Ausgabe 
25.3.1907
 
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Arm um ihre Taille uiib raunte ihr in bitter gekränktem Ton die Unbill zu, die sie eben erfahren.

Es war ein eigenartiger Ausdruck in Ernas Gesicht, als sie das Köpfchen der sich an sic schmiegenden Pflegeschwester strei­chelte. Wie oft schon waren Zorn, bitterer Tadel, in wilde Eifer­sucht in ihr aufgeflammt gegen dieses tändelnde Kind, und immer siegte ihr zärtliches Mitleid für die so ganz anders, als sie selbst Geartete. Der geräumige, reich ausgestattete Speisesaal, dessen Wände altdeutsche Sprüche zierten, war hell erleuchtet, glänzendes Silbergeschirr prangte auf der Tafel, auch für Blumenschmuck hatte Erna gesorgt. Es lvar ein hübscher, behaglicher Anblick für die jetzt Eintretenden. Eben trug der Diener eine dampfende Schüssel auf, der Kommerzienrat rieb sich vergnügt die Hände.

Ost und West, daheim ist das Best", sagte er und wies auf den Spruch, der seine Stuhllehne schmückte. Er war gerade im Be­griff, sich zu setzen, als das Schicksal, das ihm heute abend feindlich war, ihn nur seine Freude brauste. Es trat in Gestalt einer wunderlich kostümierten Dame höchst unvermutet in die Tür, welche der Diener, der die dampfende Schüssel trug, hinter sich offen gelassen.

Ein in seinem Umfang riesenhafter, bei jeder Bewegung hin und her schwankender Strohhut von italienischem Geflecht zog zuerst beit Blick an, die kleine, in lang nachschleppendem Gewand gehüllte Gestalt darunter kam erst beim zweiten Hin­sehen zur Geltung. Unsäglich bunte, bizarr drapierte Fähnchen und Lappen, um mit des Kommerzienrats Worten zu reden, der s '"-er oft diese Szene beschrieb, hingen an ihr.herum. Ein Welter, gelber Arm, an dein zahlreiche Armbänder klirrten, streckte sich vor, und eine pathetische Stimme rief:

Friederike! Heinrich! Die Verschollene, die Totgeglaubte kehrt zurück!"

Frau 'Friederike taumelte von ihrem Sitz empor, ivankte aber totenbleich und lehnte sich halb ohnmächtig auf ihrer Tochter Ann, nach dem sie instinktiv als Stütze gegriffen.

Cölestine!" murmelte sie mit bebenden Lippen.

Na Gott steh uns bei die ©tüte!" rief auch der Kommerzienrat in deutlichem Entsetzen.

Sylvia und Doktor Billatte standen erstaunt, als stumme Zuschauer, nichts von dem Vorgang begreifend, uttb sähen einander an. Um Sylvias Mund zuckte mühsam verhehlte Lachlust, die An- kömmlingin sah so kurios aus, wer in aller Welt war denn das?

Die Dante nahm jetzt langsam, mit theatralischer Geberde, den schwankenden Nizzahut mit beit gelben Federn vom Kopf, strich mit der Hand, welche in einem Handschuh von sehr zweifel­hafter Sauberkeit steckte, über die Frisur, welche aus falschen Toupets bestand. Dann ließ sie sich graziös auf einen Stuhl gleiten.Ah, endlich!" hauchte sie,seit Monden stand dieser Augenblick gleich einer Vision vor meinem Geist Friederike! Heinrich! Ich bin hier bei euch sicher geborgen! Und da das ist Erna? Dein Kind, Friederike? Aber sie fuhr plötzlich auf ihrem Sitz herum und blickte mit zerfahre­nem, aufgeregtem Ausdruck auf die beiden anderen Insassen des Zimmers. Sylvia und Billatte standen hinter ihr, etwas abseits voir den übrigen. Die Fremde starrte Sylvia in einer wahrhaft beängstigenden Weise an, stieß dann einen lauten Schrei aus und stürzte auf die bang Zurückweichende zu.

In diesem kritischen Moment riß sich der Hausherr aus der Erstarrung los, in welche auch ihn der sonderbare Besuch versetzt hatte, er ergriff jählings den Arm der Fremden, und um­klammerte ihn mit eisernem Griff.Ruhig, Stine! Diese junge Dame ist nicht unser Kind, sie ist eine Waise, die in unserm Hause Mit Erna erzogen wurde aber sage uns erst, woher du kommst und wozu diese kleberraschung. . Deine Ankunft hätte sich viel beguemer und passender gestaltet, wenn du uns vorher benach­richtigtest. Hier erlaube, daß ich vir den jungen Freund unseres Hauses, Herrn Dr. Phil. Villatte vorstelle meine Schwägerin, die Schwester meiner Frau, Frau Zernial. Rieke! .Geleite deine Schwester in dein Zimmer, ihr werdet euch vor­erst aussprechen wollen."

Der Ton des Kommerzienrats klang streng und gebietend. Die innere Verstimmung, ja die gewaltige Wneigung gegen diesen ungebetenen Gast stand deutlich auf seiner Stirn ge­schrieben.

Frau Friederike hatte iumittclst ihre Schwester umarmt, und schluchzte an ihrem Halse. Ein Wink des Vaters veranlaßte Erna, sich den beiden zu nähern, und ihr gelang es, sie aus dem Zimmer zu führen.

Sylvia! Kind" der Kommerzienrat wandte sich in auf­fallend mildem Ton an die stumm und verwirrt Dreinschauende, geh hinauf nnb gib dem Mädchen Anweisung, daß sie das Fremdenzimmer herrichtet."

Aber, Papa willst du mir nicht erst sagen, was dies be­deutet. Es war ja niemals von einer Schwester der Mama die Rede, und warum starrte sic mich so an?"

Paperlapapp! Quäle mich nicht mit Fragen in diesem Augenblick, sondern tue, wie ich dir geheißen. Mir ist der Kops ohnehin warm genug."

Sylvias Mienen drückten gewaltige Neugierde und völlige Verständnislosigkeit aus, sie machte allerhand drollige Geberden und Zeichen zu Billatte hinüber und schüttelte in einer reizenden, ratlosen Manier das Köpfchen. Dann ging sie zögernd und sicht­lich mit großem Widerstreben.

Als die Tür sich hinter ihr geschlossen, sank der alte Herr wie vernichtet in seinen Sessel.

Da steht tlnser schönes, appetitliches Hühnerfrikassee und wird eiskalt", rief er kläglich und sah wie hülfesuchend zu seinem Gast empor.Was meinen Sie, Doktor, wenn wir diesem Sturm­wind, der uns da in das Haus geweht, zum Trotz unsere Flasche Johannisberger austränken und zusähen, ob wir ein paar Bissen dazu in Ruhe hinunterbrächten. Die Weibslent werden einst­weilen mit Tränen und endlosen Litaneien noch eine gute Weile zu tun haben, und nnterdessen besinnt man sich ein bißchen."

Billatte setzte sich verwirrt, unter peinlichen Gefühlen. Diese Familienszene war für einen Fremden gerade nicht behaglich.

Kommt Ihre Fran Schwägerin weit her?" fragte er, nm doch etwas zu sagen, und der rätselhaften Begebenheit viel­leicht ein ivcnig ans die Spur zu kommen.

Ja, das nttig Gott wissen, wo sie herkommt", entgegnete der alte Herr,jedenfalls wäre es ein Segen gewesen, wenn sie blieb, wo sie war. Sie sehen mich verwundert an, und finden mich grob und ungastlich, aber wenn Sie wüßten! Na prosit! Wir wollen eins trinken, auf Ihr Wohl, Doktor! Um meins ist mir, ehrlich gesagt, bange. Doch reden läßt sich da­rüber weiter nickst, ich will's, so gut es geht, hinunter spülen."

Fräulein Sylvias Anblick schielt die fremde Dame zu er­schrecken." Doktor Villatte tat die Benterkung, obgleich er fühlte, daß sie indiskret war und eine Neugier-verriet, die ihm nicht anstand.

Sylvia ja, wenn die der Kommerzienrat wies über seine Schulter nach der Tür, hinter welcher die Fremde ver­schwunden warhier ins Haus kommt, um zu bleiben, dann möchte ich allerdings wünschet;, die Sylvia sei fort< irgendwie anderweitig versorgt, hm hm."

Verzeihen Sie, Herr Kommerzienrat, ich nehme Anteil ast Fräulein Sylvia Ihre Worte erschrecken mich".

Hm ja Sie nehmen Anteil an der kleinen, hübschen Hexe, ist aber ein flatterhaft Ding und hat keinen Heller Mit­gift. Ich fühle mich verpflichtet Ihnen das zu sagen, so unter uns im übrigen sind Sie etwa mit der Kleinen einig?"

O nein, nein!" Doktor Villatte errötete und rückte etwas unruhig auf seinem Stuhle hin und her. Diese derbe, nüch­terne Art des Hausherrn verletzte ihn in seinem feinen Empsinden. Seine Liebe zu Sylvia war noch eine zarte Knospe, vor ihm selber noch nicht in klar ausgesprochenem Wort enthüllt. Sie war noch sehr jung, er würde nicht gewagt haben, ihr schon von Liebe zu sprechen. Ihre Seele war ja noch ein unerschlossenes Buch voll unbeschriebener Blätter. Süße Hoffnungen, vielleicht derjenige zu sein, der die Siegel ihres Herzens löste, keimten erst in ihm, die Gegenwart war schön gewesen, so wie sie war., und jetzt drohte ihr denn Gefahr? Hier in diesem sicherst Hause? Von dieser jedenfalls recht albernen Fremdest? Die Gedanken schossen rasch und im Wirbel durch sein Gehirn.

Der Kommerzienrat, ausschließlich! mit seinen eigenen Er­wägungen beschäftigt, ersparte ihm die weitere Antwort.Nun, gut, wartet; Sie, warten Sie", sagte er,übereilen Sie nichts. Sie sind ein kluger, besonnener Mann, und ich werde auch wisset;, was ich zu tun habe." Einstweilen erfaßte er die -Schüssel, um feinem Gast und sich von dem leckeren Hühnerfrikassee vor­zulegen, aber Villatte, dem die ganze Situation gründlich unbe­haglich war, erlaubte sich zu bemerken, ob es nicht besser sei, die Rückkehr der Damen zu erwarten. Außer stände, sich länger taktvoll zu beherrschen, stieß der Kommerzienrat unwirsch seinen Stuhl zurück. Es war zu toll, er sollte durchaus um sein Be­hagen kommen. Da trat Erna geräuschlos ein.

Ihr Gesicht verriet noch Spuren überstandener Erregung, aber die Mienen hatten sich zu ruhiger Freundlichkeit geglättet. Mama läßt um Entschuldigung bitten", sagte sie in ihrem gewöhnlichen, unbefangenen Ton,sie wünscht bei Tante Cölestine, die sich erst erholen muß, zu bleiben, und bittet die Herren, sich nicht stören zu lassen. Armer Papa! Verzeihung! Herr Doktor! Ist die Schüssel kalt geworden? Es war meine Schuld, ich hätte sie warm stellen lassen sollen aber jetzt, darf ich Ihnen vor«