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1907 - M. 31
Montag den 25. Aeßruar
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Menschenleöen, die lügen.
Roman von H. Ehrhardt, Veriasserin von „Mittellose Mädchen'
Nachdruck Verbote«.
(Fortsetzung.)
-„Fühlst du Schmerzen, mein Lieb? Nein? Es wird nichts sein, du wirst nur erschrocken sein. Der Arzt wird wohl gleich kommen. Hanna! Süßes! nicht wahr, du fühlst dich nicht schlecht?"
Er redete in heißer Angst ans sie ein, dabei bemüht, mit einem groben Hmrdtuch das rieselnde Blut an der Schläfe zu stillen.
Hanna sah ihn an, ein eigentümlich mitleidig-zärtlicher Blick.
„Ich fühle das Ende!" sagte sie angestrengt, „es ist auch gut so, ich hab' mir's gewünscht, es mußte so komme« Zu was noch weiter leben, wenn du fortgehst, zu was dann noch das ewige Lügen?"
„Hanna! Du machst mich rasend, du darfst nicht von Sterben reden. Ich will ja bleiben, wenn du es willst." Sie lächelte, ihr altes, zärtliches bestrickendes Lächeln.
„Küsse mich, ehe die Frau wieder kommt!" gebot sie. Er neigte sich zu ihr. Ihre blassen Lippen sogen sich fest an seinem heißen zuckenden Munde. Dann sank sie erschöpft zurück. Ihre Züge waren fahl, ihre verschleierten Augen blau umschattet.
„Ich habe dich über alles geliebt —. Joachim, du weißt nicht wie sehr", flüsterte sie, „alles andere war Lüge, Lüge — mein ganzes Leben eine einzige Lüge".
Sie atmete rasch und schnell. „Schwöre mir!" fuhr sie angstvoll fort, „daß du leben willst — ich kenne dich, ich weiß, du wirst dich töte« wollen — tu's nicht, bringe nicht Schande über mein Grab. Schwöre mir's." Joachim biß die Lippen zusammen.
„Ich kann nicht!" stöhnte er.
„Schwöre!" gebot sie feierlich, „rasch!'
Ihr flehender Blick hatte die alte Macht über ihn.
„Ich schwöre!" sagte er heiser. D ann warf er sich ln keiden- schaftlichem Schmerz neben ihr nieder.
„Geh' nicht!" schrie er auf. „Hanna, Liebste — du mein einziges Glück."
Ein seliges triumphierendes Leuchten breitete sich über ihr schönes Gesicht.
„Dein Glück!" — wiederholte sie.
Es waren ihre letzten Worte.
Dann lüntfing sie erneut tiefe Bewustlosigkeit.
Als wenige Minuten später der Landrat mit dem alten Sanitätsrat Reimann angefahren kam, stand der Freiherr von Tressenberg starren Antlitzes vor der Tür des Bauernhauses und neigte das Haupt vor dem Manne, dem er sein teuerstes Gut nicht hatte schützen können. Der Landrat vernrochte ihn nicht anzusehen, er stürzte an ihm vorüber in die Stube hinein, deren Tür der diensteiftige Bauer rasch öffnete, der alte Arzt folgte ihm. Jo-
Franz, der vom Waldrande drüben die beiden Reitpferds geholt hatte, hielt sich laut schluchzend im Hintergründe. Nun fuhr in raschem Trabe ein Krankenwagen heran, dem eine barmherzige Schwester und ein Wärter entstiegen.
Zu gleicher Zeit traten die beiden Herren über die Schwelle. Der Landrat ging gebückt wie ein alter Mann. Als er die zierliche Rappstutc bemerkte, deckte er die Hand über die Augen, „Fahren Sie mit mir, Baron!" winkte er dem jungen Osfi- zier. „Franz mag die Pferde nach Hause bringen."
Tressenberg kam, sich ftmrnn verneigend, heran. Der Landrat stützte sich, nach Halt suchend, auf seinen Arni, da man die leblose Gestalt seiner Frau an ihnen vorüber in den Krankenwagen trug. Der Arzt stieg zu chr ein. Langsam fuhren sie davon.
Die beiden Herren folgten, sie bald überholend. Es galt ja rasch in die Stadt zurückzukehren, um in der Wohnung alle nötigen Vorkehrungen für die Ankunft der Schwerverletzten zu treffen.
Tressenberg saß da wie vernichtet und starrte durch das Fenster des eleganten kleinen Coupes. Es war dasselbe, in dem er damals mit Hanna gefahren, als sie von Hartptmann von Posecks Sterbebette kam. Ein heimlicl)er, sinnverwirrender Geruch von white rose, Hannas Parfüm, webte durch den engen Raum. Aufreizend eintönig klang das Rollen der Räder. Im Westen sank die Sonne wie ein feuriger, strahlender Ball, von goldenem Dunst umgeben.
„Erzählen Sie, wie es kam!" brach der Landrat das dumpf lastende Schweigen. Und Joachim erzählte, was er erzählen durfte.
Als er seinen kurzen Bericht geschlossen, stürzten dem unglücklichen Gatten die Hellen Tränen über die bräunlichen Wangen. Seine zuckenden Lippen vermochten kein Wort zu sprechen. Es blieb still zwischen ihnen, bis der Wagen vor dem Ständehause hielt. Ein fester Druck vereinte die Hände der beiden Männer. Joachim dachte einen Moment daran, daß er den ganz gebrochenen Landrat vielleicht nicht verlassen dürfte, bis die Verunglückte augelangt war, aber er war nicht imstande, sich länger aufrecht zu halten. Er war froh, daß er nun nach Hause fahren konnte. Wie ein Verzweifelnder wühlte er den Kopf in die duftenden Seidenpolstcr und weinte laut auf.
In seinem Zimmer schloß er sich ein und ging dort die ganze Nacht ruhelos auf und ab ohne einen Bissen genossen zu haben, wie er zurückgekommen war, in der bestaubten Uniform mit den schrecklichen dunklen Flecken am linken Aermel seines Attilas.
Draußen leuchteten die Sterne auf, enter nach dein anderen. Die unnatürliche Wärme des Herbsttages drängte durch die Nacht Nur wenig abgekühlt nach oben und führte den modrigen Hauch welkender Blumen mit sich. Eine dumpfe, beklemmende Ruhe lag in dem Atem dieser Nacht. Am Rande des dunkel umzogenen Horizont zuckten die gelben Blitze eines Herbstgewitters. Es donnerte ganz leise. In der Kaserne des Hufaren- Regiments bliesen die Trompeter die abendliche Reveille. Die feierlichen Klänge drangen durch das weit geöff-
«chim
blieb mit dem bäuerlichen.Ehepaar draußen vor der Tür. getragene«


