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Sie erschrak. Ihren Besuch hatte sie völlig, vergessen. Nun zwang die gebieterische Wirklichkeit sie zum Zusammennehnien. Tie Gäste durften es doch nicht merken, wie es in ihr aussah — nein — durften nicht! Was ging das die Fremden an?
Sunt zweitenmal ertönte der Gong. Dagmar faltete einen Augenblick ärgerlich die Brauen. Zu dumm, daß sie heute teilt Rot aufgelegt hatte! Nun wurde man ihre Blässe bemerken. Sie eilte hastig die Treppe hinab. Im Speisesaal waren schon alle versammelt. Verlegen entschuldigte sie sich bei der Herzogin, doch die wollte von der angeblichen Unhöflichkeit nichts wissen.
„Hausfrauensorgen," meinte sie liebenswürdig. Dann setzte man sich.
Aber das Gespräch wollte trotz der erlesenen Speisen nicht recht in Fluß kommen. Veltlingen bemühte sich zwar krampfhaft^ die Herzogin zu unterhalten, aber das spöttische Lächeln Fredines erinnerte ihn immer wieder an das, woran er jetzt durchaus nicht denken wollte.
Dagmar hingegen unterhielt sich mit scheinbarer Ruhe. Aufmerksam lauschte sie den Erzählungen des Herzogs, aber ihre Finger^drehten, ohne daß sie sich dessen bewußt war, in nervösem Spiel Brotkügelchen.
Uchdorf war der einzigste, der das bemerkte. Mit heimlicher Verwunderung fragte er sich, ob lediglich das Erscheinen des | grauen Hundes das gedrückte Benehmen des Ehepaares veranlasse? Wieder und wieder sah er verstohlen zu Dagmar hin. Und jedesmal sand er ihr Aussehen blasser. Er begriff gar nicht, daß Veltlingen das nicht auffiel. Ihm war es längst klar, daß sie sich auch körperlich elend fühlte, denn von Zeit z» Seit rann, deutlich sichtbar, ein leises Sittern über ihren Leib. i
Uchdorf saß wie auf Kohlen. Er litt förmlich mit Dagmar, die ungeheueren Anstrengungen bemerkend, durch die sie fich krampfhaft aufrecht hielt. Mit zitternder Hand führte sie dann und wann das Glas an die Lippen. Wohl schien ihr der Wein dann jedesmal neue Kraft zu verleihen, aber der Rittmeister merkte doch, wie sie aufatmete, als die Tafel zu Ende war.
Ausfallend langsam ging sie am Arm des Herzogs aus der ! Tür. Je näher sie jedoch dem Wohnzimmer kam, desto fester wurde ihr Schritt. Der gräßliche Schwindel, der sich vorhin ihrer bemächtigen wollte, schien vorüber zu gehen. Aber sie lehnte sich doch noch vorsichtig an ihren Schreibtisch, während sie dem Herzog die kunstvollen Elfenbeinschnitzereien zeigte, die Magnus ihr auf der Hochzeitsreise geschenkt hatte.
Und dann war es auf einmal wieder da, das atemraubende Schwindelgefühl, aber stärker als vorher. Sie hörte die Frage des Herzogs nur wie saus weiter Ferne. Näher und näher kam eine große Wolke auf sie zu. Ein erstickendes Angstgefühl bemächtigte sich ihrer. Sie wollte rufen und konnte es nicht. Und dann hörte sie plötzlich ein furchtbares Sausen und Brausen . . . Mit leisem Aechzen glitt sie zur Seite.
Erschrocken sprang Uchdorf hinzu. Er kam grade recht, die Ohnmächtige in seinen Armen aufzufangen.
Als Dagmar endlich wieder die Augen ausschlug, sah sie zu ihrer Verwunderung das gutmütige Gesicht der Herzogin über sich gebeugt, die ihr vorsorglich, eine Decke überbreitete.
„Liegen bleiben, Kindchen," sprach die hohe Frau mit mütterlicher Zärtlichkeit, „Ihre Jungfer bleibt bei Ihnen. Nein, nein, wir werden uns ganz gut ohne Sie behelfen," wehrte sie freundlich ab, als Dagmar etwas dagegen sagen wollte. „Und wenn Sie sich soweit gekräftigt fühlen, um in Ihr Schlafzimmer gehen zu können, so ziehen Sie sich ruhig ohne feierliche Verbeugung zurück." Sie nickte ihr im Hinansgehen noch einmal freundlich zu.
Als Dagmar dann cmdlich im Bett lag, schloß sie erschöpft die Augen. Tas Auskleiden war ihr noch nie so lang geworden wie heute. Sie fühlte sich noch immer so unsagbar matt. Ehe sie sichs versah, kam der barmherzige Schlaf. Und das war gut. . . Tief und traumlos schlief sie die ganze Nacht. Sie merkte iveder das Subettgehen ihres Gatten, noch sein ungewohnt frühes Aufstehen.
, Verwundert rieb sie sich die Augen, als Anna gegen neun mit einem leichten Frühstück erschien.
„Frau Baronin sollten doch heut vor dem Ankleiden etwas essen," mahnte die Treue besorgt.
«>. f^shvrsam löffelte DagMar die Schochlade und ah vÄtche
™ ^6.5U1 Anna ging unterdessen hin und her, die Suchen [ Ium Ankleiden herausnehmend.
_ werden Frau Baronin heute zum Diner anziehen?
öelbe 'SumtHeib ? Dann müssen aber noch die Perlen herausgelegt werden."
Dagmar nickte gleichmütig. Ach, das war ihr so einerlei! Tenn wie durch Saubergewalt standen auf einmal die Vorgänge des gestrigen Abends vor ihrem geistigen Auge. Sie sah hastig nach der Uhr. Schon neun. Immerhin blieb ihr noch genügend Seit zu einer Unterredung mit Magnus, denn mit den Hoheiten wurde erst das Gabelfrühstück gemeinsam eingenommen. Sie sprang eilig auf.
„Machen Sie recht schnell, Anna. Frisieren können Sie mich nachher. Jetzt nur die Haare zu einem Knoten drehen."
Verwundert gehorchte das Mädchen. In schweigender Hast ging das Ankleiden von statten. Tann schickte Dagmar zu ihrem Gatten, mit der Bitte, sie im Schlafzimmer aufzusuchen. Tort waren sie unbeobachtet und ungestört. Und das wollte und mußte Dagmar sein zu der ernsten Unterredung, die her- betzuführen sie fest entschlossen war. —
(Fortsetzung folgt.)
De cerevisia Gissensi.
(Vom Gießener Bier.)
Ihr seligen Kommilitonen der verflossenen Jahrhunderte, wenn ihr jetzt wieder niederstieget zur Lndo- viciana und fändet alles so verändert und verschönt, sagt an: Um was würdet ihr uns am meisten beneiden?
O, ich ahne eure Antwort. Wohl sind heute der Wissenschaft stolze Lehrsäle und Anstalten bereitet, wie ihr sie nie gekannt, und leichter und fruchtbringender ist unter der Leitung bewährter und berühmter Lehrer der Zugang zu dem lebendigen Born der freien Forschung geworden: aber wenn ihr an das armselige Dünnbier denkt, mit dem ihr dereinst gezwungen wäret, eure Studien zu befeuchten, so scheint euch das heutige Gießen geradezu das gelobte Land zu sein, da in ihm nicht nur Hof-, Augustiner- und andere Bräue, Pilsener und Kulmbacher fleußt, sondern auch die einheimischen Gambrinusgaben von achtungge-, bietender Güte sind.
Ja, sie hatten es schlecht in puncto cerevisiae, unsere akademischen Altvordern. Wohl uns, daß wir Enkel sind! Denn offen gestanden — schon beim oberflächlichen Studium der^ altgießener Bierverhältnisse drängt sich unwillkürlich, aber . zwingend die unheimliche Vermutung auf, daß die Bezeichnung „Dünnbier" noch viel zu gut, zu edel für die Stoffe sei, in denen zu kneipen sich jene gezwungen sahen. Schon in den ersten Jahren der jungen Hochschule hören wir bewegliche Klagen über das miserable Bier. Wiederholt wenden sich die Studenten mit der flehentlichen Bitte um Abhülfe an den Senat, ja an den Landesherrn. Es werden auch Verordnungen erlassen, aber was helfen sie? Serenissimus kann zwar seinen Studenten Exer- zitienmeister aller Art, wie sie sie nur wünschen, verschaffen: aber sein Wort erweist sich ohnmächtig, ihnen auf die Dauer für einen wirklich trinkbaren Tropfen zu annehmbarem Preise zu sorgen.
„Darmstädter Verordnungen und Gießener Bier Dauern von morgens bis mittags vier,"
lautete ein alter Spottvers. Auch der Wein war unter aller Kritik. Aber in der Not frißt der Teufel Fliegen, und so haben sich auch schließlich unsere Musensöhne an das Zeug gewöhnt. Gute Mägen müssen sie freilich gehabt haben. Von Zeit zu Zeit raffen sic sich auf und suchen durch die Obrigkeit eine Besserung der Bierverhältnisse herbeizuführen. Wie es scheint, stets ohne Erfolg. Man kann, ohne sich in eine ermüdende Schilderung der Einzelheiten einzulassen, ruhig behaupten, daß bis zu den ersten Dezennien des 19. Jahrhunderts das Gießener Bier, schlecht, sehr schlecht war.
Eine Aenderung trat erst ein, als Balthasar Loos den ersten Felsenkeller erbaute. Denn jetzt konnte das Bier lagern, reifen, mit einem Wort: es gab jetzt Lager-- bier. Balthasar Loos war der Besitzer der berühmten Loosschen Wirtschaft in der Marktstraße (jetzt Schmückers Nachfolger), die aus drei Teilen bestand, dem „Riemen", der „Gabel" und dem „Höfchen". Das „Höschen" (jetzt Lager von Piftors Nächst) diente als Sommerlokal; lokal-, patriotische Schwärmer haben seine intimen Reize sogar über die des Heidelberger Schlosses gestellt. Der 6. Juli 1840 nun war der denkwürdige Tag, an dem Balthasars Felsenkeller eingeweiht wurde. Ganz Gießen war auf den Beinen. Von „'s Loose Heefche" aus bewegte sich zunächst ein Gambrinuszug, an dem sich die vier Korps (Hassia, Starkenburgia, Teutonia, Rhenania) und fast die


