Ausgabe 
25.2.1907
 
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#ete Fenster auch ftt das Zimmer, in dem Hanna Gerhardt ans spitzenüberrieselten Kissen richte. Vielleicht, daß chre Ohren doch die wohlbekannten Töne noch anfnahmen sie wurde plötzlich unruhig und warf den Kopf hin und her. Die barmherzige Schwester, welche »eben dem Bett saß, neigte sich über sie und befühlte ihr Handgelenk. Ihre steife Haube raschelte leise. In einer Zimmerecke brütete der Landrat dumpf vor sich hin. Der Arzt war gegangen, sich eine Morphiumlösung zu verschaffen, falls die Kranke, welche eine schwere innere Zerreißung er­litten, arge Schmerzen haben sollte, was aber nicht anzunehmen war. Menschlichem Ermessen nach war die tiefe Bewußtlosig­keit ein langsamer Uebergang in eine noch tiefere, ans der es kein Erwachen mehr gibt.

Der letzte Ton des Abendgebets war verhallt. Aus der Tiefe des Gartens führte die Nachtluft süßen feinen Resedaduft in das dämmerige Krankenzimmer. Es blitzte und donnerte jetzt seltener. Hastig und unaufhaltsam tickte die kleine kostbare Uhr auf dem Nachttisch. Sie übertönte die immer schwächer werdenden Atem­züge der jungen Frau. Sie lag jetzt ganz ruhig, im unsicheren Licht der Nachtlampe anzusehen wie ein wunderschönes Marmor­bild. Die rotgoldenen Haarwellen umrahmten dunkel ihr blasses Gesicht, verdeckten die schmale weiße Binde über der Stirn und fiele» über die schneeigen Kissen bis zunr Fußboden nieder. An der schlaff über den Bettrand hängenden Rechten blinkte der Trauring.

Der Arzt war längst wieder eingetreten, hatte flüsternd ein paar Worte mit dem vor Schmerz halb wahnsinnigen Landrat gewechselt, worauf dieser den Platz der Schwester einnahm, die sich neben dem Arzt am Fußende des Bettes niederließ. So durch­wachten sie schweigend die lange Nacht. Als fahl und blei- .färben der erste Schein des neuen Tages durch die Fenster däm- plerte, starb Hanna Gerhardt.

iX.

Das Begräbnis der jungen, allseitig beliebten Landrätin gestaltete sich zu einer wahrhaft imposanten Kundgebung. Die ganze Stadt trauerte tief und aufrichtig. Die Kaufleute hatten in den Straßen, die der unabsehbare Leichenzug auf dem Weg zur Kirche und zum Friedhof.passierte, ihre Läden geschlossen. Alle drei Regimenter hatten ihre Musikkapellen gesandt, die abwech­selnd Trauermärsche spielten.

Hinter dem Leichenwagen mit dem unter Kränzen verschwin­denden Sarge schritt der völlig gebrochene Landrat, von Ernst Kronau geführt. Adele fuhr mit Marga von Tressenberg und der alten Frau von Poseck, die cs sich trotz ihrer Hinfälligkeit nicht hatte nehmen lasten, ihrem Liebling das letzte Geleit zu geben. s

Warum hat Gott mich nicht sterben lassen statt ihrer? Ich ginge so gern zu meinem Walter!" wiederholte sie in hundert Variationen, ohne sich recht bewußt zu sein, daß ihr die Schwester des Mannes gegenübersaß, der ihr den einzigen getötet. Wie Dolchspitzen drangen ihre Worte in Margas wundes Herz, zweifache Qual darin weckend. Das war nun seine Mutter und sie konnte ihr nicht nm den Hals fallen und sagen:

Wie ich mit dir traure und weine, Mütterchen, denn dein Walter hat mich lieb gehabt und ich liebte ihn wieder".

Sie blieb wie versteinert. Sie saß in der Kirche und konnte nicht beten. Der ergreifende Gesang des Liedervereins:Ruhe sanft, schlaf wohl!" bei den: ein lautes Schluchzen durch die Kirche ging und selbst die weißbekleideten Hände der Offiziere ver­stohlen nach den Augen fuhren, ging eindruckslos an ihr vorüber. Sie merkte auch gar nicht, daß auf dem Kirchhof Joachim ihren Arm nahm, um sie bis zu der Gruft zu führen, in der Hannas sterbliche Hülle beigesetzt werden sollte, bis der Landrat ihr eine würdige Ruhestätte erbaut haben würde.

Als Joachim so dastand und in die modrig riechende kalte Tiefe schaute, die fortan sein Glück bergen würde, überfiel ihn eine physstche Uebelkeit und leichenblaß zog er sich in die Reihen seiner Kameraden zurück. Rote Flecken tanzten vor seinen Augen. Er hielt sich mit Mühe auf den Füßen, Undeutlich sah er ein großes Etwas von verschwommenen Gestalten gehalten über der offenen Gruft schweben, sah ein Chaos von Grün, toeißen Blüten, schwankenden Palmzweigen und flatternden Bändern, das sich langsam senkte verschwand.

Ein Aufschrei zitterte durch die Kirchhofsstille. ,

Er kam aus Margas Munde. Das Mädchen machte eine Bewegung nach vorn, als wolle sie deut entschwundenen Sarge Nachstürzen, dann taumelte sie zur Seite und wäre auf die Erde gesunken, hätte der Rittmeister sie nicht stützend umfangen. Mit sanft ; Gewalt führte er die halb Ohnmächtige durch die Men- scheniuiilge, die sich scheu vor ihnen auftat. Joachim schenkte her Schwester fmim einen Blick, ganz flüchtig dachte er an die

Neigung des älteren Mannes zu Margit, tarn der Hamm ihm einst gesprochen und an die Konsequenzen, die dieses Zusammen­treffen nach sich ziehen konnte, aber im Moment hätte keine Macht der Erde ihn von dem Plage entfernen können, an der die so heiß geliebte Frau soeben hinabgesenkt worden war. Ihm schiens, als sei sie ihm noch körperlich nahe, so lange die steinerne Gruft- platte! sich noch nicht über ihrem Sarge geschlossen hatte.

(Fortsetzung folgt.)

Aas Medizinstudium der Ira«.

Bei dem tiefgehenden Interesse, das die Entwicklung deS Frauenstudiums in weiten Kreisen findet, und gleichzeitig zur Information für die weiblichen Medizinstudierenden hat Professor I. Schwalbe es unternommen, den augenblicklichen Stand der Zulassungsfrage an den einzelnen deutschen Universitäten durch eine Umfrage klarzustellen.

In Preußen werde» die Frauen im allgemeinen nur als Hospitantinnen zum Studium zugelassen, also nicht immatrikuliert. Mit Bezug tauf die Erlaubnis zur Teilnahme an Vorlesungen, Kursen usw. verhalten sich die medizinischen Fakultäten der »leisten preußischen Universitäten zurzeit grundsätzlich entgegenkommend, insofern als sämtliche Lehrer den Frauen ohne weiteres Gesuch den Zutritt zu ihren Vorlesungen xestatten. Ausnahmen werden nur in Kölligsberg gemacht, wo die anatomischen Vorlesullgeir für männliche und weibliche Zuhörer getrennt stattzufinden haben, in Kiel, wo das Fach de>r Frauenkrankheiten den Studentinnen ganz versagt ist, in Halle, wo die Zulassung von der Erlaubnis der einzelnen Lehrer abhängt die allerdings regelmäßig er­teilt wird, und in Göttingen, wo nur die Vorlesungen bis zum Physikum, der ärztlichen Vorprüfung, frei gegeben sind. I» Berlin verhalten sich verschiedene Dozenten gänzlich ablehnend, u. a. Professor v. Bergmann (Chirurgie), Orth (Pathologische Anatomie), Professor Waldeyer (Anatomie) re. Zugelassen werden die Frauen nur nach Einholung einer schriftlichen Erlaubnis von zahlreichen Professoren und Privatdozenten, welche die verschiedensten Fächer vertreten. Darunter befindet sich auch dir Z>ahnheilkunde und Frauenheilkunde.

In Bayern welchen die Frauen a» den Universitäten in München, Würzburg und Erlangen immatrikuliert und haben alle Rechte der immatrikulierten männlichen Studenten. Als Höre­rinnen werden reichsangehörige Frauen zum Studium der Medizin und der Zahnheilkunde nicht mehr zugelasseu; wenn also die für die Immatrikulation verlangte bekannte Vorbildung fehlt, können reichsangehörige Frauen an den bayerischen Universitäten Medizin überhaupt nicht studieren. Auslärrdische Frauen werden zum Studium in der medizinischen Fakultät als Hörerinnen zuge­lassen, wenn sie nach dem Ermessen des Rektorats und des Mini­steriums ein dem deutschen Gymnasial-Absolutorium gleichlvertiges Reifezeugnis besitzen; die Dozenten pflegen dan» prinzipiell die Zustimmung zum Vorlesungsbesuch zu erteilen. In Sachsen liegen die Bestimmungen ähnlich wie in Bayern, ebenso in Würt­temberg. Baden gestattet gleichfalls die Immatrikulation. In R o st o ck werden die Frauen nur als Hörerinnen zugelassen. Eine besondere Erlaubnis verlangen die Dozenten nicht. In Gießen dürfen die Frauen nur als Hospitantinnen studieren; doch sind ihnen hier Anatomie und Physiologie versagt. Jena schließt die Frauen allenthalben aus, und die reichs-ländische Alma matev Straßburg hat die gleichen Bestimmungen wie Preußen. Die Universitätslehrer lassen die Frauen dort ohne weiteres an den Vorlesungen teilnehmen.

Wie aus der vorstehenden Uebersicht hervorgeht,. haben drÄ Frauen in ihrem Bestreben, sich das Recht zum Medizinstudiunt auf den deutschen Universitäten zu erwerben, schon einen großen Erfolg zu überzeichnen. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, datz ihnen auch in denjenigen Staaten, in denen sie vorläufig nur als Hospitantinnen der Medizin geduldet werden, die Befugnis zur Immatrikulation gewährt wird. Die Zahl der Frauen, die bis­her von ihrem Recht Gebrauch gemacht haben, ist nicht groß, die einst gehegte Befürchtung durch Aerzte, daß ihnen seitens der Frauen eine wesentliche Konkurrenz erwachsen könnte, hat sich bisher nicht verwirklicht nnd wird auch wohl noch geraume Zeit gegen­standslos bleiben. Nach den von den UniversitätssekretariateN gemachten Angaben find mt sämtlichen deutschen Universitäten im Wintersemester 1906-7 300 weibliche Medizinstudierende ein­geschrieben, und zwar in Berlin 95, Bonn 4, Breslau 13, Er­langen 1, Freiburg 27, Gießen 2, Göttingen 11, Greifswald 1, Halle 10, Heidelberg 25, Königsbeitz 10, Leipzig 12, Marburg 7, Mirnchen 43, Straßburg 31, Tübingen 2, Würzburg 6. Von den gesamten Medizinstudierenden der deutschen Universitäten im Wni- tersemester 1906-7, 7219, bilven also die weiblichen einen Bruchteil von rund 4 v. H. Zieht man dabei in Erwägung, daß unter ihnen eine nicht geringe Zahl Ausländerinnen sich befindet, die in Deutschland nicht bleiben, so ist ein nennenswerter Zuwac!^ zu den etwa 50 in Deutschland approbierter praktizierenden Aerz- tinnen einstweilen nicht zu erwarten.PrinzipieU sink/' 1® schreibt Professor Schwalbedie Gegner des FrauenstudnmiÄ mehr und mehr znrückgegangen. Das Bedürfnis und die ist» rechtignng mancher Frauen zu einer beruflichen Betätigung kann nicht geleugnet ioerdeu. Die Frage, wie weit dir studierendes