Ausgabe 
25.3.1907
 
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1907

Montag den 25. Wärz

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Aem Inlichl nach.

Roman von Alexander N ö in e t.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Ihr Gatte machte eine geringschätzende. Bewegung.Zählst btt diese wichtige Kunde etwa zu den Neuigkeiten, Frau?" be­merkte er verdrießlich.Bei der Klopp-Weugstern, der albernen Närrin, die Dame behält ihren Familiennamen bei neben dem ihres verstorbenen Gatten, dem sie das Leben wohl sauer, ge­nug gemacht. Er war ein guter, bedeutender Mann, dieser Wengstern, nur leider eine Schlafmütze seiner geistreichelnden Frau gegenüber. Ha! ha! Klopp-Weugstern, sie ist eine Krämers- tochter ans einer kleinen Provinzialstadt, und der alte selige Pfefferdütendreher Kopp hätte es sich wohl nicht träumen lassen, daß feilt Name zu all den Faseleien seiner Tochter herange­zogen werden solle."

Walldorf i Walldorf! Mein Gott, wenn Roderich das hörte. Er ist so sehr eingenommen für die Dame, und ihre Gedichte sind doch auch reizend; setzt gibt sie einen Roman heraus, in dem der Hypnotismus und Magnetismus eine Rolle spielen."

So ja, das kann ich mir schon denken! Doktor, wenn Sie das Frauenzimmer sähen, diese geistreiche Frau,, die ihren Salon mit Literarischen Größen' bevölkert, die echte Kleinstädterin in Wesen und Allüren, der die Eitelkeit aus jeder Miene guckt, aber ihr Vater und ihr Gatte haben ihr Geld hinterlassen, und davon kauft sie sich ihre Trabanten. Ha! ha!"

Du hast gegen alle Freunde deines Sohnes etwas cinzu- wenden", sagte die Kommerzienrätin in ihrem klagenden Ton, von dem sie wußte, daß ihr Gemahl ihn nicht leiden konnte. ,Zch meine, Eltern sollten die Interessen ihrer Ander teilen."

Und ich meine, Söhne sollten den Wünschen des Vaters Rechnung tragen, wenn dieselben auf die Wahl eines tüchtigen Berufs gehen, anstatt dieser Zeitvertrödelung mit Firlefanzereien."

Der Kommerzienrat trommelte mit den Fingern auf der Lehne des Sessels, es war das sein Mittel, den aufsteigenden Aerger abzulenken. Der Doktor, als häufiger Gast dieses Hauses, kannte diese Tonart unter den Eheleuten, und wenn er sich auch nicht gerade dadurch angeheimelt fühlte, so überraschte sie ihn doch nicht mehr. ,

Der Roderich ist ein rechter Hansnarr mit seiner Opern- und Dramcnschreiberei und all dem Dilettantenkram", knurrte der Hausherr weiter.Sollte man es für möglich halten, Doktor, daß vernünftige und sonst geistig normal veranlagte Menschen sich in solchen Unsinn verrennen. Die ganze Eliane da, mit der er sich umgeben hat, und die er sein junges Deutsch­land nennt, ist nichts anderes als eine Versicherungsgesellschaft auf Gegenseitigkeit, wo Schmeicheleien derbster Sorte als Austausch­münze gelten. Hab' nur ein einzigmal solch einer Zunftsitzung beigewohnt, hätte am liebsten ihnen allen gerade heraus ins Gesicht gelacht. Wird da ein Jargon geredet, den unsereins gar nicht verstehen kann, schier verschrobenes Phrasengeklingel, und je dicker einer das Lob aufstreicht, je dicker wird's ihm heim­

gezahlt. Na, mein Junge wird hoffentlich bald aus der Narren­kappe wieder herauskriecken, klug ist er und gesund auch es währt alles feine Zeit."

Doktor Billatte saß mit einem feinen Lächeln um den Mund, und erwiderte gar nichts auf den Ausbruch des alten Herr».

Frau Friederike schlug die Augen gen Himmel und seufzte so schmerzlich, daß es zum Erbarmen klang.Baier und Sohn verstehen einander nicht", flüsterte sie mir einem zitternden Wehlant in der Stimme.

Sylvia hatte sich schmollend neben Doktor Villatie ge­setzt, und ab und an im Flüsterton Bemerkungen mit ihm ge­tauscht, die dieser freundlich erwiderte.Ach, Mütterchen, laß dich das doch nicht anfechten", sagte sie jetzt in schnippischem Ton,ich hab's gleich gewußt, als ich heut abend dem Papa ins Gesicht gesehen, daß er seine Vrummbärlaune hat. Im übrigen weiß er ganz genau, was ihm sein Roderich wert ist."

Der alte Herr wandte sich jählings und eilt strenger, halb verwunderter Blick traf die Kecke.

Jungfer Naseweis! Dir müssen wir wohl den Zügel ein bißchen straffer spannen."

Sylvia wurde rot bis an die Haarwurzeln. Es war lange nicht mehr vorgekominen, daß der Vater sie zurechiwies, meistens ließ auch er ihre Unarten passieren. Zumal seit sie erwachsen war und sich mehr und mehr entwickelt hatte, schien es, als ob sie auch ihn mit ihren Reizen und ihrer unnachahmlichen Manier, die jeden Tadel schon im Entstehen wieder entwaffnete, ge­fangen habe. Da war ihr der Kamm gewachsen. Aus ihrer Kinderzeit freilich erinnerte sie sich mancher Stunden, wo sie große Furcht vor seinem strengen, barschen Wesen empfunden, und sich dann in den Schoß der überärztlichen Mutter ge­flüchtet. UnÄ in solchen Momenten war es ihr daun plötzlich zum Bewußtsein gekommen, daß sie nicht in Wahrheit das Kind dieses Hauses war. Sie nannte den Kommerzienrat und seine Gattin Vater und Mutter, aber sie waren nicht ihre leiblichen Eltern. Sie hatte dieselben gar nicht gekannt. So lange sie denken konnte, war sie im Walldorfschen Hause; man hatte ihr g sagt, daß ihre Eltern tot seien, ihr sonst aber wenig Mitteilungen über sie gemacht. Und da sie kein grüblerisches und nachdenkliches Genrüt besaß, hatte sic auch nie viel darum gefragt. Sie ver­mißte ja nichts.

In diesem Augenblick durchzuckte sie wieder der Gedanke, wenn auch kaum in klare Form gefaßt:Ha! Du bis! hier die Fremde." Ihr liebliches Gesichtchen, auf dem sich leicht jede Regung spiegelte, ward dadurch verändert, Doktor Villatie be­merkte es sofort, und ergriff in zärtlichem Mitgefühl ihre kleine, schlaff herabhängende Hand und drückte sie heimlich. Sie lies; ihm dieselbe auch; es war ihr ein wohltuendes Gefühl, jemand dicht neben sich zu haben, der sie zu trösten und zu verstehen bereit war. Weitere Gedanken knüpfte sie nicht daran, wenn sie seinen treuherzigen Druck mit leichtem Gegendruck erwiderte.

Erna trat wieder zu ihnen, und ihre Augen fielen sofort auf die beiden verschlungenen Hände. Sie zuckte zusammen, und ward plötzlich sehr bleich. Sylvia aber sprang auf, schlang ihren