Ausgabe 
25.1.1907
 
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ft stark genug sein muß, ein solches Gefühl zu überwinden, bei der Frau erst recht nicht, weil gerade sie jo empfänglich «ft für äußere Eindrücke und schnell vergißt. Verrennt sie sich wirklich in so eine Geichichte, dann, glaube ich bestimmt, ist zuletzt mehr der Eigensinn im Spiel und auch die Scheu, mal lächeln z>! müssen über so eine .große Siebe', der sie ganz unnütz Tränen und durchwachte Nächte geopfert. Sagen Eie selbst, gnädige Frau, sprechen bei so einer Liebe nicht lueift äußere Umstände mit, Stellung, Reichtum, die Sucht Nach einem interessanten Roman, der Wunsch nach einer an­genehmen Zerstreuung oder irgendwelche andere Berechnung? Ich behaupte, es gibt keine echte Liebe.

Er wußte kaum, daß er sehr erregt sprach und daß er damit gerade verriet, was er gerne verbergen wollte: seine krankhafte Sehnsucht nach Liebe.

Tie junge Frau fühlte ihr Herz stürmisch klopfen, un­klar, erschauernd überkam sie die Furcht vor einer Macht, der auch ihr leichtsinniges, berechnendes Herz einst unter­liegen könnte. Aber die Lockung, den Mann vor ihr unrett­bar in den Zauber ihrer Schönheit und Anmut zu ver­stricken, war stärker als dieses unbewußte Bangen.

Sie lächelte und bog den golvhaarigen Kopf leicht zu­rück. Dann sagte sie mit geheimnisvoll leuchtenden Märchen- tiugen und etwas bezwingend Süßes lag in ihrer halb­lauten Stimme:

Sie armer Mensch, daß Sie nicht an Liebe glauben, nicht wenigstens davon träumen. Ich tue das erstere und tat das letztere. Tie Liebe, von der ich träumte, hatte stets etwas unsäglich Berauschendes und unsagbar Tragisches, sie war mehr ein Verhängnis denn ein Glück; aber doch ein schönes, großes, wunderbares Verhängnis, dessen Freuden und Schmerzen weit hinaus gingen über eine Alltagsliebe. Die Liebe, die mir begehrenswert dünkt, sollte Poesie und dämonische Leidenschaft vereinen, sie sollte so unendlich, so tief und mächtig sein, daß ich hätte hungern können für den Mann meiner Liebe, sterben mit einem Lächeln auf den Lippen für sein Glück."

Sie brach ab, ihrem Gesicht den Ansdrlick kindlicher Ruhe wiedergebend.

Das waren natürlich Backfischträume!" lächelte sie harmlos. Aus dem Nebenzimmer nahten gedämpfte Schritte.

Hanna sprang hastlg auf und ging ihrem Manne ent­gegen, der soeben, von Regierungsassessor Otto gefolgt, unter die Portiere trat. Letzterer arbeitete im Landratsamte und war täglicher Gast im Hause des jungen Paares.

Auch heute blieb er zu Tisch da, während Tressenberg sich nach ein paar mechanisch hervorgebrachten Redensarten einpfahl, um der Einladung zum Oberstabsarzt zu folgen.

X.

Er lvar wie betäubt, als er langsam durch den dunklen Märzabend seinem Ziele zuschritt. Das Wetter war um- geschlagen, es begann zu tauen. Ringsum flüsterte, zischelte, raschelte es in dem grau gewordenen Schnee unb kleine Bäch­lein sickerten bereits über das Trottoir, während die von den Bäumen fallenden Tropfen runde Löcher in die zusammen­sinkenden Schneemassen bohrten. Ein lauer, aufreizender Frühlingswind schmeichelte sich um das Antlitz des Freiherrn. Und dieser Wind wehte durch das Flüstern unb Rannen der aufgeregten Erde den Klang einer bestrickend süßen Frauen­stimme :

Die Liebe sollte mehr ein Verhängnis fein, denn ein Glück, aber ein schönes, großes, wunderbares Verhängnis."

Er hörte es so deutlich, er sah alles noch einmal vor sich, die glutrote Beleuchtung des üppigen Gemachs, die so sinnverwirrend Hannas Gestalt umströmte, das weiße Gesicht, die faszinierenden Märchenaugen, den weichen Mund mit dem verheißungsvollen Lächeln, die flimmernde Fülle des krausen Haares.

Er hatte bis jetzt nur ihre Schönheit bewundert, seine Kraft an ihrer kindlichen Unbefangenheit gestählt. Heute hatte sie ihm zum ersten Male das Weib in sich gezeigt und als solches riß sie seine Standhaftigkeit nieder. Er wußte nun, daß er sie liebte.

Er wurde rasend bei dieser Entdeckung.

Eine anklagende Wut gegen das Schicksal verbitterte sein Gemüt. Alles, wonach er bis jetzt verlangend die Hand aus- gestreckt, ivar ihm unerreichbar gewesen. Alle Enttäuschungen seines jungen Lebens drängten sich mit lastender Wucht in sein gequältes Innere. Sein verfehlter Beruf, in dem er sich mit gebrochenen Flügeln weiterschlcppte, die fehlgeschlagene Hoffnung auf dieLenka", der unverständliche, jähe Bruch mit dem Mädchen, das ihm sicher eine treue, zärtliche Gattin geworden, das tragische Ende der jungen Schauspielerin.

Immer hatte die launische Glücksgöttin ihn als ihr Stief­kind behandelt. Den schwersten Kampf hatte sie ihm wohl für zuletzt aufgespart.

Alles, was gut und edel in ihm Ivar, seine makellos gehaltene Ehre lehnte sich auf gegen das leidenschaftliche Gefühl, das ihn tückisch aus dem Hinterhalt überfallen hatte. Aber es sollte ihn nicht wehrlos finden. Tagelang mied er die gefährliche Nähe der schönen Frau, dann, als er wieder vor ihr erschien, hätte niemarid von seinem blassen, kühlen Gesicht ablesen können, daß alle Qualen der Liebe, der Entsagung und der wütendsten Eifersucht in nrordender Gier sein Herz zerfleischten.

Niemand ahnte, was er litt. Er ivar noch hochmütiger geworden, noch kälter in der letzten Zeit. Die Kameraden mieden ihn fast er hatte keinen einzigen Freund, keine Menschenseele, der er sein aufreibendes Kämpfen hätte offenbaren können.

Er schrieb an seinen Bruder. Er sprach sich nicht gerade aus, aber durch den ganzen Brief zog sich >vie ein roter Faden die Misere feines einfamen Lebens.

Tietz als Kenner witterte, sofort la femme dahinter. In seiner derben, fast rohen Art schrieb er an Joachim, er solle um Gottes ivillen die Weiber nicht ernst nehmen, hinter der unschuldigsten Larve verberge sich Leichtfertigkeit rrnd List, je toller er es mit den süßen Mädels oder Frauen treibe, desto mehr Erfolge und Äpaß werde er dabei haben. Zum Schluß frug er an, ob Joachim nicht einen Wechsel auf 3000 Mark mitunterhauen" wolle, er fei höllisch in der Klemme und derAlte" zugeknöpfter als je.

Joachim warf den Brief wie ein ekles Reptil beiseite. Er und noch Wechselverbindlichkeiten! Mit den kleinen sich stetig mehrerrden Rechnungen stieg ihm schon das Wasser bis an den Hals. Es waren arme Handwerker, denen er das Geld schuldete und die vorläufig noch nicht wagten, den stolzen Freiherrn zu mahnen. Er schämte sich vor den fleißigen, ehrlichen Leuten. Und manchmal kam er sich geradezu erbärmlich vor.

... Er empfand, daß auch feine sittliche Kraft in dieser steten Misere erlahmte. Sehr müde war er geworden. Die wissenschaftlichen Bücher, die er sich zuweilen noch hatte kommen lassen und über denen er im Geiste seinem einst erträumten Ziele zuzustreben pflegte, hatte er beim Buch­händler endgültig abbestellt. Die letzten lagen noch uu- aufgeschnitten, verstaubt auf feinem Schreibtisch. So sah sie der alte Direktor, welcher, seinem Interesse für den ehemaligen hochbegabten Schüler folgend, den jungen Offi- zrer auf der Durchreise in St. auf gesucht hatte. Unb von den verstaubten Broschüren über Kunst und Wissenschaft des 20. Jahrhunderts wanderte sein gütiger Blick zu dem ernsten, blassen Antlitz seines Lieblingsschülers und er sagte traurig:

Ich habe mich getauscht in Ihnen, Joachim Sie nehmen's mir doch nicht übel, daß ich Sie noch so nenne. Sie sind mir doch ans Herz gewachsen wie ein eigener Sohn ich habe Sie für mutiger gehalten/ dachte, Sie würden weiter streben auch in dem Beruf, den man Ihnen aufgezwungen, aber was ich von Ihnen fyöre, widerspricht dem. Der Buchhändler, den ich anwies. Ihnen das neueste Werk von Hesse-Wartegg zu senden ich weiß. Sie inter­essierten sich stets für seine Reiseb eschreibungen weigerte sich, weil Sie jede derartige Zusendung aufs bestimmteste untersagt hätten."

Joachim stand aufrecht vor ihm, aber in seinem Gesicht lag ein Ausdruck verzweifelnder Beschämung und seine Mundwinkel waren herabgezogen, als ob sie die ganze Berachtung ausdrücken sollten, die er für sich selbst empfand.

Ter Mann hat Recht", erwiderte er nun herb,zu was soll mir die viele geistige Nahrung? In den Stunden, da ich sie entbehren mußte, war ich ärmer als vorher, und wenn ich jetzt müde vom Reiten ober halb apathisch, von der geistlosen Rekrukeudrillerei nach Haufe komme, werfe