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der Memel am 25. Ami die erste Zusammenkunft hatten, stand der König von Preußen im strömenden Regen am Ufer und mußte den Zuschauer spielen. Am folgenden Tage wohnte er zwar der Begegnung der Kaiser bei, aber er war mehr zugelassen als ein geladen; der Pavillon, in dem die Zusammenkunft stattfand, war nur mit den Anfangsbuchstaben der Namen Napoleon und Alexander geschmückt; der französische Herrscher unterließ es, seine Umgebung dem König twt Preußen vorzustellen, und Friedrich Wilhelm wurde von der Tafel ausgeschlossen. Auf welche Fricdens- dediugungcn mußte man sich nach diesen Beweisen von Nichtachtung und Härte gefaßt machen! Gab cs kein Mittel, den unbeschränkten Herrn -er Welt zur Milde zu stimmen, das Herz des Allmächtigen zu rühren?
Am 30. Juni kanc ein Brief an die Königin Luise nach Memel, der die Reise nach Tilsit empfahl, wo Napoleon seich Hauptquartier aufgeschlagen hatte, und wenig« Tage später, am 3. Juli, folgte bereits der Befehl des Königs. Luisens Entschluß war gefaßt: aber wie schwer ward er ihr! Sie sollte als Bittstellerin vor den Mann hintreten, der ihr, ihrem Gatten, ihren Kindern, ihrenr ganzen Hause io unendlich viel Leid zugefügt, der sie aus ihrem Lande getrieben und an die russische Grenze gejagt hatte! Sie mußte sich demittigen vor diesem Manne, der ihr als der „Feind alles Guten", als das „Prinzip des Bösen", als die „Geisel der Welt" erschien! Aber ums half ihre persönliche Empfindung, ihr innerer Widerstand? Mau verlangte dieses Opfer von ihr, und sie gehorchte. „Wenn irgend Jemand glauben kann," sägte sie vor ihrem Gang nach Tilsit, „daß ich durch diesen Schritt den- Vaterland auch nur ein Dorf mehr erhalten könnte, so bin ich schon allein durch diese Meinung unwiderruflich verpflichtet."
So nahm sie denn in der Frühe des folgenden Tages Abschied von Memel, „als ginge sie in den Tod" intb bestieg den Reifcwagen. Nach zehnstündiger Fahrt kam sie in dem kleinen Flecken Piktupöhnen an, der! am rechten Ufer der Memel gelegen, keine Meile von Tilsit entfernt ist, und nahm in deni PsarrhauA Wohnung. Noch am selben Abend hatte sie eine Unterredung mit dem Minister Hardenberg, dessen Entlassung Napoleon unweigerlich verlangte, und nm 11 Uhr kam ihr Genrahl, der König, der in einem anderen .Hänschen des Orts wohnte, von Tilsit zurück. Am Vormittag des solgcnden Tages sprach der Zar Alexander I. vor, und nachdem der Oberstallmeister Caulaincvurt die Königin Luise iin Namen seines Herrn begrüßt hatte, wurde die Fahrt nach Tilsit beschlossen.
So brach der denkwürdige Tag an, der den Mann des Glückes und die Königin des Unglücks zusammenführen sollte. Bon einem Zug der Gardes du Corps geleitet, langte Luise mit ihrem kleinen Gefolge um 5 Uhr nachmittags in Tilsit an und stieg im Quartier des Königs ab. Schon eine Viertelstunde später kam Napoleon. „Ist die Königin oben?" rief er und trat ins Haus, trm Fuße der Treppe von der Oberhofmeisterin Gräfin Boß und der Gräfin Tauenzien empfangen. Einen Augenblick später standen sich die beiden Menschen von Angesicht zu Angesicht gegenüber, die sich bisher totfeind gewesen waren. Nach ihrem unglücklichen Schicksal konnte die Königin von Preußen nur ein Gefühl des Abscheues gegen den französischen Kaiser hegen, der ihr außerdem von allen Seiten in den abschreckendsten Farben geschildert war: selbst der König hatte ihr gesagt, daß er etwas Gemeines an sich habe. Nun sah sie den gewaltigen (gröberer mit eigenen Augen und sah ihn mit anderen Augen. Sie fand einen Kopf von schöner Form, das Antlitz eines denkenden Herrschers; an der ganzen Erscheinung erkannte sie den Typus der Casaren. Und sie selbst strahlte in ihrer ganzen bezwingenden! und herzgewinnenden Schönheit. Alle, die sie an diesein verhängnisvollen Tage gesehen, sind einstimmig darin, daß sie selten so bezaubernd ausgesehen habe, und der König selbst sagte später, daß sie nie so schön gewesen sei. Frei und unbefangen trat sie Napoleon gegenüber, der zuerst überrascht, ja verwirrt von ihrem Anblick gewesen sein soll. Die Königin aber zauderte nicht, sondern brachte nach bett' ersten höflichen Worten ihr Anliegen vor: sie bat um milde Friedensbedingungen, für die lmkselbischcn Lande, namentlich um Magdeburg. Wer kennt nicht die berühmte Geschichte von der Rose? Napoleon soll der Königin eine Rose angeboten haben: „Aber nur mit Magdeburg!" Das ist eines jener vielen geschichtlichen Märchen, die sehr hübsch, aber nicht wahr sind, denn die Worte sinden sich nirgends glaubhaft verbürgt.
Napoleon versuchte mehr als einmal abzulenken, aber Königin Luise vergaß nicht, wjas sie zu diesem schweren Gange 'bewogen hatte; immer wieder kam sie auf ihr Anliegen zurück. Und es schien fast, gls ob dieser harte Mann, der sich rühmte, „ein ehernes Herz" zu haben, dem Zauber weiblicher Anmut erliegen sollte, denn er wurde tränkend und versprach, zu überlegen: er wolle sehen, was er tun könne. TU trat unversehens der König ein — die Unterredung hatte schon eine Stunde gedauert — und sofort änderte sich bas Benehmen des Musers. Er wurde kühl und gemessen und brach b,ald das Gespräch ab. Allein Luise war doch zufrieden mit ihrem Erfolg, und zuversichtlich kehrte sie in ihr Quartier zurück. Aber tote bald sollten ihre Hoffnungen zu schänden werden! Wohl herrschte bei dem folgenden Mahl, das der Sieger den Besiegtet: gab, eine lebhafte Unterhaltung, und nach der Tafel sprach die Königin twch 'einmal mit Napoleon^ Aber schott out Vormittag des folgenden Tages ließ der französische!
Kdtser den Nachfolger Hardenbergs, Gras Goltz', rufen ttnd ihm' dte harten Frtedensbedingungen, tute Tallchrand sie ausgearbeitel hatte, ohne Aufschub und Verhandlung zur Annahme unterbreiten.
©o gingen Luise und Napoleon auseinander, und sie habest sich nicht wiedergeseheu. Den einen sührte das Schicksal über Höhen und Tiefen nach dem einsamen Felsen im Atlantic, wo. er langsam verblutete, und die andere nach wenigen Leiden s- tahren in die mecklenburgische Heimat zurück, wo sie in den Armen ihres geliebten Gatten ihre Seele aushauchte. Sie sollte die Befreiung des Vaterlandes nicht mehr sehen; ' aber ihr Geist lebte fort, und als die Verbündeten vor Paris standen, da stieß der alte Blücher seinen Degen in die Erde und rici: „Nun iw Luise gerächt!" ' ™
Theaterkritik in der guten alten Zeit.
Es ist ein schwerer Irrtum, anzunehmen, daß die Theatern kritik in neuerer Zeit in „Verrohung" gefallen ist. Wir findest im Gegenteil im 18. Jahrhundert Proben von einer so scharfen Ausdrncksweise, daß die heutigen Theaterdirektoren und dra-, malischen Schriftsteller Heulen und ZäOieksappcn verspüren toiix*, den, wenn der Ton sich nicht sehr wesentlich verfeinert hätte. In einem sehr seltenen Buch „D a s P a r t e r r" vo u C h r i st i a n Heinrich Schmid in Gießen (Erfurt 1771) finden wir ein charakteristisches Sendschreiben über die Döbbelinsche Gesell-, schäft, die aus Leipzig an den Herausgeber gerichtet ist. Carl Thcophilus Többelin hat in der Theatergeschichte eine bedeutsame Rolle gespielt. Er kam nach mannigfachen Irrfahrten, die ihn vielleicht auch Nach Gießen führten (ans alten Gießener Privat-! papieren erführt miau, daß zu Anfang der 70 er Jahre des 18. Jahr-, Hunderts ein Herr „T ö b l e v" hier in Gießen Theatervorstellungen; gegeben haben soll. Ter Name aber mag falsch geschrieben worben fein) nach Berlin und hat dort Lessings „Minna von Banitzelm" zum erstenmale zur Darstellung gebracht. 1775 finden wir ihn in Berlin als Direktor des Schauspielhauses. Seine Direktion dauerte von 1775—1787, wo die Leitung des Theaters an die Professoren Engel und Ramler überging und Többelin noch eine Zeitlang als Regisseur fungierte. Unsere Kritik stammt aus dem Jahre 1770 und trägt das Motto: „Man geht vergnügt in sein Theater und höchst mißvergnügt wieder heraus." Damals tvar Többelin durch die Mitglieder seiner Familie in den Stand gesetzt, ein Stück vollständig mit seinen Angehörigen, seiner Frau, seinem Sohn und seiner Tochter zu besetzen. Herr Többelin war ein Original, das durch sein Temperament oft in lebhafte Kvn-i (litte mit feinem Publikum geriet. Er spürte in sich eine dichterische Ader und verfertigte selbst Prologe, Epiloge und Vorspiele. Von seiner besseren Hälfte heißt es: „Madame Többelin be- hielt alle Hauptrollen in Trauer- und Lustspielen, ja sogar! in Operetten für sich. Andere Knustrichier haben schon angemerkt, daß Madame ein sehr reizendes Frauenzimmer an der Toilette (sie), aber für das Theater zu lang und ihre Gesichtsbildung zn fein fei. . . .. So unrichtig ihre Deklamation ist, ebenso falsch ist ihre Pantomime, die lebhaft genug, aber meistens recht un- angebracht isst . . . Sic ist 'stets bewegt und scheint daher nnf- geübteren Augen eine Schauspielerin voll Feuer, da sie doch kälter als der Mond ist." Matt muß zugebctt, daß unser Rezensent kein Muster von Höflichkeit ist. Und gegen Többelin Vater wütet er noch ärger. Er bilde sich ein, in feiner Art einzig zu sein und er sei es wirklich in Ansehung des Schwulstes! und Bombastes. „Seine tragischen Helden — der Kvthurn paßt ihn: noch am besten — sind Karikaturen und verhalten sich zu den echten tvie Dunkel zu Klopstock." Im Lustspiel fehlte cs ihm durchaus am Kvnvcrsationston. Tie Truppe verfüge weder überein en geeigneten Charakterspieler, noch 'sei das Fach der Väter und Mütter ausreichend besetzt. Trotzdem mürbe man Nachsicht staben gegen ein Theater, das erst feit drei Jahren besteht, tvenn „Herrn Többclins Aufgeblasenheit Nicht auch den Gelassensten anfbringen müßte."
VsVMZschßss.
* Wie der Zar bewacht wirb. Jin wesentlichen zerfällt die jetzige Bewachung des Zaren in zwei Teile: der eine trägt militärischen, der andere zivilen Chiarakter. Was die militärische Bewachung des Zaren betrifft, so fontint da zunächst die Hauptz- tvache in Betracht, die unter direkter Leitung des Palastkom- mandanten General Tedjulin steht; ferner selbständige Benach- richtiguitgswaHen, die der Einfachheit und schnelleren Orientierung! halber mit Nummern versehen sind, und von welchen jebe, so- wohl mit dem Palastkomntandanicn, als auch mit dem jeweiligen Führer der Hanptwuche jederzeit in Verbindung treten kann. Um jedoch diesen Benachrichtigungswachen eine lebende Vcr-, bindung herzustellen, und in jedem gewünschten Moment eine diesbezügliche Verständigung oder Verbittdung aller Benachrich- tignngswachen zu erzielen, verkehren zwischeit diesett berittene Patrottillen. Außerdem sind zahlreiche Stveifwachen eingeführt worden, die stets' in unmittelbarer Verbindung' mit der H'auptwache stehen, Tag und Nacht deren Anordnungen »eiter geben und Kou- trolldienst ausführen. Mias beit zivilen Bewachungsdienst betrifft, so besteht hievfür ein sehr starkes Zivilkorps, das sich' aus ‘einer großen Anzahl besonders zuverlässiger Geheintagenten rekrutiert, von Verlest eine bestimmte Ksitegorie jtnr den Innen-,


