Ausgabe 
25.11.1907
 
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Hatte dann die TvoschkeufnHrt mitgeMächt? Sollte es Kündt ge­wesen sein?

Ter einmal gefaßte Gedanke wollte ihn nicht wieder ver­lassen. Das; Eilenburg junior auf dem Kutscherbvck gesessen, war zweifellos; nun waren die beiden in den Aurora-Sälen zusammen beobachtet worden.

Gewiß, es war möglich, daß Kundt der Mitschuldige war, blonder Bart, Brille, das kavaliermäßige Aussehen, alles stimmte, kombinierte der Rat rasch weiter. Am Ende war auch des Malers Behauptung wahr, und er wußte wirklich nichts von dem in seinem Atelier versteckt gewesenen großen Geldbetrag. Das sah Kundt ähnlich, die Beute oder deren Erlös bei un­verdächtigen Dritten zu verbergen, wo sie schwerlich gesucht wurde. Darum auch war Kundt wohl gar nm Vorabend im Witteschen Atelier aufgetaucht! War Kundt im Spiele, so ließ sich auch erklären, warum von den doch zweifellos geraubten Wertsachen bisher noch nicht die mindeste Spur entdeckt wor­den war. In solchem Falle galt cs die Zeit näßen, denn der Zustand des Verbrechers war ein prekärer. Und da war auch zugleich der Schlüssel für das sonst psychologisch geradezu unver­ständliche Verhalten Kundts, als er in den Aurora-Sälen der Beamten ansichtig geworden war. An einen derartigen Anblick war der Abgebrühte doch sicherlich gewöhnt. Sein Schuldbc- wußtsein hatte ihm einfach einen Streich gespielt; er hatte nichts anderes vermeint, als seine neueste Missetat sei entdeckt nnd die Beamten zu seiner Verhaftung erschienen. Da hatte er in wildem Selbsterhaltungstrieb zur Pistole gegriffen und sich zur Wehr gesetzt, noch ehe einer ihn anzugreisen auch nur versucht Hatte.

War Künd schuldig, was lag dann noch gegen den Maler vor? Nichts, d" Anstiftung kam schwerlich in Betracht. Wie dann aber gegen Witte, dem solchenfalls schweres Unrecht angetan worden war, das weitere Verfahren einrichten', ohne einen der Trümpfe aus der Hand zu geben?

Wieder wendete sich Hansemann! an die über sein langes grübelndes Schweigen ersichtlich Befremdete.Uni Verzeihung, Gnädigste, doch mir geht soviel durch den Kbps, nicht am wenigsten Ihre Aussagen. Darf ich eine Frage an Sie richten? So viel rch weiß, hatte sich Herr Witte schon den ganzen Abend über zumeist in Ihrer Gesellschaft befunden. Was veranlaßte ihn nun wieder zurückzukehren? . . . Verzeihung, habe ich indis­kret gefragt", suchte er zu verbessern, als er das dunkelüberzogcne Mädchenantlitz vor sich sah, erreichte aber das gerade Gegenteil.

Ich werde niemanden mehr in die Augen schauen können!" klagte Leonie, . die Augen verdeckend.Und doch . . . wir sprachen gar nicht von uns... cs Ivaren sehr ernste Dinge » . . muß ich es sagen?" meinte sie schüchtern.

Zwingen kann ich Sie nicht. Aber im Witteschen Interesse möchte ich um die allergrößte Offenheit bitten, um mir ein klares Urteil bilden zu können."

Gut. Sie sollen alles wissen, Herr Rat, wenn ich darum auch recht kläglich vor Ihnen stehen werde. Mein armer Papa ,hat recht, ich bin ein törichtes, überspanntes Mädchen . . . unb doch tut er mir bitter unrecht. Ich Habe ja nur gescherzt mit meiner Drohung. Wie hätte ich daran denken können, den eigenen Vater ins Unglück zu stürzen . . . den liebevollsten, besten Vater. Ich wußte ja gar nicht, daß Papa solch verderbeir- hringeude Papiere in seinem Gcldspind aufbewahrte."

Zur Sache, wenn's beliebt", mahnte Rat.Warum kam Herr Witte zurück?"

Ja, da muß ich schon etwas vorherschicken." Das Mädchen sagte es befangen, schwieg wieder nnd schien um tüten Anfang verlegen.Es war im Laufe des Gesellschaftsabends. Es war tzerade Damenwahl Ungesagt, und ich suchte Andr . . , Herrn Witte. Da sah ich ihn in einer Ecke mit einem der Lohüdiener stehen; er sprach so heftig auf den Mann ein, daß er meine An- päheMng garnicht gewahrte. Ich hörte deutlich, wie er sagte: Was tun Sie hier? Noch dazu in:ter der Verkleidung? Sie pnd der saubere Walden sind nicht einen Schutz Pulver wert. Dauerte mich Ihre Familie nicht, so entlarvte ich Sie kurzer­hand^ und ließe Sie ausweisen, verstanden? Doch verlassen Sic sich daraus, ich lasse Sie heute nicht mehr aus den Augen . . . und sehe ich auch nur die geringste Ungehörigkeit, so hat Meine Rücksichtnahme ein Ende gefunden. Merken Sie sich das!"

Das ist ja ganz 'was Neues'" unterbrach sie der Rat staunend,Zu wem sprach denn Witte in solch' wegwerfendem Tone?"

Es wär einer der Lohndiener, der zu der Gesellschaft Aushilfsweise vom Hausmeister angenommen worden war. Wie Mir Andre . . . Herr Witte erzählte, ist der Mann sein früherer Zimmerwirt und kein guter Charakter. Ich muß da noch etwas

cinschalten; es betrifft meine Trohnng' gegen Papa. Er wär immer fo hart gegen mich und wollte nichts davon wissen. . . Gelt Sie verstehen mich. Es ist wegen Andr. . . Herrn Witte, Da hatte ich mir ausgedlacht, ich wollte Papa in einen gchörigeul Schrecken versetzen und so tun, als seien die wichtigen Papiere, von denen er immer sprach, aus seinem Schrank verschwunden . . . und dann würde alles gut und Papa einverstanden sein, so dachte ich. Nun sagte ich Andr. . . Herrn Witte"

»Bitte, bleiben Sie doch ruhig bei Andreas, cs kommt Ihnen viel leichter von der Zunge."

Also ich sprach mit Andreas darüber", berichtete die Er­rötende.Er lachte mich aus, aber schließlich versprach er mir doch, sich einmal bei seinem Zimmerwirt zu erkundigen, der fei ein gelernter Künstschlosscr. Schließlich war cs doch kein Verbrechen, wenn ich mir einen Schlüssel zn Papas sorglich ge­hütetem Heiligtum verschaffen wollte, es sollte ja nichts Schlimmes geschehen, ich dachte nur an einen Schreckschuß. Wie mir dann Andreas sagte, mau müßte einen Wachsabdruck nehmen, und es sei immer eine schlechte Handlungsweise, da sah ich es selbst ein und mein Herz dachte nicht mehr an so ivas. Bloß beim Mittagessen vor dem Gesellschaftsabend, als die Rede auf An-- dreas kam und Papa sich ärgerte, daß er wieder die lebenden! Bilder stellen sollte, da geriet ich in Eifer und war unklug ge­nug, Papa zu bedrohen ... ich habe cs seither so bitter bereut, so unkindlich gewesen zu fein. Nun denkt Papa gar, ich hätte mich gegen ihn verschworen. . . und cs war wirklich nur Kinderei."

Süffm wir das beiseite", warf Hansemanü! ein.Sagen Sie mir lieber, ob ein derartiger Nachschlüssel oder vielmehr bereit zwei, einer für die Zimmertür, der andere für den Kassenschrank hergestellt wurden oder nicht,"

(Fortsetzung folgt.)

Weaterßändel.

Das ganze 18. Jahrhundert hallt wider von Klagen und Fehden gegen die Theaterlust, die als ein Werk des Teufels gebrandmarkt wird; freilich fanden in dem leicht­sinnigen Lebenslvandel der umherziehenden deutschen Komö­dianten diese Klagen einen Schein von Berechtigung. Ihre Hauptsitze hatte die autitheatralische Bewegung in Hamburg, wo der durch feinen Kampf mit Lessing so berühmte Pastor Göze 1769 seine theologische Untersuchung derSitt­lichkeit der heutigen deutschen Schaubühne" veröffentlichte und in Halle, wo ja schon 1745 August Hermann Frcmcke auf seine Eingabe an den preußischen König, in der er auf Abschaffung der Komödieu drang, den kurzen Bescheid er­hielt:der Herr Francke oder wie der Schurke heißt, habe persönlich den Vorstellungen beizuwohnen und sich seinen Besuch attestieren zu lassen." Wie lange aber diese Ab­neigung der Theologe« gegen das Theater währte, geht daraus hervor, daß noch 1824 in Berlin der berühmte Tholuck seineStimme wider die Theaterlust" erhob, nach­dem 50 Jahre zuvor ebenda ein anderes, höchst merkwürdiges SchriftchenNeber den Wert und zur Berichtigung der Gefühle vom Theater herab" erschienen war.

'Im Jahre 1771 ist nun Halle der Schauplatz einer merkwürdigen theatralischen Begebenheit, die uns deut­lich zeigt, mit welchen unendlichen Schwierigkeiten der damalige Theaterprinzipal zu kämpfen hatte. Karl Theo- philus Döbbelin, ein Komödienvater alten Schlages^ der in seiner Spielweise und seinem ganzen Auftreten' noch an die Zeiten der Neuberin erinnerte er fand später in Berlin, zuletzt als Direkteur des Schauspielhauses eine dauernde Wirkungsstätte dieser Döbbelin (der, wie wir vor einiger Zeit bereits mitteilten, in den 70 er Jahren des 18. Jahrh. wahrscheinlich auch bei uns in Gieße uBor- ftellungen gegeben hat. D. Red.) kam int Frühjahr 1771 nach Halle, wo er trotz zweifelhafter künstlerischer Leistungen einen bedeutenden Zulauf seitens der theaterlustigen Stu­denten fand, die sich, wie wir sehen werden, freilich nicht bloß für das Schauspiel allein interessierten. In geschickter Weise verstand es Döbbelin, den bekannten Philologen Klotz, der nicht lange zuvor seinen Streit mit Lessing aus­getragen hatte, für seine Darbietungen zu gewinnen und damit die Fürsprache eines einflußreichen Universitäts-! lehrers. Klotz gefällt sich, in der aait.; neuen Rolle eines!