Mittwoch den 25. Kepiemder ♦f»
KM
II
W WA
!W
r s
n
Auf der eigenen Spur.
Kriminalroman von Otto Hoeckcr- (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Dev Polizeirat hatte während des laut geführten Gesprächs die Wagentür geöffnet. Wie er nun den Kops in das Wageninnere steckte, fuhr er auch schon hastig zurück. „Das riecht entsetzlich nach Chloroform!" äußerte er. Dabei glitt sein suchender Blick über die Kissen und die den Boden deckende Strohmatte.
Auf der Matte lag eilt zerknittertes, schmutzig-weißes Taschentuch. Als der Rat es aufhob, nahm er einen vvm Tuche ausgehenden Chloroformgeruch wahr. Ein flüchtiger Blick ließ ihn die gestickten Initialen erkennen: „A. W." las er. Das Taschentuch entsprach genau dem in der Fracktasche des Toten vor-- gefundenen. Es fühlte sich noch feucht an, als sei eine große Menge Flüssigkeit darüber gegossen worden. Diese mochte indessen auch aus einer Flasche getropft sein, welche unverkorkt, bedeckt von dem Taschentuche, auf der Strohmatte gelegen war.
Wie Hansemann die Flasche aushob und die aufgeklebte Etikette las, ging ein behäbiges Lächeln durch seine Züge. Es war eine durchsichtige Glasflasche von der Abt, wie sie in -Apotheken verwendet werden; die Adresse einer solchen fand sich auch auf dem Etikett: „Askanische Apotheke. Ecke König- grätzer und Köthen-Straße." Auch der übrige Inhalt des Etiketts war gedruckt. So ein grinsender Totenschädel, flankiert von den Worten „Vorsicht", „Gift" und „äußerlich"; ferner die Bezeichnung „Chloroform" und der Datumvordrnck. Letzterer war ausgefüllt und wies den 29. Oktober auf. Das war aber der gegenwärtige Tag; folglich konnte die Flasche Chlorosorml erst wenige Stunden zuvor in der.Askanische«! Apotheke verabfolgt worden sein.
Prüfend hob der Rat xbie Flasche gegen das Tageslicht. Bis auf wenige Tropfen war sie völlig leer. Ihr geringer Inhalt roch gleichfalls betäubend nach Chloroform! Sorglich wickelte der Rat die Flasche in das ausgefundene Taschentuch und fügte Nuch den kleinen Kvrkpsropfcn bei, welchen Rokohl inzwischen gleichfalls von der Fußmatte anfgelesen hatte.
„Das dürfte die bewußte Dummheit sein, welche auch dem schlauesten Halunken unterzulaufen pflegt", bemerkte er sarkastisch, die Fundstücke deut Detektiv Nix zur Aufbewahrung übergebend. Er wendete sich an den Fuhrherrn. „Sie werden das Interesse, welches wir an Ihrer Droschke nehmen, sofort verstehen, erkläre ich Ihnen, daß in verwichener Nacht darin; ein schweres Verbrechen, aller Wahrscheinlichkeit nach sogar ein vorbedachter Mord, begangen wurde", äußerte er, den Fnhr- herrn dabei scharf betrachtend.
Dieser stutzte, ersichtlich betroffen; jedoch frei und offen begegnete er dem bis zum Scelengrundc spürenden Blick des Kriminalisten. „Ein Mord?" rief er mit nur mühsam unterdrückter Stimme. „Ja, wie ist! das nur möglich? Wev soll, das getan haben?"
„Das eben ist die uns beschäftigende. Frage", gab Hansemann
zurück. Nach Ihrer Erklärung ist der Kütscher, welcher die. Droschke gewöhnlich fährt, erkrankt?"
„Sehr schwer sogar; er dürfte es überhapt nicht uiehr lange machen, meint der Hausarzt. Der Alte ist nämlich Lungenpfeifer! im letzten Stadium. Ich habe ihn seither auch nur aus Mitleid beschäftigt. Graßuick ist ,ein hoher Siebenziger und für das Fuhr-, geschäft längst nicht mehr tauglich. Er wohnt übrigens im Garteuhause bei mir . . . wenn Sie ihn sehm wollen?"
„Nachher", entschied der Rat und wendete sich an Nokohl. „Der von Ihnen heute nacht ungehaltene Kutscher war jung und kräftig?"
„Zuverlässig, Herr Rat", bestätigte der Schutzmann. „Bei Nacht ist so 'ne Schätzung freilich imMer schwierig. Ich glaube indessen, der Mann war erst ein Zwanziger, blond und bartlos. Er hatte 'ne hohe, Helle Stimme, und Kräfte wie'n Bür."
„Das trifft auf Grasnick nicht zu. Der alte Mann spricht zittrig, dabei kann er kaum mehr auf den Vock klettern", erklärte Eilenburg.
„Vielleicht hat er einen Sohn?"
Der Fuhrherr verneinte kopfschüttelnd.
„Wer mag denn da die Droschke angespannt und gefahren haben?" wollte der Rat wissen.
„Sagen Sie mir's nur, dem Bengel will ich helfen!" ereiferte sich der Fuhrherr.
„Jedenfalls kann nur eine mit der Oertlichkeit vertraute Person in Betracht kommen."
„Zweifellos!" bestätigte der Fuhrherr. Er deutete auf einige Hundehütten, deren Bewohner vorhin bei dem Auftauchen der Beamten scharfen Laut gegeben hatten. Ich halte des Gesindels wegen Bluthunde; die sind äußerst scharf und auf den Mann dressiert. Sie sind zuverlässiger wie menschliche Wächter, dabei auserlesene Hündinnen und darum unbestechlich. Ich habe dieses Geschäft nun schon an die zwanzig Jahre, ohne daß etwas passiert wäre; besonders seitdem cs ruchbar geworden ist, daß di« Hunde vor Jahren einmal einen Futterdieb nächtlicherweile beinahe zerrissen haben."
„Das sollte unsereiner wohl bleiben lassen", bestätigte Meinecke, welcher der Unterredung gelauscht hatte. „Das sind ver. . . . Bestien. Ich bin wohl an die 12 Jahre bei Herrn Eisenburg und die Biehcher kennen mich recht gut . . . Tagsüber _ lassen sie sich auch streicheln von mir. Laufen sie dagegen nachts frei herum, möchte ich ihnen nicht unter die Zähne geraten.... höchstens noch der junge Herr dürfte cs wagen, . . . doch der ist ja verreist", schloß er zögernd mit einem erschrockenen Blicke auf seinen Brotherrn.
Hansemann entging die dunkle Röte nicht, die plötzlich die stolzen Züge des Fuhrherrn durchflutete. „Der junge Herr?" fragte er stutzig. „Wen Meinen Sie damit?"
„Es handelt sich um meinen Sohn aus erster Ehe", erklärte Eilenburg statt' des betreten verstummenden Arbeiters, der unter dem flammenden Zornesblick seines Herrn wie ein geprügelter Hund dastand.
„Nun — und?" beharrte der Rat, als auch der andere wieder, verstummte.


