„Gott, Sie mögen cs hören, meine Schände ist ohnehin offenbar", lautete nun die gepreßte Entgegnung des Fuhrherrn, der •mit völlig verfinstertem Gesicht dastand. „Der Bursche hat über meinen ehrlichen Namen Schande gebracht. Eines Raufhandels wegen wurde er verurteilt und gegenwärtig macht er seine Strafe in Plötzensee ab." Er sprach abgewendet, wie unter großem seelischen Zwange. Es war ihm' anzusehen, wie das demütigende Bekenntnis ihn in seiner Eigenliebe herabsetzte.
„Entschuldigen Sie nur, Herr Eilenburg", stotterte Meinecke unterwürfig. „Es ist mir so hcrausgefahren. Ich dachte mir Nichts Schlimmes dabei."
Doch seine begütigenden Worte gossen nur Oel inS Feuer. „Scheren Sie sich an Ihre Arbeit!" unterbrach ibn der Fuhr- Herr aufgebracht. Im selben Augenblick wandte er sich schon brüsk an den Rat. „Ich habe alle Hande voll zu tuir. Haben Sie lwch eine Frage an mich?"
„Allerdings", meinte Hansemann überrascht. „Ich deutete Ihnen bereits an, daß in dem Wagen hier heute Nacht ein Verbrechen verübt wurde. Das Opfer liegt int Leichenschauhause und harrt der Identifizierung. Wir haben begreiflicherweise hohes Interesse an der Feststellung, wer diese Droschke unbefugt benutzt und bei der polizeilichen Feststellung sich fälschlich für den Fuhrherrn Gottlieb Knaie ausgegeben hat."
Mittlerweile hatte Hansemann den im Wagen ausgehängten Tarif näher betrachtet. Nun wendete er sich mißbilligend an Ro- kohl. „Das hätten Sie übrigens auch schon heute nacht wahr- nehmen können. Hier steht deutlich: In Firma Gottlieb Knake und darunter in kleinerer Druckschrift der Name des jetzigen Firmeninhabers Richard Eilenburg."
„Es war dunkel, Herr Rat, und dann kam die Geschichte mit dem Trunkenen dazwischen —"
„Schon gut", schnitt Hansemann die Rechtfertigung des Verlegenen ab. „Jedenfalls verursacht uns Ihre Unaufmerksamkeit eine Menge Scherereien. Bis auf weiteres muß der Wagen zu unserer Verfügung stehen", erläuterte er hem Fuhrherrn. „Zu seiner Bewachung werde ich hier den Schutzmann zurücklassen. Im übrigen hätte ich noch einige Worte mit Ihnen zu sprechen. Das geschieht wohl am besten nicht hier auf dem Hofe."
„Ich 'bat die Herren vorhin schon, mit nach meinem Kontor zu kämmen", meinte Eilenburg achselzuckend. „Was gafft Ihr hie müßig .... marsch, an die Arbeit!" herrschte er das lauschende Personal an, das unter seinen Worten schleunigst auseiri- anderstob.
Erhobenen Hauptes schritt er, gefolgt von den Beamten, dem Gartenhause zu.
5. Kapitel.
Das Kontor lag im Erdgeschoß. Einige Stufen führten zu einer 'Glastür, durch welche man direkt in ein geräumiges nüchtern ausgestattetes Geschäftszimmer trat. An den Wänden befanden sich Tarife und Lohnkarten; dazwischen Schränke und Revosi- torien.
Zwischen beiden Fenstern stand ein Doppelpult, an welchem mit dem Rücken nach der Eingangstür eine schwarzgekleidete, jugendlich schlanke Brünette über ein dickleibiges Hauptbuch gebeugt saß und eifrig schrieb.
„Verzeihe die Störung, Marie, doch hier sind einige Herren von der Polizei, welche in einer Untersuchungssache Auskunft wünschen", sagte der Fuhrherr gleich beim Eintreten; sich an die Schreibende wendend. Dann kehrte er sich zu den ihm auf dem Fuße Folgenden. „Meine Frau, zugleich meine rechte Hand im Geschäft", stellte er mit ersichtlichem Stolz vor.
Der Rat glaubte ein flüchtiges Zusammenzucken der jungen Frau wahrzunehmen; als sie ihm indessen im nächsten Augenblick das Gesicht zuwendetete, blickte er in ein gleichgültig kühles Frauengesicht von regelmäßiger Schönheit. Um die feinen Lippen der Ansatz eines konventionellen Lächelns; die klugen grauen Augen dagegen ernst und mit fragendem Ausdruck auf die Beamten gerichtet.
Doch im gleichen Moment veränderte sich der Mienenausdruck der jungen Frau auch schon wieder. Ein leichtes Rot durch- .huschte die bleichen Wangen und in ihren.an Schwermut gemahnenden Blick trat ein warmer Schimmer. Verbindlich erhob sie sich und schaute erwartungsvoll den Rat an'.
Dessen Mienenspiel wies nicht weniger Ueberraschung auf. Erst hatte er mit zweifelndem Ausdruck die junge Fran angeschaut, nun aber schritt er auch schon mit herzlich aufgehellten Zügen, weit die Arme ausgestreckt, auf sie zu.
„Das nenne ich eine wirkliche freudige Ueberraschung !" meinte er jovial, immer wieder die ihm zögernd überlassene Rechte der jungen Frau schüttelnd. „Fräulein Marie, sind Sie es denn Wirklich? . . . pder Frau Marie, muß ich jetzt Wohl sagen. So
hat meine Hermine also doch mit ihrer Behauptung Recht behalten, Sie müßten noch hier in Berlin sein und sie habe Sie schon wiederholt aus der Entfernung gesehen, ohne Sie indessen ansprechen zu können !"
„Ich bin schon seit zwei Jahren wieder in Berlin", berichtete die junge Frau, immer noch ein schwaches Rot in den ernsten Zügen, „Mutter konnte Vaters Heimgang nicht lange überleben — da stand ich ganz allein."
„Die lieben Eltern sind tot — beide tot?" rief der Rat iN ehrlicher Betroffenheit. „Mein Himmel, wie schrecklich . . . aber warum gaben Sie kein Lebenszeichen von sich?" setzte er vorwurfsvoll hinzu. Eifrig wendete er sich an den mit verständnisloser Miene danebenstehenden Fuhrherrn. „Sie müssen nämlich wissen, Ihre liebe Frau ist die beste Freundin meiner Tochter. Durch lange Jahre lebten wir mit den Eltern Tür an Tür . . . liebe, prächtige Leute. Ein Jammer, daß sie so früh haben! heimgehen müssen! Die beiden Mädels waren unzertrennlich. Sogar ins Lette-Jnstitut gingen sie gemeinschaftlich und machten dort dieselben Kurse durch. Ich darf wohl sagen, das junge Frauchen hier war uns wie ein anderes Töchterchen . . . daßl meine gute Frau gleichfalls heimgegangen ist, wissen Sie wohl auch nicht?" unterbrach er sich fragend, während seine Mienen sich umdüstertcn.
(Fortsetzung folgt.)
Die Erobcrrmg des LrrftmssreS.
Auf dem 79. Deutschen Naturforscher- und Aerztetag zu Dresden sprach der Straßburger Gelehrte Prof. Hevgesell über die Eroberung des Luftmeeres.
Ein eigentlicher Fortschritt in der Luftschiffahrt war erst am Ende des vorigen Jahrhunderts zu konstatieren. Die Physik der Atmosphäre war in eine gewisse Stagnation getreten, da die Beobachtungen der Erdoberfläche nicht hinreichend erschienen, um die komplizierten Gesetze der atmosphärischen Maschine zu erforschen. Aus diesem Grunde macht, sich an verschiedenen Stellen das Bestreben geltend, nicht nur in der Tiefe, an der Grenze zwischen dem Gestein und dem gasförmigen Elemente, sondern auch in größeren Höhen physikalische und meteorologische Beobachtungen zu machen. Zahlreiche wissenschaftliche Luftschiffervereine wurden gegründet. Man ging bald daran, durch gleichzeitige Aufstiege zu experimentieren und gründete die internationale Kommission für wissenschaftliche Luftschiffahrt, deren Vorsitzender der Vortragende ist. Bon vielen Stellen Europas steigen seither nicht nur regelmäßig Drachen, sondern auch bemannte und unbemannte Ballons mit Registrierinstrumenten empor.
Noch immer war aber die räumliche Ausdehnung der Aufstiege verhältnismäßig klein. Die Hauptanfstiege fanden in Europa und Amerika statt, während die weiten Flächen zwischen den Kontinenten, die Meere, so gut wie unerforscht blieben. Es erwies sich nötig, auch auf dem Meere mit Hilfe von Drachen und Ballons die Atmosphäre zn erforschen, wofür die Schiffe von großer Bequemlichkeit waren, da man durch die Bewegung des Schiffes die Windverhältnisse leicht regulieren kann.
Die ersten Aufstiege auf dem Wasser wurden vom Redner 1890 auf dem Bodensee und später von dem Amerikaner Rotzh auf dem Atlantischen Ozean vorgenommen. Erst als es dem Redner gelang, den Fürsten von Monaco für diese Idee zu interessieren, wurde eine systematische Ausbildung dieses Zweiges der Luftschiffahrt erzielt. Zunächst wurde die Passatregion im Atlantischen Ozean erforscht. In zwei Expeditionen wurde die Atmosphäre in niedrigen Breiten (bis etwa 29 Grad) dnrch Drachen- und später auch durch Freiballon-Aufstiege bis zu einer Höhe von 10000 Meter erforscht. Dem Vortragenden gelang cs, ebenso wie über dem Kontinent kleine Registrierballons in kolossale Höhen empor,;»senden und — was die Hauptsache ist — wiederzufinden. Zahlreiche weitere Expeditionen (Teisseran de Bort, die Expeditionen der Schiffe Planet und Möwe auf Befehl des Kaisers risw.) folgten der des Fürsten von Monaco.
Die Internationale Kommission für wissenschaftliche Lnft- schiffahrt in Mailand im Jahre 1903 beschloß nun die gleichzeitige Erforschung der nördlichen Hemisphäre .durch besondere Expeditionen über dem Lande und dem Meere im folgenden Jahre zu versuchen. Ende Juli dieses Jahres wurden 30 Expeditionen ausgerüstet, um teils auf dem Laude, teils ans dem Ozean die Forschungsinstrumente emporzusendcn. Hoch im Norden (etwa unter dem 80. Breitengrad) war Redner mit dem Fürsten von Monaco tätig; weiter im Süden (in der Nähe von Island) das deutsche Vermessungsschiff Möwe; noch, weiter südlich eine deutsche Privatexpedition unter Führung des Hauptmanns a. D. Hildebrandt; in der Nähe der Azoren befand sich ein Kreuzer der französischen Marine; nördlich vom Aequator befand sich das Ex-


