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formen zu erdenken, bereits häufig NebertreiVungÄr gezeitigt, doch können solche nicht aufkominen, weil sie wegen mangelhaften Zuges und Brandes der Zigarren gar bald aus dem Sortimente der Reisenden ausscheiden. Weit anders liegt die Sache aber mit den sogenannten Modefarben, welche grau, fahl, ja selbst grün sein sollen, nur nicht braun, was aber die einzig natürliche Farbe eines gut ausgereiften Tabaks ist. Lassen sie die nachfolgenden Zeilen einen Fachmann, der 25 Jahre lang in der Zigarrenbranche tätig ist, offen und ehrlich seine Meinung sagen über diese famosen Modefarben. Wie schon erwähnt, hat der natürlich ausgereifte Tabak eine braune Farbe, in den Nuancen vom Hellen Gelbbraun bis zum dunkelsten Schwarzbraun, wobei auch der Ursprung des Tabaks und die Tabakssorten eine Rolle spielen; diese braunen Farben haben den Borzug guter Bekömm- lichkeit und tadellosen Brandes. Auch sind durch die verschiedenen Färbungen die verschiedenen Qualitäten gegeben, so ist das hellere und mittlere Brann beispielsweise bei Sumatra- und Borueo- tabak eine leichte Qualität, während die dunkelbraunen Tabake durchschnittlich auf mittel bis kräftig schließen lassen. Die unteren Blätter der Tabakstan.de, die sogenannten Sandblätter, welchen $itr völligen Reifung infolge ihres tiefen Standes das Sonnenlicht nicht in genügendem Maße zugänglich ist, behalten eine graue, fahle Farbe, ähnlich wie es bei Fruchten der Fall ist, die zu ties hängen und.dadurch die Sonnenstrahlen entbehren, so daß sie häufig unreif geerntet werden müssen. Naturgemäß existieren an jeder Tabakpflanze nur wenige Sandblätter und diese minimale Kreszenz kann der enorinen Nachfrage nach den grau-fahlen „Modedeckblättern" mir in ganz geringem Maße genügen. Bon den Zigarrenhändlern werden die Zigarren aber mit „Modedeckern" verlangt; wie können solche nun durch die Fabrikanten beschafft werden? Ganz einfach: die Plantagenbesitzer lassen den Blättern, die als Teckmaterial in Betracht kommen, nicht mehr die Zeit, auszureifen, sondern die Blätter werden in halb unreifem Zustande abgepflückt, sind daher oft grünfleckig, und werden dann zu hohen Preisen abgcsetzt, entsprechen sie doch nun der Mode. Dem lieben Publikum, welches heutzutage fast nur noch mit den Augen, anstatt mit der Zunge, raucht, ist sein Wunsch erfüllt; es erhält, weil es die, sagen wir in diesem Falle „Närrin Mode" so erheischt, fahle, matte, ja sogar grünfleckige Zigarren uns ist von dem erreichten Ideal entzückt. Wirft sich nicht unwillkürlich die Frage auf: Ist es denn gesund, Zigarren zu rauchen, die mit unreifen Blättern gedeckt sind? Antwort: Nein, und abermals nein! Das Kunstprodukt der modernen Farben ist nicht allein nicht wvhlbe- kömmlich, sondern die Zigarren haben auch einen schlechteren Geschmack und Brand und — last not least — sind abssolut nickst leichter als eine Zigarre mit hübschem, braunem, gut ausgereiftem Deckblatt, welch letzteres, wie nachgewiesen würbe, weniger Nikotin enthält als das nicht zur Reife gelangte Blatt. Und nun noch die Preisfrage. Daß das „corriger la nature" den Plantagenbe- sitzcru sehr viel Geld einbringt, beweist der fortgesetzte Aufschlag des Rohtabaks. Infolge der übertrieben starken Nachfrage ist das unreife Deckblättermaterial im Preise derartig hoch gestiegen, daß sehr viele Fabrikanten beabsichtigen, ihre Preise zu erhöhen. Die Frankfurter Zigarrenhändler haben, nebenbei bemerkt, gegen einen Preisaufschlag energisch Front gemacht, um, soweit es in ihrer Macht liegt, deni Publikum eine Verteuerung des Rauchgenusses zu ersparen, möge das rauchende Publikum nun auch einsichtsvoll genug sein, dem wohlgemeinten Rate eines erfahrenen Fachmannes Gehör zu schenken und nur wirklich reife Zigarren zu konsumieren! Mögen die einsichtigen und vernünftigen Herren sich von einem Zigarren-Spezialisten, der die Zeiten mitmachte, wo es noch keine „Modefarben" gab und die Zigarren doch auch nicht zu stark waren, wohlmeinend belehren lassen; mögen sie unparteiisch und ohne Borurteil einmal selbst feststellen, daß sie eine hübsche braune, also ausgereifte Zigarre besser vertragen können, und daß diese in der Tat nicht stärker ist als die mit größtem Unrecht bevorzugte grau-fahle Ware. Sie werden und Mussen dann zu deni Schlüsse kommen, nur noch bravnie, reife Zigarren zu rauchen.
VevMkscHtrs.
* Der Kunstgenuß des Kindes. Im Laufe der letzten Jahre ist Vie! geschehen, um dem Kinde die Welt der Schönheit zu erschließen und durch die Schönheit auf das Kind erzieherisch ein- zuwirken. Inwieweit man bei Kindern überhaupt von Kunstverständnis reden kann, ist eilte Frage, die eigentlich an erster Stelle hätte beantwortet werden miissen, aber vorläufig noch der Entscheidung harrt. Allerdings ist der Versuch, ihrer Lösung näher zu kommen, öfters unternommen worden. Man legte zum Beispiel Kinder Bilder vor und forderte sie auf, sich darüber auszu- sprechen, doch kam man auf diese Weise nicht zum Ziele; denn entweder waren die Kinder iit der Art ihrer Beurteilung durch den Schulunterricht beeinflußt, oder sie waren befangen. Neuerdings hat Rudolf Schulze in Leipzig, aoie die Zeitschrift für Kmderforsihung mitteilt, einen neuen Weg eingeschlagen. Er studierte die Ausdrucksbewegungen der Kinder in dem Augenblick, wenn ihnen ein künstlerisches Bild zum ersten Male vvrgel-egt
wurde. Er fixierte die Ausdrucksbewegungen mittels der photographischen Platte und unterzog sie später einer genauen Analyse. Ueber die Methode seiner Untersuchung macht Schulze in der Zeitschrift für Kinderforschung folgende genauere Angaben. Er legte die Photographieen verschiedenen Versuchspersonen vor und forderte sie zunächst auf, anzugeben, ob der Ausdruck der auf der Photographie befindlichen Kinder auf eine einheitliche Stimmung hinweist. Bei fast allen Bildern ließ sich eine solche Ueberein-, stimmung beobachten, so daß es wahrscheinlich war, daß die in den Kindergesichtern wiedergegebene Stimmung derjenigen entsprach, die dem Künstler vvrgeschwebt hatte, als er das Bild! schuf. Um dieser Beobachtung ein größeres Gewicht zu verleihen, bat Schulze die Versuchspersonen, die Stimmung der Kinder zu beschreiben und sich ein Bild auszumalen, das der betreffenden Stimmung entspräche. Wenn dies geschehen war, so zeigte Schulze den Versuchspersonen die zwölf den Kindern vvrgelegten Bilder und ersuchte sie, jedes Bild der Photographie zuzuteilen, die mn meisten die Stimmung des Bildes Wiedergabe. Es erwies sich nun, daß die meisten Bilder sehr schnell eingeordnet wurden, also eine eindeutige Beziehung zu der auf der Photographie ausgedrückten Stimmung hatten. Falsch war die Einordnung bei allen vier Versuchspersonen kein einziges Mal. Alle Photographieen stimmten darin überein, daß sie eine gleichmäßige intensive Aufmerksamkeit zum Ausdruck brachten; also bringen die Kinder den Bildern ein gewisses Interesse entgegen, das die Vorbedingung jeden ästhetischen Genußes ist, aber außerdem macht sich in den verschiedenen Photographieen der Ausdruck sehr mannigf-altigeir Gemütsbewegungen geltend. Für den Ausdruck der Lust und Unlust kommt besonders die Mundmuskulatur in Betracht, diese aber wird von Jugend auf in Zusammenhang mit den Geschmacksreizen geiibt. Daß bei der Betrachtung der Bilder derselbe Ausdruck von süß, sauer und bitter zur Geltung kam wie bei der Anwendung entsprechender Geschmacksreize, ergab die photographische Fixierung der Aitsdrucksbewegungen der Kinder nach dein Genuß von Zucker, Zitrone und Aloe. Es kann nicht bezweifelt werden, daß den Ansdrucksbewegungen der -Kinder beim Betrachten der Bilder lebhafte Gefühle entsprachen. Wie weit es sich nm ein rem! ästhetisches Verhalten der Kinder handelte, muß freilich dahingestellt bleiben. Hier werden weitere Untersuchungen Licht schassen müssen. ____________
Für die Frane».
— Unter uns. Frauen-Gesprache und Bekenntnisse ton Silvia Brand. Mit dem Bilde der Verfasserin. Brosch. 1 Mk. Verlag von Rudolf Kraut, Dresdeii-A. 16. — Ein Büchlein voller Ratschläge für die Frauen, deren innerste Angelegenheiten in realistischer Form geschildert werden. Als Redakteurin während 25 Jahre an Dresdener Blättern hatte die Verfasserin Gelegenheit, mit dem weiblichen Teil aller Gesellschaftskreise in Berührung zu 'körnen und die Schwächen der Frauen zu studieren. Der ehrliche Wille ihren Mitschwesteru helfend beiznstehen, veranlaßte wohl die Verfasserin, ihre Erfahrungen niederzulegen. In zehn Skizzen werden Fälle im Eheleben vorgeftihrt, welche das Glück zu zerstören droheil, wenn nicht die Fran die guten Ratschläge befolgen würde, die die Verfasserin gibt. Die Sprache ist für alle Kreise der Gesellschaft verständlich.
Kunst.
— Geheimrat Wilhelm Bo des R e rn bra u d t w e r k, von dessen Lieferungsausgabe die zwei vorletzten Hefte (16 und 17) vorliegen, zählt seiner ganzen Anlage und seinem Inhalte nach zu den bedeutendsten Erscheinungen über diesen gewaltigen Minus. Der Text und die von innigem Verständnis geleitete Auswahl des Bilderschmuckes stellen „Rembrandt in Wogst mud Bild (RiM Bong, Kunstverlag, BcrUil W. 57, Preis pro Lieferung Mk. 1.50) an die Spitze aller djas-gieiche Thema behandelnden Publikationen, Die Lektüre des Textes bietet feinen: edlen, vornehmen Genuß. Die drei Photogravüren, die jeder Lieferung beigegeben sind, wie hier die „Kreuzabnahme" (St. Petersburg) — „»athseba tm Bade" (Paris) — „Predigt Johannes des Täufers" (Berlin) „Jacobs Segen" (Cassel) usw., sind meisterlich. Das für diese Kupferdrucke angeivandte „Rembraudwerfahren" sichert durch seine vollendete Technik eine getreue Wiedergabe der Gemälde Rembrandts. Eine große Anzahl von Textillustrationen nach Zeichnungen und Radierungen geben charakteristische Proben höchster Rembrandtscher Kunst und verleihen dem Werke dadurch noch cuteit besonderen Wert.
HvMouyM.
(Nachdruck verboten.)
Als Farbstoff bin ich wohlbekannt, Doch auch als Fluß werd' ich geimttnt.
Auslösung in nächster Nnmmer.
Auflösung der Charade in voriger Nummer: Porzellantnrm.
Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch» und Stetndruckerei, R» Lange,


