefängnis ver­urteilt.Es rast der See und will sein Opfer haben." Tie übrigen Angeklagten mußten wegen mangelnden Beweyes ^frei- gesprochen werden, und das deshalb, weil der einzig iui|;cnbe Zeuge bei der Verhandlung das Zeugnis rechtmäßig verwei- geirte, da er selbst einer der Mitschuldigen war, die Angeklagten sich selbst nicht zu belasten brauchten und nur der Eine verein­barungsgemäß zugestand, die Schandtat begangen zu haben. Wir unbeteiligte Berbindungsgenossen faßten die Sache weniger schwer auf wie das Gericht und führten die Missetäter in bereitstehenden Wagen im Triumph diitch die Stadt nach der Kneipe.

Tie rächende Nemesis mürb: sich wohl oder übel nut dem einen Opfer haben begnügen müssen, wenn nicht dem Zeugnis^- verweigerer nachträglich der Prozeß gemacht worden wäre. Er kam mit drei Tagen durch. Es war zufällig der Redakteur des Gambrinns und Vater der obenangedenteten Zeichnung und des Witzes über Erdmann und Vogel. Er hat in seinem Leben selbst manchen Missetäter zur Verantwortung gezogen, denn er ist vor einigen Jahren, leider zu früh, als Landgerichtsrat in Marburg gestorben. . , , .

Ter Haupt Held des Dramas verbüßte icine Strafe un Karzer; dies Privileg hatte er als Student noch, tragi­komisch ist, dsaß derselbe viele Jahre als oberster Polizeibejamter in Gießen fungierte und noch der Vorgesetzte von Erdmiann und Vogel in ihren alten Tagen war. Unter seinem Regime ist 'es mit der Feieriabendstnnde nicht mehr so streng gehalten worden, ohne daß deshalb der Grobeunfugs- paragravh hätte häufiger angewendet werden müssen, wie Iraner. Ich glaube wenigstens die Erfahrung gemacht zu Haven, daß die Sperren Studenten umso unternehmungslustiger mären, je früher sie von der Küeipe auf die Straße kamen. Auch Freund Fr. ist vor wenigen Jahren verstorben. Er ist seiner alten Germania stets treu geblieben. Als wir im ^ahre 18/6 die suspendierte Burschenschaft wieder ms Seben riefen, haben wir alte Sperren bie mit den jungen Leuten äutreffenbe in feinem Bureau beraten und festgesetzt. Es pasiierte uns damals, daß wir in dem alten Gebäude am Kanzleiberg^ in welchem sich Pvlizeiämt, Kreisamt und Stadtgericht befanden, iul Eifer nicht merkten, daß das unbewohnte Gebäude abge* schlossen worden wjar. Wir hätten die Nacht über dort zu- bringen müssen, wenn ich 'nicht zufällig einmal wahrgenommm Hütte, daß das alte gothifche Burgtor am Heidenturm nur durch

gesamte sonstige Studentenschaft beteiligten, nach dem neuen Lokal gegenüber Liebigs Laboratorium. Gambrinns (der Rhenane Sackreuter) saß in Hemdsärmeln, Koller und Ka­nonen rittlings auf einem großen Faß, das aus einem Ochsenivagen lag. Daneben ritt der Starkenburger Diesfen- bach ebenfalls in Hemdsärmeln, und hinter dem Wagen kopierte der Rhenane Kaufe, aus einem Mülleresel reitend, die dicke Wirtin. Oben auf dem Felsenkeller waren schon zahlreiche Ehrengäste, darunter die Professoren Liebig, Balser, v. Löhr, Umpfenbach u. a- anwesend. Als der Zug ankam, hielt der Teutone Knapp eine witzige Bierrede, in der er Balthasar Loos als den Begründer einer neuen Gießener Bier-Aera feierte. Dann kommandierte der Rhe­nane Schuchard mit dem Sprachrohr des Turmwächters einen Riesensalamander auf Balthasar, bei dem auf Kom­mando in einer Minute zwei Ohm Bier vertilgt wurden.

Eine Aendernng trat aber um jene Zeit auch darin ein, daß der Schoppen Bier statt 2i/2 hinfort 3 Kreuzer kostete. Schon im Jahre 1835 hatte Loos diesen Preisaus­schlag einführen wollen, hatte aber damit nur erreicht, daß dasLoose Hefche" in Verruf fuhr, und die Studenten, statt zu ihm, zu seinem Konkurrenten Reiber gingen. Erst die Verbesserung des Bieres konnte die Preiserhöhung rechtfertigen. Die anderen Brauer beeilten sich,. Balthasar Loos' Beispiel zu folgen, und besonders an der Hardt wurden viele Lagerkeller eingerichtet.

Aber ausreichend war die Bierverforgung unserer Hochschule darum noch lange nicht. Denn mochte das - Lagerbier auch einen unbestreitbaren Fortschritt gegen früher darstellen, so hatte es den einen großen Fehler es wurde jedes Jahr zu früh all, weil nicht genug davon da war. So mußte man sich denn, da die Zufuhr von auswärts schon wegen der damaligen hohen Transport­kosten nur sehr gering fein konnte, stets einen gewissen Teil des Jahres über mit JNngbier behelfen, und das schmeckte durchaus nicht prächtig. Diese Kalamität hat sich, trotzdem neue Brauereien (z. B. die Mienbrauerei) ent­standen, bis in die Mitte der siebziger Jahre erhalten.

Im Wintersemester 1860/61 hatten wir hier einen regel­rechten akademischen Bier st reit. Wie kam das? Während der Herbstferien hatten die gesamten Gießener Bierwirte beschlossen, den Preis für den Schoppen Bier von 3 ans 3i/2 Kreuzer zu erhöhen. Die gesamte Studenten­schaft war bei der Rückkehr auf die Hochschule über diese unliebsame Neuerung äußerst erregt. Das wollte man sich nicht gefallen lassen. Der SC. berief deshalb auf den 14. November nachmittags 3 Uhr eine allgemeine Studenten- versammlung in den Leibfchen Saal. Man beschloß, unter keinen Umständen Bier zum Preise von 3i/2 Kreuzer zu trinken. Dagegen sollte alsbald eine Deputation zum Brauer Jhring nach Lich abgeheu, um von ihm die Liefe­rung des Bieres zum alten Preise an sämtliche student. Korporationen zu erlangen. Diese Beschlüsse wurden von den Studenten selbst durch Zettelanschläge an den Straßen bekannt gemacht. Kaum hatten dies die Gießener Brauer vernommen, so beschlossen sie, ebenfalls eine Abordnung zu Jhring zu schicken, um ihn für ihre Preiserhöhung zukeilen". Aber die Studenten kamen ihnen zuvor und schlossen mit Jhring tatsächlich den alten Preis ab. Da nun alle Gießener Korporationen nur Jhringsches Bier tranken, so mußten die Gießener Brauer wohl oder übel bald wieder zu dem alten Preise zurückkehren.

Als dann Gießen immer mehr Bahnverbindungen er­hielt und die auswärtige Konkurrenz durch Errichtung von Filialen allmählich hier festen Fuß faßte, da war für den Biertrinker die frühere alljährlich wiederkehrende Sauregurkenzeit des Biergeuusses glücklich beseitigt. Unsere heimischen Groß- und Klein-Brauereien aber haben sich ihrerseits in edlem Wettbewerb' befleißigt, in Anlage und Betrieb stets aus der Höhe der Zeit zu bleiben, und können mit Recht stolz auf ihre Erzeugnisse fein.

Kein Zweifel also: wenn heute der Geist eines zech- frohen Gießener Studenten von ehedem wieder zur alma mater Ludoviciana herniederstiege, er würde, allerdings angesichts der heutigen Preise mit einem bedenklichen Blick auf seinen Geldbeutel, schmunzelnd seufzen: Maxime hnw (pi aqipuaq twsiwm lUfö) iZvastsa ovris-wM crnqiqut um euer Bier.) ' R.