zu in’eiffrr'n wußte. Das war doch etwas anderes wie die graziöse Hilflosigkeit seiner pikanten Partnerin!
Als fiihlc sie den Blick, so hob Dagmar in demselben Mo- Ment die Lider. Ihre Augen trafen sich in stummer, rätselhafter Frage, kaum einen Herzschlag lang, daun wandte Dagmar mit einer hoheitsvollen Bewegung das Haupt.
Sonderbar dunkel sahen Uchdorfs sonst so Helle Augen plötzlich äus. Unbewußt zog er mit heftigem Ruck die Zügel an. Ungewohnt solcher Behandlung stieg Roland kerzengerade in die Höhe, wild mit den Vorderhusen um sich schlagend.
Mit lautem Aufschrei riß Fredine ihr Pferd zur Seite, rilcksichtslos Dagmar anrcitend, die sich bei dem Satz, den ihr erschrockener Fuchs machte, kaum int Sattel behauptete, da sie unter .angstvollem Herzklopfen nach dem schnaubenden Rappen hinsah. Ms sie ihr Pferd endlich wieder in der Gewalt hatte, war auch Uchdorf seines Rolands Herr geworden, aber wahrend .die meisten Reiter und Reiterinnen ihn: einige lobende oder anerkennende Worte sagten, ritt Dagmar still aus der Bahn. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Gottlob, das; die Probe ohnehin 'beendet war.
Aufatmeud sank sie neben ihrem Bräutigam in die Weichen Polster seines Wagens, Ihm! fiel ihre erschreckende Blässe auf. Besorgt beugte er sich zu ihr hin.
„Was fehlt dir, Dagmar?"
Sie hob matt die Hand, während ein unbehagliches Gefühl des Beobachtetwerdens sie sekundenlang beschlich. Dann antwortete sie scheinbar gelassen:
„Es ist nichts von Bedeutung, mein Freund, nur ein ivenig Kopfweh von der ungewohnten Anstrengung."
Einen Augenblick überlegte er, ob er sie nicht bitten sollte, das Quadrillcreiten aufzugeben, aber das ging doch schlecht an, wo es der besonders ausgesprochene Wunsch des Herzogs war. Seine Hoheit hatte sich dabei so sehr schmeichelhaft über die kühne Amazone, die zukünftige Frau von Beltlingen, geäußert!
Zärtlich rückte der Kammerherr ein wenig näher. Stolz sah er seine Braut an. Klug und gewandt wie sie Ivar, würde sie schon seine ehrgeizigen Pläne' begreifen! Er streichelte Dagmars Hand, die sie ihm schweigend, ohne Gegendruck, überließ. Eine feine Falte bildete sich zwischen ihren schmälen Brauen.. O, daß sie endlich allein wäre!
Hastig verabschiedete sie an der Tür ihrer Wohnung den Kammerherrn, der sie voll höflicher Besorgnis die Treppe hinauf geleitet hatte.
„Verzeih, Magnus, aber ich muß jetzt unbedingt einige Stunden ruhen. Auf Wiedersehen heute abend, ich freue mich die Laffinger als Carmen zu sehen."
„Aber wird dir das nicht zu anstrengend sein, mein Herz?"
Sie überlegte rasch.
„Keineswegs, Herr Baron," gab sie mühsam scherzend zurück. „Werden Euer Gnaden mich abholen?" Das versprach er bereitwilligst. —
Unter den angenehmsten Zukunftsträumen begab Beltlingen sich nach Hause. Prüfend ging er dort durch die mit fürstlicher Pracht eingerichteten Gemächer. Und während seine Augen unwillig an der mageren Gestalt vorüberglitten, welche die deckenhohen Spiegel zurückwarfen, hob sich stolz seine eingesunkene! Brust. Hier würde binnen kurzem sein junges und schönes Weib neben ihm herschreiten, und ihre Klugheit und Anmut sollte dev Magnet sein, welcher den Herzog zu einem häufigen Gast dieser Raume machte. Ehrgeizige Plaue fluteten durch das Hirn des gewiegten Höflings, während er sich langsam in sein Ankleidezimmer begab, wo Franz ihn bereits mit einer gewissen Bangigkeit erwartete.
Kaum sah Beltlingen ihn, so erinnerte er sich auch seines Vorhabens und in nichts weniger als gewählten Ausdrücken empfahl er ihm für die Zukunft eine etwas genauere Befolgung erhaltener Weisungen. Vergebens suchte der Gescholtene sich zu entschuldigen, er habe den Herrn Baron falsch verstanden.
Mit einer außerordentlich geschickten Bewegung, die auf gelegentliche Vorübungen schließen ließ, packte Beltlingen den Redenden am Ohr und drehte ihn zum Spiegel hin.
„Groß genug sind die Söffet ja wohl, mein Sohn. Also sperr sie gefälligst das nächstemal besser auf!"
Ter^ Gemaßregelte fuhr sich mit dem Taschentuch über das Ohr. Schweigend warf Beltlingen ihm ein Goldstück hin, was er wortlos auffing und in die Taschen gleiten ließ.
Ein wahres Glück, daß er heute auf der andern Seite vom! Herrn stand. Nja überhaupt — wenn das Gehalt nicht so hoch und dre Schmerzensgelder gut 'bemessen wären, dann hätte der Baron rhn längst nicht mehr. Aber so? Wein und Zigarren waren auch nicht schlecht...
Jü einem weichen, flauschigen Morgenrock lag Dagmar zur selben Zeit auf ihrer, mit einer köstlichen Felldecke belegten Chaiselongue. Vorsorglich hatte Anna einen dicken, seidenen Schal über ihre Herrin gebreitet, der das Reiten offenbar so schlecht bekommen war.
Regungslos mit fest gefalteten Händen lag Dagmar da. Mechanisch glitten ihre Augen durch das Zimmer. Wie wann und traulich ihr das sonst erschienen war. Fröstelnd zog sie die Decke höher hinauf.
>O Gott, wie elend sie sich fühlte, wie alt und lebensmüde! Und was war die Ursache? Eine dunkle Röte bedeckte ihr plötzlich Stirn nnd Wangen — der Blick, der eine kurze Blick, als sie und Uchdorf einander ins Antlitz sahen. Da eins dem andern das verriet, was zwischen ihnen tot und begraben bleiben mußte. Ja, mußte!
Wie hilfesuchend huschte Dagmars Blick zu der Truhe. „In Treuen fest." Ach, da war kein Sonnenstrahl, der den Wahrspruch so vieler edler Herren und Frauen von Rolfsen in diesem Augenblick vergoldet hätte.
Die Sonne war längst zur Rüste gegangen. Grau und trübe brach der frühe Tezembembend herein, mit seinen harten, kalten Schatten allmählich das Gemach erfüllend.
Erregt sprang Dagmar auf. Angstvoll die Hände auf ihr heftig klopfendes Herz pressend, ging sie mit hastigen Schritten im Zimmer umher. O wie die Gedanken auf sie einstürmten! Diese wilden, unruhigen Gedanken, die sich doch immer nur nm das Eine drehten!
Gab ich Beltlingen zu früh mein Jawort? Ware Uchdorf vielleicht doch noch gekommen, wenn ich — frei war? Frei? Unwillkürlich wiederholt« sie halblaut das Wort. Frei? — Nun, nach den Begriffen der toleranten Welt war sie ja noch nicht gebunden. Besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Berlobungszeit — Prüsungszeit. Wer wollte sie hindern, der Stimme ihres Herzens zu folgen? . . .
Sie stockte plötzlich bei dem ruhelosen Umherwandern. Ja, war sie denn überhaupt sicher, sich nicht getäuscht zu haben? Hatte sie nicht doch vielleicht mehr jaus dem rätselhaften Blick Uchdorfs herausgelesen — Dinge, die ihr Herz wünschte, die ihm aber vielleicht weltenfern lagen? Konnte es ""richt auch ein harmloser Tribut sein, den er unbewußt ihrer Schönheit, ihrem geschickten Reiten zollte? Denn was, in aller Welt, gab ihr eigentlich Veranlassung, etwas anderes von ihm zu denken? Etwa sein Benehmen zu der Gräfin Liudström? Mit der schien er doch bereits im schönsten Einvernehmen zu stehen. Mit diesem koketten Geschöpf, dessen höchstens — freilich äußerst geschickt verhülltes Streben ein« reiche Heirat war!
Leichenblaß stützte sich Dagmar plötzlich auf ihren Schreibtisch, denn wie mit Posaunenstößen gellt« die innere Stimme ihr in die Ohren. „Und weshalb nimmst du Beltlingen? Etwa aus Liebe? — Nein, lediglich um deiner abhängigen Hofdameir- stellung enthoben zu sein, wirst du dich ihm hingeben, hin- geben mit der Liebe zu einem andern im Herzen!"
Ein leises Stöhnen entrang sich ihrer Brust. Barmherziger Himmel nein, so sollt« es nicht sein! Sie wollte es halten das Wort, welches sie Beltlingen verpfändet hatte. Wenn sie für ihn auch niemals jene beseligende, heiße Leidenschaft empfinden kormte — in Treuen fest — das sollte fortan doppelt ihres Lebens! Richtschnur sein . . .
(Fortset-ung folgt.)
Königin Luise mrd Napoleon in Tilsit.
Eine Hundertjahrerinnerung.
Von Dr. H. Warnaw.
Tie Jahrhundertfeier, die wir diesen ganzen Sommer hindurch begehen können, vermag in dem Baterlandsfreunde keine freudigen Erinnerungen zu wecken, denn jeder Tag des Jahres 1807 brachte Preußen neue Demütigungen. Mit der unglücklichen Schlacht bei Jena begann das blutige Schauspiel, das die beiden tzaupthelden schließlich an der äußersten Grenze des Reiches, in dem kleinen Tilsit, zusammenführt«. Hier standen sie sich nun zum erstenmal gegenüber: der Sieger Napoleon und die besiegte Königin Luise, die immer die Seele des Kampfes gegen den Mann des „Schicksals" gewesen war.
Unaufhaltsam tiietten die französischen Heersäulen unter ihren! siegreichen Kaiser vor, und ms die Schlacht von Friedland geschlagen war, schien der Staat des großen Friedrich verloren. Ter wankelmütige Zar Alexander I., auf dessen Freundschaft und Beistand mau so lange gebaut hatte, war anderen Sinnes geworden und hatte mit Napoleon Waffenstillstand geschlossen. So stand Preußen allein und war dem unbezwinglichen Eroberer auf Gnade und Ungnade ergeben. König Friedrich Wilhelm HI. mußte viel über sich ergehen lassen und die unwürdigste Behandlung erdulden. Ms die beiden Mise« auf einem Floß


