Ausgabe 
25.11.1907
 
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aus seltenen Buche der Theaterliteratur, das in jenen Jahren erschienen ist. (Die Tatsache, daß der Gießener Professor Schmid kritisiert, spricht dafür, daß D. hier in Meßen seine Kunst produziert hat. D. Red.) Vorerst wird hier der Lodredner derHalleschen Zeitung", eben unser Klotz, wegen feines mangelnden Verständnisses hart mit­genommen. Den eigentlichen Anlaß zu Döbbelins Expek­toration gab das Auspochen seiner Gattin, das freilich nicht tut» rein künstlerifchen Gründen erfolgt sein dürfte. Am 10. Juni nach der Vorstellung desJungen Gelehrten"' von Lessing hält der gereizte Theaterprinzival eine im- I Provisierte Ansprache in Wersen:

Einst in Arkadiens Gefilden, Da suchten Hirten sich zu bilden: Allein sie pfiffen nicht wie hier.

.Nein, Sans Apollens ivürd'ge Söhne Erfanden ruhmerfüllte Töne, Ihr Freunde, Gönner glaubt es mir."

Ein unbeschreiblicher Tumult war die Antwort auf diese Herausforderung. Döbbelin muß sich nunmehr zu einer öffentlichen Abbitte entschließen, die er vorsichtiger­weise gleich auf dem Theaterzettel vermerkte. Damit ist der Friede wiederhergestellt. Bald hernach kam aber aus Berlin Ordre, daß das Komödienspiel in Halle bis auf j weiteres einzustellen sei. Döbbelin begibt sich nach Magde- !-burg. Später hat er den Schauplatz seiner Tätigkeit als j Direktor des Theaters in der Behrenstraße dauernd nach j Berlin verlegt, wo er in der langen Epoche seiner Regie- I rung, bon 1775 bis 1786, häufige und ernste Zusammen­stöße mit dem Publikum der Residenz gehabt hat. H. L.

Muß man, was man bestellt hat, abnehmen?

Wer in ein Schuhwarcngeschäft geht und sich Stiefel kauft, der erwirbt andere Rechte als derjenige, der sie sich bei einem Schuhmacheranmessen" läßt. Im Laden kauft er Stiefel, beim Schuhmacher bestellt er fie. Das ist zweierlei. Wenn er die Stiefel im Laden anprobiert hat, muß er sie behalten, es sei denn, daß er wegen Mängel, die er bei der Anprobe nicht bemerken konnte und die sich nachträglich herausstellten, Wandlung verlangen kann. Beim Schuhmacher kann er die Stiefel jederzeit wieder abbestellen. Er hört z. B. hinterher, daß der Mann schlecht arbeitet, daß er unpünktlich abliefert oder was sonst. Der Schuhmacher muß sich das gefallen lassen; er kann aller-! dings den Preis für die Stiefel verlangen, muß sich abev die Ersparnis an Aufwendungen, Arbeitskraft usw. an­rechnen lassen; er kann sich nur den Rohstoff und die bisher geleistete Arbeit bezahlen lassen, denn das andere erspart er. Natürlich muß er auch die Stiefel, soweit sie fertig sind, an den Besteller herausgeben, sonst würde er ja doppelt verdienen. Äehnlich liegt der Fall, wenn jemand unvorsichtig z. B. die Kleidung eines anderen beschmutzt, verbrennt usw. Nach § 823 des Bürgerlichen Gesetzbuches ist schadenersatzpflichtig, wer u. a. das Vermögen eines anderen fahrlässig beschädigt. Zum Vermögen gehören natürlich auch die Kleider. Die leidige Unsitte, mit der brennenden Zigarre unvorsichtig umzugehen, hat schon viel Aergernis bereitet. Natürlich kann man den Uebeltäter, der aus Unvorsichtigkeit ein Loch in den Rock gebrannt/ zum Ersatz heranziehen. Was ist aber Ersatz? Ein Brand­loch läßt sich nicht beseitigen. Mso muß der andere für einen anderen Rock sorgen. Mehr braucht er nicht zu leisten. Das würde aber der Fall sein, ivenn der Verletzte auch noch den verbrannten Rock behalten könnte. Gegen Austausch mit einem neuen Rock muß er den alten heraus­geben. Natürlich braucht der Schaden nicht gerade in natura ersetzt zu werden. Ter Verletzte kann auch den Minderwerk des Rockes verlangen. Manchmal läßt sich aber ein solcher nicht konstruieren. Ein Brandfleck, der offen sichtbar ist, macht vielfach den Rock völlig wertlos. Daran mag sich mancher Unvorsichtiger besonders auf der Straßenbahn erinnern. Es ist unverantwortlich, wie leichtsinnig manche; Raucher auch im Gedränge ihre brennende Zigarre halten.

Theaterkritikers. Im 40. Stück derHöllischen Neuen Ge­lehrten Zeitungen" beginnt er eine dramaturgische Tätig­keit zu entfalten, für die er mehr Enthusiasmus als wirk­liches Verständnis mitbrachte. Er, so heißt es nach ein­leitenden Betrachtungen über Charakter und Zweck einer guten Theaterkritik, kenne Herrn Döbbelin als einsichts­vollen Beförderer der dramatischen Literatur, der vom warmen Eifer für die Verbesserung des Theaters beseelt sei. Als Richard III. in Weißes gleichnamigem Trauer­spiele es war Döbbelins Glanzrolle, in der er alle Re­gister des antiquierten Heldenspielers zog habe er alle Erwartungen übertroffen.Welches Feuer der Aktion zeigte Herr Döbbelin allenthalben! Wie hehr war Sprache, Bewegung ganz dem Charakter Richards angemessen . . . Herr Döbbelin hat die Muskeln seines Gesichts auf eine bewunderungswürdige Art in seiner Gewalt, und wie fürchterlich drohte sein Auge in dem fünften Auftritt des vierten Aufzugs. Ich las Verzweiflung, Grausamkeit .und Mord darin." Äehnlich begeistert sprach er dann von seinem Wachtmeister in LessingsMinna von Barn­helm" von Orosman in VoltairesZaire", und dem Sauet Franc in Merciers vielgespieltemDeserteur". Gleicher­weise versetzt ihn Madame Döbbelin in helles Entzücken: Unsere Herzen zerschmelzten vor Wehmut, und unsere Augen weihten der göttlichen Julia Tränen". Der theo­logischen Fakultät war dieser theatralische Johannistrieb Klotzens ein starkes Aergernis. Sie setzten es durch, daß er j einen Verweis vom Oberschulkollegium erhielt und mit Aufgabe seiner persönlichen Neigung die Komödie fürent­behrlich und von wenigem Nutzen" erklärte. Diese rasche Wandlung wurde durch einen Theaterskandal, der sich in den Junitagen ereignete und Döbbelins Wegzug ver­anlaßte, sehr begünstigt. In der Lebensbeschreibung des Theologen Johannes Semler werden uns diese Vorgänge, die in sein zweites Prorektorat verfallen, sehr auschau- lich^ beschrieben.Schon seit einiger Zeit hatte eine ge­wisse Actrice vieler jungen Herren Aufmerksamkeit mehr auf sich gezogen als bloße Geschicklichkeit in ihren Rollen 2s tun konnte, und es bewarben sich mehrere zugleich um ihren besonderen Umgang; sie taten es einander zuvor in Geschenken und allen Merkmalen der gewissen Ergebenheit, woraus schon einige Jalousie entstanden war. Hierzu kam einige Unlust über die Einnahme der Plätze, daß es endlich zu so lauten Mißhelligkeitcn kam, daß darüber eine Em­pfindlichkeit des Herrn der Truppe zu weit ging, und der etwaige Tadel, der nur einige wenige treffen sollte, gar in einem Prologe oder besonderer spitziger Rede auf alle Studiosus, sehr übereilt freilich auSgebreitet wurde." Die Studenten beschlossen einmütig, sich für den empfangenen Schimpf zu rächen, und Döbbelin, der nichts gutes ahnte, erbat sich militärische Hilfe. Dadurch erbitterte er die Halle- fchen Musensöhne nur uoch mehr. ' Sie planen eine große Demonstration auf dem Markte der Stadt und belagern die | Häuser der Komödianten. Jetzt legt sich der Prorektor ins I Mittel. Confidite Semlero vestro, filii! Verlaßt euch auf I eueren Semler, meine Kinder. Er beschwört sie mit gutem I Erfolge, der Komödie fern zu bleiben und verfaßt zugleich I eine Eingabe an die zuständige Berliner Behörde. ' Der I Tumult ist glücklich abgewendet, das Komödienhaus Hunde- | leer, aber tags darauf erscheint der Theaterprinzipal | Döbbelin in höchsteigener Person bei dem Prorektor. Er I setzt sich aufs hohe Pferd und droht Semler mit einer | Beschwerde beim König. Aber als ihm der Prorektor mit- | teilt, daß die Vorgesetzte Behörde bereits instruiert sc:, | entschließt er sich wohl oder übel klein beizugeben. Er muß ein paar Tage später in der Universitäts-Gerichtsstube in Gegenwart von Professoren und studentischen Vertretern I feierlich Abbitte tun,wegen der Beleidigung, so wider I die Studiosus so öffentlich recitirt und abgehalten worden." j

Eine interessante Ergänzung erfährt dieser Bericht | durch eine Schilderung imParterre" des Gießener I Professors Christian Heinrich Schmid, einem | (vor kurzem gleichfalls von uns erwähnten. D. Red.) über- I