Worttag den 25. Mvemöer
1907
Auf der eigenen Spur.
Kriminalroman von Otto Hoecker-
(Nachdruck verboten.) «Fortsetzung.)
Mit einem wahren Duldergesicht ergab sich Hansemänn in sein Schicksal und verließ das Zimmer. In der von Thommen benutzten Schreibstube traf er die in Tränen Aufgelöste. Sie >oar in tiefes, dunkles Schwarz gekleidet, wie eine Trauernde und glich in ihrer ausdrucksreichen Verzweiflung wirklich einer Niobe.
Als sie des Rats ansichtig wurde, erhob sie sich rasch und trat mit bittend ausgestveckter Hand auf ihm zu. „Ich mußte ' Sie sprechen. Es betrifft Herrn Witte. Ich habe i n der Zeitung von dem schrecklichen Geschick, das ihn ereilt, gelesen. Es ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Herr Witte ist unschuldig. Ich kann und will es beweisen. Er kann sich nicht in dieser schrecklichen Droschke befunden haben, denn er war — o mein Himmel!" unterbrach sie sich aufstöhnend, beide Hände vor das plötzlich wie in Glut getauchte Antlitz schlagend, „wie soll ich es Ihnen nur verstehen geben, ohne vor Scham in den Erdboden sinken zu müssen. . . Sie werden mich verachten, alle Welt wird es tun.....Man wird mir schlechte Motive
unterschieben, niemand wird an die Reinheit einer Zuneigung glauben, die sich mutig über alle Schranken hinwegsetzte, eben weil felsenfestes, nie mißbrauchtes Vertrauen sie dazu berechtigte . . . ."
„Mein liebes, gnädiges Fräulein, ivenn Sie so ausführlich fortfahreu, dann werde ich Sie kaum zu Ende hören können," unterbrach sie der Rat in stiller Verzweiflung. „Sagen Sie mir kurz und bestimmt, was Sie hierherführt. Vor allem beruhigen Sie sich, damit Sie sachlich reden können. . . und waS das Schämen anbelangt, du lieber Gott, wir alteir Spürhunde hören so viel und werden dadurch gegen die einzelne Individualität derart abgestumpft, daß wir nur den Gegenstand als solchen und ihn daraufhin betrachten, inwieweit er unseren Zwecken zu dienen vermag . . . intb nun bitte ich Sie recht herzlich um genauere Mitteilung. Verstand ich recht, so behaupten Sie, Herr Witte könnte mit dem in der Nachtdroschke geschehenen Verbrechen nicht in Verbindung gebracht werden, weil. . . nun weil er nm die in Betracht kommende Zeit wo anders geweilt hat?" Er schaute sie fragend dabei an. .
Das Mädchen nickte nur unmerklich. „Er tvar bei mir . . , iu meinem Zimmer. Doch ich schwöre bei allem, was mir heilig ist, es geschah aus keiner bösen Absicht. . . wir sind' heimlich verlobt, Herr Rat, doch . . ." Sie brach verwirrt in neues Weinen aus.
„Liebes Fräulein, Sie brauchen sich nicht zu verwahren. Ich glaube Ihnen aufs Wort — utch dann, offen heraus, ich kann mir schlimmere Verbrechen denken, als die im heißen Lebensmai geschehen. Ihre Aussage scheint mir indessen höchst wichtig. Wann soll Herr Witte bei Ihnen geweilt haben?"
„Ungefähr nm halb vier Uhr früh. Ich hatte mich gerade in mein Schlafzimmer, dessen Fenster rückivärts. nach deut Park- DNcken münden, zurückgezogen, als ich draußen einen leisen Psiff
hörte — wir hatten eine derartige Verabredung getroffen. Ich öffnete mein Fenster und sah nach. Es war Andreas — Herr Witte", verbesserte sie sich errötend. „Von meinem Zimmer führt eine Tür zu einem großen Balkon, darunter ist die Veranda im Erdgeschoß, Andr. . . Herr Witte kletterte eine der Säulen empor. . . und wir sprachen zusammen auf der Veranda . . wir blieben auf der Veranda. Sie können es sicher glauben . . . es ist nicht so, !vie dieser unverschämte Mensch, der Haus-i meister, es mir heute ins Gesicht zu sagen wagte."
„Was ist's mit dem?" erkundigte sich der Rat allsogleich interessiert.
Das Mädchen tvollte wieder weinen. „Es ist zu schreckt lich!" hauchte sie. „Er hat Andr. . . Herrn Witte bemerkt, als er gegen sechs Uhr fortging ... er flieg über den Garten)- zaun. Aber ich schwöre Ihnen, Herr Rat--"
„Bitte nur keine Erörterung von Privatverhältnissen I" unterbrach Hansemann die ihn händeringend Anflehende. „Es handelt sich hier um eine sehr wichtige Sache, die rein sachlich und ohne jeden Gefühlsaufwand behandelt werden muß. Also, erstens: Witte hat in Ihrer Gesellschaft geweilt?"
„Allerdings. Doch nur auf dem Balkon vor meinem Zimmer."
„Sie sind dabei von dem« Hausmeister beobachtet worden —j wie heißt der Kerl gleich?"
„Bnhlinger, doch ich versichere auf Ehre und Gewissen)! daß
„— dieser Bnhlinger ein ganz unverschämter Kerl ist, —< das glaube ich Ihnen aufs Wort, meine Gnädige," fiel ihr der Rat rasch in die Rede. „Wir werden den Mann hören müssen. Ich werde ihn schleunigst laden lassen."
Er sah die ihm gegenüber Sitzende plötzlich durchdringlich scharf an. „Hören Sie, Fräulein, das ist doch nicht etwa eine abgekartete Sache?" erkundigte er sich mißtrauisch. „Sie wollen doch nicht etwa einen künstlichen Alibibeweis für Ihren Verlobten zurechtmachen?"
Das Mädchen sah ihn entsetzt an; sie hörte offenbar nur seine grobe Stimme und verstand gar nicht, was er zu ihr sagte,
„Wo waren Sie denn gestern nachmittag?" Er erinnerte sich, von ihrer Abwesenheit gehört zu haben.
„Bei dem Rechtsbeistand meines Vaters. Ich gestehe auch, ich versuchte Andreas zu sprechen, doch der Portier ließ mich gar nicht hinauf, da er fortgegangen war."
Der Rat saß einige Minuten lang in tiefes Sinnen verloren,, Tie Zeugenaussage Leonie Selkenbachs kam ihm nicht nur überraschend, nein, sie war auch geeignet, das ganze bisher crriüitete Jndiziengebäude wieder über den Haufen zu werfen, denn wenn der Maler nach dem Selkenbachschen Hause zurückgekehrt und dort lange über die kritische Zeit verweilt hatte, so konnte er dw Troschkenfahrt, welche Schuhmacher das Leben gekostet, nicht mitgemacht haben. Nun hatte Witte allerdings erklärt, keu« Alibi nachweisen zu können, indessen eine derartige Handlungsweise machte seiner ritterlichen Gesinnung alle Ehre; er hatte die Geliebte nicht bloßstellen wollen, mochte ihre heimliche Zusammenkunft noch so harmloser Natur gewesen sein. Wer aber


